Folge uns
.

Meinung

Horst Heldt zum Zustand des 1. FC Köln: Was sieht er, was wir nicht sehen?

Der 1. FC Köln ist mittlerweile eine Halbserie ohne eigenen Sieg. Für Horst Heldt jedoch kein Grund, eine Trainerdiskussion zu führen. Wie weit wird der Geschäftsführer gehen, um seinen Intimus Markus Gisdol zu schützen?

Foto: Maja Hitij/Bongarts/Getty Images

Es war ein trister Freitagabend in Bremen, als Schiedsrichter Florian Badstübner nach 90 erschreckend schwachen Minuten die Partie zwischen Werder und dem 1. FC Köln abpfiff. Im wohl bis dato niveauärmsten Spiel der aktuellen Bundesligasaison offenbarten beide Mannschaften, dass sie derzeit über einige Schwachstellen verfügen. Der FC war an die Weser gereist, um den Gastgebern den Ballbesitz zu überlassen – damit wusste das Team von Florian Kohfeldt allerdings wenig anzufangen. Die Kölner, deren Spielidee in dieser Saison offenbar daraus bestehen soll, nach Ballgewinn schnell zu kontern, schenkten jeden Ballbesitz überhastet und planlos wieder her. Mittlerweile ist die Mannschaft von Trainer Markus Gisdol in dieser Saison seit sieben, in Addition mit der vergangenen Spielzeit seit 17 (!) Spielen ohne eigenen Sieg.

Eine zumindest in Teilen unglückliche Heimniederlage gegen Hoffenheim, ein enttäuschendes 0:1 in Bielefeld, eine erwartbare Derbypleite gegen Mönchengladbach, zwei mühsam erarbeitete Unentschieden gegen Frankfurt und Stuttgart und ein knappes 1:2 gegen lustlose Bayern – der 1. FC Köln war in dieser Saison bislang noch nicht wirklich in der Nähe eines verdienten Sieges. Die knappe Viertelstunde mit einem 1:0 im Rücken gegen Werder waren die einzigen Minuten, in denen der FC führte. Die erfolgreichen Spiele zu Beginn des Jahres, als die „Geißböcke“ durch Umschaltspiel und Standardsituationen und Spieler wie Jhon Cordoba und Mark Uth auch bessere Mannschaften besiegen konnten, sie scheinen weiter weg denn je. Im Herbst 2020 ist die fußballerische Identität nicht zu erkennen, die Neuzugänge mühen sich nach Kräften (Ondrej Duda, Dimitrios Limnios), sind noch nicht richtig bundesligatauglich im körperlichen Sinne (Tolu Arokodare) oder beides (Sebastian Andersson). Einzig Marius Wolf scheint derzeit die einzig sinnvolle Verstärkung zu sein.

Horst Heldt lehnt eine Trainerdiskussion ab

Und so war es einigermaßen verwunderlich, dass sich Geschäftsführer Horst Heldt nach dem Spiel in Bremen vor die Presse stellte und sagte: „Wir haben nur eines der vergangenen vier Spiele verloren – das ist auch eine Statistik, die man heranziehen könnte.“ Natürlich hat er damit recht – die Frage ist allerdings, wie stark das Problembewusstsein am Geißbockheim derzeit ausgeprägt ist, wenn ein Punktgewinn wie dieser noch als Erfolg verkauft wird. Zur Erinnerung: Für den 1. FC Köln geht es in dieser Saison einzig und allein um den Klassenerhalt. Dabei hat sich der Verein dazu verpflichtet, diese Aufgabe mit dem Duo Heldt und Gisdol anzugehen. Der Beleg dafür sind die Vertragsverlängerungen, die die beiden Führungskräfte im Sommer unterzeichnen durften. Schließlich hatten sie das Soll in der vergangenen Saison erfüllt, nachdem sie den 1. FC Köln im November gemeinsam übernommen und dann in einer Achterbahnfahrt zum Klassenerhalt geführt hatten.

Foto: Martin Rose/Getty Images

Umso bizarrer wirkt es daher, dass Heldt in Bezug auf die Serie an Spielen ohne eigenen Sieg eine andere Meinung hat als Teile der Öffentlichkeit. Er müsse damit leben, dass die Leistungen des 1. FC Köln saisonübergreifend betrachtet würden, sagte er nach der Partie gegen Bremen – er selbst sehe das anders. Inwieweit die Vertragsverlängerung in seine Gedankengänge einfließt, sagte er hingegen nicht. Einer Trainerdiskussion verschließt er sich ebenfalls. „Warum ist es für den FC nicht legitim, eine solche Phase durchzustehen wie Bremen letzte Saison mit Florian Kohfeldt?“, fragte Heldt am Sonntag im Doppelpass. Er selbst wolle diesen Reflexen nicht folgen, Gisdol sei nicht das Problem. Vielmehr flüchtet sich der Geschäftsführer in seinen öffentlichen Aufritten fast schon in esoterische Überlegungen, beispielsweise in Bezug auf die Fans und das erste Heimspiel gegen Hoffenheim. Diese hätten dort das beispielsweise das späte 2:3-Siegtor der Gäste „weggeschrien“, erklärte Heldt.

Eine interessante Sichtweise zweifellos. Allerdings wird auch die Frage erlaubt sein, warum Heldt nur diese Seite beleuchtet. Es kommt, so ehrlich muss man sein, dem 1. FC Köln in seiner jetzigen Verfassung auch zugute, dass die Fans nicht im Stadion sind. Es ist schwer vorstellbar, dass die Leistung im Derby gegen Gladbach oder auch die ein oder andere Auswärtspleite von den Fans nur wohlwollend kommentiert worden wären. Pfeifkonzerte, Transparente und kritische Stimmen – das alles findet momentan nicht statt. Horst Heldts Aufgabe besteht momentan darin, den wenigen Pressevertretern seine Sicht der Dinge darzulegen. Das muss nicht nur negativ sein, zumindest für den Geschäftsführer.

Heldt möchte den Bremer Weg – um jeden Preis?

Und eine weitere Sache erscheint kurios: Der Verweis auf Werder Bremen, wo die Verantwortlichen in der vergangenen Saison trotz einer lang anhaltenden Ergebnis- und Leistungskrise an Trainer Florian Kohfeldt festhielten, ist auf den ersten Blick natürlich interessant. Für einige Medien wie den Geissblog sogar so sehr, dass dort den Nordlichtern attestiert wird, unter Kohfeldt in der neuen Saison „durchgestartet“ zu sein. Die jüngsten Eindrücke, auch aus dem Spiel gegen den FC, lassen zumindest noch Zweifel offen, ob der Bremer Weg wirklich so erfolgsversprechend ist.

Es wäre dem 1. FC Köln zu wünschen, dass er es dieses Mal ohne einen Trainerwechsel aus einer Krise schafft und sich berappelt, um dann langfristig etwas Nachhaltiges aufbauen zu können. Die letzten Monate berechtigen jedoch auch zur gegenteiligen Sicht: Aktuell ist nicht klar, wie die „Geißböcke“ in der Bundesliga Spiele gewinnen möchten. Daran hat auch Gisdol seinen Anteil, der in der Vorbereitung auf die neue Saison erst spät fußballerische Inhalte in den Vordergrund stellte. Und klar, es hat nicht geholfen, dass die Neuzugänge erst spät zum Kader stießen.

Auch interessant
Unentschieden gegen Bremen: Fußballerische Bankrotterklärung des 1. FC Köln an der Weser

Auch einige Spieler zeigten sich nach dem Bremen-Spiel durchaus kritisch. Rafael Czichos sagte: „Wir müssen extrem an dem Spiel nach vorne arbeiten, weil wir da viel zu hektisch und zu ungenau sind.“ Sebastian Andersson zeigte sich frustriert darüber, dass die Mannschaft nach vorne nicht viel kreiert bekam. „Es ist schwierig zu sagen, was jetzt in der Länderspielpause passieren muss“, gestand der Schwede, der selbst nicht zur Nationalmannschaft reisen, sondern sich einem kleinen Eingriff am Knie unterzog. Zwei Wochen zusätzliche Vorbereitungszeit also für den 1. FC Köln, sagen die einen – vielleicht auch zwei Wochen Gnadenfrist für Markus Gisdol, um das Ruder herum zu reißen, sagen die anderen.

Gisdols Schicksal ist eng an Heldt geknüpft – und umgekehrt

Der 1. FC Köln muss es also einfach besser machen und an den vorliegenden Problemen (Abläufe in Ballbesitz, fehlendes Selbstvertrauen, …) arbeiten. Die Frage ist allerdings durchaus erlaubt, ob das derzeitige Konstrukt mit Heldt und Gisdol dafür das richtige ist. Denn nur aus finanziellen Gründen (der Trainer würde nach einer Trennung eine Abfindung erhalten) sollte der klamme FC nicht auf Ewigkeit an seinem Frontmann festhalten, dafür wäre das Risiko eines Abstiegs schlichtweg zu groß. Heldt und Gisdol, in diesen Tagen übrigens ziemlich genau ein Jahr in Amt und Würden, sind in ihren Schicksalen ohnehin eng aneinander gebunden.

Gelingt es dem Trainer nicht, den 1. FC Köln zu stabilisieren, muss Heldt zwangsläufig reagieren – und hätte dann „seinen“ Trainer, dem er nun auch durchaus offensiv eine zeitweise Jobgarantie ausstellte, entlassen. So ehrenhaft sein Versuch ist, Gisdol zu verteidigen: Horst Heldt sollte die Augen nicht vor der Realität verschließen. Dafür steht für den 1. FC Köln in dieser besonderen Saison unter Corona-Bedingungen zu viel auf dem Spiel. Steigt der FC in dieser Saison mit Markus Gisdol ab, muss sich der Sportchef der „Geißböcke“ vorwerfen lassen, die Warnzeichen zu lange ignoriert zu haben.

Mehr aus Meinung

.