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Analyse

Der 1. FC Köln zur Weihnachtspause: Über Ballbesitz, Aktionszonen und Torabschlüsse

In der kurzen Pause zum Jahresende schnauft der 1. FC Köln vor anstrengenden Wochen durch. Wir werfen einen Blick auf die nächsten Monate – und wühlen uns durch Statistiken.

Foto: Alex Grimm/Getty Images

In der Bundesliga auf einem Nichtabstiegsplatz, im Pokal im Achtelfinale – so lautet die vorläufige Zwischenbilanz des 1. FC Köln während der kurzen Weihnachtspause. Bevor der FC am kommenden Samstag mit einem Heimspiel gegen den FC Augsburg in das Jahr 2021 startet, konnten Spieler und Verantwortliche ein paar Tage durchschnaufen. Nach dem Einzug in die nächste Runde im DFB-Pokal am vergangenen Dienstag hatten die FC-Profis genau eine Woche sechs Tage frei, schon am Dienstag nach dem Fest wird es dann wieder knackig. Bis zum Saisonende am 22. Mai stehen noch mindestens 22 Spiele (inklusive DFB-Pokal) auf dem Programm, darunter drei Wochen mit Spielen an Wochentagen. Einzig Ende März werden einige Spieler sich ausruhen können, denn dann wartet die einzige Länderspielpause.

In dieser aus sportlicher Sicht so besonderen Corona-Saison ist es für die Profis daher eine große Herausforderung, weil die Abläufe gänzlich anders sind. Normalerweise hätte nach dem Pokalspiel gegen Osnabrück eine Winterpause angestanden, in der der FC womöglich ins Ausland zum Trainingslager geflogen wäre, um dort wieder im athletischen und taktischen Bereich zu arbeiten. Diese Form der Trainingsgestaltung findet in dieser Saison nicht statt, denn es geht quasi ohne Pause weiter: taktische Auffrischungsarbeit wird bis zum Ende der Spielzeit nur unter der Woche stattfinden können. Ein größeres Augenmerk dürfte in der Saison- und Trainingsplanung des 1. FC Köln auch in der Belastungssteuerung gelegen haben, denn bei der Vielzahl an Spielen werden Erholung und Pflege viele Arbeitstage der FC-Profis in Anspruch nehmen. Markus Gisdol wird daher in den kommenden Wochen und Monaten auch häufiger dazu gezwungen sein, proaktiv personelle Veränderungen vorzunehmen und die Belastung gleichmäßig zu verteilen.

Obuz neu dabei, Hector bald wieder komplett spielfit

Als neues Kadermitglied wird er Marvin Obuz begrüßen können, der nach starken Leistungen in der Nachwuchsabteilung fortan als offensiver Mittelfeldspieler eine weitere Alternative darstellt. Der 18-Jährige überzeugte zuletzt in der U21 der „Geißböcke“ und nimmt fortan am Trainingsbetrieb der Profis teil. Ob es zu weiteren Zugängen kommt, ist derzeit unklar: Ähnlich wie im Sommer wird der 1. FC Köln erst Spieler von der Gehaltsliste bekommen müssen, um Budget für Neuverpflichtungen zu schaffen. Spieler wie Christian Clemens, Marco Höger und Frederik Sörensen sitzen auf gut dotierten Verträgen, sind sportlich allerdings keine Alternative. Und da ihre Verträge im Sommer auslaufen, müssten sie sich eigentlich Spielpraxis holen, um für neue Vereine interessant zu werden. Dass auch nur einer von den Dreien bis Saisonende noch eine tragende Rolle in der Mannschaft einnimmt, ist sehr unwahrscheinlich.

FRANKFURT AM MAIN, GERMANY - DECEMBER 18: Jonas Hector of 1. FC Koeln scores his team's first goal during the Bundesliga match between Eintracht Frankfurt and 1. FC Koeln at Commerzbank-Arena on December 18, 2019 in Frankfurt am Main, Germany. (Photo by Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images)

Foto: Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images

Mit Florian Kainz und Sebastian Andersson fehlen dem Tabellenfünfzehnten derzeit zwei Schlüsselspieler, mit deren Rückkehr nach jetzigem Stand vor Februar nicht zu rechnen sein wird. Beide waren eigentlich als Stammspieler eingeplant, fallen aber seit Sommer (Kainz) und immer wieder seit September (Andersson) aus. Der Schwede soll nun sein verletztes Knie schonen. Dadurch ergibt sich eine Problemstelle im Sturm, wo Anthony Modeste trotz seines Tores gegen Osnabrück noch weit von der Bestform entfernt ist. Ähnliches gilt für Kapitän Jonas Hector, der zwischendurch lange ausgefallen war, aber immerhin zuletzt schon drei Kurzeinsätze feiern durfte. Er wird in den kommenden Wochen wohl wieder eine ernsthafte Option für Gisdol.

Markus Gisdol schafft mit einem pragmatischen Stil die Wende – vorerst

Letzterer war nach der langen Serie ohne eigenen Sieg zwischendurch schon mächtig angezählt worden, auch von uns. Doch während die Kritik immer lauter wurde, hielt Geschäftsführer Horst Heldt an seinem Freund Gisdol fest – und dieser feierte in Dortmund und gegen Mainz zwei dringend benötigte Siege. Unentschieden gegen Wolfsburg und Leipzig bestätigten den leichten Aufwärtstrend der Kölner. „Wir sind auf dem Weg, den Turnaround zu schaffen“, sagte Gisdol nach dem mühsamen 1:0-Erfolg gegen Osnabrück. Tatsächlich: In den letzten sechs Pflichtspielen verlor seine Mannschaft nur einmal, und das deftig mit 0:4 gegen Leverkusen. Doch für die restlichen vier Spiele der Hinrunde gegen Augsburg, Freiburg, Hertha und Schalke hat sich der FC unter dem vorher so stark kritisierten Trainer stabilisiert und tabellarisch in eine gute Position gebracht.

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Mit elf Punkten aus 13 Spielen ist der 1. FC Köln dabei aber nicht in Sphären unterwegs, in denen man von begeisterndem Fußball sprechen könnte. Und auch ein Blick in die Statistiken offenbart nach 13 Spieltagen, dass der FC mit seinen fußballerischen Darbietungen nicht wirklich wert auf Spektakel legt. Der Zweck heiligt die Mittel, natürlich, auch und gerade im Abstiegskampf. Doch aus den Statistiken lassen sich auch Trends und Herangehensweisen herauslesen, die vielleicht einen Ausblick geben können auf das, was uns im kommenden Jahr erwartet – und wie erfolgversprechend das ist. Es ist kein Geheimnis, dass Markus Gisdol einen eher pragmatischen Stil pflegt. Die Zahlen bestätigen genau dies.

Das Problem heißt Ballbesitz

Thema Ballbesitz: Mit 74,9 Prozent hat der 1. FC Köln die zweitniedrigste Passgenauigkeit der Liga, mit 42,9 Prozent die wenigsten Ballbesitzphasen aller Erstligisten. Mit durchschnittlich nur 315 Kurzpässen pro Spiel liegt der FC in einer weiteren Statistik auf Rang 18. Das Mittel der Wahl sind eher die langen Pässe, von denen der FC pro Spiel durchschnittlich 69 spielt – nur Arminia Bielefeld tut dies häufiger. Auch bei der durchschnittlichen Anzahl an Dribblings pro Spiel ist der FC mit 6,6 eher schlecht unterwegs (Rang 16). Dementsprechend ergibt sich: In der Offensive ist beim 1. FC Köln wenig los, nur 23 Prozent aller Aktionen finden im letzten Drittel (und damit in der Defensive des Gegners) statt. Damit liegt das Team von Markus Gisdol gleichauf mit Teams wie Schalke, Bielefeld und dem samstäglichen Gegner aus Augsburg. Die „Geißböcke“ erzielten nur sieben Tore aus dem Spiel heraus, Rang 16. Mit 8,8 Torschüssen im Durchschnitt rangiert der Bundesligaaufsteiger aus 2019 ebenfalls auf einem der hinteren Plätze (17). Das Portal Whoscored weist sogar kein einziges Tor nach einem Konter aus, wenngleich diese Definition von Gegenangriff doch arg rigide ist.

Foto: Frederic Scheidemann/Getty Images

Diese Statistiken sind allerdings nicht mehr als Indizien, was die fußballerische Leistungsfähigkeit der Mannschaft beschreibt. Denn in einer der spannendsten und gleichzeitig sehr relevanten Statistik liegt der FC ganz vorne: 15 Prozent aller Torabschlüsse entstehen im gegnerischen Fünfmeterraum, wo eine hohe Torwahrscheinlichkeit besteht. Es ist nicht ganz klar, woran das liegt, denn der FC ist weder besonders gefährlich bei Standardsituationen (vier Tore und ein Elfmeter, damit jeweils im Mittelfeld) noch hat er eine überdurchschnittlich hohe Anzahl an Abschlüssen im Sechzehner generell. Wenn es geplant ist, dass FC-Spieler aus guten Positionen zum Abschluss kommen sollen, anstatt aus der Ferne und ungünstigen Situationen zu schießen, deuten diese Zahlen auf ein erfolgreiches Vorgehen hin – wenngleich diese Statistik in einigen Wochen nochmal überprüft werden sollte.

Die Leistungen sind offen für Schwankungen

Die Statistiken, die durch Daten der Portale whoscored.com, Wyscout und Statsbomb zusammengetragen wurden, verdeutlichen den Stil des FC: Markus Gisdols Mannschaft steht tief, versucht über lange Bälle das Mittelfeld zu überbrücken und dann den zweiten Ball zu gewinnen. Dabei kommt es unweigerlich zu vielen Zweikämpfen, bei denen der FC am fünfhäufigsten selbst foult und am vierthäufigsten gefoult wird. Wirklich relevant sind natürlich nur die Punkte, klar: Aber wenn die Leistungen des FC auf diese Weise ein wenig genauer unter die Lupe genommen werden, lassen sich daraus vielleicht Voraussagen treffen.

Deswegen wird es für den 1. FC Köln in den kommenden Wochen nicht einfacher, ganz im Gegenteil: Jedes Spiel mit dieser Spielweise ist ein enger Wettbewerb, bei dem viel an Kleinigkeiten hängt. Überlässt der FC dem Gegner den Ball, muss er auf andere Art und Weise zum Erfolg kommen – hier hat sich allerdings noch kein besonderer Stil ausgeprägt. Und wenn kein Stil ausgeprägt ist, sind Leistungen und damit die Ergebnisse offen für Schwankungen. Von daher wird es bis zum Ende der Saison ein enger Kampf für den 1. FC Köln um Punkte – von den jüngsten Ergebnissen sollten sich die Verantwortlichen am Geißbockheim daher nicht täuschen lassen.

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