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Geht die wundersame Aufholjagd des 1. FC Köln weiter? Oder stoppt Angstgegner Augsburg die Euphorie rund um den effzeh? Wir sprechen mit FCA-Experte Günter Klein über die Partie.

In der Rückrunde neben dem FC Bayern München als einziges Team noch ohne Punktverlust: Ja, wir reden hier vom glorreichen 1. FC Köln, der die Aufholjagd im Abstiegskampf erfolgreich eingeleitet hat. Nun geht es zuhause gegen den FC Augsburg – nicht der beliebteste Gegner rund um den effzeh, haben die „Geißböcke“ doch zuletzt 2011 in der Bundesliga gegen die Fuggerstädter gewinnen können. Mit FCA-Experte Günter Klein, der für den „Münchner Merkur“ unter anderem über das Geschehen in Augsburg berichtet, sprechen wir über die wundersame Wandlung beim aktuell Achten der Liga, wie Trainer Manuel Baum die Kurve bekommen hat und ob der effzeh einen ähnlichen Lauf starten kann wie einst der FCA, der nach neun Punkten zur Rückrunde noch die Klasse hielt.

Gemischte Gefühle nach dem Rückrundenstart beim FCA, hemmungslose Euphorie in Köln nach drei Siegen am Stück. Eine Ausgangslage, die in Augsburg für Nervosität sorgt?

Nervös wird der FC Augsburg nicht mehr, die 27 Punkte sind ein zu gutes Polster. Was er vielleicht fürchtet: Dass die positive Stimmung, die die Vorrunde prägte, sich verflüchtigt und der Alltag wieder grauer wird. Man will den Fans zumindest die Illusion lassen, dass es ums internationale Geschäft geht.

Im vergangenen Jahr mussten die Fuggerstädter lange um den Klassenverbleib zittern, Trainer Manuel Baum ging angeschlagen in die neue Saison und das Team wurde umgestaltet. Klappt es vielleicht sogar deswegen 2017/18 besser als erwartet?

Das ist wirklich ein Rätsel. Vieles sprach gegen den FCA: Ein Trainer, der die vergangene Saison kaum überlebt hätte, ein aufgeblähter Kader, groß wie eine Armee, plus einige Abgänge, die nach Flucht aussahen. Doch es zeigt sich wieder, dass Fußball keinen rationalen Prinizipien folgt. Erklärungsversuch: Eine Mannschaft ist immer sauer, wenn ihr keiner was zutraut – und besonders motiviert.

AUGSBURG, GERMANY - APRIL 05: Manuel Baum, head coach of Augsburg looks on before the Bundesliga match between FC Augsburg and FC Ingolstadt 04 at WWK Arena on April 5, 2017 in Augsburg, Germany.

Foto: Adam Pretty/Bongarts/Getty Images

Der FCA zog im Sommer einen gewaltigen Umbruch durch, Führungsspieler wie Verhaegh, Altintop und Bobadilla verließen den Verein. War das ein notwendiger Schnitt, um eine solche Seuchensaison wie im letzten Jahr nicht noch einmal zu erleben?

Zumindest waren die Umgestaltungen gut. Bobadilla fehlt kaum, weil er auch in Augsburg – ein meist übelgelaunter – Reservist war. Paul Verhaeghs Abgang wurde von manchen beweint, doch die letzte Saison zeigte deutlich, dass der Niederländer für die Bundesliga zu langsam geworden war. Halil Altintop war ein Riesentyp, vielleicht sogar der Retter im Abstiegskampf. Doch einen Mittdreißiger bindet man halt nicht mehr langfristig. Auf den Positionen der Gegangenen ist der FCA spielerisch stärker geworden.

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Daniel Baier ist der Lenker des Teams und Alfred Finnbogason sticht als Torjäger heraus, doch von außen betrachtet ist es eigentlich das Kollektiv, das den FCA so stark macht. Oder täuscht dieser Eindruck und die Einzelspieler sind doch qualitativ besser als gedacht?

Es gibt schon auch ein paar fähige Einzelspieler: Marwin Hitz gehört zu den besseren Bundesliga-Torhütern (dass er in Köln mal einen Elfmeterpunkt verunstaltet hat, sei ihm nachgesehen), der Niederländer Jeff Gouweleeuw ist der Stratege in der Innenverteidigung und wird bislang noch etwas unterschätzt. Michael Gregoritsch ist ein Volltreffer. Nicht ganz unerwartet: Er hatte beim HSV die zweitbeste Packing-Rate der Bundesliga 2016/17. Und nicht zu vergessen: Linksverteidiger Philipp Max wird für die Nationalmannschaft gehandelt.

Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

Was zeichnet das Team bisher eigentlich überhaupt sportlich aus? In der öffentlichen Wahrnehmung fliegt der FCA doch etwas unter dem Radar.

Der FC Augsburg ist stark, wenn sich die Aufstellung nicht ständig verändert und jeder Spieler einem klaren Plan folgt. So war in den guten Jahren unter Markus Weinzierl (2013 bis 15), so ist es auch jetzt unter Baum. Der FCA hat wieder seinen Stil gefunden: aggressiv anlaufen, schnell umschalten, viel über die Flügel gehen. In der Mitte hat er mit Finnbogason, Gregoritsch und Caiuby drei Spieler, die Kopfball können. Wie Freiburgs Trainer Streich gesagt hat: „Die stehen eine Ewigkeit in der Luft.“

Der FC Augsburg ist stark, wenn sich die Aufstellung nicht ständig verändert und jeder Spieler einem klaren Plan folgt. So war in den guten Jahren unter Markus Weinzierl (2013 bis 15), so ist es auch jetzt unter Baum. Der FCA hat wieder seinen Stil gefunden: aggressiv anlaufen, schnell umschalten, viel über die Flügel gehen.

Insgesamt ist Baum, der Dirk Schuster im Laufe der Vorsaison beerbte, ein interessanter Typ an der Seitenlinie. Was macht ihn als Trainer aus? Was als Person?

Manuel Baum ist kein Laptop-, sondern ein Smartphone-Trainer. Die Spieler werden von ihm sogar per WhatsApp mit taktischen Infos gefüttert. Schon als Nachwuchschef des FCA erstellte er für den Sky-Experten Erik Meijer die Champions-League-Analysen. Zur Person Baum: Man merkt ihm an, dass er noch frisch im Geschäft ist. Er versucht, auf jede Journalistenfrage eine Antwort zu finden und ist keine Spur eingebildet. Man neigt dazu, ihn zu unterschätzen. Sollte man nicht tun: Im Nachwuchsbereich hat er ziemlich radikal aufgeräumt. Da gibt es ehemalige Mitarbeiter, die nicht nett über Baum reden.

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Architekt der Mannschaft ist Stefan Reuter, der in Augsburg einen guten Job zu machen scheint. Wie groß ist sein Anteil an den starken Leistungen wirklich?

Reuter hat vor allem dem anfangs überforderten Weinzierl mit Charisma ausgeholfen. Er arbeitet in Augsburg insgesamt erfolgreich und passt zum Klub. Kritisch kann man sehen, dass er sich an entscheidenden Stellen im Verein Seilschaften aufgebaut und seine Leute geholt hat – als Mitgesellschafter übrigens den Beckenbauer-Manager Marcus Höfl. Reuters Spielertransfers in dieser Saison sind bedeutend besser als die in der vergangenen. Da stand er auch in der Kritik.

AUGSBURG, GERMANY - SEPTEMBER 09: Jonas Hector of Koeln fouls Marcel Heller of Augsburg in the penalty box during the Bundesliga match between FC Augsburg and 1. FC Koeln at WWK-Arena on September 9, 2017 in Augsburg, Germany. (Photo by Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images)

Foto: Sebastian Widmann/Bongarts/Getty Images

Haben beide Verantwortlichen vielleicht sogar das Rüstzeug für größere Aufgaben?

Reuter könnte auch bei anderen Vereinen arbeiten. Baum müsste erst durch Erfolge gewinnen, was ihm an Ausstrahlung fehlt.

In der Liga wird, wie oben bereits erwähnt, selten von Augsburg Notiz genommen. Ist das mehr Segen als Fluch für die Arbeit im Süden der Republik?

Der FCA würde die Version Segen unterschreiben – ich im Übrigen auch.

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Für den effzeh ist Augsburg echt ein rotes Tuch, seit acht Bundesliga-Spielen konnten wir die Fuggerstädter nicht mehr besiegen. Hast du eine Erklärung, warum der FCA zum Kölner Angstgegner mutieren konnte?

Der FCA handelt sicher im Auftrag von Bayer Leverkusen, das wiederum sein Angstgegner ist.

Ich hatte Augsburg, muss ich zugeben, als wahrscheinlichen Absteiger auf der Rechnung. Bei Köln dachte ich mir: Weiter aufwärts wird es nicht gehen. Aber eine Hinrunde, wie sie sich dann für den Effzeh ereignet hat, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Während der FCA um den Europapokal-Einzug kämpft, dümpelt der effzeh im Tabellenkeller herum. Hattest du das vor der Saison andersherum erwartet?

Ich hatte Augsburg, muss ich zugeben, als wahrscheinlichen Absteiger auf der Rechnung. Bei Köln dachte ich mir: Weiter aufwärts wird es nicht gehen. Aber eine Hinrunde, wie sie sich dann für den Effzeh ereignet hat, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.

Woran lag aus deiner Sicht die Kölner Misere? Fehlendes Glück oder doch fehlende Qualität?

Auch wenn das in Richtung Milchmädchenrechnung geht: Die Tore von Modeste weggerechnet, musste es so kommen. Keine Mannschaft war mehr zugeschnitten auf einen Zielspieler als Köln. Also fehlte Qualität. Es war freilich auch Pech mit Schiedsrichter-Entscheidungen im Spiel oder mit der frühen Hector-Verletzung.

COLOGNE, GERMANY - JANUARY 14: Simon Terodde of Koeln celebrates with team mates after scoring his teams winning goal during the Bundesliga match between 1. FC Koeln and Borussia Moenchengladbach at RheinEnergieStadion on January 14, 2018 in Cologne, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Augsburg hat es einmal geschafft, nach neun Punkten in der Hinrunde noch die Klasse zu halten. Glaubst du, der effzeh schafft das Sechs-Punkte-Wunder?

Mit Armin Veh hat sich der 1. FC Köln Augsburg-Kompetenz geholt, also müsste es klappen. Die Mannschaft ist sicher vermögender als die des FCA 2012/13. Mit noch 15 Spieltagen würde ich grundsätzlich keine Mannschaft abschreiben. Was hat vor ein paar Jahren Mönchengladbach unter Lucien Favre für einen Lauf gekriegt? Das Mittelfeld der Bundesliga beginnt heutzutage bei Platz 2, da kann der Letzte genügend der Oberen schlagen.

Zum Abschluss: Dein Tipp, bitte!

Weil der FCA etwas mühsam aus der Winterpause gekommen und Alfred Finnbogason nicht topgesund ist, tippe ich auf ein 1:0 für Köln.

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