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Analyse

Der europäische Fußball in der Krise: Was lässt sich aus dem Erfolgsmodell NFL übertragen?

Wir haben nach dem vorläufigen Abbruch der Bundesliga gefragt, was ihr von uns lesen wollt und wir liefern natürlich auch. Heute: Der Vergleich zwischen europäischem Fußball und dem Erfolgsmodell NFL.

Foto: Al Messerschmidt/Getty Images

Aber was davon wäre in Deutschland und Europa übertragbar? Den Fußball in Deutschland wieder in das Free-TV zu holen und ausgewählte Spiele der Bundesliga sowie Champions League der Masse in irgendeiner Weise live zur Verfügung zu stellen, fällt einem vermutlich als erstes ein und wäre leicht umsetzbar. Und auch viele innerhalb der Fußballbranche betrachten es mittlerweile als Fehler, die Rechte nur an das Pay-TV vergeben zu haben. Gut möglich, dass dieser Schritt bald rückgängig gemacht wird.

Auch ein Äquivalent zu NFL-Films wäre sicher möglich und böte auch Potentiale. Man könnte die Fans noch näher an den Spielfeldrand holen, Produktionen wie FC 24/7 ligaweit vereinheitlichen und legendäre Spieler und Trainer aus der ruhmreichen Geschichte der Bundesliga portraitieren. Die Frage nach der Bezahlung des Ganzen würde sich allerdings früher oder später stellen; hier bräuchte es ein Budget, das im besten Fall von den Vereinen solidarisch getragen wird. Der Fußball macht hierzulande allerdings nicht den Eindruck, solidarisch zu sein. Die Bayern beispielsweise blinken regelmäßig bei der Frage, ob man die Zentralvermarktung nicht aufheben sollte, weil man per Einzelvermarktung mehr Geld generieren könnte. Ein eigenes Network mit eigenen Shows und Studios? Theoretisch natürlich denkbar, praktisch nicht in Sicht.

Viele Dinge sind nicht umsetzbar

Auch ein einheitliches Merchandise wäre denkbar, das Geld für alle Vereine einspielt. Kleine Vereine könnten so profitieren. Doch sind die großen Vereine bereit, einen Schritt zurückzutreten? Zweifel daran sind durchaus angebracht. Außerdem würde man die Kurven und Fanszenen wohl kaum damit begeistern – längst produzieren Ultras ihr eigenes, optisch meist viel schöneres Merch und grenzen sich auf diese Weise ganz bewusst zum kommerzgetriebenen Verein ab.

Eine Spielergewerkschaft existiert mit der VDV, der Vereinigung der Vertragsfußballer. Sie versteht sich als Interessenvertretung, hat allerdings bei Weitem nicht die Macht der NFLPA. Hier wären aber vermutlich die Spieler am Zug, sich zu organisieren und untereinander solidarisch zu sein. Dass sie jedoch der DFL irgendetwas in Verträge reindiktiert, scheint utopisch zu sein.

Was wäre garantiert nicht übertragbar?

Bei Geschichten wie dem Draft oder dem Salary Cap stößt die Idee, das amerikanische System einfach in den Fußball zu implementieren, endgültig an seine Grenzen. Es gibt kein College-System, das junge Spieler ausbildet, bevor die besten den Weg in die NFL finden und sich die Talente gleichmäßig verteilen. Jeder Verein hat Jugendteams und bildet seine eigenen Spieler aus. Dies ist historisch so gewachsen. Die Internate und Jugendabteilungen der Vereine zu schließen und die fußballerische Ausbildung komplett an Schulen und Universitäten zu übergeben, wird absehbar nicht passieren.

Der Boss des europäischen Fußballs: Gianni Infantino | Foto: ATTILA KISBENEDEK/AFP via Getty Images

Ein Draftsystem setzt außerdem ein geschlossenes Ligasystem voraus. Auch dieses wäre nicht durchsetzbar. Der europäische Fußball lebt seit Jahrzehnten auch von Auf- und Abstiegen einzelner Vereine und der romantischen Vorstellung, dass jeder Dorfverein irgendwann einmal in der Bundesliga spielen kann, wenn er nur oft genug aufsteigt.

Salary Cap und Draft: Eher in einer Superliga?

Einen Salary Cap könnte man zumindest ligenabhängig einführen. In der Bundesliga wäre dieser dann höher als in der 2. Liga und so weiter. Wer auf- und absteigt, läge dann nur noch am Talent der Trainer und Manager und nicht mehr am Festgeldkonto. Aber der SC Paderborn und der FC Bayern auf einmal gleichgestellt? Schwer, sich auch nur vorzustellen wie Watzke und Rummenigge sich mit der Idee eines Salary Caps arrangieren. Zumal es dort auch die europäische Dimension gibt, einen Alleingang der Bundesliga wird es nicht geben.

In einem Gedankenexperiment möglich wären Draft und Salary Cap vermutlich nur über eine geschlossene europäische Superliga. Teilnehmende Mannschaften könnten pro Saison eine Anzahl an günstigen Jugendspielern hochziehen, der Rest der eigenen Kaderschmiede würde in die nationalen Ligen abwandern. Außerdem könnten sich Spieler in den nationalen Ligen für den Draft anmelden. Zum Beispiel Jonas Hector.

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Abhängig davon, wo Hector im Draft gezogen werden würde, stünde dem 1. FC Köln dann zum Beispiel eine monetäre Kompensation oder ein Zugriffsrecht für Talente zur Verfügung, die von den Mannschaften in der Superliga nicht hochgezogen wurden. Auf der anderen Seite ließe sich das Gedankenexperiment weiter führen: Liverpool könnte nicht jeden Spieler ihrer derzeitigen Mannschaft halten und würde vielleicht van Djik an Juventus veräußern und im Gegenzug ihre Draftposition erhalten, um Platz beim Gehalt zu schaffen. Einen gewissen Entertainmentfaktor kann man dabei zumindest nicht wegdiskutieren.

Würde ein System wie im Football helfen?

Wäre so ein Gedankenexperiment wünschenswert oder der blanke Horror und für viele das Ende „ihres“ Fußballs? Das muss jeder für sich selber entscheiden. Fest steht jedoch, dass eine Liga, in der immer nur die Bayern Meister werden und man als Fan des 1. FC Köln weiß, dass man in seinem Leben nach derzeitigen Umständen niemals mehr eine Meisterschaft feiern wird, am Ende unattraktiv und unvollendet ist. Es müssen irgendwann gegensteuernde Maßnahmen getroffen werden. Keiner will, dass der Meister 10 Mal in Folge derselbe ist. Es tut der Bundesliga nicht gut.

Diejenigen, die heute die Lösung im amerikanischen System sehen und von der Abschaffung von 50+1 als Lösung träumen, sehen jedoch nicht, wie solidarisch und auf Chancengleichheit beruhend die NFL im Kern ist und was es benötigt, um ein funktionierendes System zu etablieren. Einfach nur 50+1 fallen zu lassen und die Tür für noch mehr blinde, egoistische und narzisstische Investoren und Gönner zu öffnen, ist unter Garantie nicht die Lösung. Es würde lediglich mit wenigen Ausnahmen die vorhandenen Verhältnisse zementieren.

Es braucht mehr Chancengleichheit im Fußball

Allerdings zeigt sich dieser Tage auch, dass der turbokapitalistische Fußball in seiner derzeitigen Form kaum überlebensfähig ist. Die „Football Leaks“ offenbarten ein fast schon mafiaartiges Business. Die Coronakrise ist dazu in der Lage, Vereine an den Rand der Insolvenz zu treiben und vielleicht werden manche tatsächlich pleite gehen. Lösungen müssen schnell nicht nur gesucht, sondern auch gefunden werden. Das Ende von 50+1 wird vielleicht kurzfristig eine Lösung sein, löst aber langfristig keine Probleme. Irgendwann müssen auch die großen Clubs erkennen, dass es für einen Wettbewerb irgendeine Art Chancenannäherung braucht.

Die erfolgreiche Expansion der NFL in Deutschland ist auch das Ergebnis einer Krise des Volkssports Fußball. Diese ist für den Fußball natürlich nicht existenzbedrohend, aber doch vernehmbar. Wer denkt, mehr Kommerz, Egoismen sowie das Wachstum über noch mehr Wettbewerbe und damit verbunden einem noch engeren Terminkalender würden irgendetwas lösen, der möge sich mal die leeren Stadien ansehen, wenn die Nationalmannschaft spielt.

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