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Interviews

Stephan Schell: „Die hässliche Fratze des Fußballs steht nicht in der Kurve“

Stephan Schell setzt sich nicht nur für den 1. FC Köln, sondern auch für Fanbelange ein. Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir über die kommende Zeit ohne Profifußball, Protestaktionen und den Konflikt mit den Fußballverbänden.

Foto: Annalena Sänger

Ultras wird häufig nachgesagt, sie hätten ein romantisches Verhältnis zum Profifußball, das eh nicht der Realität entspricht. Was entgegnest du Leuten, die so etwas sagen?

Ich glaube, dass bei unbequemen Meinungen schnell versucht wird, diese nur mit den Ultras zu verbinden, da man diese sehr viel einfacher diskreditieren kann. Oder es wird einfach alles als amateurhafte „Fußballromantik“ abgetan, um sich bloß nicht ernsthaft damit auseinanderzusetzen.  Die Zeichen der Zeit sprechen allerdings eine ganz andere Sprache. Ich für meinen Teil sage, dass Geld nicht zum Erfolg führt, sondern die richtigen Entscheidungen. Mittlerweile ist der FC ja wieder das beste Beispiel dafür, so komisch das auch klingen mag (lacht).

Wenn ich mir die Situation in Köln vor Augen führe, würde ich schon behaupten, dass es bei uns bestimmt nicht nur Ultras sind, die einen Investoreneinstieg ablehnen. Nicht nur, weil dies der richtige Weg zu nachhaltigem Erfolg ist. Ich glaube, vielen ist auch wichtig, die Identität des Vereins nicht zu verkaufen. Der 1. FC Köln gehört seinen Mitgliedern! Dafür, dass dies auf ewig so bleibt, kämpfe ich und ich weiß, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Auch wenn das jeder selbst für sich entscheiden muss, glaube ich, dass man sogenannte Grenzüberschreitungen dafür mal in Kauf nehmen kann, ohne direkt in Schnappatmung zu verfallen.

Wie die Verwendung des Wortes „Hurensohn“ oder ein Mann im Fadenkreuz also.

Es geht mir weniger um die Beleidigungen als um die Sache, die erreicht wird. Ich kann verstehen, dass viele Leute damit ein Problem haben, aber es ist doch auch schade, dass wir immer nur darüber sprechen. Vielleicht stellt man sich auch mal die Frage, warum man offenbar nur dann Gehör findet, wenn man polarisierend auftritt. Wie schon gesagt, es gab in Köln so viele sachliche Spruchbänder und Texte zum Thema 50+1, die so gut wie nie Erwähnung fanden. Meine Gruppe organisierte eine Ausstellung zum Thema Werksvereine, die kein Schwein interessierte. Die Südkurve verteilte zum ersten Heimspiel gegen RB Leipzig einen aufwändigen Flyer. Ich bin mir sicher, dass nur die wenigsten etwas davon mitbekommen haben. Offenbar ist das Kratzen an Grenzen also notwendig für individuelle und gesellschaftliche Entwicklungen. Wo würden wir heute stehen, wenn zum Beispiel Gewerkschaften niemals zu Streiks aufgerufen hätten?

Wer ist wirklich die hässliche Fratze des Fußballs?

Foto: Maja Hitij/Getty Images

Ihr nutzt dafür das Stadion als Bühne.

Die Leute fragen mich oft: „Müsst ihr das unbedingt im Stadion machen? Müsst ihr die Plattform Stadion ausnutzen?“ Verdammt nochmal, ja, natürlich müssen wir das! Du musst den Stachel doch dort reinsetzen, wo es weh tut, sonst wirst du doch nicht wahrgenommen. Wenn man so einen Stil fährt, macht man sich selbstverständlich nicht nur Freunde, aber man bekommt die notwendige Öffentlichkeit und regt gewiss auch zum Nachdenken an.

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Wie reagierst du darauf, dass ein Mann wie Karl-Heinz Rummenigge dann von Würde und Anstand spricht? Er ist vorbestraft wegen der verbotenen Einfuhr von Luxus-Uhren.

Würde und Anstand haben nicht wenige Fußballfunktionäre vermissen lassen, als es darum ging, den Spieltag aufgrund der Corona-Krise rechtzeitig abzusagen. Als die Herrschaften sich dann endlich dazu durchringen konnten, gab es schon viele Fanszenen, die für sich festgehalten hatten, dieser besonderen Situation Tribut zu zollen und nicht am Stadion aufzutreten. Es fällt mir schwer, mit dem Finger auf andere zu zeigen, aber ich bin auch nicht dazu bereit, mich von den Leuten, die diesen Sport seit Jahren übervermarkten, auf die „dunkle Seite“ schieben zu lassen. Die „hässliche Fratze des Fußballs“ steht nicht in der Kurve!

Wie wird der Konflikt mit dem DFB nun weitergehen? Was erwartest du für die kommenden Wochen?

Naja, jetzt haben wir alle erstmal anderes zu tun. Die Eindämmung des Corona-Virus wird uns alle noch etwas beschäftigen und offenbar haben das jetzt auch die Funktionäre verstanden. Irgendwann wird natürlich auch wieder Fußball gespielt und dann wird man sehen, was passiert. Diese Konflikte haben ja nie wirklich aufgehört. Das ist wie eine lodernde Flamme, auf die jemand ab und an mal ein Stück Holz wirft. Wenn es irgendwann mal wieder losgeht, dass auch Zuschauer in die Stadien dürfen, glaub ich jedoch, dass alle erstmal froh sind, dass es sich wieder normalisiert. Außerdem wird der 1.  FC Köln ja noch den Einzug in den Europapokal schaffen. Dann haben wir nochmal ganz andere Sorgen. Zum Beispiel muss ich mir dann einen Finanzplan aufstellen lassen (lacht).

Dass wir nicht aufhören, Sachen zu hinterfragen, gehört natürlich auch weiterhin zu unserer Natur als kritische Fans. Meines Erachtens nach muss man sich in nächster Zeit ganz klar dem Strafensystem des DFB widmen. Wann und in welcher Form das sein wird, kann nicht sagen.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Das kommt speziell dann zum Tragen, wenn beim FC in der Kurve wieder Pyrotechnik gezündet und dann verlässlich ein Strafbescheid des DFB versendet wird.

Ich möchte nicht, dass der 1. FC Köln Geld zahlen muss. Seit Jahren fordern die aktiven Fanszenen die Abschaffung des Paragraphen 9a der Strafgerichtsbarkeit des DFB (die sogenannte verschuldensunabhängige Haftung, Anm.d.Red) und protestieren auf verschiedenen Wegen gegen dieses parallele Strafensystem. Es ist also nicht so, das einfach Pyrotechnik gezündet und es den Leuten in der Kurve, die darauf Bock haben egal ist, dass der Verein deswegen bezahlen muss. In dieser seit Jahren geführten Debatte wurde ja nicht nur protestiert. Es wurden auch alternative Wege aufgezeigt und sich dabei sogar selbst kanalisiert. Die verantwortlichen Personen in den Vorstands- und Verbandsetagen ließ das bekanntlich kalt. Damals schlug man jungen Leuten die Türe vor der Nase zu und es ist bis heute nicht anders geworden, dass die Hardliner bei diesem Thema viel unternehmen, um die Deutungshoheit nicht zu verlieren.

Auch wenn mich die Bilder in Hamburg ehrlicherweise nicht abgeholt haben, ist es doch bezeichnend, dass es selbst dann noch Leute gibt, die dagegen schießen, wenn das Ganze angemeldet ist (Anm. d. Red.: Mitte Februar wurde beim HSV legal Pyrotechnik gezündet). Hier geht es dann nur noch darum, gegen Ultras Politik zu machen. Dann kann ich die jungen Leute auch verstehen, dass man sich keine Gedanken um Alternativen machen muss, wenn man ohnehin nur verarscht wird.

Das würde bedeuten, dass die Kurven gänzlich unabhängig wären. Darin würde mancher bestimmt eine Gefahr sehen.

Die Fankurven in Deutschland können sich selbst regulieren, das haben sie oft genug bewiesen. Natürlich gab es immer wieder Ausfälle, wo es besser hätte laufen müssen. Aber genau nach diesen Geschehnissen wurde sich in vielfältiger Form auch häufig zu Wort gemeldet und gesagt: Passt auf, das war nicht gut, hier müssen sich jetzt Sachen ändern. Wo gibt es diese Form der Selbstorganisation in unserer Gesellschaft noch? Dem Fußballfan wird sehr oft nachgesagt, dass er keine Selbstreflektion betreibt. Auf mich wirkt es eher so, dass gerade die aktiven Fans sich stetig selbst hinterfragen.

Aber irgendwie muss doch eine Kurve auch kontrolliert werden, oder nicht?

Es gibt wenige Bereiche in Deutschland, die so umfassend kontrolliert werden wie ein Fußballstadion. Über Aussagen, dass Fankurven nicht zu rechtsfreien Räumen mutieren dürfen, kann ich nur lachen. Die Strafgesetze in Deutschland sind ausreichend. Wozu also noch ein zusätzliches Strafensystem der Verbände? Durch den temporären Verzicht des DFB auf Kollektivstrafen gab es ja auch mal Ansätze, die in die richtige Richtung liefen. Für einen Dialog mit dem Verband muss aber mehr kommen. Ich bin realistisch und glaube, dass dies in der aktuellen Verbandskonstellation nicht mehr passieren wird. Wenn die Corona-Krise vorbei ist, wird es spannend sein, wie DFB und DFL mit der aktuellen Situation umgehen werden. Absichten, ein Produkt unter größtmöglichem Gewinn zu verkaufen und den sportlichen Wettstreit damit noch mehr in den Hintergrund zu drängen, müssen endlich eingedämmt werden. Nur so kann der Fußball seine Integrität behalten und die Fans an sich binden.

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