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Fankultur

Diskussionsrunde über Ultras: „Bock auf Support ist unabdingbar“

Zu einer Podiumsdiskussion zum Thema Ultras luden die Coloniacs in die Kölner Universität ein. Wir waren zu Gast – und fassen den Abend für euch zusammen.

Foto: Coloniacs

Zu einer Podiumsdiskussion zum allgemein gehaltenen Thema „Ultras –Annäherung an eine subkulturelle Jugendbewegung“ lud die Ultrà-Gruppe Coloniacs am Donnerstagabend in die Kölner Universität ein. In der mit 200 Besuchern gefüllten Aula moderierte Sportjournalist Ronny Blaschke die Podiumsdiskussion mit Fanforscher Jonas Gabler sowie zwei Vertretern aus der Kölner Fanszene.

Der Abend in der Kölner Universität war bereits die dritte Kallendresser Live!-Veranstaltung der Coloniacs in der laufenden Saison. Das Hauptaugenmerk der Diskussion lag auf dem gegenwärtigen Zustand einer der größten subkulturellen Jugendbewegungen in Deutschland. So stellte Politologe und Autor Gabler eingangs  fünf Thesen auf, die die Diskussionsgrundlage für den Abend bieten sollten.

Viel positives Potenzial in der Ultrà-Bewegung

In der Ultrà-Bewegung steckt viel positives Potenzial. Wer sich in einer Gruppe engagiere, könne seine Kompetenzen ausbauen und als Person reifen, so Gabler. „Jeder kann sich einbringen, egal ob das Choreos, die Planung von Auswärtsfahrten, Artikel oder Fanzines sind.“ In den Gruppen und Fanszenen werde Engagement erlernt, das man später in Bürgerinitiativen oder im politischen Kontext anwenden könne. Dass sich viele Ultras durch den Fußball mit der Einschränkung von Bürgerrechten, Diskriminierung sowie Kapitalismuskritik auseinandersetzen würden, sei ein weiterer positiver Nebeneffekt.

Foto: Coloniacs

Ultràkultur hat in den letzten Jahren ein hohes Maß an Ausdifferenzierung erfahren. Das heißt konkret: Es haben sich neue Gruppen gebildet. Gabler spricht von einem neuen Fanmodell, das sich durchgesetzt habe: „Heute sind die Gruppen vor allem optisch auffällig.“ Heute gebe es an einem Standort mehr Gruppen, die sich stark voneinander unterscheiden würden, beispielsweise in der Art des Supports oder in den Strukturen. Außerdem beantworten viele Gruppen die Frage nach dem Umgang mit den restlichen Fans, Gewalt oder Diskriminierung teilweise sehr unterschiedlich.

„Es gibt eine Renaissance des Hooliganismus“, meint Gabler. Die Grenze zwischen Ultras und Hooligans werde immer unklarer. So berichtete der Fan-Forscher von einem jungen Fan, der sich selbst der Ultràszene zurechnete. Im Gespräch mit ihm kam aber heraus, dass es dem jungen Mann nicht etwa vorrangig um den Verein oder den Fußball ging, sondern er im Umfeld des Fußballs die Auseinandersetzung mit anderen suchte. Er sei kein Hool, denn „die gingen ja auf den Acker.“ Laut Gabler erfahren die Hooligans aktuell ein „Comeback“ – nachdem sie fast verschwunden schienen. Das führt dazu, dass auch Ultràgruppen sich mit dem Thema Gewalt vermehrt auseinandersetzen müssen.

„Damals als auch heute ist die politische Ausrichtung ein umkämpftes Feld.“

Dialog mit Vereinen und Verbänden auf einem historischen Tief

Anfang der 2000er Jahre bekannten sich viele Gruppen offen und unumstößlich zum Antirassismus. „Aber damals als auch heute ist die politische Ausrichtung ein umkämpftes Feld“, so Gabler. Der Politologe attestiert der Ultràkultur aktuell eher Rückschritte bei diesem Thema: „Es gibt einen Rollback“ – auch durch die Entstehung neuer Gruppen.

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Der Dialog der Fanszenen mit Vereinen und Verbänden ist auf einem historischen Tief. „Der Dialog mit den Institutionen ist eine Geschichte des Scheiterns“, urteilt Gabler. Seit 2007 die Gespräche mit dem DFB aufgenommen wurden, hätten Enttäuschungen überwogen, was letztendlich zu einem Rückzug der Fanorganisationen führte. Neue Kampagnen durch Fanorganisationen wie „Pyrotechnik legalisieren“, „12:12“ oder andere „sind glamourös gescheitert“.

Die wenigen Fortschritte hätten auf Seiten vieler Fans zu einer Märtyrerhaltung und Radikalisierung geführt. Der Kontrast von „Kein Zwanni für nen Steher“ zu „Krieg dem DFB“ stehe symbolisch für diese Entwicklung. Die Kampagnen hätten keine inhaltliche Forderung mehr. „Das bedauere ich sehr und ich würde mir wünschen, dass man zu gehaltvollen Forderungen zurückkehrt.“

Gewalt beim Fußball kein neues Phänomen in Deutschland

In der Diskussion mit den beiden Fanvertretern, die beide mehr als zehn Jahre in der Kölner Fanszene aktiv sind, betonten beide die positiven Aspekte der Ultrà-Bewegung und warum sie sich engagieren: „In der Gesellschaft ist immer alles vorgegeben“, die bunte und kreative Fanszene aber habe auch in die Gesellschaft eine Strahlkraft,  von der man Selbstbewusstsein für den Alltag mitnehmen könne. Außerdem betonte der Vertreter der Coloniacs, dass das Engagement der Ultras auch außerhalb des Fußballs weitergehen würde: „Unser Konsens war immer Antirassismus und Antidiskriminierung. Wir als Gruppe haben immer versucht, uns innerhalb der Stadt, beispielsweise mit ‚Kein Veedel für Rassismus‘ zu vernetzen.“

Beide Vertreter räumten außerdem ein, dass Gewalt durchaus eine Rolle spielen würde, wenn auch keine vorrangige. Trotzdem sei der „Bock auf Support unabdingbar“, wie der CNS-Vertreter feststellte. Jemand, der am Wochenende im Umfeld des Fußballs nur auf Gewalt aus sei, sei kein Ultrà. Betont wurde aber auch, dass Gewalt beim Fußball kein Phänomen ist, das erst mit den Ultras in die Stadien gekommen sei, sondern in Deutschland bereits seit den 80er Jahren ein Thema ist. Er habe mehr Erfahrungen mit Gewalt durch die Polizei oder auf den Kölner Ringen beim Feiern gehabt als mit anderen Ultras, stellt einer der beiden klar.

Foto: Coloniacs

Dass sich Fanorganisationen durch die gescheiterten Gespräche mit den Institutionen distanziert und auch teilweise radikalisiert hätten, bestätigten die Fanvertreter, betonten aber auch, dass man einiges erreicht habe. Beispiele dafür sind der erklärte Verzicht auf die weitere Ansetzung von Montagsspielen in der ersten und zweiten Liga sowie der Verzicht auf Kollektivstrafen durch den DFB. Obwohl der Dialog aktuell gescheitert sei, vernetze man sich weiter wie im kleinen Rahmen in der „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ als auch überregional in den „Fanszenen Deutschland“.

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