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Meinung

Geisterspiele in der Bundesliga wegen Covid-19: Die einzig sinnvolle Entscheidung

Der Coronavirus greift in Deutschland um sich. Es ist höchste Zeit für radikale Maßnahmen, um die Verbreitung zu verlangsamen. Das Schließen der Stadiontore ist daher alternativlos.

Foto: Emilio Andreoli/Getty Images

Der 1. FC Köln ist 2020 zumindest vorübergehend wieder ruhm- und glorreich. Acht Siege aus den letzten zehn Spielen stehen für den jüngsten Leistungsaufschwung, die „Geißböcke“ spielen die beste Rückrunde seit 31 Jahren. Man steht in dieser Tabelle dementsprechend auf Rang vier noch vor zum Beispiel Leipzig, und das trotz eines Spiels weniger. Und auch die Art und Weise macht Spaß. Kein Spiel war glücklich und zusammengegurkt gewonnen. Im Gegenteil: Die Mannschaft spielt taktisch stabil, konzentriert sich auf ihre Stärken, macht wenig bis keinen Fehler und belohnt sich für ihren Aufwand. Spieler wie Cordoba oder Hector sind in herausragender Form, hinzu kommen Youngsters wie Jacobs und Bornauw, an deren Fähigkeiten man sich hoffentlich noch ganz lange erfreuen kann. Es machte in den vergangenen Jahren selten mehr Freude, Fan des 1. FC Köln zu sein als im Moment. Jeder einzelne Spieler verdient es, in den Spielen unterstützt und nach Siegen gebührend gefeiert zu werden.

Doch das wird ihnen in den kommenden Wochen und vielleicht bis zum Ende der Saison vermutlich verwehrt bleiben. Dies nervt, es ist gerade jetzt unglaublich ungünstig und ja, auch frustrierend. Doch die Absage der kommenden Spiele oder die Austragung vor leeren Rängen, beginnend mit dem Derby gegen die Borussia aus Mönchengladbach am kommenden Mittwoch, ist alternativlos. Man sollte sogar noch weiter gehen: Würde man die Bundesligaspiele weiter vor Publikum stattfinden lassen, wäre dies in hohem Maße verantwortungslos. Der Grund hat einen sperrigen Namen: SARS-CoV-2. So nennt sich der Auslöser der aktuellen Coronavirus-Epidemie. Ein Virus, der sich von China aus in die ganze Welt verbreitete und sich nun auch in Deutschland ausbreitet, vor allem in NRW.

Keine Panik, aber…

Als Einzelperson sollte man dieser Tage gewiss nicht in Panik verfallen, den nächsten Supermarkt plündern oder Nudeln und Dosenravioli für die nächsten 120 Jahre bunkern, Desinfektionsspray im Kinderkrankenhaus klauen und anschließend die eigene Haustür verschweißen. Auch lohnt es sich nicht, laufend Liveticker des Boulevardblattes der Wahl zu konsumieren, die jede*n Infizierte*n sowie Tote*n in die persönliche Risikoabwägung aufzunehmen.

Es bringt jedoch auch nichts, sich mit den Schultern zuckend einzureden, Corona wäre eine vorüber gehende Panikmache und man selber hätte damit nichts zu tun. Der Coronavirus ist gefährlicher als die handelsübliche Grippe. Zwar ist sie ähnlich ansteckend, ist ungefähr gleich tödlich und betrifft die gleiche Risikogruppe. Nur bei etwa 20 % der Bevölkerung verläuft die Covid-19 schwerer, ist also mehr als bloß ein wenig husten. Bei unter 50-Jährigen ist die Wahrscheinlichkeit, ernsthaft zu erkranken, beinahe verschwindend gering.

Foto: Emilio Andreoli/Getty Images

Doch es gibt einen entscheiden Unterschied zur Grippe: Der Mensch hat bislang keine Grundimmunität gegen SARS-CoV-2 gebildet. Keine Grundimmunität in der Gesellschaft bedeutet im Kern, dass sich jeder anstecken und das Virus verbreiten kann und vermutlich, dies sei auch gesagt, auch wird. Denn es gibt keine Impfung oder Medikamente. Hinzu kommt die hohe Inkubationszeit von 14 Tagen, man kann also bis zu zwei Wochen mit dem Virus im Körper rumlaufen und ihn verbreiten ohne Symptome zu zeigen. Der Virus lässt sich nur mit nicht-pharmakologischen Mitteln eindämmen oder stoppen.

Das Problem? Keine Impfungen und keine Grundimmunität

Und durch die fehlende Grundimmunität in der Bevölkerung, die fehlende Impfung sowie die hohe Inkubationszeit wird Corona zur Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Das klingt heute wie eben jene Panikmache, bis auf ein paar leere Regale im Supermarkt und ein paar mehr Masken auf der Straße spürt man im Alltagsleben vermutlich noch wenig Auswirkungen. Dies kann sich allerdings sehr schnell ändern, wenn sich die Infektionszahl mit dem Virus in Deutschland wie in China etwa alle sechs Tage verdoppelt. Auch das klingt bei kleinen Zahlen noch eher wenig, doch eine aktuelle Hochrechnung würde bedeuten, dass es Ende März bereits 11.000 Kranke gäbe, Ende April wäre man dann bei 350.000.

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Eine mathematische Überschlagsrechnung ergibt, dass von 350.000 kranken Personen etwa 70.000 vorwiegend Risikopatienten über 65 eigentlich zur intensiven Betreuung ins Krankenhaus müssten. Die Mortalität steigt im Rentenalter unangenehm stark an. Unser Gesundheitssystem ist auf solche Fallzahlen nicht im entferntesten vorbereitet, kann für einen solchen Extremfall auch gar nicht ausgelegt sein.

An dieser Stelle kommt man zu einem zweiten kritischen Punkt: Das medizinische Personal in den Krankenhäusern kann sich selbstverständlich ebenfalls nicht impfen. Was passiert also, wenn sich Personal ansteckt? Angebracht wäre selbstverständlich eine sofortige 14-tägige Quarantäne der gesamten Station. Dies ist jedoch nur äußerst begrenzt praktikabel. Eine geschlossene Station wegen einer erkrankten Pflegerin, während draußen immer mehr Leute behandelt werden? Eher früher als später kollabieren die Krankenhäuser logischerweise auf Grund der vielen intensiven Krankheitsfälle, es kommt zu Überlastungen im Medizinsystem. So geschehen im chinesischen Wuhan, mit extrem tödlichen Folgen: So lag die Fallsterblichkeit in Wuhan selber bei 3-4%. Im Umland Wuhans, wo das Gesundheitswesen dank frühzeitiger Maßnahmen intakt war, war diese bei lediglich 0,7 %. Ein krasser Unterschied.

Es geht vor allem um den Schutz der älteren Bevölkerung

Die Gefahr für jeden Einzelnen ist gering, die Gefahr zu sterben ist für unter 40-Jährige quasi gleich null. Vermutlich werden viele nicht einmal bemerken, dass sie gerade der Coronavirus und nicht ein grippaler Infekt ereilt hat. Bei der älteren Bevölkerung sieht dies anders aus. Es geht in Deutschland derzeit nicht mehr im eine Verhinderung der Ausbreitung. Diese lässt sich nicht mehr verhindern. Es geht darum, die Ausbreitung zu verlangsamen, um die Funktionsfähigkeit von Krankenhäusern zukünftig zu gewährleisten.

Was passiert, wenn man die Gefahr zu lange ignoriert, sah man bis vor kurzem in Norditalien. Noch vor zwei Wochen beschwerte man sich dort landläufig darüber, dass die von den Behörden getroffenen Maßnahmen mal wieder zu Imageschäden führen würden. Heute gibt es Meldungen von Gefängnisaufständen in 27 Haftanstalten in Italien, die Lombardei und Venezien sind quasi abgeriegelt und die Serie A hat am heutigen Montag bekannt gegeben, den Spielbetrieb bis Anfang April komplett einzustellen. Die öffentliche Ordnung in den betroffenen Gebieten bricht zunehmend zusammen, die Krankenhäuser sind am Rande der Belastbarkeit angekommen. Innerhalb weniger Tage. Am Abend verkündete Regierungschef Giuseppe Conte die Ausweitung des Lockdown auf ganz Italien.

Geisterspiele in der Bundesliga müssen folgen

Dies muss kein Blick in die deutsche Zukunft sein. Es zeigt aber sehr gut, wie schnell es gehen kann, wenn man Corona unterschätzt und nicht rechtzeitig Maßnahmen ergreift. Das vor diesem Hintergrund am letzten Wochenende die Spiele der ersten und zweiten Liga mit vollen Stadien stattgefunden haben, ist eigentlich schon fast als verantwortungslos zu bewerten. Viel zu groß ist die Gefahr, dass sich der Virus im Stadion oder auf den Anfahrtswegen in überfüllten Bussen und Bahnen verbreitet. Gut, dass die Politik am Sonntag aktiv geworden ist und Veranstaltungen über 1.000 Personen vermutlich in absehbarer Zukunft nicht mehr erlaubt sind. Bundesligaspieltage mit komplettem Zuschauerausschluss scheinen daher eine mehr als sinnvolle Entscheidung.

Es ist als Fan gerade in Bezug auf die Saison des 1. FC Köln derzeit mehr als unschön, die Mannschaft nicht mehr im Stadion zu unterstützen und auf das Erlebnis Stadion in absehbarer Zeit zu verzichten. Jedoch gilt es manchmal den Kopf anzuschalten, regelmäßig die Hände zu waschen und mit Blick auf Gesundheitssystem und Risikopatienten aufzuhören, egoistisch zu denken.

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