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Der 1. FC Köln fordert seine Ultra-Gruppen dazu auf, zum Dialog zurückzukehren und befeuert gleichzeitig die Auseinandersetzung. Es ist ein Konflikt, der schon lange brodelt, und nun auch dank des Zutuns der Vereinsführung endgültig zu eskalieren droht. 

An Aschermittwoch haben viele Menschen Kopfschmerzen. Das war auch in diesem Jahr so wie in all den Jahren zuvor. Doch während das mittwöchliche Übel traditionell dem sechstägigem Ausnahmezustand beim Karneval in der Stadt geschuldet ist, dürfte diesmal auch der 1. FC Köln bei einigen seiner Anhänger zumindest zusätzlich für Kopfschütteln, ja, vielleicht aber auch leichte Schmerzen, gesorgt haben.

Ungeachtet der sportlichen Situation entschieden sich die Verantwortlichen am Geißbockheim dazu, mit einem Offenen Brief die eigenen Anhänger zu attackieren. Genauer gesagt: Teile der eigenen Ultras. Der Verein fordert die aktiven Fans zwar zu Beginn und am Ende der Ausführungen zur einer Rückkehr zum Dialog auf, macht diesen Schritt aber gleichzeitig mit dem Inhalt dazwischen nahezu unmöglich.

Befremdliche Namensnennung von Ultra-Vertretern

Dass sich Kölner Vorstand samt Geschäftsführung und Aufsichtsrat ernsthaft dazu entschieden haben, einzelne Vertreter des kritischen „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ mit Klarnamen zu benennen und ihnen vorzuwerfen, „Meinungsmacher der Ultra-Szene“ zu sein, ist da nur ein befremdliches Beispiel. Natürlich haben die Vorsitzenden eines Vereins, in dem sich unter anderem die Ultra-Gruppen organisiert haben, auch die Meinung der Szene, die sie vertreten. Die Nennung der Namen, die übrigens durchaus Konsequenzen im Privatleben für die als „Ultra-Meinungsmacher“ gebrandmarkten Personen zur Folge haben könnte, erfolgt ohne nachvollziehbaren Grund. Schon daran wird allerdings das eigentliche Problem am Vorgehen des Vereins deutlich.

Der 1. FC Köln beschränkt sich bei der Abrechnung mit den eigenen Anhängern nämlich keineswegs auf die tatsächlichen Verfehlungen und einem Aufruf zum Dialog, sondern nutzt die Gelegenheit prompt zur populistischen Stimmungsmache.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Dabei ist Kritik an der Täuschung bei der Geburtstags-Choreografie der „Wilden Horde“ im Dezember 2016, dem Pyrotechnik-Exzess in Belgrad und die mangelnde Aufarbeitung danach oder an den wiederholten Beleidigungen gegen Dietmar Hopp berechtigt, wurde zu den damaligen Zeitpunkten ausführlich vorgetragen und hätte auch jetzt wohl zu breiter Zustimmung geführt. Denn klar ist: Natürlich hat die aktive Fanszene Fehler gemacht und ist für den Konflikt mit dem Club mitverantwortlich. Einige Kritikpunkte treffen also absolut zu. Die Verantwortlichen belassen es allerdings nicht dabei, sondern gehen nun einen großen Schritt weiter.

China, Stadion, Investor – für den Verein lediglich Ultra-Themen

„Inhalt der Kampagne von Teilen der Ultras gegen den Vorstand sind wiederholte und massive Vorwürfe zu vereinspolitischen Themen“, heißt es da vom 1. FC Köln. Grundsätzlich sehe man sich durch die von „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ geäußerte Kritik und die gleichzeitige Weigerung zum Dialog gezwungen, öffentlich Stellung zu beziehen. Interessant in diesem Kontext: Der „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ ist nach wie vor in der AG Fankultur vertreten, es sind andere Gruppen, die dort nicht mehr auftauchen. „Teile der FC-Ultras haben die erste sportliche Krise seit Jahren genutzt, um gegen den Vorstand mobilzumachen“, lautet weiter die offene Anschuldigung des Vereins. „Und zwar nicht wegen der sportlichen Krise, sondern mit rein politischen und Ultra-spezifischen Themen.“

>>> Offener Brief: „Das Verständnis ist aufgebraucht“

Die Orientierung nach China, ein möglicher Stadionneubau an neuem Standort und potenzielle Investoren beim 1. FC Köln, das sind die drei prominenten, nicht Ultra-spezifischen Kritikpunkte – und alle wurden in die Attacke auf die Ultras mit eingewoben. Alle wurden allerdings auch schon weit vor dem sportlichen Abstieg im Sommer vorgetragen – auch von effzeh.com. Und genau hier zeigt sich deutlich sichtbar einer der Gründe, warum die Kritik an der Kölner Vereinsführung seit dem letzten Sommer stetig lauter geworden ist: Ignoranz.

Wie bereits in den letzten Monaten, scheint man am Geißbockheim offensichtlich an der Strategie festzuhalten, nahezu alle akuten Kritikpunkte, denen sich die Club-Führung konfrontiert sieht, als trotzige Klientelpolitik aus unlauteren Motiven mit Ultras in Verbindung bringen zu wollen. So auch am Mittwoch. Dementsprechend viele Mitglieder fühlen sich nun mit dem Offenen Brief in einen Topf mit den Ultras geworfen und nicht ernst genommen. In der Sprachregelung des Clubs ist in Bezug auf Kritiker – ob nun Ultras oder Normalos – passend dazu stets nur von einer „kleinen Gruppe“ die Rede. Das Problem: Das stimmt so nicht.

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5 Kommentare

  1. Man kann sicherlich darüber diskutieren, ob der Zeitpunkt seitens des Vereins der richtige war. Aber gibt es für so was überhaupt den einen richtigen Zeitpunkt? Außer Frage steht für mich, dass der Verein das Recht und sogar die Pflicht hat, zu reagieren. Die handelnden Personen stehen hier schließlich in der Verantwortung.
    Kommen wir zurück zur Basis: Wir stehen zu dir, in guten wie in schlechten Zeiten. Dies wird in vielen Liedern in jeglicher Art besungen. Und daran sollte man sich für den Rest der Saison erinnern. Die Mannschaft bis zum Ende zu unterstützen. Unsere Fanbase (Wilde Horde, Boyz) und natürlich auch der Rest aus der Kurve sollten sich zumindest bei den Spielen darauf besinnen, damit das Wunder noch geschafft werden kann. Bitte keine Spruchbänder, Demos oder Stimmungsboykott. Die Mannschaft kann letztendlich am wenigsten dafür.
    Dialog: Bitte, ja!
    Boykott: NEIN!!
    Schmollen: vielleicht.

  2. Ich stimme euch in einem Punkt zu: Der Zeitpunkt des Offenen Briefes ist zumindest suboptimal. Ansonsten kann man die Argumente drehen und wenden wie man will, die einzige Lösung wird sein wieder an einen Tisch zurückzukehren und miteinander zu sprechen. Im Interesse des Vorstands, im Interesse des gesamten Vereins aber auch im Interesse der Ultras. Denn meine Wahrnehmung ist durchaus auch die, dass „das Verständnis nicht der Clubspitze, sondern vielmehr der Mitglieder, Fanclubs und Fans, die nicht dieser kleinen Gruppe angehören, (…) aufgebraucht“ ist. Im Moment sollten wir alle nur ein gemeinsames Ziel haben und das ist der Klassenerhalt. Dafür sollten Fans, Mannschaft und Vorstand ihre Energie einsetzen und sie nicht auf Nebenkriegsschauplätzen verschwenden. Wenn der Klassenerhalt (hoffentlich) geschafft ist (aber noch vielmehr wenn er nicht geschafft wird), sollten alle mal ganz tief durchatmen und die Kommunikation miteinander wieder neu beleben.

  3. Diese „Gegendarstellung“ befeuert leider komplett das, was der offene Brief der Ultra-Szene vorwirft und was gleichzeitig die Ultra-Szene dem Vorstand vorwirft: absolute Unfähigkeit zur Selbstreflektoren.
    Anstatt auf Argumente aus dem Brief einzugehen werden nur Dinge im Detail erläutert, wo der Vorstand durchaus Traditionen in Gefahr bringt. Aber das ist auch deine Aufgabe als Unternehmen – nach vorne zu schauen und Lösungen für die Zukunft zu suchen.
    Ich bin ehrlich gesagt geradezu enttäuscht, wenn effzeh.com so eine Darstellung veröffentlicht und nur gegen den Vorstand schießt, statt – und da stimmt der Brief des FC leider zu 100% – den Dialog zu suchen.

    Ich war ebenfalls in Belgrad dabei und was dort passiert ist, war eine Schande für alle Fans des Effzeh – das es keiner Ultra Gruppierung gekonnt dazu Stellung zu nehmen ohne gleich zu sagen „ja, aber schuld liegt auch bei…“ zeigt einfach ein Selbstverständnis der ultra Szene, die ich nicht nachvollziehen kann.

    Darüber hinaus sind im offenen Brief 8 oder 9 Punkte dargestellt. Dieser Beitrag hier greift aber nur die 2 Punkte auf, die durchaus kritisch von vielen – auch nicht Ultra- Fans gesehen wird: Investoren und Stadionfrage.
    Über mangelnde Dialog-Bereitschaft wird kein Wort verloren.

    Mit den Beitrag habt ihr ein riesen maß an Glaubwürdigkeit bei mir verspielt.

  4. Der Kommentator, Sven Richartz, übersieht leider komplett, dass das Statement des FC eindeutig eine Reaktion auf das Bombardement durch mehrere offene Briefe seitens „Südkurve 1. FC Köln e. V.“ aus den letzten Monaten darstellt. In all diesen Monaten hat die Clubführung die Füße stillgehalten und auf Deeskalation gesetzt, was als Konsequenz lediglich noch mehr offene und weithin gleichlautende Briefe mit Anschuldigungen in teils harschem Ton hatte. Und jetzt, wo man Punkt für Punkt auf die Anschuldigungen eingeht, gießt man Öl ins Feuer? Aha. Offenbar darf die Clubspitze nur eines, nämlich sich auch in Zukunft mit Dreck bewerfen lassen und dabei stillhalten, weil alles andere angeblich Eskalation bedeutet. Die Gegenseite hingegen darf alles, sogar die AG Fankultur und damit den Dialog komplett boykottieren und sich als Sprachrohr der Fans schlechthin präsentierten, was sie definitiv nicht ist und, wenn sie so weitermacht, auch nie sein wird.

    Wer angesichts der sportlichen Krise, in welcher der Verein steckt, auf Ruhe im Karton pocht, sollte infrage stellen, ob der Vorstand-raus-Kokolores und die offenen Briefe von „Südkurve 1. FC Köln e. V.“ nebst totaler Verweigerungshaltung diesem Ziel gerecht werden. Stattdessen wird als Unverschämtheit betrachtet, dass die Vorstandsmitglieder des e. V. im FC-Schreiben beim Namen genannt werden. Damit haben komischerweise Vorstandsmitglieder anderer Vereine kein Problem, im Gegenteil, die freuen sich, wenn sie mal erwähnt werden.

    Aber vielleicht ist diese „Südkurve 1. FC Köln“ gar kein normaler e. V., sondern lediglich Plattform zweier Ultras mit Führungsanspruch?

    • Das Problem ist dass die beiden als „Meinungsmacher der Ultra-Szene“ dargestellt werden, und nicht als vorsitzende des Südkurve 1. FC Köln e.V

      Ja, die beiden sind Ultras. Ja, die beiden haben in der Szene durchaus was zu sagen. Aber im Kontext des Briefes werden sie so auch als Hauptverantwortlich für jede Entgleisung der Szene dargestellt. Und das ist schlicht falsch.