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Interviews

Stephan Schell: „Die hässliche Fratze des Fußballs steht nicht in der Kurve“

Stephan Schell setzt sich nicht nur für den 1. FC Köln, sondern auch für Fanbelange ein. Im zweiten Teil des Interviews sprechen wir über die kommende Zeit ohne Profifußball, Protestaktionen und den Konflikt mit den Fußballverbänden.

Foto: Annalena Sänger

Durch die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie ruht in Deutschland aktuell der Spielbetrieb. Die Südkurve in Köln ist verwaist, am Geißbockheim ist ebenfalls nichts los. Bis vor einigen Wochen noch waren die Diskussionen um die Beleidigungen gegen Dietmar Hopp das bedeutende Thema, mit dem sich Fußballinteressierte in Deutschland auseinandersetzten. Daran wurde deutlich, welche tiefen Gräben zwischen engagierten Fans auf der einen und den hart durchgreifenden Fußballfunktionären auf der anderen Seite verlaufen.

Mittlerweile ist das Thema in den Hintergrund gerückt, weil die Ausnahmesituation unser Leben bestimmt. Wir haben aber trotzdem mit Stephan Schell, aktiv bei der Wilden Horde, der „Südkurve Köln“ und in verschiedenen Fanorganisationen, über die Streitpunkte und Protestformen gesprochen. Den ersten Teil des Interviews, das sich eher mit dem 1. FC Köln beschäftigt, findet ihr hier.

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Was machen in der fußballfreien Zeit?

Der deutsche Profifußball ist bis mindestens Anfang April auf Eis gelegt, auch danach ist noch nicht ganz klar, wie es weitergeht. Was plant die Kölner Kurve für diese Zeit? Welche Aktionen möchtet ihr vorantreiben?

Die Meisten bleiben zurzeit so gut es geht zuhause. Es gibt zwar Ideen, aber ob wir diese in die Tat umsetzen, hängt davon ab, wie sich das Ganze entwickelt. Wir helfen ja niemandem, wenn sich noch mehr Leute anstecken – ein bisschen soziale Verantwortung muss da schon sein, auch wenn ich nicht denke, dass jeder, der draußen rumläuft, egoistisch handelt. Die Supermärkte leer zu kaufen und sich um die Bedürfnisse anderer einen Scheiß zu kümmern ist da leider ein wesentlich deutlicheres Abbild unserer Gesellschaft. Über allem steht die Gesundheit, das ist keine Frage, jedoch sollte man gerade aktuell auch kritisch bleiben. Auch wenn es sicherlich erforderlich ist, habe ich einen derartigen Eingriff in die Freiheit in dieser Form beispielsweise noch nicht erlebt.

Die DFL hat sich in den letzten Tagen nicht überall beliebt gemacht. Erst sollte der 26. Spieltag unbedingt durchgedrückt werden, dann wurde er doch abgesagt. Am Montag beschwor Christian Seifert nun das Untergangsszenario, das dem deutschen Fußball drohe, wenn nicht weitergespielt werden könne. Wie beurteilst du das jüngste Vorgehen der DFL?

Die Welt geht nicht unter, wenn kein Fußball gespielt wird. Es kommt nur weniger Kohle rein und davor haben die Verantwortlichen Angst. Mit der zögerlichen Absage des Spieltags und Äußerungen, dass es „um Finanzen“ geht, hat man sich verraten und einige Vereine, die aufgrund der aktuellen Situation offenbar auf die Hilfe von den „Big Playern“ der Branche angewiesen sind, müssen sich wahrscheinlich bald umgucken. Das derzeitige Problem wurde von vielen vorausgesagt: Jahrelang wurde der Fußball kommerziell überstrapaziert und dabei insbesondere die Gehälter einiger Spieler immer weiter nach oben geschraubt. Das steht doch alles schon lange nicht mehr im Verhältnis zur Normalität.

Über die Verantwortung des Profifußballs

Diejenigen, die dafür die Verantwortung tragen, haben völlig zu Recht Angst davor, dass ihnen dieser ganze Mist bald auf die Füße fällt. Wenn da mal ein paar Wochen so gut wie nichts reinkommt, wird’s hektisch. Der Profifußball müsste sich nun mehr denn je seiner Verantwortung bewusst werden. Nicht nur gegenüber den Fans, sondern auch gegenüber seinen normalverdienenden Arbeitnehmern. Stattdessen hat man derzeit das Gefühl, dass noch Uneinigkeit herrscht. Ideen wie Gehaltsverzicht der Spitzenverdiener und Solidaritätsfonds sind vielleicht gar keine schlechten Ansätze. Die ersten haben ja schon etwas dazu veröffentlicht.

„Im Fall des 1. FC Köln sind wir Gott sei Dank gut aufgestellt. Dieser Verein benötigt keinen Investor!“

Währenddessen pocht die DFL immer noch darauf, die Spiele zeitnah ohne Zuschauer austragen zu können, um die Einnahmen aus TV-Geldern und Sponsoren nicht zu verlieren. Spannend wird die Situation auch im Hinblick auf die beginnende Transferperiode, sofern sie denn in der üblichen Form stattfindet. Der Fußball befindet sich also definitiv auf dem Prüfstand. Ich habe die Befürchtung, dass die Befürworter von Investoren-Einstiegen diese Gelegenheit ausnutzen wollen. Doch den Ausverkauf weiter voranzutreiben ist genau der Weg, der uns weiter in die Sackgasse führt. Die Fußballfans, die das nicht wollen, sollten wachsam sein und derartige Bestrebungen im Keim ersticken. Im Fall des 1. FC Köln sind wir Gott sei Dank gut aufgestellt. Dieser Verein benötigt keinen Investor! Wir haben eine Satzung, die Grenzen festlegt, und Gremien, deren Mitglieder auch mein Vertrauen genießen, in diesem Zusammenhang die richtige Entscheidung zu treffen.

Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Der 1. FC Köln spielte letzte Woche Mittwoch in Mönchengladbach das erste Mal in der Bundesliga in einem „Geisterspiel“ – diese Form der Austragung könnte auch in den kommenden Monaten, sofern es das Corona-Virus zulässt, eine Option sein. Das heißt aber auch, dass viele Menschen, die für ihre Tickets bezahlt haben, nicht ins Stadion gehen können. Wie hat sich der Verein deiner Meinung nach in dieser Sache verhalten?

Ich sehe das bislang mit gemischten Gefühlen. Es gab ja eine Stellungnahme vom Fanprojekt, dass die Leute auf die Erstattung der Eintrittskarten verzichten sollten. Gegenüber den Mitarbeitern vom Fanprojekt, die wirklich gute Arbeit leisten, tut mir diese Aussage leid, aber das hatte schon einen faden Beigeschmack. Auf mich wirkte es zumindest so, als würde der Verein das Fanprojekt für eigene wirtschaftliche Interessen missbrauchen. Einige Zeit später versendete der FC eine E-Mail an alle Tageskartenbesitzer für das Heimspiel gegen Mainz. Dort wurde neben anderen Optionen ein Shirt mit dem Slogan „ich war dabei“ angeboten. Als Ausgleich dafür, dass man nicht dabei sein kann, auf die Rückerstattung verzichtet und auch nur dann, wenn man eine Tageskarte besitzt: Auf die Idee muss man erstmal kommen. Durch die Absage des Spieltags blieben dann alle davor verschont.

„Köln hat sich immer massiv gegen einen Einstieg von Investoren gewehrt“

Jetzt sollte man die Zeit nutzen, es besser zu machen. Es wurde beispielsweise auch angeboten, der FC-Jugend etwas zu spenden. Das wäre in meinen Augen die bessere Variante. Darüber hinaus muss man noch positiv erwähnen, dass sich die FC-Vertreter für die Absage stark gemacht haben. Was aber bleibt, ist die Gewissheit, dass es offenbar auch beim 1. FC Köln einige Personen gibt, deren Denkweise und Handeln eindrucksvoll beweisen, wie schief es derzeit im Profifußball läuft. Sorry, aber dem normalen Fan, der sich ein Ticket eventuell zusammensparen und dafür auf andere Sachen verzichten muss, ist doch nur schwer vermittelbar, dass er kein Geld zurückbekommt, während woanders Millionen verdient werden. Hier läuft man Gefahr, einige Leute auf lange Zeit zu verprellen.

Auf der anderen Seite muss man aber auch sehen, dass man sich gerade in Köln immer massiv gegen einen Einstieg von Investoren gewehrt hat und irgendwoher muss der Verein ja sein Geld kriegen. Da sind Einnahmen aus Eintrittskartenverkäufen nun mal eine Basisgröße und mir wesentlich lieber, als dass sich der nächste „Gönner“ unserem Verein anbiedert. Ich für meinen Teil werde mein Geld für die Tickets daher nicht zurückverlangen und hoffe, dass ich nicht der einzige mit dieser Sichtweise bin. Außerdem sollten sich alle überlegen, in welchem Umfang man die Jugendmannschaften des 1. FC Köln am besten unterstützen kann. Es ist ja mittlerweile auch dem letzten klar, dass man dort am falschen Ende sparen würde. In einer idealen Welt würde man im Gegenzug dafür mal ausloten, wie man dieses ganze System wieder ein bisschen erden kann. „Gemeinsam gewinnen alle“ könnte in der aktuellen Lage vielleicht der richtige Lösungsweg für einige Probleme sein.

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Zuletzt waren die Aktionen der Ultras und Fans in aller Munde, weil Ende Februar Spiele wegen Plakaten und Sprechchören gegen Dietmar Hopp unterbrochen wurden. Mittlerweile ist die Bundesliga wegen eines Virus ausgesetzt – das ging schon alles sehr schnell.

Erst standen die Fanszenen im Kreuzfeuer, aber dann wendete sich das Blatt und man diskutierte auch über den DFB. Jetzt haben wir alle durch das Corona-Virus selbstverständlich ganz andere Probleme. Fußball ist in solchen Momenten eben auch nur Nebensache. Wer weiß, wie das jetzt alles weiter geht. Wenn irgendwann wieder Fußball mit Zuschauern gespielt wird, kann man sich damit befassen, die Forderungen der aktiven Fanszenen argumentativ zu vermitteln und inhaltlich auf eine strategischere Stufe zu stellen.

Was würdet ihr euch davon versprechen?

Der Profifußball muss wieder zum Volkssport werden. Ich bin es leid, dass mir Oligarchen den Fußball erklären wollen, den sie allenfalls von der VIP-Tribüne erleben. Meinetwegen haben diese Leute auch ihren Platz im Fußball, aber dann bitte auch mit dem gleichen Stellenwert wie die Kutte in der Kurve, der Ultra auf dem Zaun und der Trikotträger auf den Rängen.

Was einige jetzt wieder als „romantisch“ verklären, ist eine Vision, den Sport wieder seiner Basis zurück zu führen. Fußball kann die Menschen miteinander verbinden und jeder kann teilhaben, egal ob arm oder reich. Fußball lebt von Partizipation, von Ehrenamt und von einer Gemeinschaft, so verschieden sie auch sein mag. Das ist das, was mich an diesem Sport einst so fasziniert und mich damals dazu bewogen hat, Mitglied beim 1. FC Köln zu werden. Natürlich muss jeder Verein auch zusehen, dass optimal gewirtschaftet wird, aber Mitspracherecht und Identität werden meiner Ansicht nach immer über Gewinnmaximierung stehen. Wir bekommen es doch gerade mit, wohin es führen kann, wenn die Absichten, das Produkt zu verkaufen, den Wettbewerb verdrängen.

„Fußball lebt von Gefühlen, die in den Herzen der Fans ihren Ursprung haben und nicht von Bonzen, die diesen Sport als Gelddruckmaschine missbrauchen.“

Ich bin mir übrigens ziemlich sicher, dass der Profifußball hierzulande ohne die ständigen Proteste der Fanszenen ganz anders aussehen würde. Das ist alles keine Selbstverständlichkeit – diese Sachen, die für viele als völlig normal gelten, wurden hart erkämpft. Es ist daher wichtig, dass die Diskussionen, die seit über zwei Jahrzehnten geführt werden, nicht aufhören.

Foto: privat

Glaubst du, dass diese Diskussion um die Beleidigungen gegen Dietmar Hopp etwas bewirkt haben?

Die Debatte entwickelte sich ja nach einigen Tagen weiter und hat vielleicht auch den ein oder anderen zum Umdenken bewegt. Das hatte man auf der einen Seite dem bigotten Verhalten nicht weniger Fußballfunktionäre zu verdanken, aber auch den Protesten im Stadion. So wurde dem ein oder anderen Fanvertreter in der Öffentlichkeit Raum gegeben, die seit Jahren im Raum stehenden Forderungen erneut sachlich zu formulieren. Das ist in meinen Augen schon ein Erfolg.

Momentan läuft die Form der Vernetzung über die Organisation „Fanszenen Deutschlands“. Wie hat sich diese Organisation entwickelt und was hat sie bisher erreicht?

Die Organisation hatte ihren Ursprung mit dem Auftritt der Dresdner damals in Karlsruhe. Danach sind viele Fanszenen an einen Tisch gekommen. Durch verschiedene Aktionen im Stadion haben die „Fanszenen Deutschlands“ viel Aufmerksamkeit generiert, aber ihre Positionen auch auf anderen Wegen deutlich gemacht. Es gab zum Beispiel nach den letzten Spruchbändern eine Stellungnahme aller teilnehmenden Fanszenen, in dem die Sachlichkeit wieder in den Vordergrund gestellt wurde. Die Forderungen in Form der Positionspapiere wurden schon vor langer Zeit veröffentlicht und sind auch den Herrschaften beim DFB bekannt. Bezüglich erreichter Ziele kann man sich wohl die Abschaffung der Montagsspiele als prominentestes Beispiel zu einem guten Teil auf die Fahnen schreiben.

Auf der nächsten Seite: Was Schell zu den Beleidigungen gegen Dietmar Hopp sagt.

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