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Meinung

Fußballkosmos als Spiegelbild der Gesellschaft: Kevin Kühnert, der Ultra

Auf den ersten Blick wirkt der Zusammenhang zwischen dem Umgang mit der Ultra-Kultur und der Reaktion auf die Thesen von Juso-Chef Kevin Kühnert konstruiert. Doch der Fußball liefert ein scharfes Spiegelbild der Gesellschaft. Und in der politischen Arena war Kühnert in dieser Woche der Ultra.

BONN, GERMANY - JANUARY 21: Kevin Kuehnert, leader of Germany's social democratic SPD party's youth organisation 'Jusos', speaks to delegates at the SPD federal congress on January 21, 2018 in Bonn, Germany. The SPD is holding the congress to decide on whether to join the German Christian Democrats (CDU/CSU) in a new German coalition government. Recent preliminary talks between the SPD, the CDU and the CSU finished with enough support from party leaderships to launch negotiations, though the SPD still needs the approval of its party base. Many SPD members have warned against the coalition and would rather see the party remain in the opposition. (Photo by Lukas Schulze/Getty Images)
Kevin Kühnert | Foto: Lukas Schulze/Getty Images

Kevin Kühnert ein „Ultra“? Klingt erst einmal komisch, ist aber so. Es scheint sogar völlig offensichtlich zu sein! Der Juso-Chef hat sich in einem Interview mit der „Zeit“ erdreistet, unkonventionelle Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit zu geben. Wie wollen wir damit umgehen, dass wenige sehr reich und viele immer ärmer werden? Wie weit darf der Kapitalismus gehen? Welche Möglichkeiten gibt, es die Situation zu verbessern? Und er hat es dabei gewagt, (gedanklich) Grenzen zu überschreiten.

Sicher ist: Wir werden hier nicht beantworten, ob die Gedanken des Juso-Vorsitzenden, der sich im Fußballkosmos bei Tennis Borussia Berlin engagiert, brillant oder dämlich sind. Dass er Ideen hat, wie man die Welt verbessern könnte, und sich traut, sie auszusprechen, ist dennoch ohne Einschränkung gut. Das muss so sein. Das sollten wir alle wollen. Nicht jede Idee mag sich schlussendlich als eine gute entpuppen. Aber um das herauszufinden, muss man wenigstens über sie diskutieren. Die Welt wurde schließlich noch nie durch diejenigen zu einer besseren, die am liebsten alles so lassen wollen, wie es ist.

Kühnert stellt „die Normalität“ in Frage – Ultras auch

Das Problem: Kühnerts Ideen rütteln an „Grundsätzen“, stellen „die Normalität“ in Frage und bedrohen schlichtweg auch das schnöde Vermögen derjenigen, die am Ende des Jahres sehr viel Geld kassieren, weil andere für sie für sehr viel weniger Geld gearbeitet haben. Nicht allzu selten wird der soziale Status dieser wohl betuchten Kreise auch noch quasi-monarchisch per Erbe von Generation zu Generation weitergereicht. Ob es die Firma mit ihren Erträgen oder Immobilien und die dazugehörigen Mieteinnahmen sind – der Rubel rollt. Das kann man unfair finden. Man kann sich auch Gedanken darüber machen, ob das die Art von Zusammenleben ist, die wir haben wollen und wo das hinführen könnte. Man darf das Ergebnis solcher Überlegungen dann auch durchaus aussprechen – nur gesellschaftlich geduldet wird das in Deutschland nicht so recht.

COLOGNE, GERMANY - SEPTEMBER 28: Fans of Belgrade support their team with flares during the UEFA Europa League group H match between 1. FC Koeln and Crvena Zvezda at RheinEnergieStadion on September 28, 2017 in Cologne, Germany. (Photo by Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images)

Bengalisches Feuer | Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Ob Parteikollege, CDU-Senioren, Willi vom Wirtschaftsforum, TV-Investor oder sächsischer Ministerpräsident – offenbar ohne Kühnerts Worte wirklich gelesen oder verstanden zu haben, waren sich die Nadelstreifenanzüge und Business-Hemden Deutschlands schnell einig: „Kommunismus-Kevin“ will die DDR 2.0 ausrufen, die Freiheit ist in Gefahr, Parteiausschluss, Verfassungsschutz, Stellungnahme, Hysterie, Stalin, China, Cuba – ach, wie wunderbar.

Rechtes Auge blind, linkes 250 Prozent Sehkraft

Es ist absurd. Gleichzeitig marschierten in Sachsen 500 stramme Faschos mit Trommeln, Fackeln, Uniform, Fahnen und Galgen – abgenickt von den Behörden – durch die Stadt. Rechtsdrehende Kartoffelkulturen, ganz schwer bekömmlich. Doch es sind nicht die Bilder aus Plauen, die Politik, Medien und Bevölkerung in diesen Tagen umtreiben. Der dritte Irrweg ist nicht das Thema der Seite-Eins-Kommentare und Aufmacher. Nein, es ist die vermeintliche linke Gefahr durch die recht harmlosen Gedankenspiele eines Jungsozialisten, der ausgesprochen hat, was in Jungsozialisten nun einmal drin stecken sollte. Deutschland: auf dem rechten Auge blind, auf dem linken 250 Prozent Sehkraft.

Was die Aufregung um Kühnert nun mit dem runden Leder zu tun hat? Fußball ist mehr als nur ein Sport. Es ist auch ein soziales Massenphänomen, das in einem gewissen Rahmen die gesellschaftlichen Verhältnisse abbilden kann. Die Abläufe und Reaktionen ähneln im vergleichsweise kleinen Fußballkosmos denen auf der großen gesellschaftspolitischen Bühne – so auch jetzt. Ob linke Gedanken eines Juso-Vorsitzenden oder aufmüpfige Ultras im Fußballstadion – die Größe der Bühne unterscheidet sich, die Hysterie im Umgang und der merkwürdige Fokus ebenfalls nicht.

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Zum einen werden auch in der Fußballwelt rechtsextreme Auswüchse in manchen Fankurven weder von den Verbänden konsequent bekämpft und aus den Stadien gedrängt noch von den Medien mit allzu viel Aufmerksamkeit bedacht. In Chemnitz gedachten Fans kürzlich einem bekannten Rechtsextremen im Stadion, der Verein half mit. Die Konsequenzen vom Verband: Ein Witz. Die Berichterstattung: War da was?

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