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Offener Konflikt zur Unzeit

Der 1. FC Köln, wohlgemerkt Tabellenletzter, spielt in den kommenden Wochen um die letzte Chance, doch noch irgendwie die Klasse zu halten. Ein Sieg im Heimspiel gegen Hannover wäre immens wichtig für dieses überaus schwierige Vorhaben. Und auch wenn die Zeilen des Clubs einen anderen Eindruck verbreiten könnten: Die Unterstützung, gerade von den Kölner Ultra-Gruppen, war selbst in den dunkelsten Stunden des historischen Hinrunden-Desasters besser als bei so manchem Champions-League-Aspiranten.

Ungeachtet aller politischen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten hinsichtlich der Zukunft des 1. FC Köln wurde der Support nie eingestellt, nicht einmal heruntergefahren. Dass der Club ausgerechnet in dieser Phase der Saison die offene Auseinandersetzung mit den eigenen Anhängern aktiv sucht, ist mindestens merkwürdig. Vielleicht aber sogar fahrlässig. Das wird sich bald zeigen.

Noch keine Reaktion von „Südkurve 1. FC Köln“

Noch haben die Ultra-Gruppen nicht öffentlich auf die Attacke des Vereins reagiert. Und komplett unmöglich erscheint es nicht, dass man sich bei der aktiven Fanszene dazu entscheidet, zunächst einmal nicht auf das Vorgehen des Clubs zu reagieren und die Mannschaft in gewohnter Manier weiter zu unterstützen – zumindest bis die Messe in der Bundesliga endgültig gelesen ist. Es wäre eine clevere Reaktion.

Sollte es andererseits zu Krawallen oder einem Stimmungsboykott kommen, würde man sich beim 1. FC Köln, so viel sollte mittlerweile klar sein, sicher nicht zieren, die in diesem Konflikt landesweit beliebte „Ultras nehmen sich wichtiger als den Verein“-Karte zu spielen. Verzichten die Ultras allerdings auf eine Reaktion, könnten sie die Botschaft prompt retour schicken.

„Schwarze Wand“ im Mai 2012 | Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Dann, allerdings nicht nur dann, müsste sich der Kölner Vorstand schließlich erst recht Fragen lassen, ob ihm angesichts des Inhalts und des Zeitpunkts seines Offenen Briefs die eigene politische Agenda eigentlich wichtiger ist als der Erfolg der Mannschaft. Die Vorfälle vom letzten Spieltag in Frankfurt scheinen sich auf den ersten Blick jedenfalls nicht als Begründung für den plötzlichen Vorstoß heranziehen zu lassen: Wie so oft war es das Fehlverhalten weniger in Verbindung mit polizeilichen Maßnahmen, die für das Fehlen einer ganzen Zugladung Kölner Fans im Auswärtsblock gesorgt haben. Diesen Vorfall trotz insgesamt überragender, mittlerweile in Europa bekannter, Unterstützung als Anlass für eine siebenseitigen Abrechnung zu nehmen, kann eigentlich niemand ernst meinen.

1. FC Köln 2017/18: Außendarstellung from Hell

Nach den Possen um die Abgänge von Jörg Schmadtke und Peter Stöger und die Nicht-Verpflichtung von Horst Heldt, scheint die jetzige Eskalation der Fan-Problematik also nur der nächste von einigen Tiefpunkten in der Außendarstellung des Vereins in der jüngeren Vergangenheit zu sein. Die Verfehlungen im Umgang mit Mitgliederrat und Kritikern sind da noch gar nicht mit in der Betrachtung. Und auch die offensichtlichen Probleme in der sportlichen Leitung des Clubs, dem Kerngeschäft des Vereins, wurden vom Präsidium ganz offensichtlich nicht rechtzeitig erkannt.

>>> Wie DFB-Strafen und Regressforderungen die Fankultur bedrohen 

Und so liegt der Verein mit einer Sache in seinem Brief am Ende ganz sicher richtig: Vieles erinnert rund um den 1. FC Köln gerade an das Jahr 2012. Das liegt allerdings nicht nur an der „kleinen Gruppe“ namens Ultras. Es liegt auch daran, dass der aktuelle Vorstand ergänzt um die Geschäftsführung spätestens nach der Qualifikation für den Europapokal schnell anfing, offen von einem 75.000 Zuschauer fassenden Stadion zu fantasieren, Kritik von der Basis immer mehr zu ignorieren und über all den kapitalistischen Motiven das Kerngeschäft aus dem Blick zu verlieren.

Vieles erinnert an das Jahr 2012

In der Saison 2011/12, wenngleich die finanzielle Situation damals deutlich bedrohlicher war, kam es nach ähnlichen Symptomen schließlich zum Rücktritt Wolfgang Overaths, der in seinen Kritikern zuvor übrigens auch immer nur eine kleine Minderheit hatte erkennen wollen. Bis die ganz plötzlich ziemlich groß war.

Damals war schlussendlich ein Neuanfang auf Führungsebene notwendig, um den schwer zerrissenen Club zu vereinen. Allzu viele Ähnlichkeiten zur Situation von vor sechs Jahren sollte man sich bei der Vereinsführung also nicht wünschen. Sonst könnte es retrospektiv irgendwann heißen: Eigentlich war an Aschermittwoch schon alles vorbei.

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5 Kommentare

  1. Man kann sicherlich darüber diskutieren, ob der Zeitpunkt seitens des Vereins der richtige war. Aber gibt es für so was überhaupt den einen richtigen Zeitpunkt? Außer Frage steht für mich, dass der Verein das Recht und sogar die Pflicht hat, zu reagieren. Die handelnden Personen stehen hier schließlich in der Verantwortung.
    Kommen wir zurück zur Basis: Wir stehen zu dir, in guten wie in schlechten Zeiten. Dies wird in vielen Liedern in jeglicher Art besungen. Und daran sollte man sich für den Rest der Saison erinnern. Die Mannschaft bis zum Ende zu unterstützen. Unsere Fanbase (Wilde Horde, Boyz) und natürlich auch der Rest aus der Kurve sollten sich zumindest bei den Spielen darauf besinnen, damit das Wunder noch geschafft werden kann. Bitte keine Spruchbänder, Demos oder Stimmungsboykott. Die Mannschaft kann letztendlich am wenigsten dafür.
    Dialog: Bitte, ja!
    Boykott: NEIN!!
    Schmollen: vielleicht.

  2. Ich stimme euch in einem Punkt zu: Der Zeitpunkt des Offenen Briefes ist zumindest suboptimal. Ansonsten kann man die Argumente drehen und wenden wie man will, die einzige Lösung wird sein wieder an einen Tisch zurückzukehren und miteinander zu sprechen. Im Interesse des Vorstands, im Interesse des gesamten Vereins aber auch im Interesse der Ultras. Denn meine Wahrnehmung ist durchaus auch die, dass „das Verständnis nicht der Clubspitze, sondern vielmehr der Mitglieder, Fanclubs und Fans, die nicht dieser kleinen Gruppe angehören, (…) aufgebraucht“ ist. Im Moment sollten wir alle nur ein gemeinsames Ziel haben und das ist der Klassenerhalt. Dafür sollten Fans, Mannschaft und Vorstand ihre Energie einsetzen und sie nicht auf Nebenkriegsschauplätzen verschwenden. Wenn der Klassenerhalt (hoffentlich) geschafft ist (aber noch vielmehr wenn er nicht geschafft wird), sollten alle mal ganz tief durchatmen und die Kommunikation miteinander wieder neu beleben.

  3. Diese „Gegendarstellung“ befeuert leider komplett das, was der offene Brief der Ultra-Szene vorwirft und was gleichzeitig die Ultra-Szene dem Vorstand vorwirft: absolute Unfähigkeit zur Selbstreflektoren.
    Anstatt auf Argumente aus dem Brief einzugehen werden nur Dinge im Detail erläutert, wo der Vorstand durchaus Traditionen in Gefahr bringt. Aber das ist auch deine Aufgabe als Unternehmen – nach vorne zu schauen und Lösungen für die Zukunft zu suchen.
    Ich bin ehrlich gesagt geradezu enttäuscht, wenn effzeh.com so eine Darstellung veröffentlicht und nur gegen den Vorstand schießt, statt – und da stimmt der Brief des FC leider zu 100% – den Dialog zu suchen.

    Ich war ebenfalls in Belgrad dabei und was dort passiert ist, war eine Schande für alle Fans des Effzeh – das es keiner Ultra Gruppierung gekonnt dazu Stellung zu nehmen ohne gleich zu sagen „ja, aber schuld liegt auch bei…“ zeigt einfach ein Selbstverständnis der ultra Szene, die ich nicht nachvollziehen kann.

    Darüber hinaus sind im offenen Brief 8 oder 9 Punkte dargestellt. Dieser Beitrag hier greift aber nur die 2 Punkte auf, die durchaus kritisch von vielen – auch nicht Ultra- Fans gesehen wird: Investoren und Stadionfrage.
    Über mangelnde Dialog-Bereitschaft wird kein Wort verloren.

    Mit den Beitrag habt ihr ein riesen maß an Glaubwürdigkeit bei mir verspielt.

  4. Der Kommentator, Sven Richartz, übersieht leider komplett, dass das Statement des FC eindeutig eine Reaktion auf das Bombardement durch mehrere offene Briefe seitens „Südkurve 1. FC Köln e. V.“ aus den letzten Monaten darstellt. In all diesen Monaten hat die Clubführung die Füße stillgehalten und auf Deeskalation gesetzt, was als Konsequenz lediglich noch mehr offene und weithin gleichlautende Briefe mit Anschuldigungen in teils harschem Ton hatte. Und jetzt, wo man Punkt für Punkt auf die Anschuldigungen eingeht, gießt man Öl ins Feuer? Aha. Offenbar darf die Clubspitze nur eines, nämlich sich auch in Zukunft mit Dreck bewerfen lassen und dabei stillhalten, weil alles andere angeblich Eskalation bedeutet. Die Gegenseite hingegen darf alles, sogar die AG Fankultur und damit den Dialog komplett boykottieren und sich als Sprachrohr der Fans schlechthin präsentierten, was sie definitiv nicht ist und, wenn sie so weitermacht, auch nie sein wird.

    Wer angesichts der sportlichen Krise, in welcher der Verein steckt, auf Ruhe im Karton pocht, sollte infrage stellen, ob der Vorstand-raus-Kokolores und die offenen Briefe von „Südkurve 1. FC Köln e. V.“ nebst totaler Verweigerungshaltung diesem Ziel gerecht werden. Stattdessen wird als Unverschämtheit betrachtet, dass die Vorstandsmitglieder des e. V. im FC-Schreiben beim Namen genannt werden. Damit haben komischerweise Vorstandsmitglieder anderer Vereine kein Problem, im Gegenteil, die freuen sich, wenn sie mal erwähnt werden.

    Aber vielleicht ist diese „Südkurve 1. FC Köln“ gar kein normaler e. V., sondern lediglich Plattform zweier Ultras mit Führungsanspruch?

    • Das Problem ist dass die beiden als „Meinungsmacher der Ultra-Szene“ dargestellt werden, und nicht als vorsitzende des Südkurve 1. FC Köln e.V

      Ja, die beiden sind Ultras. Ja, die beiden haben in der Szene durchaus was zu sagen. Aber im Kontext des Briefes werden sie so auch als Hauptverantwortlich für jede Entgleisung der Szene dargestellt. Und das ist schlicht falsch.