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Müngersdorf

Pokal-Krimi in Wiesbaden: Der 1. FC Köln wankt bedenklich, fällt aber nicht

Der 1. FC Köln zittert sich im Elfmeterschießen in die 2. Runde des DFB-Pokals: Beim SV Wehen Wiesbaden haben die „Geißböcke“ trotz zweier Führungen große Probleme, aber letztlich vom Punkt die besseren Nerven.

WIESBADEN, GERMANY - AUGUST 11: The players of Koeln celebrate after winning the penalty shoot-out during the DFB Cup first round match between SV Wehen Wiesbaden and 1. FC Koeln at BRITA-Arena on August 11, 2019 in Wiesbaden, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)
Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Birger Verstraete baute sich vor dem Kölner Gästeblock auf und schrie seine Freude den Fans des 1. FC Köln entgegen, noch bevor seine Kollegen von der Mittellinie angestürmt kamen, um den belgischen Neuzugang gebührend zu feiern. Beeindruckend souverän hatte der Mittelfeldspieler den entscheidenden Elfmeter verwandelt, die „Geißböcke“ damit nach einem wilden Pokalfight beim SV Wehen Wiesbaden in die nächste Runde geschossen. 2:0 hatte der Bundesliga-Aufsteiger geführt, musste dennoch in die Verlängerung, um dort 3:2 in Front zu liegen und dennoch erst über das Elfmeterschießen zum Erfolg zu kommen.

„Es zählt einfach nur, dass wir in die nächste Runde eingezogen sind. Es war das erwartet schwere Spiel. Wir wussten, dass es nicht einfach würde. Trotzdem haben wir es erfolgreich gestalten können“, sagte effzeh-Coach Achim Beierlorzer nach seiner Pflichtspiel-Premiere beim Bundesliga-Aufsteiger. Schon vor der Partie hatte der gebürtige Franke gewarnt: „Es gibt in der ersten Runde fast kein schwierigeres Los als einen Zweitligisten“, hatte er vor dem Duell beim Zweitliga-Rückkehrer, der die ersten beiden Partien in der Saison knapp verloren hatte, gewarnt. Insbesondere die pfeilschnelle Offensive der Wehener stand bei der Gegner-Analyse im Vordergrund – in der ausverkauften Wiesbadener Arena, die vor allem von effzeh-Fans gefüllt wurde, erwartete der Bundesliga-Aufsteiger einen packenden Pokalfight.

Ein Doppelpack schafft vermeintlich Ruhe

Wie schwer das Aufeinandertreffen in der hessischen Landeshauptstadt für die Kölner werden würde, das sollte das neu formierte Team, das mit den Neuzugängen Kingsley Ehizibue, Birger Verstraete und Kingsley Schindler in der Startelf auflief, schnell merken. Der aufmüpfige Außenseiter suchte mutig seine Chance – und fand sie auch in der Anfangsphase: Gleich zweimal musste Rechtsverteidiger Ehizibue für seinen geschlagenen Torwart Timo Horn klären, um einen frühen Rückstand für die „Geißböcke“ zu verhindern. Offensiv ging leidlich wenig gegen aggressiv anlaufende Gastgeber, die der effzeh vor allem durch Diagonalbälle zu bewegen versuchte. Kaum Präzision im Passspiel, mangelnder Zugriff auf den Gegner: In den ersten 30 Minuten war den Beierlorzer-Schützlingen der fehlende Spielrhythmus deutlich anzumerken.

Wohl dem, der in einer solchen Phase eine schlagkräftige Offensive sein Eigen nennen kann: Kurz vor dem Seitenwechsel drehte der Favorit auf und belohnte sich für seine kurzfristige Leistungssteigerung. Kainz flankte von links auf den langen Pfosten, Cordoba drückte die Kugel über die Linie (39.). Kaum hatte sich der Jubel beim erneut erstklassig aufgelegten Kölner Anhang gelegt, da legten die „Geißböcke“ nach: Schindler setzte sich auf rechts durch und brachte den Ball an den langen Pfosten zu Kainz, der per Seitfallzieher und Scherenschlag ins lange Ecke zum 2:0 (42.) traf. Drei Minuten, zwei Tore, ein souveräner Sonntagabend des 1. FC Köln? Zur Halbzeit sah es für die Mannschaft von Achim Beierlorzer schwer danach aus.

Zwei Tore in drei Minuten: Der Außenseiter wird aufmüpfig

Wer das in der Pause im Sinn hatte, sah sich schnell eines Besseren belehrt, denn der SV Wehen Wiesbaden dachte keinesfalls daran, vorzeitig die Waffen zu strecken. Und der effzeh half dem Underdog liebend gern dabei, im Wiesbadener Regen wieder zurück ins Spiel zu finden. Einen harmlosen Distanzschuss ließ Horn nach vorne abklatschen, wo Lorch zum 1:2 (53.) abstaubte. Dieser stand drei Minuten später wieder im Fokus: Aus 25 Metern zog der Wehener Mittelfeldmann kompromisslos ab, vom linken Innenpfosten prallte der Ball ins Kölner Tor (56.). Innerhalb von wenigen Augenblicken hatten die Gastgeber die Partie wieder auf Null gestellt, die Kölner sich mit dem Allerwertesten eingerissen, was sie sich mühsam aufgebaut hatten.

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Diesen 180-Sekunden-Schock wandelten die „Geißböcke“ in eine Schlussphase mit wütenden Angriffen um: Ehizibue prüfte aus dem Rückraum den Wehener Schlussmann Watkowiak, der eine Viertelstunde vor Schluss gegen Terodde abermals stark parierte. Da auch danach die Angriffe der Kölner zwar druckvoll, aber nicht zielstrebig genug blieben, ging es für die Teams in die Verlängerung. Auch dort gab der effzeh zunächst den Ton an, doch Terodde scheiterte erst an Watkowiak und dann am Außenpfosten. Der Außenseiter aus der hessischen Landeshauptstadt wehrte sich nach Kräften, wusste sich aber zunehmend nur noch durch Fouls zu helfen.

WIESBADEN, GERMANY - AUGUST 11: Jeremias Lorch of SV Wehen Wiesbaden is challenged by Jonas Hector of 1. FC Koeln during the DFB Cup first round match between SV Wehen Wiesbaden and 1. FC Koeln at BRITA-Arena on August 11, 2019 in Wiesbaden, Germany. (Photo by Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images)

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Der Druck der Gäste nahm minütlich zu – und führte im zweiten Durchgang zur erneuten Führung für den Bundesliga-Aufsteiger: Eine Ecke vor der Kölner Kurve fand auf Umwegen zum eingewechselten Schaub, der an der Strafraumgrenze mit einem knackigen Dropkick zum 3:2 traf (107.). War das nun die Entscheidung zugunsten des Favoriten? Lange wirkte es in der Verlängerung so, denn die Wehener hatten nicht mehr viel zuzusetzen. Doch der Schein trügte auch in diesem Falle: Einen langen Ball verlängerte Röcker per Kopf in die Schnittstelle der Innenverteidigung, Horn zögerte zwischen Herauslaufen und Im-Tor-Verweilen, Kyereh nutzte die Unstimmigkeiten zum erneuten Ausgleich für die Heimmannschaft (118.).

Horn avanciert im Elfmeterschießen zum Helden

Dass der Goliath 1. FC Köln beim David in Wiesbaden wankte, aber zum Schluss doch nicht fiel, hatte er dann im Elfmeterschießen vor allem jemandem zu verdanken, der vorher einer der Gründe für die nicht eingeplanten Überstunden war: Nachdem die ersten beiden Schützen im Elfmeterschießen (Kuhn für Wehen, Terodde für Köln) souverän verwandelte, avancierte Timo Horn zum gefeierten Helden der „Geißböcke“. Gegen Gül, Guthörl und Kyereh parierte der Kölner Keeper, zuvor nicht gerade als Elfmeterkiller berüchtigt, brillant. Da beim effzeh allerdings auch Modeste und Hector vergaben, musste letztlich Verstraete treffen. Der belgische Neuzugang lief an, verlud Watkowiak und ließ alle Beteiligten beim Bundesliga-Aufsteiger spürbar aufatmen.

„Das dürfen wir nicht mehr so aus der Hand geben. Gott sei Dank ist es gut ausgegangen“

„Es war ein ganz eigenartiges Spiel. Wir haben in der ersten Halbzeit überhaupt keinen Zugriff bekommen, führen trotzdem 2:0. Das dürfen wir nicht mehr so aus der Hand geben. Gott sei Dank ist es gut ausgegangen“, gab Florian Kainz, der neben seinem Treffer und seiner Torvorlage auch im Elfmeterschießen überzeugte, nach der Partie erleichtert zu Protokoll. Für den 1. FC Köln sollte dieser Wackelmoment, dieser Pokalfight eine Woche vor dem Bundesliga-Start ein Warnschuss zur richtigen Zeit sein. Die Moral jedenfalls, das ist trotz vieler Baustellen im Kölner Spiel deutlich geworden, stimmt bei den „Geißböcken“.

Ein Kompliment vom Trainer

„Wenn eine Mannschaft so viele Nackenschläge erlebt, im Elfmeterschießen aber so auftritt, dann muss ich meinen Spielern ein großes Kompliment machen“, schloss auch Achim Beierlorzer. Ein Kompliment – nach einem komplizierten Auftritt mit Happy End. Einfacher wird es für den effzeh auch in der näheren Zukunft nicht werden: Am Samstag wartet zum Auftakt in die neue Saison Europapokal-Teilnehmer VfL Wolfsburg auf den Aufsteiger.

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