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Rudelbildung

Pfiffe beim 1. FC Köln: „Die fehlende Aufstiegseuphorie ist hausgemacht“

Die Pfiffe nach dem HSV-Spiel haben die Verantwortlichen irritiert. Woran liegen die atmosphärischen Störungen beim 1. FC Köln? Wir diskutieren darüber.

COLOGNE, GERMANY - FEBRUARY 08: Fans of Koeln prior to the Second Bundesliga match between 1. FC Koeln and FC St. Pauli at RheinEnergieStadion on February 08, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Maja Hitij/Bongarts/Getty Images)
Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Kaum war das Spitzenspiel der 2. Bundesliga zwischen dem 1. FC Köln und dem Hamburger SV beendet, da erschallte im Müngersdorfer Stadion ein gellendes Pfeifkonzert. Lautstark machte sich ein Teil der effzeh-Fans ihrem Unmut über die schwache zweite Hälfte der „Geißböcke“ Luft – und sorgten dabei auf dem Rasen wie auch auf den Rängen für Irritationen. Denn: Der 1. FC Köln ist auch nach dem Remis gegen den direkten Verfolger immer noch Tabellenführer und hat den Aufstieg weiterhin fest im Blick. „Wahnsinn! Ich hatte das Gefühl, wir wären Fünfter und sieben Punkte hinter dem Dritten“, gab effzeh-Abwehrmann Rafael Czichos nach der Partie zu Protokoll. Auch bei anderen Verantwortlichen stieß die Reaktion des Kölner Publikums auf Unverständnis.

„Es ist normal, wenn du so eine erste Halbzeit hinlegst und kriegst dann kurz vor Schluss das Gegentor. Dass sie dann enttäuscht sind, muss man auch mal akzeptieren“, erklärte Markus Anfang: „Die Gesamtsituation ist, dass wir fünf Spieltage vor Schluss 10 Punkte vor Platz 3 und sieben vor Platz 2 liegen. Wir haben einen Schnitt von über 2 Punkte pro Spiel, dazu 75 Tore geschossen. Es ist nicht so, dass wir eine schlechte Saison spielen. Ich glaube, da kann sich keiner großartig beschweren“, so der effzeh-Coach. Doch warum ist die Stimmung dennoch getrübt? Wir haben auch in unserer Redaktion kontrovers darüber diskutiert.

„Die eigene Mannschaft pfeift man nicht aus“

Thomas: Trotz nahendem Aufstieg kommt die Stimmung rund um den 1. FC Köln ziemlich trüb daher, eine Aufstiegseuphorie machen wohl nur die wenigsten in der Domstadt aus. Nach dem 1:1 gegen den HSV gab es sogar von den FC-Fans, die die Verantwortlichen und Spieler verwundert zur Kenntnis nahmen. Woran liegt diese Diskrepanz? Warum herrscht beim souveränen Tabellenführer dicke Luft? Leute, was ist denn eigentlich los am Geißbockheim?

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Sarah: Die Pfiffe nach dem Spiel nehme ich ehrlich gesagt auch verwundert zur Kenntnis. Die eigenen Mannschaft pfeift man nicht aus – war immer meine Meinung und ich kann mir schwerlich vorstellen, dass die sich mal ändert. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass einige der Pfiffe eher dem Schiri als der Mannschaft gegolten haben. ABER auch davon abgesehen: Ja, die Stimmung ist bescheiden. Von Euphorie ganz zu schweigen. Denn diese stellt sich nun wirklich nicht ein, wenn ich mir vorstelle, wie wir in unserem aktuellen Zustand in der Bundesliga von den Gegnern überrannt werden würden. Dass die Wahrnehmung zwischen Verantwortlichen und vielen Fans da so auseinander geht, stimmt mich wirklich nachdenklich. Vielleicht sollte man das Mantra „elitäre Arroganz“ mal überdenken.

Die Rückkehr in die Bundesliga ist für viele nicht mehr als Wiedergutmachung. Und dennoch ist gegen Sandhausen und Co. die Bude rappelsvoll. Wenn dann bezüglich Erwartungshaltung der Fans herumgeheult wird, fehlen mir ehrlich gesagt die Worte.

Thomas: Für mich schwingt da halt tatsächlich noch der bittere Abstieg aus der letzten Saison mit, die Rückkehr in die Bundesliga ist für viele nicht mehr als Wiedergutmachung dieses Katastrophenjahrs. Und dennoch ist gegen Sandhausen, Heidenheim und Co. die Bude rappelsvoll. Wenn dann bezüglich Erwartungshaltung der Fans herumgeheult wird, fehlen mir ehrlich gesagt die Worte. Wer hat denn im Sommer herumgetönt, der FC sei top aufgestellt und eigentlich in der falschen Liga und wolle aufsteigen mit attraktivem Offensivfußball? Die Fans sicherlich nicht.

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

David: Richtig. Das ist für mich auch der entscheidende Punkt. Pfiffe gegen die eigene Mannschaft? Klar, ein Unding. Aber wie ein Herr Czichos sich dazu äußert und wie bei den Verantwortlichen am Geißbockheim die große Verwunderung über die nicht vorhandene Euphorie ausbricht, ist ein erneuter Beweis, dass die Distanz zwischen Fans und Club nach wie vor groß ist. Dass man am Geißbockheim offenbar der Meinung ist, man könne den peinlichsten Abstieg aller Zeiten hinlegen und bekäme als Dank dann auch noch frenetisch jubelnde Anhänger, die Nicht-Leistungen wie in der zweiten Halbzeit Klatschpappe klatschend und amüsiert zur Kenntnis nehmen, ist nicht nur arrogant, sondern auch hochgradig undankbar. Die Herrschaften sollten sich lieber mal in Demut üben. Dass trotz der Vorjahresblamage das Stadion nach wie vor regelmäßig ausverkauft ist und sich tausende Fans bei Auswärtsspielen auf den Weg machen, um den 1. FC Köln zu sehen, ist alles, nur keine Selbstverständlichkeit.

Ich glaube, dass die zu Beginn der Saison vom Verein geschürte Erwatungshaltung den Umgang mit (Miss)-Erfolg schon unnötigerweise beeinflusst hat. Wäre man ein wenig demütiger gewesen, würde es einem jetzt weniger um die Ohren fliegen.

Arne: Wirkliche Euphorie gibt es nicht, da gebe ich euch beiden recht. Genauso sinnlos ist es, die eigene Mannschaft auszupfeifen, aber das muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass da auch Frust über die Entscheidungen des Schiedsrichters eine Rolle gespielt hat. Wir dürfen aber auch nicht zu weit gehen und jetzt schon anfangen, auf mögliche Szenarien in der Bundesliga zu schauen. Dazwischen liegt immerhin noch ein Transfersommer, in dem der effzeh die offenkundigen Baustellen hoffentlich passend besetzt. Wenn das gelingt, sehe ich die Mannschaft durchaus gut gerüstet – wenn Markus Anfang die richtigen Anpassungen vornimmt. Insgesamt glaube ich tatsächlich, dass die zu Beginn der Saison vom Verein geschürte Erwatungshaltung den Umgang mit (Miss)-Erfolg schon unnötigerweise beeinflusst hat. Wäre man ein wenig demütiger gewesen, würde es einem jetzt weniger um die Ohren fliegen.

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Unmut über den Unmut – Verwunderung über die Verwunderung

Severin: Ich kann den Unmut über den Unmut von außen betrachtet sogar irgendwo verstehen. Das Team ist, wenn man nur rein auf die Tabelle schaut, auf Kurs. Die Zahlen, die Markus Anfang nach dem HSV-Spiel anführte, sind auch nicht von der Hand zu weisen. Es wirkt schon ein wenig „erfolgsfan-ig“, um das einmal so auszudrücken, wenngleich die Kritikpunkte, die viele derzeit haben, ihre Berechtigung haben. Das Ziel war doch für alle klar: Diese Schweineliga schnellstmöglich nach oben zu verlassen, letztlich egal wie. Es bleibt eben eine „Wiedergutmachungstour“ – mehr aber auch nicht. Dennoch ist diese schleichende Unzufriedenheit natürlich offenkundig vorhanden – und mich verwundert es ehrlich gesagt, dass die Verantwortlichen verwundert sind. Diese Stimmungslage fällt ja nicht vom Himmel, die fehlende Aufstiegseuphorie ist eben hausgemacht!

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Verantwortlichen und öffentliche Reflektionsfähigkeit

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