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Fankultur

Repressionen gegen Ultras: Frankreich und seine Ligue 1 als warnendes Beispiel

Die Zeiten für Ultras in Frankreich waren schon einmal besser: Stadion- und Reiseverbote bestimmen den Alltag, während die französische Ligaverwaltung weiterhin den Dialog scheut. Ein Blick auf die Zustände im Nachbarland.

Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/Getty Images

Die Zeiten für Ultras in Frankreich waren schon einmal besser: Stadion- und Reiseverbote bestimmen den Alltag, während die französische Ligaverwaltung weiterhin den Dialog scheut. Ein Blick auf die Zustände im Nachbarland.

Ein durch katarisches Geld gepimpter Serienmeister aus Paris, daneben wenig Spannung in der Liga, geringe Zuschauerzahlen, teilweise Komplettausschlüsse von Fans, unzählige Sponsorenmarken auf den Trikots, ein unsinniger Ligapokal, ein fragwürdiges Branding des eigenen Produkts und ein schwieriges Verhältnis zu Ultras – die Ligue 1 Conforama (jap, genauso heißt die französische Eliteklasse seit 2017 offiziell) war schon einmal in einem besseren Zustand. Während man nach der Euro 2016 hoffte, die neuen Stadien und das gute Abschneiden würden für einen Boom sorgen, sieht man sich jetzt getäuscht. Die nackten Zahlen sprechen nämlich eine andere Sprache.

Die Gründe sind vielfältig: Zuschauerzahlen gehen zurück, Stadien- und Betretungsverbote nehmen zu, der Dialog zwischen Funkionären und Fans ist komplett zum Erliegen gekommen. Während man in Bezug auf die Bundesliga von der Angst spricht, eine gewisse „Blase“ könnte „platzen“, ist die Situation im Nachbarland schon ein wenig dramatischer – bei der LFP (analog zur deutschen DFL) scheint man allerdings eher wenig beunruhigt zu sein. Werfen wir mal ein Schlaglicht auf die wichtigsten Aspekte, die den französischen Ligafußball momentan beschäftigen – hoffentlich erkennt man dann, dass der Dialog zwischen Funktionären und Fans das einzig wirksame Mittel sein kann, um einen langfristigen Abwärtstrend in einer Liga zu stoppen.

Protest ist überall präsent

Es ist in den letzten Wochen fast zur Folklore geworden, dass in Frankreich Banner und Spruchbänder in den Fankurven gezeigt werden, die die LFP in verschiedensten Formen beleidigen. Der Protest gegen die Liga-Verwaltung ist omnipräsent – die LFP selbst scheint sich aber nicht sonderlich dafür zu interessieren. Es kann nämlich fast kein Zufall sein, dass in dieser Regelmäßigkeit und Intensität Ultras ihre Kommunikationsmedien in Stadien nutzen, um auf einen tiefgreifenden Konflikt zwischen sich und den Funktionären aufmerksam zu machen.

Der Gebrauch von Pyrotechnik und beleidigenden Bannern gilt als absolutes Reizthema, was dazu führt, dass Fußballfans sich kriminalisiert fühlen – „Supporters, pas criminels“ ist die Entsprechung des deutschen „Fußballfans sind keine Verbrecher“.

Der Protest (nicht nur) der Ultras ist ein Ausdruck dessen, dass im französische Fußball etwas gehörig falsch läuft. Die Argumentationslinien sind dabei aus Sicht der Öffentlichkeit analog zu denen in Deutschland: kritische Ultras werden häufig mit gewalttätigen Hooligans gleichgesetzt und damit stigmatisiert, der Gebrauch von Pyrotechnik und beleidigenden Bannern gilt als absolutes Reizthema, was dazu führt, dass Fußballfans sich kriminalisiert fühlen – „Supporters, pas criminels“ ist die Entsprechung des deutschen „Fußballfans sind keine Verbrecher“. Spruchbänder mit dieser Aufschrift sind in Frankreich in dieser Saison bereits schon verboten worden.

Ultras als Ziel von Repressionsmaßnahmen

Bereits zu Anfang diesen Jahres hatten wir in einem längeren Stück auf die Dissertation von Sébastien Louis hingewiesen, die mittlerweile auch in Buchform erschienen ist und den Namen „Ultras – Les autres protagonistes du football“ trägt. In unserem Text hatten wir analysiert, unter welchen Bedingungen sich die Ultra-Kultur in Italien entwickeln konnte und welche Elemente für diese jugendliche Subkultur heute noch von Bedeutung sind – in verschiedensten europäischen Ländern.

>>> Initiative für Erhalt der 50+1-Regel: Mehr als 1000 Fangruppen unterzeichnen Erklärung

Als Fazit zogen wir, dass Ultras eigentlich überall mit Behörden, Ligen, Medien und Vereinen ein schwieriges Verhältnis haben. Die Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern mögen zwar durchaus existent sein, allerdings sind gewisse Charakteristika auch grenzübergreifend festzustellen. Dazu gehört, dass Sicherheitsbehörden in europäischen Ländern Repressionslabore sehen, in denen sich Maßnahmen erlaubt werden können, die normale Bürgerinnen und Bürgern in anderen Kontexten wohl nicht betreffen würden.

„Ich bin ein Fan im Jahr 2018, die Behörden wollen meinen Tod.“ | Foto: ANNE-CHRISTINE POUJOULAT/AFP/Getty Images

„Die Ultras sind eine perfekte Kategorie, um verschiedenste Methoden zur Wahrung der öffentlichen Sicherheit umsetzen“, konstatiert Louis. Im komplett durchkommerzialisierten Fußballbetrieb ist eine lebendige Fankultur, die sich kritisch mit dem eigenen Verein und der Entwicklung des Volkssports Fußball auseinandersetzt, eigentlich überwiegend zum Erliegen gekommen – in Deutschland allerdings sind die Zustände vergleichsweise noch paradiesisch, da zumindest noch ein einigermaßen aktiver Dialog mit DFL und DFB besteht.

In anderen europäischen Ländern rieb man sich in den letzten Tagen und Wochen verwundert die Augen, weil mit viel Verve und funktionierender Öffentlichkeitswirksamkeit nicht nur Ultras gegen die von der DFL (und ihren Mitgliedern, den Vereinen) beschlossenen Montagsspiele protestierten. Während in anderen Ländern die Zersplitterung der Spieltage bereits weit fortgeschritten ist, dienen in Deutschland allerdings bereits fünf terminierte Montagsspiele als Auslöser für Proteste.

Auf der nächsten Seite: Erschreckende Beispiele aus dem Ligaalltag in Frankreich.

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