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Meinung

Die DFL während der Corona-Pandemie: Zeit zum Nachdenken

Seit einer Woche ruht beim 1. FC Köln und in der Bundesliga der Ball. Die Ereignisse überschlagen sich, was die Fortsetzung der Saison angeht – unterdessen ist aber auch Zeit, über einige Dinge nachzudenken.

Foto: Arne Dedert/Pool/Getty Images

Heute vor einer Woche fand das letzte Fußballspiel mit Beteiligung des 1. FC Köln statt. Heute ist das erste Geisterspiel in der Geschichte des deutschen Fußballs genau sieben Tage her, es fühlt sich aber ganz anders an. Es fühlt sich an, als wäre die 1:2-Niederlage in diesem bizarren, weil ohne Publikum ausgetragenen Derby in einem anderen Jahrzehnt ausgetragen worden. Der Auswärtssieg des 1. FC Köln in Paderborn ist nunmehr auch schon fast zwei Wochen her, es war wohl der letzte Zeitpunkt, als man sich wirklich aus tiefstem Herzen über etwas völlig Unbedeutendes wie einen Auswärtssieg in Ostwestfalen freuen konnte.

Seitdem ist viel passiert, und der Fußball spielt darin nur eine ganz kleine Nebenrolle. Das gesellschaftliche und öffentliche Leben ist nach der Sitzung der Ministerpräsidenten am vergangenen Donnerstag schrittweise zum Erliegen gekommen, jeden Tag werden neue Maßnahmen verkündet, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Die europäischen Länder stehen alle vor der Herausforderung, ihre Bürger dazu zu bringen, möglichst wenig mit anderen Menschen in Kontakt zu treten – das geht mal schneller und drastischer, mal langsamer und behutsamer. In jedem Fall aber beobachten wir gerade eine Naturkatastrophe in Zeitlupe, wie Deutschlands Chef-Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité es nannte.

Viele Fragen sind derzeit offen im deutschen Fußball

Der vernünftige Teil der Bevölkerung befindet sich, sofern möglich, mittlerweile überwiegend zuhause in den eigenen vier Wänden. Da bleibt automatisch viel Zeit zum Nachdenken, auch über Fußball und dessen Zukunft. Gerade finden keine Spiele statt, weil der Fußball seine Wunden leckt. Denn auch an der schönsten Nebensache der Welt sind die vergangenen Tage nicht spurlos vorüber gegangen, weil zuerst ein Geisterspiel, dann ein abgesagter Spieltag, später eine DFL-Sitzung und schlussendlich eine UEFA-Entscheidung in schneller Folge die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Weil Fußball für viele Menschen ein wichtiger Bestandteil des Lebens ist, erscheint es vollkommen berechtigt, sich mit der Zukunft des Spiels auseinanderzusetzen – und Fragen zu stellen.

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Denn Vieles ist aktuell offen. Was wird aus dem deutschen Profifußball zum Beispiel, der sich in der DFL organisiert? Die Aussetzung des Spielbetriebs bis in den April hinein dient als kurze Verschnaufpause, bevor die wirtschaftlichen Zwänge dafür sorgen, dass weitergespielt werden muss. DFL-Vorstandssprecher Christian Seifert beschwor in seiner Pressekonferenz am Montag auch gleich mal ein Untergangsszenario herauf, weil die 36 Profivereine der Bundesliga vom Geldfluss der Rechteinhaber abhängig sind und deswegen der Spielbetrieb dieser Saison im Idealfall bis Ende Juni abgehakt sein muss. „Vielleicht kommen wir nun an einen Punkt, an dem wir uns eingestehen müssen, dass wir ein Produkt herstellen. Wenn es dieses Produkt nicht mehr gibt, gibt es uns nicht mehr“, lautete Seiferts Fazit.

Auch für den 1. FC Köln könnte sich einiges ändern

Die UEFA als Dachverband räumte den Ligaverbänden in den Ländern diese Möglichkeit gestern ein, indem sie die Verschiebung der EM auf das kommende Jahr verkündete. Der Spielkalender wird sich in den kommenden Monaten daher erheblich verändern, aber die große Ungewissheit bleibt. Ab wann kann wieder gespielt werden? Welche Rolle spielen eventuelle Fälle von Covid-19 in den Profi-Kadern? Kann unter solchen Umständen überhaupt ein Wettbewerb zum Ende gebracht werden?

Auch die finanzielle Komponente lässt viele Fragen zu. Für einen Verein wie den 1. FC Köln stellt sich diese Herausforderung natürlich auch, weil er als Mitglied des deutschen Fußballs auch vor Sachzwängen steht und neben den Profifußballern auch Teilzeitkräfte in der Geschäftsstelle bezahlen muss.

COLOGNE, GERMANY - AUGUST 23: A general view of the stadium prior to the Bundesliga match between 1. FC Koeln and Borussia Dortmund at RheinEnergieStadion on August 23, 2019 in Cologne, Germany. (Photo by Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Vorerst außer Betrieb: Das Müngersdorfer Stadion | Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Die bisherigen Organisationsstrukturen und finanziellen Gegebenheiten könnten sich daher auch beim FC drastisch verändern, was vor allem der Blick in die Vergangenheit zeigt. Denn speziell in den letzten Transferperioden nahm der Verein mehr Geld für Spielertransfers in die Hand, als eigentlich vorhanden war – mit einem Vorgriff auf künftige Einnahmen wurden unter anderem Transfers wie der von Sebastiaan Bornauw realisiert, dessen ehemaliger Verein aus Anderlecht immer noch regelmäßig Ablösezahlungen in Tranchen vom 1. FC Köln bekommt. In dieser medizinischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ausnahmesituation könnte man, so einige Beobachter, auch den Schluss zulassen, dass vielleicht externe Geldgeber einen Verein unterstützen können.

Das ganze System hinterfragen? Ja, bitte!

FC-Geschäftsführer Horst Heldt sagte dazu, dass es „sinnvoll“ sei, „in Krisen das ganze System zu hinterfragen.“ Er relativierte diese Aussage gleichzeitig und betonte, dass er nicht die 50+1-Regelung abschaffen wolle. Aber ist es nicht eher verwunderlich, dass der Profifußball in einer (zugegebenermaßen) ernsten Krise gleich vor dem Aus steht? Es erscheint kurios, dass die Mitglieder der Bundesliga und damit der Cash Cow im deutschen Fußball zuerst von Untergangsszenarien reden. Rufe nach Solidarität und finanzieller Umverteilung wurden natürlich von kleineren Vereinen laut, die in dieser Situation das Geld dringend nötig hätten. Schließlich fehlen fast 400 Millionen Euro an Fernsehgeldern. Doch weder Seifert noch BVB-Boss Hans-Joachim Watzke bei seinem Auftritt in der Sportschau legten den Eindruck nahe, dass das eine wirkliche Option sein könnte.

Der Impuls von Horst Heldt, das ganze System zu hinterfragen, kann dabei schon eher helfen, mit den Umständen klarzukommen. Was würde es brauchen, um den deutschen Profifußball langfristig etwas gesunder und weniger krisenanfällig zu machen? Der Einstieg von Investoren erscheint auf den ersten Blick in dieser Situation als Möglichkeit, aber dem stehen aktuell die Regelungen der DFL entgegen. Die Frage muss aber auch erlaubt sein, ob ein Investor aktuell und in Zukunft überhaupt Interesse daran hätte, beispielsweise beim 1. FC Nürnberg einzusteigen, dessen Liquidität sicherzustellen und damit Arbeitsplätze zu retten. Beim 1. FC Köln verhindert ein solches Szenario dankenswerterweise die Satzung des Vereins.

Die Gehälter von Fußballprofis als erste Baustelle

In der aktuellen Notsituation wird auch darüber diskutiert, ob Profifußballer nicht auf einen Teil ihres Gehalts verzichten könnten, um den Verein zu unterstützen. Dieser Vorschlag war unter anderem von CSU-Politiker Markus Söder vorgebracht worden. Auch darauf reagierte Horst Heldt, dieses Mal sogar sehr deutlich. „Es wäre absolut sinnhaft, sich mit populistischen Scheißhausparolen im Sinne der Verantwortung zurückzuhalten“, lautete die etwas empfindliche Antwort des Kölner Geschäftsführers, der betonte, dass Fußballer ein soziales Gewissen hätten und sich ihrer Verantwortung bewusst seien. Das Thema Gehaltsverzicht werde in aller Ruhe diskutiert, schob er nach.

Vielleicht hilft es, auf einer anderen Perspektive auf die Situation zu blicken – wären nicht Gehaltsobergrenzen eine Möglichkeit, um sinnvoller und nachhaltiger zu wirtschaften? Wenn ein Verein dazu nur noch einen bestimmten Prozentsatz seiner Ausgaben für den Lizenzspielerkader aufwenden würde, wäre mehr Gleichgewicht geschaffen, ohne gleich das Skalpell anzulegen.

Das alles zeigt, dass die Branche Profifußball gerade sehr ins Wanken gerät. Die DFL steht vor dem Kollaps, sollte in einigen Wochen nicht weitergespielt werden können. Gewissheiten brechen weg, Zahlungsquellen versiegen, die Verantwortlichen werden nervös. Eines steht aber fest: Fußball wird es danach immer noch geben, egal in welcher Form. Und dieser Gedanke ist, trotz aller Untergangsszenarien, in diesen Tagen einigermaßen beruhigend. Irgendwann wird es wieder möglich sein, das eigene Lieblingsteam anzufeuern.

 

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