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Analyse

Taktik-Rückblick: Die Gründe für Markus Anfangs Scheitern beim 1. FC Köln

Woran genau ist Markus Anfang beim 1. FC Köln gescheitert? Im Rahmen unseres Saisonrückblicks wirft Gastautor Denis vom Podcast „Trotzdem Hier“ einen Blick auf die taktischen Gründe für die Entlassung.

AMBURG, GERMANY - NOVEMBER 05: Markus Anfang, head coach of 1. FC Koeln looks concerned prior to the Second Bundesliga match between Hamburger SV and 1. FC Koeln at Volksparkstadion on November 5, 2018 in Hamburg, Germany. (Photo by Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images)
Foto: Cathrin Mueller/Bongarts/Getty Images

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Am 27. April 2019 war die nur kurze Ära Markus Anfangs beim 1. FC Köln bereits wieder Geschichte. Diese Entlassung kann dabei durchaus kritisch hinterfragt werden, da sich der effzeh zu dieser Zeit mit einem guten Punktepolster auf Platz eins der zweiten Bundesliga und damit voll auf Aufstiegskurs befand. Später sollte sich herausstellen, dass der 1. FC Köln sogar mit der unter Anfang erreichten Punktzahl aufgestiegen wäre – das konnte zum Zeitpunkt der Entlassung aber auch keiner ahnen. Armin Veh entschied sich dann dennoch dazu, die Trennung vom ehemaligen Kieler Trainer in die Wege zu leiten, um sich für die neue Saison neu aufzustellen.

Eine genaue Betrachtung offenbart, dass es durchaus nachvollziehbare taktische Gründe dafür gab – und zwar deren vier, die uns Gastautor Denis (effzeh-Podcaster bei Trotzdem Hier) dankenswerterweise aufbereitet hat. Über andere Gründe im Bereich des „Verlierens der Kabine“ soll hier nicht spekuliert werden. Los geht es mit dem ersten Grund, der Frage nach dem richtigen System und den passenden Spielern.

Grund eins: Markus Anfang stellte das System über die Spieler

Als Markus Anfang im Sommer in die Domstadt am Rhein wechselte, kam er mit der blendenden Visitenkarte aus Kiel, die KSV von der dritten Liga in die Relegation zur ersten Liga geführt zu haben, wo man nur knapp am VfL Wolfsburg scheiterte. Dabei tat sich Anfang vor allem als Trainer mit einem erfrischenden Spielstil und klaren Abläufen in einem fest verankerten 4-1-4-1-System hervor, in dem der Spielaufbau flach und hart über die Spielmitte erfolgen sollte.

Dieses 4-1-4-1 sollte Anfang nun beim gerade nach rekordverdächtig schwacher Saison abgestiegenem 1. FC Köln implementieren. Dazu durfte er nicht nur einige Wunschspieler wie Rafael Czichos, Lasse Sobiech, Niklas Hauptmann oder Dominick Drexler mitbringen, sondern bekam auch den fußballerischen Rohdiamanten Louis Schaub von Rapid Wien hinzu. Diese Neuverpflichtungen, gepaart mit verbliebenen Routiniers wie Hector, Höger, Risse und Horn, sollte eine hohen Variabilität ermöglichen. Vor allem, da man bereits im Winter der Vorsaison den mehrfachen Zweitliga-Torschützenkönig Simon Terodde für sich gewinnen konnte und mit Nachwuchsspielern wie Noah Katterbach (immerhin Gewinner der Fritz-Walter-Medaille 2018 – gemeinsam mit einem gewissen Kai Havertz), Nikolas Nartey, Yann-Aurel Bisseck und Chris Führich einen guten Unterbau sein Eigen nennen konnte. An Anfang lag es nun, dieses Spielermaterial zu einem funktionierenden Gesamtgefüge zusammenzuschweißen.

Grafik: Denis von „Trotzdem Hier“

Dabei stand für Anfang seit dem ersten Vorbereitungsspiel fest, dass es das 4-1-4-1 aus Kiel werden sollte. Nachvollziehbar, da man ihn ja gerade deswegen geholt hatte. Allerdings stellte sich schnell heraus, dass man für dieses System keinen geeigneten Sechser im Kader hat, der alleine den ganzen Sechserraum abdecken kann und zudem gegnerischen Angriffe im Keim ersticken kann, aber auch durchbrechende Angreifer aufnehmen kann. Einen solchen raumgreifenden Sechser gibt der Kader schlicht nicht her, Salih Özcan fehlte schlicht die Erfahrung, um eine der anspruchsvollsten Rollen im Weltfußball bereits ausfüllen zu können, Marco Höger (der zudem zu Beginn verletzt fehlte) besitzt nicht die dafür nötige Dynamik und Vincent Koziello nicht die körperliche Robustheit.

Fehlende Balance in der Kaderzusammenstellung des 1. FC Köln

Jonas Hector, der dies aus taktischer Sicht in der zweiten Liga noch am Besten löste, als er dort an den ersten Spieltagen eingesetzt wurde, wurde bald als Linksverteidiger der Viererkette benötigt, da es auch hier an geeigneten Kandidaten mangelte und sich der junge Jannes Horn auch in Liga 2 nicht durchzusetzen vermochte. Gerade mit offensivdenkenden Spielertypen wie Drexler und Schaub auf der Doppel-Acht wurde dem Sechser eine sehr große defensive Balancegebung zuteil, die kein Spieler im Kader restlos gewähren konnte.

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Der Kader gab also weder einen geeigneten Sechser für dieses System her, noch einen zweiten Linksverteidiger hinter Hector, um diesen dauerhaft für das defensive Mittelfeld freizugeben. Zudem fehlte es an einem geeigneten offensiven Linksaußen. Dort wurden zwar einige Spieler fachfremd eingesetzt (Drexler, Guirassy, Schaub), jedoch wusste keiner von ihnen dort dauerhaft zu überzeugen, da die jeweiligen Stärken der Spieler zentraler liegen. Zudem schaffte das System Härtefälle – so sieht das System nur einen Stürmer vor, was dazu führte, dass sich der designierte Torschützenkönig Terodde zu Beginn der Saison auf der Bank wiederfand, da Anfang in Jhon Cordobá wohl einen Spielertypen sah, der mehr Defensivarbeit verrichten kann und daher wichtiger für die defensive Balance dieses fragilen Systems sein würde. Auch in der Abwehr musste aus dem Trio Czichos/Meré/Sobiech einer mit dem unbequemen Bankplatz vorlieb nehmen. Für das konterartige Ballbesitzspiel des ehemaligen Kieler Trainers fehlt es dem FC zudem schlicht an schnellen Spielern.

Die Gründe für die Systemaufstellung auf 3-5-2

All diese Probleme wären schon zu Beginn der Saison mit einem 3-5-2 zu lösen gewesen, da es alle drei Innenverteidiger und beide Stürmer integrierbar machen würde, das Problem des Linksaußen lösen würde und dem Sechser mehr Unterstützung geben würde, da sich das Zentrum mehr verdichten ließe. Jedoch wollte Anfang sein Zwei-Viererketten-System (noch) nicht aufgeben, obwohl sich bereits früh eine defensive Instabilität aus o.g. Gründen in der Zone des Sechsers abzeichnete – wie etwa beim 5:2 über St. Pauli. Zu-Null konnte man in diesem System überhaupt nur zwei Mal spielen: Am ersten Spieltag gegen Bochum, was allerdings eher an Bochumer Abschlussschwäche lag (15 Torschüsse des VfL) sowie gegen schwache Sandhausener  – selbst beim Regionalligisten BFC Dynamo aus Berlin lag man im DFB Pokal zunächst zurück.

Anstatt aber diesen Problemen durch eine Systemumstellung zu begegnen, hielt Anfang an seinem Kieler System fest, passte aber die Rollen an: So wurde Koziello öfter auf der 8 eingesetzt, um eine Hybridrolle aus 8er und 6er zu spielen – eine komplizierte Aufgabe, in der sich der junge Franzose öfters verlor.

Gegen Dresden erstmals mit zwei Stürmern

Diese Probleme sollten sich bis zum 9. Spieltag immer mehr hochsummieren, obwohl mit Höger, Bader und Schmitz sogar weitere Spieler mit gewisser Qualität aus dem Krankenstand zurückkehrten. Dies führte dazu, dass der „Effzeh“ zwischen dem 9. und 12. Spieltag gar kein Spiel gewinnen konnte und das System im HSV-Spiel (das man 0:1 verlor) einen Totalabsturz erlebte, der dem FC gar keine offensive Momente mehr im Spitzenspiel der zweiten Liga bescherte.

Vermutlich auf den eindringlichen Rat Armin Vehs hin musste sich etwas ändern und Anfang stellt gegen Dynamo Dresden auf das 3-5-2 um. Die Mannschaft spielte wie befreit auf, schaffte Synergien um den starken Schaub – der gegen den HSV noch recht draußen spielen musste, nun aber in der Mitte eingebunden wurde – überlud konsequent den Zehnerraum der Dresdner mit Drexler, Schaub und dem zurückweichenden Cordobá und erspielte sich so Chance um Chance. Das System führte zu einer langen Siegesserie und Mannschaft und Trainer schienen sich gefunden zu haben.

Grafik: Denis von „Trotzdem Hier“

Doch bereits zum Ende der Hinrunde/Beginn der Rückrunde zeigten sich Ermüdungserscheinungen und die Schwächen dieses Systems traten immer öfter zutage, da die Gegner besser darauf eingestellt waren – doch dazu mehr unter Punkt 4.

Verstärkungen im Winter schaffen keine Abhilfe

In der Wintertransferphase geschah nun genau der gegenteilige Effekt im Vergleich zum Sommer: Armin Veh kaufte Markus Anfang mit Johannes Geis und Florian Kainz zwei Spieler, die genau die Schwachstellen des zuvor praktizierten 4-1-4-1 lösen würden: Geis ist am stärksten, wenn er im Spielaufbau zwischen zwei Innenverteidiger einer Viererkette zurückfallen und von dort seine Quarterback-Pässe spielen kann und Kainz ein bundesligaerprobter Linksaußen – auf Grund Mängeln in seiner Rückwärtsbewegung aber ganz sicher kein linker Wingback.

Als nun also die Rückkehr zum 4-1-4-1 dem versierten Beobachter wahrscheinlich schien, tat Anfang jedoch das Unerwartete und verharrte in dem 3-5-2 – ob auf eigenen Antrieb, auf Wunsch der Mannschaft oder auf Druck Vehs wird wohl sein Geheimnis bleiben. Jedoch zwang das Festhalten am System mit den beiden Winterneuzugängen erneut Spieler in Rollen, die ihre Stärken nicht zur Geltung bringen, sondern im Gegenteil ihre Schwächen betonen: Der Effzeh spielte eine merkwürdigen Aufbauraute, Geis konnte nicht mehr zurückfallen, seine langen Pässen gerieten zu lang und landeten im Nirgendwo.

Grafik: Denis von „Trotzdem Hier“

Kainz hingegen musste die gesamte linke Flanke abdecken, was zu Problemen im Halbraum hinter ihm führte (siehe Punkt 4) – Anfang hatte also nicht aus seinen Fehlern gelernte, sondern stellte einmal mehr sein System über das vorhandene Spielermaterial und deren Stärken. Ein System, das sowohl Kainz als auch Geis integrieren hätte können als auch Härtefälle fast überall vermieden hätte, wäre ein 4-4-2 mit Doppelsechs, gewissermaßen als Kompromiss, gewesen, aber dies wurde in der Wintervorbereitung nicht ausprobiert. Es gelang ihm so nie, die Spieler an ihre Leistungsgrenzen zu führen, weil das gewählte System die jeweils eingesetzten Spieler meistens eher in ihrer Leistung hinderte als sie zum Vorschein zu bringen. Zudem versammelte das System nun mit Höger, Czichos und Geis gleich drei Spielertypen, die im Spielaufbau alle eher zum langen Ball greifen als zum flotten Kurzpass. Das Mittelfeld wurde immer häufiger einfach überspielt und man setzte ganz auf die individuelle Klasse der Stürmer, denen man im Strafraum viel Glück wünschte. Der Versuch, dies durch Spielertypen wie Koziello, Nartey oder Schaub zu ändern, wurde gar nicht erst unternommen.

Auf der nächsten Seite: Der zweite Grund – In-Game-Coaching.

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