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Meinung

Kölner Personaldilemma nach Beierlorzer-Verbleib: Kein Umbruch ohne Widerstand

Beim 1. FC Köln passiert am Montag gar nichts, am Dienstag sickert dann durch warum. Geschäftsführung und Gremien sind sich offenbar nicht einig. Passieren muss trotzdem bald was. Ein Kommentar.

Veh Wehrle
Fotos: Christof Koepsel/Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images | Montage: effzeh.com

Es ist kompliziert: Aber mit der Entscheidung, erst einmal nichts zu entscheiden, hat der 1. FC Köln sich irgendwie dann doch entschieden. Aber der Reihe nach: Während zu Wochenbeginn nahezu alle Publikationen rund um die „Geißböcke“ schon fest davon ausgegangen waren, dass der Traditionsclub sich von seinem Cheftrainer Achim Beierlorzer – und vielleicht sogar von Geschäftsführer Armin Veh – kurzfristig trennen werde, kam dann doch alles anders. Wie der 1. FC Köln am Dienstagmittag mitteilte, bleiben sowohl Beierlorzer als auch Veh im Amt – vorerst.

„Die aktuelle Situation haben wir in ausführlichen Gesprächen mit Geschäftsführung, Sportkompetenzteam und Gemeinsamem Ausschuss sehr gründlich analysiert. Gemeinsam sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass wir unserem Cheftrainer Achim Beierlorzer das Vertrauen aussprechen“, heißt es in der Mitteilung des Vorstands. Die neugewählten Vereinsoberhäupter sind erst seit Spätsommer im Amt – die ersten Krisensitzungen in der Amtszeit von Präsident Werner Wolf und seinen Vizepräsidenten Dr. Jürgen Sieger und Eckhard Sauren endeten nun also im unverhohlenen Zeitspiel: „Der Vorstand ist mit dem Ziel angetreten, den 1. FC Köln nachhaltig in der Bundesliga zu etablieren. Jedoch gelingt uns das nicht mit Schnellschüssen und nicht über Nacht.“

Veh und Wehrle gegen Beierlorzer-Entlassung

DUESSELDORF, GERMANY - NOVEMBER 03: Head coach Achim Beierlorzer of Koeln looks dejected after loosing the Bundesliga match between Fortuna Duesseldorf and 1. FC Koeln at Merkur Spiel-Arena on November 03, 2019 in Duesseldorf, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Spielball verschiedener Interessen: Achim Beierlorzer | Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Über die Hintergründe dieser Entscheidung kursieren in der Kölner Presse derweil bereits am Dienstag mannigfaltige Mutmaßungen. Einig sind die meisten Medienberichte sich jedoch in einem Punkt: Die Geschäftsführung des 1. FC Köln, bestehend aus Armin Veh und Alexander Wehrle, hat sich am Montag gegen eine Trennung von Beierlorzer ausgesprochen.

Beim Sportchef der Kölner ist das keine große Überraschung: Veh hatte seinen baldigen Abschied aus Köln bereits in der Vorwoche öffentlich gemacht, zudem ist Beierlorzer eine Verpflichtung des 58-Jährigen gewesen – fliegt sein Trainer, ist auch Veh gescheitert. Dementsprechend konsequent setzte sich der Franke für Beierlorzer ein – offenbar inklusive der Ankündigung, selbst die Brocken hinzuschmeißen, sollte die Clubführung ihn überstimmen. Beierlorzer zu entlassen, hätte also eine vorherige Amtsentbindung von Armin Veh notwendig gemacht – der Geschäftsführer der KG hätte die Kündigung schließlich formal aussprechen müssen.

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Das allein hätten die Gremien des Clubs vermutlich sogar noch hingenommen. Doch auch Alexander Wehrle hat bei den Kölner Verantwortlichen am Montagabend offenbar für Kopfschmerzen gesorgt: Der Geschäftsführer-Kollege von Veh positionierte sich ebenfalls eindeutig pro Beierlorzer und damit auch pro Veh.

Drohte auch Wehrle mit sofortigen Konsequenzen?

Auch das ist kein Wunder: Der 44-Jährige hatte sich seinen Co-Geschäftsführer vor gut zwei Jahren ohnehin als Nachfolger von Jörg Schmadtke unter einem führungsschwachen Vereinsvorstand nahezu alleine ausgesucht. Ob der Schwabe ähnlich wie Veh damit drohte, direkt Konsequenzen zu ziehen, sollte eine Entscheidung getroffen werden, die nicht dem Gusto der Geschäftsführung entspricht, ist derweil nicht ganz klar. Joachim Schmidt von der Kölnischen Rundschau sagt zumindest: ja.*

Im „Gemeinsamen Ausschuss“, dem mächtigsten Entscheidungsgremium des Clubs, hat die Haltung der Geschäftsführer und eine deshalb befürchtete Kettenreaktion offenbar für ausreichende Bedenken gesorgt. Auch deswegen dürfte man sich schlussendlich spät am Montagabend für das Zeitspiel und gegen das gefühlte Risiko entschieden haben – vorerst.

Geschäftsführer Alexander Wehrle | Foto: Mika Volkmann/Bongarts/Getty Images

Die Reaktion von Fans und Umfeld blieb derweil nicht aus: Viele Anhänger zeigten sich enttäuscht, hatten sie doch nach Pokal-Aus und Derby-Pleite mit einem konsequenten Schnitt gerechnet. Auch die Kölner Presse tat sich schwer mit einer Einschätzung: Während der Express die zu große Macht der Geschäftsführung als zentrales Problem des Vereins ausgemacht hat, beschränkten sich andere Blätter zunächst weitestgehend darauf, die Hintergründe zu beleuchten. Klar ist dennoch: Begeisterung herrscht angesichts des Vorgehens nirgendwo. Der Druck auf das neue Präsidium ist durch die selbst herbeigeführte Verschnaufpause nicht gesunken. Ebenso klar ist: Erst das Zögern am Montag, dann die durchgesickerten Informationen am Dienstag – die letzten Tage haben Kratzer hinterlassen. Bei Beierlorzer, beiden Geschäftsführern und auch beim neuen Vorstand.

Selbstbewusstsein und Bilanz passen nicht zusammen

Aber aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Für Werner Wolf und Co gilt es daher, die Zeit bis zum Spiel gegen Hoffenheim am Freitag nicht ungenutzt verstreichen zu lassen. Das neue Präsidium wurde im Spätsommer von den Mitgliedern nicht gewählt, um alles so zu machen wie gehabt, sondern um den 1. FC Köln neu auszurichten und einen Umbruch einzuleiten.

Dazu gehören Widerstände – der Mensch mag Veränderungen schließlich nicht besonders gern. Allzu große Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Geschäftsführung sollte der Vorstand aber spätestens in der Länderspielpause nicht mehr nehmen – und gerade dann nicht, wenn die Geschäftsführer mit mehr Selbstbewusstsein unterwegs sind, als ihre sportliche und finanzielle Bilanz es hergibt. Nicht nur die Uneinigkeit in zentralen strategischen Fragen und das Verhalten von Wehrle und Veh zu Wochenbeginn spricht eine klare Sprache – auch der Status Quo auf Spielfeld und Konto ist derzeit wahrlich kein Grund, Sportchef und Finanzchef mit Samthandschuhen anzufassen.

Zur Not eben ohne „Gemeinsamkeit“

„Wir haben viele grundlegende Entscheidungen zu treffen“ ließen Wolf, Sieger und Sauren am Dienstag wissen – dafür brauche man „Gemeinsamkeit“ und „eine gewisse Zeit“. Letztere sollte die Führungsetage nun dringend nutzen, um entscheidende Weichen zu stellen. Denn sollten die Geschäftsführer einer Neuausrichtung des Vereins im Wege stehen und nicht mit dem neuen Vorstand in einem Team spielen wollen, ist das zwar ihr gutes Recht – sie könnten kündigen und den Verein verlassen, ohne Abfindung. Es ist aber eben dann auch das gute Recht des 1. FC Köln, sich von einer Geschäftsführung, die nicht mitzieht, zu trennen und die Stellen neu zu besetzen. Möglich wäre das – und ratsam vermutlich obendrein.

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Am Geißbockheim müssen tatsächlich „grundlegende Entscheidungen“ getroffen werden – vielleicht sogar weitreichendere als man zunächst dachte und mit weniger „Gemeinsamkeit“ als man das gerne hätte. Aber, soviel ist nach 25 Jahren in der Krise sicher, der 1. FC Köln wird auch das überleben.

 

*Anmerkung der Redaktion: Alexander Wehrle hat mittlerweile bestritten, mit seinem Rücktritt gedroht zu haben. Mehr dazu gibt es hier

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