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Analyse

Erstes Pflichtspiel des 1. FC Köln: Wer besetzt den Zehnerraum?

Aufgabe erfüllt, wenn auch mit Hindernissen – gegen den SV Wehen Wiesbaden setzt sich der 1. FC Köln nach 120 Minuten und Elfmeterschießen durch. Wir analysieren, welche Erkenntnisse aus dem Spiel gewonnen werden können.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Der 1. FC Köln musste in der ersten Pokalrunde gegen den SV Wehen Wiesbaden über 120 Minuten gehen – trotz 2:0- und 3:2-Führung schafften es die „Geißböcke“ nicht, das Elfmeterschießen zu vermeiden. Dort avancierte dann Timo Horn zum Helden, Birger Verstraete schickte den FC dann mit seinem verwandelten Elfmeter in die 2. Runde. Im ersten Pflichtspiel unter der Leitung von Trainer Achim Beierlorzer war zuvor offenkundig geworden, dass der Bundesliga-Aufsteiger mit dem Gastgeber aus der hessischen Landeshauptstadt durchaus seine Probleme hatte. Dass ein Los gegen eine Mannschaft aus der 2. Bundesliga, die zudem schon zwei Pflichtspiele absolviert hatte, kein einfaches werden würde, hatte der neue effzeh-Coach zuvor mehrfach betont – er sollte recht behalten.

Die Kölner starteten erwartungsgemäß mit drei Neuzugängen: Kingsley Schindler und Kingsley Ehizibue bildeten die rechte Seite, Birger Verstraete agierte im Mittelfeld neben Dominick Drexler. Das Sturmduo bestand aus Jhon Cordoba und Anthony Modeste, ansonsten gab es keine Überraschung. Als Grundlage für diese Bundesliga-Saison gilt beim 1. FC Köln das 4-4-2-System und es wurde bereits im ersten Pflichtspiel deutlich, worin dort die Stärken und Schwächen liegen können. Pep Guardiola wird nicht müde zu betonen, dass eine Auseinandersetzung mit Systemen in dieser Form unsinnig ist, weil diese Zahlenreihen ohnehin nur „Telefonnummern“ seien. Das Spiel des FC gegen Wiesbaden lieferte dafür besten Anschauungsunterricht. Wie eine Mannschaft sich am Ende auf dem Feld verhält, liegt in erster Linie daran, welche Spielertypen für welche Rollen vorgesehen sind: Beim 1. FC Köln gab es in diesem Zusammenhang mehrere interessante Konstellationen zu betrachten.

Mit Modeste und Cordoba – ist das wirklich zielführend?

Das erste große Thema dürfte in der neuen Saison die Besetzung des Zehnerraums sein. Aus diesem Raum werden im modernen Fußball die meisten Torchancen kreiert, im letzten Drittel sind es Spieler wie Mesut Özil, Lionel Messi oder David Silva, die vielleicht den vorletzten oder letzten Pass vor einer Abschlussaktion spielen. Durch ihr Bewegungsverhalten und ihre technische Qualität sind sie in der Lage, unter hohem Gegner- und Zeitdruck den Ball zu verarbeiten und produktiv weiterzuspielen – daraus entstehen dann Torchancen. Ein Nachteil des 4-4-2, wie es der FC in Wiesbaden praktizierte, liegt darin, dass genau dieser entscheidende Raum im letzten Drittel nicht wirklich besetzt ist. Cordoba und Modeste hatten zu häufig dasselbe Bewegungsmuster und standen (im wahrsten Sinne des Wortes) gemeinsam auf derselben Linie wie die Wiesbadener Viererkette.

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Für Verteidiger egal welchen Niveaus ist das natürlich ein gefundenes Fressen: Da sich weder Cordoba noch Modeste fallen ließen und den Ball im Mittelfeld forderten, war es für die letzte Linie des Zweitligisten relativ einfach zu verteidigen. Modestes Naturell entspricht es, auf der Abseitslinie auf einen Tiefenball zu warten und dann explosiv zu starten. Cordoba kommt auch eher aus der Tiefe des Raumes und dreht sich nach Ballannahme geschickt um seine Gegenspieler. Im Normalfall knackt man auf diese Weise aber keine Abwehr, schon gar nicht in der Bundesliga. Den größten Stress gibt es dann, wenn einer der beiden Stürmer die Tiefe sucht und der andere sich ins Mittelfeld (in eben den Zehnerraum) fallen lässt. Gegen Wiesbaden war dies nur ganz selten zu bewundern.

Flankenfokus bringt Erfolg für den 1. FC Köln

Einen Vorteil hat es dann aber doch, wenn der FC mit zwei physisch starken Spielern dieser Qualität agiert: Der Flankenfokus kann gewinnbringend werden. Durch die jeweils zwei Spieler auf dem Flügel besteht dort eine hohe Präsenz, Hector und Kainz auf links sowie Ehizibue und Schindler auf rechts nutzen das und schlagen jede Menge Flanken in den Strafraum. Auf diese Weise wurde es dann auch in Wiesbaden gefährlich: Die ersten Chance entwickelte der FC durch Schindlers Flanke nach etwa einer halben Stunde. Und auch die beiden Tore vor dem Seitenwechsel fielen auf diese Weise. Dass es auch anders geht, bewies Jonas Hector mit einem beherzten Vorstoß nach 27 Minuten: Der Nationalspieler dribbelte in den Halbraum und setzte von dort aus Jhon Cordoba ein, der allerdings nicht zum Abschluss kam.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Anschließend an diese Problematik (zwei Stürmertypen auf der letzten Linie) zeigte sich beim 1. FC Köln an diesem Abend auch, dass das Spiel durchs Zentrum nur schwerlich funktionierte. Mit Verstraete und Drexler kümmerten sich zwei Spieler um den Spielaufbau, der Belgier blieb tiefer, Drexler positionierte sich etwas höher. Im 4-1-4-1 der Gastgeber fand der FC aber kaum einen Weg, durch gute Bälle ins Zentrum beide in eine Position zu bringen, aus der sie aufdrehen konnten. Der häufigste Pass war daher der nach außen auf die äußeren Mittelfeldspieler oder Verteidiger. Beim Stand von 2:2 tauschte Beierlorzer dann Höger für Drexler aus, wahrscheinlich um ein wenig mehr Mentalität ins Spiel zu bringen. Chancen kreierte der Bundesliga-Aufsteiger dann aber weiterhin nur durch Durchbrüche auf den Außenbahnen. Das Kombinationsspiel der Kölner litt, wenngleich die Dominanz in der Verlängerung dann wieder etwas größer wurde.

Linien überspielen leicht gemacht

Neben diesen Problemen in der Offensive offenbarte Beierlorzers Mannschaft aber auch Schwierigkeiten im Spiel gegen den Ball: Gerade in der Anfangsphase hatte Wehen leichtes Spiel, mit ein paar Pässen hinter die letzte Linie des FC zu kommen. Die Heber-Versuche von Shipnoski (3.) und Dittgen (21.) konnten allerdings gerade so von Ehizibue vereitelt werden. Gleich zweimal wurde es zudem nach langen Bällen und einer Kopfballverlängerung gefährlich, auf diese Weise fiel auch der Ausgleich durch Kyereh in der Verlängerung. Zuvor hatten ein Patzer von Horn und ein Distanzschuss für Gegentore gesorgt – beide Male kam der FC erst durch Hector und dann im zentralen Mittelfeld nicht richtig in den Zweikampf.

Großartig panisch sollte man bei aller Kritik nach diesem Spiel jedoch nicht werden: Die Problemstellen sind bekannt und lösen sich vielleicht bereits am Samstag in Wolfsburg auf. Dort trifft der FC auf einen stärkeren Gegner und muss zwangsläufig sein Verhalten in Ballbesitz und Gegenpressing anpassen. Mit zwei klaren Neunern zu starten oder Drexler und Schaub positionsfremd einzusetzen – weder das ein oder andere erscheint sinnvoll. Wenn Schaub oder Drexler einen der beiden Stürmer flankieren, steigt automatisch die Präsenz im Zehnerraum, wodurch der FC weniger ausrechenbar sein könnte – wenngleich Schaub das Spiel nicht unverletzt überstand und am Montag erstmal in die Klinik musste.

Ellyes Skhiri – ein Spieler, der sofort den defensiven Part auf der Doppelsechs einnehmen kann – steigt in dieser Woche ins Mannschaftstraining ein und dürfte daher bald spielbereit sein. Und bis Beierlorzers Idee vollends greift, dürfte es ohnehin noch einige Zeit dauern. Von daher war das Weiterkommen gegen Wiesbaden in erster Linie ein Erfolgserlebnis für eine sich im Wachstum befindliche Mannschaft: Spektakulär war es nicht, das Ziel wurde aber erreicht – trotz einiger Widerstände gegen einen Zweitligisten.

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