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Meinung

Die Fußballbranche in der Corona-Krise: Entkoppelt von der Realität

Alleine die Ereignisse an einem Tag zeigen auf, worum es der DFL und Co. geht – in Zeiten von Corona und auch sonst. Der professionelle Fußballbetrieb ist von der Realität meilenweit entfernt.

Foto: Thomas F. Starke/Bongarts/Getty Images

Wegen der Corona-Pandemie werden im europäischen Ausland flächendeckend Sportveranstaltungen abgesagt, weil sie eben nicht zu den notwendigen Dingen gehören, die das Funktionieren einer Gesellschaft ausmachen. Kitas, Kindergärten, Schulen, Universitäten schließen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen. Millionen Menschen sind davon betroffen, dass ab Montag Kinder betreut werden, kranke Menschen weiterhin gepflegt und versorgt werden müssen, das öffentliche Leben weitestgehend zum Erliegen kommt. Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach am Donnerstagabend davon, soziale Kontakte zu vermeiden, zudem sieht sie eine der größten Bewährungsproben für das Land seit langer Zeit. Damit ist nur ganz kurz umschrieben, welche gesellschaftliche Dimension die derzeitige Lage angenommen hat. Einzig und allein die Bundesliga weigerte sich lange Zeit, das anzuerkennen.

Für die meisten erschien es eigentlich nur logisch, dass auch der deutsche Fußball seinen Spielbetrieb einstellt. Dass es bei den Funktionären einen Moment länger dauerte, diesen Gedanken überhaupt zuzulassen, zeigten die Ereignisse der vergangenen Tage, in denen mehrere Verantwortungsträger eine Unterbrechung oder gar einen Abbruch der Fußballsaison erst als illusorisch bezeichneten, dann aber nach und nach realisierten, dass die dynamische Nachrichtenlage ihre Einschätzung beeinflusste.

Von der Dynamik der Lage überholt

In der kommenden Woche finden keine Spiele mehr in der Champions League statt, auch die Europa League ruht. In Italien ist das ganze öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, was natürlich auch die Serie A betrifft. Dasselbe gilt für Spaniens La Liga, seit Freitag auch für die Ligue 1 in Frankreich und die Premier League in England. Auch der Vorstand der DFL entwickelte bei einer Sitzung am Freitag einen Vorschlag, den Spielbetrieb bis zum 2. April auszusetzen – nicht aber ohne darauf hinzuweisen, dass der 26. Spieltag noch durchgezogen werden müsse, erst bei einer Sitzung am Dienstag hätte final entschieden werden sollen. Die Dynamik der Lage überholte die DFL dann aber, sodass sie sich am Nachmittag dazu gezwungen sah, doch die Verlegung des 26. Spieltags zu verkünden – dieser hätte eigentlich am Freitagabend mit der Partie zwischen Düsseldorf und Paderborn begonnen.

In der Zwischenzeit hatte sich mit Karl-Heinz Rummenigge der selbsternannte Spiritus Rector des deutschen Fußballs hervorgetan, dem einfachen Pöbel die Lage zu erklären. „Es geht am Ende des Tages um Finanzen und um eine hohe Zahlung der TV-Broadcaster an die Vereine, die noch aussteht“, lautete seine Erklärung für den Beschluss des DFL-Vorstands, den 26. Spieltag dann doch noch irgendwie durchzuziehen. Bereits vor einigen Tagen hatte sich KHR in der Debatte über die Beleidigungen gegen Dietmar Hopp als gutes Gewissen und moralische Instanz des deutschen Fußballs inszeniert, die Banner gegen den Milliardär brachten den einstigen Weltklassestürmer dazu, einen „schwarzen Tag für den Fußball“ herbeizufaseln.

Geisterspiele als Option: Rechteinhaber dürfen Interessen wahren

Wenige Tage später erläuterte er dann in einem BWL-Grundkurs, warum das DFL-Gremium den 26. Spieltag nicht doch schon eher abgesagt hatte, natürlich ging es dabei ums Geld: „Wenn diese Zahlung ausbleiben würde, würden viele Verein finanzielle Probleme kriegen. Deshalb halte ich es für richtig, dass der Spieltag unter diesen Voraussetzungen stattfindet.“ Die Form sah daher für dieses Wochenende vor, dass die verbliebenen Spiele (die Partie zwischen Bremen und Leverkusen war durch den Stadtstaat bereits abgesagt worden) ohne Publikum stattfinden würden – bereits ein ziemlich harter Einschnitt für den Fußball, dessen „Unique Selling Point“, wie KHR es bezeichnen könnte, am ehesten in der Interaktion zwischen den Zuschauerrängen und dem sportlichen Geschehen auf dem Rasen liegt.

Foto: INA FASSBENDER/AFP via Getty Images

Geisterspiele, die zwischenzeitlich die Option für eine Durchführung waren, sind daher ein tolerierbares Übel, weil sie der Sache dienen – und die Sache lautet in dem Sinne, dass die Rechteinhaber (in diesem Fall der ausstrahlende Pay-TV-Sender Sky) ihre Interessen wahren können, was aus Rummennigges Worten zu deuten war. Der Fußball kann aber nicht zum reinen Fernsehevent werden, das raubt ihm seine Seele. Diese Diskussion in diesen Tagen überhaupt führen zu müssen, ist angesichts der drohenden Entwicklung im Zuge des grassierenden Virus fast schon blanker Hohn.

Ein Land fährt seinen Betrieb herunter, der Fußball will ungehindert weitermachen

Dass Rummenigge mit seinen Worten die Interessen von Wirtschaftsunternehmen vor die der Bevölkerung stellt, ist eine Farce. Die Entscheidungsträger bei der DFL scheinen durch ihr Herumlavieren in dieser Sache nicht realisiert zu haben, dass auch der deutsche Fußball eine gesellschaftspolitische Verantwortung hat und dieser auch in diesen Zeiten nachkommen muss. Die Organisation gehört den Vereinen, ihr Chef Christian Seifert kann nichts im Alleingang und ohne deren Segen entscheiden.

Erst durch massiven Druck von außen und die „Dynamik des heutigen Tages“ rang sich die Deutsche Fußballliga zu einer Entscheidung durch, die von Außenstehenden als absolut zwangsläufig, intern aber noch vor wenigen Tagen als „illusorisch“ bezeichnet wurde. Das wirre Vorgehen zeigt: Die Entscheidungsträger des Fußballs leben in einer Blase. Anders gesagt: Der Fußball hat sich in seiner Wagenburg eingemummelt, wie Peter Ahrens vom Spiegel gestern treffend schrieb.

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Wie sonst kann es sein, dass das gesamte Land seinen Betrieb herunterfährt, aber lange Zeit auf Biegen und Brechen noch ein Bundesliga-Spieltag durchgedrückt werden sollte? Bayerns Mittelfeldspieler Thiago forderte am Freitagmittag die DFL auf, vernünftig zu sein. Tags zuvor hatte bereits BVB-Sportdirektor Michael Zorc sich für eine Absage ausgesprochen. Union-Keeper Rafael Gikiewicz schrieb auf Twitter, dass Fußballer wie Affen im Zirkus behandelt würden.

Auch in Köln zeigen sich die Entscheidungsträger nicht von ihrer besten Seite

Welche Dimensionen das annehmen kann, zeigte sich in den vergangenen Tagen auch in Köln. Durch die Absage der Großveranstaltungen sind natürlich auch Heimspiele im Müngersdorfer Stadion betroffen, was die Frage aufwirft, wie damit umgegangen werden soll. Dem 1. FC Köln drohten alleine durch das Geisterspiel gegen Mainz siebenstellige Einnahmeverluste, schrieb das Fanprojekt des Vereins in einer Mitteilung an die eigenen Mitglieder. Dies sei ein „enormer finanzieller Schlag“ für den FC. Das Fanprojekt rief in der Folge dazu auf, sich die gekauften Eintritts- und Dauerkarten nicht erstatten zu lassen – denn in dieser Situation ginge es um „Unterstützung“ für den Verein.

GELSENKIRCHEN, GERMANY - DECEMBER 02: Alexander Wehrle, manager of Koeln, before the Bundesliga match between FC Schalke 04 and 1. FC Koeln at Veltins-Arena on December 2, 2017 in Gelsenkirchen, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

FC-Geschäftsführer und DFL-Vorstand Alexander Wehrle | Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Dass FC-Fans auf die Rückerstattung des Kaufpreises verzichten, wollte der Verein unter anderem mit einem limitierten „Geisterticket“ oder gar einem „Geisterspiel-T-Shirt“ belohnen. Bevor wir uns falsch verstehen: Es ist absolut logisch, dass dem 1. FC Köln Geld flöten geht, wenn die Heimspiele ohne Zuschauer stattfinden. Dass aber langjährige Dauerkarteninhaber, die dem Verein in dunkelsten Zeiten die Treue gehalten haben, sich nun mit einem Fake-Ticket oder einem unnötigen T-Shirt abspeisen lassen müssen, spricht Bände. Viele Menschen müssen es sich immer zweimal überlegen, ob sie zum Spiel fahren, weil das Ticket eben Geld kostet – da erscheint eine Rückerstattung sinnvoll.

Niemand kann ernsthaft Fan von diesem Business sein

Aber gut, in einem Verein, dessen Geschäftsführer siebenstellig im Jahr verdienen, der an der fragwürdigen DFL-Entscheidung beteiligt ist (Wehrle sitzt im DFL-Präsidium) und Spieler mit gut dotierten Rentenverträgen ausstattet, scheint solches Verhalten fast normal. Und es passt ins Bild, das der deutsche Profifußball in diesen Tagen abgibt. „Maßnahmen, um die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, tragen wir voll mit. So schön und wichtig der Fußball auch ist – die Gesundheit steht an erster Stelle“, sagte Alexander Wehrle in einer Mitteilung des Vereins nach der Verlegung des Spieltags. Einige Minuten zuvor hatte er sich im Gespräch beim Fernsehsender N-TV noch dahingehend geäußert, dass die Vereine im Einzelfall in Kommunikation mit den lokalen Behörden entscheiden müssten. Auf Nachfragen zur Situation in Spanien oder England entgegnete er, dass dort Spieler den Virus hätten, deswegen müsse differenziert werden. Wenig später waren diese Äußerungen dann sowieso hinfällig.

Die Ereignisse alleine an diesem Freitag zeigen: Anstatt solidarisch mit der Gesellschaft zu sein und die eigenen Interessen hintenanzustellen, geht es den Entscheidungsträgern wie immer ums Geld – Fußball ist eben ein Business. Aber niemand ist Fan von der KGaA in Köln geworden, sondern vom Verein und damit vom Fußball. Es fällt zunehmend schwer, die Entscheidungen der Funktionsträger unter normalen Maßstäben zu beurteilen, weil sich der Fußball einfach zu sehr von der Realität entkoppelt hat. Vielleicht hilft die nun spielfreie Zeit ein wenig, die eigenen Prioritäten zu klären.

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