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Meinung

„Strukturproblem“ beim 1. FC Köln? Die Satzung ist nicht das Problem – ihre Missachtung schon

Der Vorwurf, den Berthold Mertes in der „Kölnischen Rundschau“ erhebt, ist kein neuer. Die Strukturen – gemeint damit ist der ach so böse Mitgliederrat – seien das Problem beim 1. FC Köln. Das ist falsch – die letzten Jahre beweisen das Gegenteil.

MV
Foto: Sebastian Bahr

Werner Spinner ist weg. Der Abgang des FC-Präsidenten am Aschermittwoch kam am Ende für die meisten Beobachter rund um den Club doch überraschend. Ein Burgfrieden stand nach Tagen des Machtkampfs mit Geschäftsführer Armin Veh zur Debatte, dann schuf der 70-Jährige kurzerhand Tatsachen. Innerhalb weniger Tage wurde so offensichtlich, was schon lange gegärt hatte. Das Vereinsoberhaupt stand im Club schlussendlich allein da. Toni Schumacher und Markus Ritterbach, Spinners langjährige Vorstandskollegen, und die Geschäftsführer Armin Veh und Alexander Wehrle versagten dem Präsidenten offenbar die Gefolgschaft, während Aufsichtsratschef Lionel Souque und Mitgliederratsvorsitzender Stefan Müller-Römer wohl zunächst auf eine friedliche, temporäre Lösung gehofft hatten. Die war nicht mehr hinzubekommen. Und so wurden Werner Spinner schließlich nicht die prominentesten Gegenspieler der Vergangenheit zum Verhängnis: Weder die aktive Fanszene noch der von Vorstand und Geschäftsführung seit Jahren bekämpfte Mitgliederrat des 1. FC Köln waren am Ende der Grund für Spinners Niedergang. Es waren nicht wie von Berthold Mertes in der „Kölnischen Rundschau“ behauptet die Strukturen, sondern die handelnden Personen, die den Traditionsclub vom Rhein in turbulente Gewässer geführt haben.

Dass die Struktur, die sich aus der zum Amtsantritt Spinners eingeführten Vereinssatzung ergibt, funktioniert, zeigt sich trotz des zwischenmenschlichen Chaos der letzten Tage schließlich deutlich: Selbst wenn die Führungsebene sich in ihre Einzelteile zerlegt, bleibt der Club handlungsfähig. Die Satzung ist auf den eingetretenen Fall vorbereitet, das Prozedere bis auf ein paar fehlende Details klar vorgegeben. Auch ohne gewählten Präsidenten kann der Verein die Zeit bis zur nächsten Vorstandswahl problemlos überbrücken – ohne die Mitgliederversammlung vorzuverlegen.

Wahlkampf beim 1. FC Köln

Dass die kommenden Monate keine einfachen für die „Geißböcke“ werden dürften, liegt dennoch auf der Hand. Einigkeit bezüglich eines neuen Vorstands herrscht am Rhein nämlich nicht. Ritterbach und Schumacher würden offenbar gerne weitermachen, der Mitgliederrat – laut Satzung mit Vorschlagsrecht in dieser Frage ausgestattet – wird die beiden Vizepräsidenten jedoch wohl nicht erneut nominieren. Ein Wahlkampf zwischen einem neuen Team und den Resten des alten Vorstands scheint derzeit unausweichlich. Was zunächst turbulent klingt, ist nur ein normaler demokratischer Prozess. Wo mehrere Köche die Küche für sich beanspruchen, müssen die Mitglieder entscheiden, wer schlussendlich am Herd stehen soll.

COLOGNE, GERMANY - APRIL 23: (L-R) Werner Spinner, Toni Schumacher and Markus Ritterbach present their concept during the extraordinary general meeting of 1. FC Koeln at LANXESS Arena on April 23, 2012 in Cologne, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Eines ist jedoch klar: Strukturen können immer nur so gut sein wie die Personen, die sie ausfüllen. Und so zeigen nicht nur die letzten Tage, dass die Satzung des 1. FC Köln auf Ausnahmesituationen vorbereitet ist. Vielmehr ist der langsame Niedergang des Ex-Präsidenten stark damit verknüpft, wie ernst er die Regeln des 1. FC Köln noch genommen hat. Es ist kein Zufall, dass die erfolgreichste Phase in der jüngeren Vergangenheit des Vereins ziemlich genau in den Zeitraum fällt, in dem sich Werner Spinner und seine Gefolgschaft noch an die Regeln gehalten und mit dem damals neu eingeführten Mitgliederrat, der im Grunde nichts anderes als ein Aufsichtsrat der Mitgliedschaft ist, konstruktiv zusammen gearbeitet hat. Erst im Erfolgsrausch brachen Vorstand und Geschäftsführung mit dem Gremium (und der aktiven Fanszene), missachteten die Befugnisse der Mitgliedervertreter, verzettelten sich in persönlichen Fehden mit dem Vorsitzenden des Gremiums, Stefan Müller-Römer, oder attackierten kritische Mitglieder-Initiativen abseits der Sachebene. Die Folge war eine Spaltung des Clubs, die spätestens jetzt an allen Ecken und Kanten sichtbar geworden ist.

Die Satzung ist nicht das Problem beim 1. FC Köln

Ein Vorstand, der ein Aufsichtsgremium so gut es irgendwie geht ignoriert gepaart mit Geschäftsführern ohne jede Bodenhaftung – das Ergebnis dieser Missachtung von klaren Regeln, der „Wir-gegen-die“-Mentalität, sieht man eben nicht nur an der derzeitigen Ligazugehörigkeit der „Geißböcke“, sondern es lässt sich in den letzten Tagen auch eindrucksvoll auf vereinspolitischer Ebene begutachten. Die mittlerweile gar nicht mehr so neue Satzung des 1. FC Köln war der Grundstein für die erfolgreichen Jahre. Wo vorher ein quasi-diktatorischer Gestaltungsspielraum herrschte, wurden effektive Kontrollmechanismen eingeführt, die den Verein vor weiteren Totalschäden bewahren sollten. Das haben sie durchaus getan. Der Club muss heute immerhin weder die Insolvenz noch die Führungslosigkeit fürchten.

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Erst als sich die handelnden Personen im Erfolgsrausch dazu entschieden, die Satzung in immer mehr Fragen zu ignorieren, begann der Niedergang, der auf dem Platz schlussendlich im freien Fall in die zweite Liga resultierte und abseits des Rasens für eine vergiftete Stimmung innerhalb des Clubs sorgte. Das Problem des 1. FC Köln ist mitnichten der Mitgliederrat, die Struktur des Vereins oder die Satzung, die ihren Dienst nur tun kann, wenn sie ernst genommen wird. Das Problem sind – wie so oft – Vertreter und Angestellte, die geglaubt haben, diese Regeln nicht mehr für voll nehmen zu müssen. Wenn man sich beim 1. FC Köln in den nächsten Wochen im Sinne einer besseren Zukunft von etwas trennen sollte, dann von diesen Personen – und ganz sicher nicht von der Satzung.

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