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Meinung

Pyrotechnik-Diskussion: Die Innenminister Beuth & Reul drehen am Rad

Die Innenminister Beuth (Hessen) und Reul (NRW) fordern Haftstrafen für Pyrotechnik. Ab Mittwoch wird darüber auf einer Konferenz diskutiert – haben wir keine anderen Probleme?

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Zweitens, und so viel Polemik sei gestattet, fehlt der ganzen Diskussion ein wenig die Verhältnismäßigkeit. Denn ähnlich sieht es auch bei „traditionellen“ Großveranstaltungen wie beispielsweise dem Oktoberfest aus, an dem jedes Jahr jede Menge Verbrechen verschiedenster Form stattfinden. Dummerweise stehen weder das Oktoberfest noch das Verhalten der BesucherInnen auf der Agenda der Innenministerkonferenz. Hat man als Innenminister denn wirklich keine anderen Sorgen? Mir würden auf Anhieb mehrere Themen einfallen, die dringlicher erscheinen und mit denen man sich eher beschäftigen sollte. Da wäre zum einen die bis heute immer noch dubiose (Nicht-)Aufklärung des NSU-Sumpfes mit seinen V-Männern, die nun wirklich besorgniserregende Tatsache, dass in der Bundeswehr ein rechtsextremes Netzwerk agiert oder allgemeiner gehalten die Tragbarkeit von Horst Seehofer als Innenminister des Bundes, dessen Wirken in den letzten Monaten nun auch nicht ganz hasenrein war.

Repressionen gegen Fußballfans – wie lange noch?

Doch kommen wir zurück zum Fußball. Wie kann es sein, dass die engagierte Minderheit derjenigen Menschen, die wöchentlich ins Stadion gehen, es zulassen, dass auf ihrem Rücken Maßnahmen diskutiert werden, die den Besuch von Fußballspielen restriktiver machen? Wie kann es sein, dass die vermeintliche Grundlage alleine für diese Diskussion nicht existiert, daraufhin aber trotzdem zahllose Menschen ihre Konsequenzen spüren müssen? Es ist bizarr. Von daher ist es auch gut, dass die Vereinigung der deutschen Fanszenen am Wochenende wieder einen Protest dazu nutzt, um gegen verschiedenste Aspekte aufzubegehren: Kommerzialisierung, Zerstückelung der Spieltage, kriminelle Machenschaften der Funktionäre in den Verbänden. Das ist richtig und wichtig.

Ein intelligentes, deeskalierendes Konzept, ein echter Dialog mit den Fanverbänden würde Polizei und Justizverwaltungen nutzen, an denen die Umsetzung solcher Straffantasien letztlich hängen bleibt.

Genauso wichtig ist es jedoch, sich seiner eigenen Freiheit bewusst zu werden und dafür zu kämpfen, dass auch die eigenen Kinder in einem Land leben können, in dem sie nicht komplett überwacht und stigmatisiert werden, wenn sie Fußballfans sind. Dazu gehört auch, dass man auf Missstände hinweist, sie anspricht und mögliche politische Maßnahmen kritisiert. Wenig anders sieht es nämlich mit dem neuen Polizeiaufgabengesetz aus, das im Landtag in NRW bald durchgewunken werden soll. Es umfasste unter anderem im ersten Entwurf die Möglichkeit, dass die Polizei bei „drohender Gefahr“ Personen festsetzen kann, ohne dass ein konkreter Verdacht besteht. Dieser Passus wurde später zwar nach rechtlichen Bedenken gestrichen, es zeigt aber, mit welcher Art von Rechtsverständnis wir es zu tun haben – Fußballfans dürften das in Zukunft noch zu spüren bekommen.

Ein echter Dialog ist nicht wirklich zu erwarten

Die Strafverteidigerin Waltraut Verleih, ausnahmsweise keine Pyro-Gegnerin, beschrieb kürzlich in einem Text, was sie als notwendig erachtet, damit die Repressionsspirale zumindest in Bezug auf Pyrotechnik nicht weiter gedreht wird. In ihrem Kommentar für die „Frankfurter Rundschau“ hält sie fest: „Ein intelligentes, deeskalierendes Konzept, ein echter Dialog mit den Fanverbänden würde Polizei und Justizverwaltungen nutzen, an denen die Umsetzung solcher Straffantasien letztlich hängen bleibt.“ Das kann man so sehen und auch dafür beten, es ist aber aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit eher weniger zu erwarten.

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Von daher bleibt nur zu hoffen, dass sich die Fanszenen nicht von politischen Drohszenarien einschüchtern lassen (ohnehin unwahrscheinlich) und vielleicht unter den Innenministern die Einsicht einkehrt, dass es eventuell andere Probleme gibt (auch eher unwahrscheinlich). Demzufolge dürfte sich die Diskussion noch ein wenig weiter im Kreise drehen, Pyrotechnik gezündet und populistischer Unsinn verzapft werden. Es ist nur zu hoffen, dass die Mehrheit der Menschen irgendwann versteht, dass Pyrotechnik ein fester Bestandteil einer lebendigen Fankultur ist und die Politik mit Kanonen auf Spatzen schießt.

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