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Wat e Johr (2): Suspekter Aufstieg und neue Euphorie

Ein extrem ereignisreiches Jahr liegt hinter dem 1. FC Köln. Der zweite Teil unseres Rückblicks beleuchtet die Monate April bis Juni, inklusive eines merkwürdigen Aufstiegs, einer unkonventionellen Trainerentlassung und aufkeimender Euphorie nach Saisonschluss.

Foto: Thomas Eisenhuth/Bongarts/Getty Images

In den Monaten April und Mai spielen sich im Fußball die wahren Dramen ab. In den entscheidenden Saisonspielen kristallisiert sich heraus, ob die Saison zur Tragödie verkommt, ein seichtes Happy End nimmt oder zur großen Party einlädt. Für gewöhnlich sorgt das blanke sportliche Resultat letztlich für den Ausschlag in eine der Richtungen.

Rund um den 1. FC Köln gelten diesbezüglich bekanntermaßen andere Gesetze und so ähnelte die Gefühlswelt rund um den effzeh dem unbeständigen Frühlingswetter dieser Monate. Obwohl der direkte Wiederaufstieg schon relativ schnell mehr oder weniger feststand, entwickelte sich nie so etwas wie Euphorie oder ungezügelte Freude rund ums Geißbockheim. Viel zu große Defizite offenbarte die Mannschaft auf dem Rasen, viel zu präsent war die Unruhe innerhalb der Führungsebene, welche durch den Rücktritt von Werner Spinner ihre vorläufigen Gipfel gefunden hatte.

Schlechte Laune trotz Quasi-Aufstieg

Dabei startete die Mannschaft von Markus Anfang ergebnistechnisch durchaus stark in die finale Phase der Saison. Nach einem souveränen 2:0-Sieg beim bis dato starken 1. FC Heidenheim thronten die „Geißböcke“ sechs Spieltage vor Schluss mit zehn Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze der 2. Liga. Weil sich die Konkurrenz in dieser Phase gleichzeitig äußerst wankelmütig präsentierte, war die Rückkehr ins Oberhaus eigentlich so gut wie besiegelt. Der auch rechnerisch perfekte Aufstieg schien nur eine Frage der Zeit.

Diese vermeintliche Sicherheit wurde dem Top-Favoriten aber zum Verhängnis. Die Elf von Markus Anfang hatte, so war jedenfalls der allgemeine Eindruck auf den Rängen, schon die gesamte Saison über nicht viel mehr getan als nötig und fuhr die meisten Siege vor allem aufgrund der ganz offensichtlich größeren individuellen Klasse ein.

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Dieses Konglomerat aus dem bis zum Schluss eher unnahbaren Markus Anfang an der Seitenlinie mitsamt seiner Kieler Spezis im Kader sowie einer Reihe alter Recken, welche sich für den blamabelsten Abstieg der Vereinsgeschichte verantwortlich gezeichnet hatte, war mit dem eigenen Anhang nie wirklich warm geworden. Und so schwang die Stimmung schnell um, als neben dem sowieso nur selten zu erkennenden, unbedingten Siegeswillen auf dem Feld plötzlich auch die Resultate ausblieben.

Pfiffe beim 1:1 gegen den Hamburger SV

Zunächst gab der Spitzenreiter im Nachholspiel beim Tabellenschlusslicht MSV Duisburg eine 4:2-Führung aus der Hand. Beim 4:4 im Ruhrpott wurden die eklatanten Schwächen in der Defensive einmal mehr offenkundig. Trotz des weiterhin großen Vorsprungs in der Tabelle bedeutete das Remis einen weiteren Dämpfer für die Stimmung.

Fünf Tage später, als der effzeh im Spitzenspiel den Tabellenzweiten aus Hamburg empfing, sollte Fußball-Deutschland ungläubig in Richtung der Domstadt blicken. Obwohl die „Geißböcke“ durch ein 1:1 gegen den HSV den 10-Punkte-Vorsprung auf den dritten Platz wahrten und den Ausgleichstreffer auch erst kurz vor Schluss kassierten, wurde die Leistung der Anfang-Elf vom Publikum mit einem gellenden Pfeifkonzert quittiert.

Juhu! Pure Freude nach dem Aufstieg | Foto: Juergen Schwarz/Bongarts/Getty Images

Außenstehende rieben sich verwundert die Augen. War der sonst so treue und fußballerisch anspruchslose kölsche Anhang zum Operetten-Publikum verkommen, welches das eigene Team trotz starker Ergebnisse aufgrund einer schwachen Halbzeit auspfiff? Auch Neuzugang Rafael Czichos schien verwundert und meinte im Anschluss: „Wahnsinn! Ich hatte das Gefühl, wir wären Fünfter und sieben Punkte hinter dem Dritten.“

Hinter diesen Pfiffen steckte letztlich mehr als der Unmut über eine unnötig passive zweite Hälfte der Gastgeber. Es entlud sich der Frust über die angespannte Atmosphäre im Umfeld, den noch immer nicht verdauten Katastrophenabstieg sowie die weiterhin nicht aufkommende Bindung zur Mannschaft und deren Unverständnis darüber, dass die Fans die eigenen Erfolge nicht bedingungslos abfeierten.

Tabellenführer entlässt Trainer Anfang

Die Szenen nach dem Spitzenspiel läuteten eine kritische Schlussphase der Saison 2018/19 ein, die Markus Anfang relativ bald den Job kosten sollte. Auf das Unentschieden gegen den HSV folgte eine völlig peinliche 0:3-Niederlage in Dresden. Statt den Aufstieg gegen die abstiegsbedrohten Sachsen, die im Hinspiel noch mit 8:1 aus dem Müngersdorfer Stadion geschossen wurden, zu feiern, blamierte sich die Anfang-Elf bis auf die Knochen.

Schon zu diesem Zeitpunkt wackelte Anfangs Stuhl bedenklich, obwohl der Vorsprung des Tabellenführers weiterhin komfortabel war. Eine Woche besiegelte die 1:2-Heimpleite gegen den SV Darmstadt 98 die Entlassung des Aufstiegstrainers.

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Bei noch drei ausstehenden Spielen war der Vorsprung auf die Nicht-Aufstiegsplätze auf sechs Zähler geschmolzen, sodass sich Armin Veh zum auf den ersten Blick unkonventionellen Schritt genötigt sah, den Trainer herauszuschmeißen, der den effzeh an die Zweitliga-Spitze geführt und dort über weite Teile der Saison gehalten hatte. In Köln selbst stieß die Entlassung größtenteils auf Verständnis, auch wenn Anfang selbst letztlich nicht der Alleinschuldige an einer insgesamt unbefriedigenden Situation war.

Routinierter Platzsturm als Aufstiegsfeier

Unter Interimstrainer André Pawlak machte der effzeh im kommenden Spiel durch einen souveränen 4:0-Sieg bei Greuther Fürth schließlich den längst überfälligen Aufstieg perfekt. Dieser wurde eine Woche später im Müngersdorfer Stadion, trotz einer weiteren Harakiri-Performance und der damit einhergehenden 3:5-Pleite gegen Jahn Regensburg, auf dem Rasen gefeiert.

Auch die Aufstiegsparty verkam zu einem leicht suspekten Spektakel. Unmittelbar nach dem Abpfiff stürmten die Fans im Stadion den Rasen. Während der Platzsturm zwei Jahre zuvor angesichts der Europa-League-Qualifikation in völliger Ekstase entstanden war, liefen die Menschenmassen nun beinahe routiniert über den Rasen – als gehöre es eben fernab von Euphorie zum Aufstieg dazu.

Beierlorzer: Ein letztes Mal als Regensburger in Köln | Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Das abschließende 1:1 im völlig bedeutungslosen Duell beim FC Magdeburg, wo es im Stadion zu Ausschreitungen zwischen Fans beider Lager kam, machte den Deckel auf eine merkwürdige Aufstiegssaison. Anschließend waren wohl alle froh, dass diese Spielzeit irgendwie doch noch glimpflich abgelaufen war und nun endlich ihr Ende gefunden hatte. Passend dazu zog Ersatzkeeper Thomas Kessler das Fazit: „Es war ein total anstrengendes Jahr, vor allem für den Kopf. Man merkt auch im Umfeld, dass alle sich darauf freuen, dass es nächstes Jahr wieder Richtung Bundesliga geht.“

Beierlorzer kommt – Tünn und Ritterbach gehen

Während sich die Spieler in den Urlaub verabschiedeten, entstand in den Wochen nach Saisonabschluss ganz langsam jenes Gefühl, welches innerhalb der Spielzeit noch so vermisst wurde: ein Hauch von Euphorie. Wie das einst von Christoph Daum so anschaulich dargestellte Samenkorn, welches man immer wieder gießen muss, baute sich jenes gute Gefühl Stück für Stück ein bisschen weiter auf.

Die Jugendmannschaften der U19 und U17 feierten großartige Erfolge. Zunächst holten sich die A-Junioren den Pokalsieg nach knapp verpasster Meisterschaft, ehe die B-Jugend um einen gewissen Jan Thielmann kurze Zeit später durch einen 3:2-Sieg gegen Borussia Dortmund Deutscher U-17-Meister wurde.

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Unterdessen wurde schon kurz nach Ende der Saison mit Achim Beierlorzer ein neuer Trainer vorgestellt, der durchaus umworben war. Mit Jahn Regensburg hatte der Übungsleiter dem FC zweimal das Leben schwer gemacht und galt nicht nur deswegen als bereit für die Bundesliga. Schon bei seiner Antritts-Pressekonferenz versprühte der Franke gesunden Optimismus und die Chemie zwischen dem Neu-Trainer und dem kölschen Umfeld schien zu stimmen.

Schließlich verzichteten Toni Schumacher und Markus Ritterbach auf ihre erneute Kandidatur auf ein Amt im Vorstand, was zunächst als Zeichen für einen ruhigen Umbruch ohne weitere Grabenkämpfe positiv wahrgenommen wurde, bevor die beiden Vizepräsidenten zu ihrer persönlichen Abrechnungstour starteten.

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