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Der Fußball steht vor einer Zeitenwende: Wie lange wird es eine lebendige Fankultur noch geben? Unser Longread beleuchtet die Geschichte der Ultras und Formen der Repression, denen sie sich ausgesetzt sehen.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte eine Interessensgemeinschaft aus aktiven Fußball-Fans, man mag sie Ultras nennen oder eben nicht, fünf Positionspapiere, die sie an DFL und DFB weiterleitete (effzeh.com berichtete). In diesen Positionspapieren ging es um die Kritik an der Kommerzialisierung des Sports, den Umgang mit Stadionverboten durch die Sportsgerichtsbarkeit, Fanrechte und die zunehmende Zerstückelung des Spieltags in Bezug auf die Anstoßzeiten – Themen, die aktive Fußballfans seit längerer Zeit intensiv beschäftigen, allerdings auf Führungsebene eher weniger wichtig zu sein scheinen.

Zwar ist hierzulande der Ärger über die großen Fußball-Verbände verständlicherweise sehr groß, allerdings hilft bei der Einordnung ein Blick in europäische Nachbarländer: Dass aktive deutsche Fußball-Fans überhaupt in den Dialog mit den leitenden Fußball-Institutionen treten können, sucht dort seinesgleichen. In Italien nähern sich Ultras und Verband langsam erst wieder an, die Abschaffung der „tessera del tifoso“ (Fanausweise) war ein erster Schritt. In Frankreich nehmen repressive Maßnahmen seit Jahren immer mehr zu, das Klima zwischen Fans und Verband scheint aufgrund von Verfehlungen auf beiden Seiten vergiftet. Während französischen Nachbarland beispielsweise um die Wiedereinführung von Stehplätzen gekämpft werden muss, sind die Probleme in Deutschland ganz anders gelagert.

Was daher alle europäischen Länder eint, ist das schwierige Verhältnis zu den „Ultras“, jenen organisierten Fans, für die die Liebe zu ihrem Fußballverein über die 90 Minuten am Wochenende hinausgeht. Von Öffentlichkeit und Presse oftmals als „Gewalttäter“ verschrien sind es jedoch diese leidenschaftlichen Fans, die den Stadionbesuch an sich erst zum Erlebnis machen. Sie passen allerdings nicht zum Unterhaltungsprodukt Fußball, weswegen sie sich mit immer stärkeren Repressionsmaßnahmen seitens der Politik auseinandersetzen müssen.

Öffentlichkeit und Medien: Meist ein negativer Blick auf Ultras

In Deutschland spricht man immer noch davon, eine lebendige Fankultur zu haben, volle Kurven an jedem Wochenende und eine Stimmung, die in Europa ihresgleichen sucht. Die Frage ist jedoch: Wie lange sind die wohl wichtigsten Faktoren für diese Stimmung, die Ultras, noch dazu bereit? Wie lange wollen sie es noch erdulden, durch Politik und Öffentlichkeit in eine Ecke gedrängt zu werden und sich (zumeist) unbegründeten Anfeindungen ausgesetzt zu sehen? Auch auf gesellschaftlicher Ebene kann man fragen, wieso gerade die so bedeutsame Jugendkultur der Ultras derart repressiv behandelt wird – wieso wird der Stadionbesuch häufig mit Krawallen gleichgesetzt, warum stehen Wasserwerfer außerhalb eines Stadions?

Wenn man so will, wurde also durch die Veröffentlichung der Positionspapiere die andere Seite der Medaille aktiv und unternahm Versuche, um mit der Unterhaltungsmaschinerie Profifußball in Kontakt zu treten, um eine konstruktive Entwicklung herbeizuführen. Dieser Text beschäftigt sich daher mit der Situation der Ultras im Jahr 2018: Mit einem Schlaglicht auf die Entwicklung der Ultra-Bewegung in Italien, die wesentlichen Unterschiede in der Fankultur in Europa und eine These eines Historikers, der sich mit Ultras auskennt wie kein anderer. Gleichzeitig soll versucht werden, die oben gestellten Fragen zu beantworten.

Auf der nächsten Seite: Sébastian Louis und die Anfänge der Ultras

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1 Kommentar

  1. Danke für den interessanten Artikel und den Buchhinweis! Das einzige was mich an Ihrem Artikel stört, Herr Steinberg, ist das von Ihnen oft benutzte Wort „Fan-Kultur“. Wenn ich ins Stadtion gehe und anfeuere, Beifall klatsche, mich mitfreue und mitleide, ist das „Kultur“? Ich gehe halt ins Stadtion und mache mit, mehr nicht. Wenn ich in der Pause eine Curry-Wurst esse, ist das „Kultur“? Ich esse halt eine Curry-Wurst, mehr nicht. Wenn ich nach dem Spiel mit meinen Kumpels in der Kneipe das Spiel diskutiere und zusammen mit denen feiere, ist das „Kultur“? Ich bin halt mit meinen Kumpels in der Kneipe, mehr nicht. Wenn ich dann zwischendurch mal auf den Klo gehe und dort Stuhlgang habe, ist das „Kultur“? Ich gehe halt auf den Klo, mehr nicht.
    Verstehen Sie? Wir sollten uns nicht so wichtig nehmen. Beim Reden über die „Fan-Kultur“ gefällt mir der gehobene Ton nicht. Der hört sich in meinen Ohren ein wenig überheblich an. Wie heißt es manchmal im Laden: „Darf es auch ein bisschen weniger sein?“

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