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Meinung

Offener Brief des 1. FC Köln an Ultra-Szene: Literweise Öl ins Feuer

Der 1. FC Köln fordert seine Ultra-Gruppen dazu auf, zum Dialog zurückzukehren und befeuert gleichzeitig die Auseinandersetzung. Es ist ein Konflikt, der schon lange brodelt, und nun auch dank des Zutuns der Vereinsführung endgültig zu eskalieren droht. 

Kritik Spinner Spruchband Südkurve Verein vereinen

35 Prozent – nur eine „kleine Gruppe“

Das Misstrauen hinsichtlich der Vereinsaktivitäten in China teilen jedoch bei weitem nicht nur Ultras, es ist ja nicht einmal so, als wären im „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ ausschließlich ebenjene Gruppen organisiert. Der Wunsch nach mehr Transparenz und einem klaren Bekenntnis zum Standort Müngersdorf ist ebenfalls kein Thema, das nur die aktive Fanszene bewegt. Die Identifikation mit dem Verein steht und fällt für viele Anhänger mit dem traditionsreichen Standort. Auch wenn es um den möglichen Einstieg eines Investors beim 1. FC Köln geht, folgten rund 35 Prozent der Vereinsmitglieder bei der letzten Mitgliederversammlung dem Antrag der Mitgliederinitiative, der einen Verkauf von bis zu einem Viertel der Anteile ohne Mitgliederbefragung untersagt hätte. Und das obwohl der Verein mit einer unwürdigen Kampagne gegen die Mitgliederinitiative vorgegangen war. Die Idee zu der Satzungsänderung kam übrigens nicht aus Ultra-Kreisen, die Urheber von „100 % FC“ sind nichts dergleichen.

Den Verein hindert das in seinem Offenen Brief nicht daran, all diese berechtigen Kritikpunkte als reine Ultra-Themen abzutun. All jene Mitglieder und Fans, die weder alles an der aktiven Fanszene toll finden, noch die Pläne des Vereins kritiklos bejubeln, werden von ihrem Verein, das wurde am Mittwoch deutlich, nicht ernst genommen. Viel mehr noch: Es gibt sie in der Realität der Verantwortlichen erst gar nicht.

Polarisierung: Verein malt ein Schwarzweißbild

„Das Verständnis nicht der Clubspitze, sondern vielmehr der Mitglieder, Fanclubs und Fans, die nicht dieser kleinen Gruppe angehören, ist aufgebraucht“, spricht der Verein mal eben für alle Nicht-Ultras und macht damit im Grunde genau das, was er der „Südkurve 1. FC Köln“ an anderer Stelle vorwirft. „Von einer vereinten Anhängerschaft kann keine Rede mehr sein“, das gehe allerdings auf das Konto der Ultras, „weil ein Teil der Gruppen auf Einigkeit keinen Wert mehr legt“, heißt es vom Verein.

Mit dieser Haltung trägt das Präsidium, einst angetreten, um den „Verein zu vereinen“, selbst zur Spaltung bei. Der Offene Brief zeichnet, so sehr so mancher Kritikpunkt auch zutreffen und so viele Fehler die Gegenseite auch gemacht haben mag, schließlich nur ein Schwarzweißbild: Eine große, gute, dem Vorstand wohlgesonnene Gruppe sieht sich einer bösen, kleinen, von Ultras angeführten Minderheit gegenüber, die angeblich nur alles kritisiert, weil sie sich nicht an Regeln halten will wie jeder andere auch. Für Grautöne bleibt da kein Platz.

Werner Spinner

Foto: Sebastian Bahr

Aber noch immer warten Mitglieder, ob Ultra oder nicht, auf Antworten, die über die unverschämten Belehrungen Werner Spinners in der China-Frage hinaus gehen – um nur ein unrühmliches Beispiel anzuführen. Noch immer erwarten viele Anhänger, dass der 1. FC Köln ankündigt, niemals ohne bindendes Mitgliedervotum den Standort in Müngersdorf aufzugeben. Und noch immer warten einige Fans darauf, dass der Kölner Vorstand sich für den Umgang mit „100 % FC“ zumindest entschuldigt, wenn er schon nicht bereit ist, seine Meinung bezüglich der Satzungsänderung zu ändern. Dass das keine reinen Ultra-Themen sind, lässt sich übrigens schon mit einem Blick in das populäre „Effzeh-Forum“ schnell erkennen.

Unterzeichnet von sehr kleinen Teilen des Mitgliederrats

Anders ausgedrückt: Wenn, und so hat es sich laut effzeh.com-Informationen zugetragen, nur drei der 14 Mitgliederrats-Vertreter den Brief des Vereins mittragen wollten (und dabei auch noch wenig kollegial an ihrem Gremium vorbei agierten), sollte das auch für die Vereinsführung ein deutliches Zeichen dafür sein, dass die Gruppe der Kritiker vielleicht doch nicht nur aus „Meinungsführern“ der Ultras bestehen könnte. Der Verein konnte den Offenen Brief nur als von „Teilen des Mitgliederrats“ unterzeichnet veröffentlichen. „Von sehr kleinen Teilen“ wäre wohl ehrlicher gewesen.

Doch nicht nur inhaltlich ist der Vorstoß problematisch. Auch die angriffslustige Tonalität, die Namensnennung von Verantwortlichen oder die Forderung in Richtung der Ultras, die Mannschaften des Vereins „in guten und in schlechten Zeiten“ zu unterstützen, sind am Ende nur mehr oder weniger billige Provokationen – Öl ins von beiden Seiten geschürte Feuer statt lösungsorientierter Vorstoß.

Mehr Provokation als Lösungsansatz

Es sind schließlich genau diese Gruppen, die den Verein auch schon vor dem sportlichen Aufschwung der letzten Jahre auswärts in Aue unterstützt haben, als viele, die nun nach frischen Dauerkarten plärren, vom Zweitligisten 1. FC Köln noch nichts wissen wollten. Mangelnde Unterstützung lassen sich die Ultras nicht allzu gerne nachsagen.

>>> Ultra-Kultur in Europa: Fankurven als Repressionslabore?

Wenn einem außerdem – und das ist nun einmal für einen Verein in diesem Spiel mit der Subkultur „Ultras“ so – die Rolle des Erwachsenen und nicht die des bockigen Teenagers zuteil wird, sollte man derartige Formulierungen unterlassen. Es sei denn, man meint es mit dem Dialog ohnehin nicht ernst.

Dass zeitnah zur Veröffentlichung nette Zahlen zu vermeintlich von Ultras verursachten Strafen, die der 1. FC Köln noch erwartet an DFB und UEFA zahlen zu müssen, an den „Express“ durchgesteckt wurden, lässt das Vorgehen übrigens auch nicht gerade weniger nach populistischer Attacke denn nach gutem Willen aussehen. Der Offene Brief des Vereins dürfte in Ultra-Kreisen eher als Provokation, nicht als ernsthaftes Gesprächsangebot aufgefasst werden. Das sollte die Verfasser der Zeilen aber nicht ernsthaft verwundern. Es sei denn, sie sind so weltfremd wie der Zeitpunkt dieser öffentlichkeitswirksamen Attacke.

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