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Analyse

Die finanzielle Lage des 1. FC Köln: Ein Transfersommer mit Risiko

Obwohl das Transferbudget im April noch zehn Millionen Euro betrug, investierte der effzeh im Sommer rund 20 Millionen. Wie kann das sein? Und was bedeutet das kurz-, mittel- und langfristig für die finanzielle Situation? Wir haben genauer hingeschaut.

GELSENKIRCHEN, GERMANY - DECEMBER 02: Alexander Wehrle, manager of Koeln, before the Bundesliga match between FC Schalke 04 and 1. FC Koeln at Veltins-Arena on December 2, 2017 in Gelsenkirchen, Germany. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)
Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Die Liquidität ergibt sich zudem daraus, wie schnell der effzeh seine Vermögenswerte liquide machen kann. Oder, um es einfacher zu sagen: Der finanzielle Handlungsspielraum vergrößert sich auch mit der kurzfristig verfügbaren Geldmenge. Bargeldbestände oder Bankkonten erhöhen ihn. Fußballprofis sind im Gegensatz dazu aber nichts, was schnell zu Geld gemacht werden kann. Diese Erfahrung machten Veh und co. jüngst bei Jannes Horn, Salih Özcan und Frederik Sörensen. Keiner wollte die Spieler kaufen und nur mühsam schloss der effzeh Leihverträge.

„Der 1. FC Köln schuf eine Zahlungsverpflichtung in der Zukunft, um sportliche Defizite in der Gegenwart zu kompensieren.“

Wie schlecht es um die Liquidität des Bundesligaaufsteigers steht, lässt der Bornauw-Transfer erahnen. Denn der effzeh wählte eine für ihn ungewöhnliche Methode, um den Transfer zu bewerkstelligen: Er vereinbarte mit dem abgebenden Verein aus Anderlecht, dass die Ablösesumme in mehreren Tranchen bezahlt wird. Das ist mittlerweile im Fußball-Business üblich, wird hier aber zu einem Problem. Denn Armin Veh höchstselbst bestätigte, dass nicht mehr genug Geld da war, um die Summe direkt bezahlen zu können. Im Klartext bedeutet das: Der 1. FC Köln schuf eine Zahlungsverpflichtung in der Zukunft, um sportliche Defizite in der Gegenwart zu kompensieren. Seine Liquidität war zu schwach, um die Zahlung direkt zu leisten. Das ist, anders als Wehrle es darstellt, natürlich ein finanzielles Risiko für den Verein – wenn auch erstmal ein kleines.

Die Fehler in der Vergangenheit holen den 1. FC Köln ein

Doch erstmals seit vielen Jahren beschränken die vielen Fehler der Vergangenheit die Möglichkeiten der Gegenwart. Der Europa-League-Teilnehmer von 2017 gab speziell in den letzten beiden Spielzeiten zu viel Geld für zu wenig Leistung aus. Die Rentenverträge für Matthias Lehmann, Marcel Risse oder Marco Höger schlagen ebenso zu Buche wie der Monstervertrag für Anthony Modeste. Transfers wie die von Niklas Hauptmann (ca. dreieinhalb Mio. Euro Ablöse) und Johannes Geis (ablösefrei, aber mit hohem Gehalt und Aufstiegsprämie) erwiesen sich als überflüssig, der von Ex-Trainer Markus Anfang als teurer Flop. Und ob Kingsley Schindler und Florian Kainz (ca. vier Mio. Euro Ablöse) der Mannschaft in der ersten Liga helfen können, müssen beide noch beweisen.

Die Vertragsverlängerungen samt fürstlicher Gehälter für Peter Stöger, Jörg Schmadtke und Alexander Wehrle kamen ebenfalls verfrüht. In zwei Fällen zahlte der Verein aus der Domstadt bereits Abfindungen, im Fall Schmadtkes zudem eine absurd hohe (wohl um die 3,3 Mio. Euro) unter dubiosen Umständen. An anderer Stelle vernichtete der FC eigene Transferwerte. So etwa bei Jannes Horn oder Frederik Sörensen.

SINSHEIM, GERMANY - MARCH 31: Manager Alexander Wehrle of Koeln is seen prior to the Bundesliga match between TSG 1899 Hoffenheim and 1. FC Koeln at Wirsol Rhein-Neckar-Arena on March 31, 2018 in Sinsheim, Germany. The match between Hoffenheim and Koeln ended 6-0. (Photo by Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images)

Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

All diese Verträge belasten das Jahresergebnis des effzeh und beschränken damit seinen Handlungsspielraum: Hohe Gehälter erhöhen den Personalaufwand und die ratierlichen Abschreibungen auf die gezahlten Ablösesummen verringern den Wert des Anlagevermögens. Beides belastet das Jahresergebnis und verringert den künftigen Gewinn des effzeh. Zudem wird dadurch indirekt die Kreditwürdigkeit entsprechend reduziert.

Keiner weiß, wie viel der Abstieg kostet

Dazu kommt: Die gesamten Auswirkungen des Abstiegs im Jahr 2018 kann derzeit niemand überblicken. Er dürfte den Verein mindestens eine mittlere achtstellige Summe kosten, wobei der Reputationsverlust überhaupt nicht beziffert werden kann. Auf der anderen Seite erkaufte sich der Club den Verbleib von Timo Horn und Jonas Hector in der zweiten Liga mit teuren Vertragsverlängerungen. Allein ihre Erstligagehälter in 2019/20 dürften die von 2017/18 demzufolge geradezu pulverisieren. Zusätzlich banden die „Geißböcke“ viele Spieler für einen langen Zeitraum an sich. Aus dem aktuellen Kader stehen 19 Profis bis mindestens 2022 unter Vertrag, zehn davon bis mindestens 2023. Bis dahin sind nicht nur ebenso viele Kaderplätze blockiert, sondern auch Gehälter gebunden.

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Eine naheliegende Strategie hinter den langen Vertragslaufzeiten besteht in der Verlängerung der Abschreibungsdauer der für einen Spieler gezahlten Ablöse, die das Ergebnis des effzeh damit kurzfristig weniger belastet. Das bedeutet zugleich, dass das Eigenkapital infolge der verlängerten Abschreibungsdauer weniger schnell angegriffen wird. Diese Strategie ist bei den Verträgen von Rafael Czichos, Lasse Sobiech und Anthony Modeste ersichtlich. Denn auf die Schaffung von Transferwerten dürfte bei ihnen kein Verantwortlicher spekuliert haben.

Die Handlungsfähigkeit des effzeh wird gefährdet

Kurzfristig ergibt die Vorgehensweise des Vereins durchaus Sinn, zumal ein Abstiegsrisiko schon aus ökonomischen Gründen minimiert werden muss. Doch die Geschäftsführung um Alexander Wehrle und Armin Veh setzt seit mehr als einem Jahr die mittel- und langfristige Handlungsfähigkeit des Vereins ein Stück weit aufs Spiel. Viele Spieler im Kader kosten zu viel, stehen zu lange unter Vertrag und bieten aufgrund ihrer Leistungen kaum Verkaufspotential. Die Leihen von Jannes Horn und Frederik Sörensen könnten daher eine Blaupause für die nächsten Jahre sein. Längst hat der effzeh viele Zahlungsverpflichtungen (Gehälter und Ablösesummen) für die Zukunft angehäuft. Und zwar ohne eine Strategie entwickelt zu haben, wie er die Einnahmen unabhängig von der sportlichen Lage erhöhen will.

Diese Tendenzen gab es am Geißbockheim schon einmal – und sie endeten nicht gut. Damals hieß der Geschäftsführer Claus Horstmann, der sich ebenfalls bestens auf mediale Beschwichtigung verstand. Gleichzeitig lief er als kurzsichtiger Geldbeschaffer durch Köln, um zahlreichen Sportchefs und dem Präsidium um Wolfgang Overath wirtschaftlich absurde Wünsche zu erfüllen. Von diesem Pfad kam der effzeh damals erst kurz vor der Insolvenz ab – das Ergebnis war ein Abstieg 2012, von dem sich der einstige Bundesliga-Meister nur mühsam erholte. Von einem ähnlichen Szenario ist der Verein derzeit natürlich weit entfernt. Trotzdem sollte sich niemand von Wehrles Aussagen blenden lassen. Das ging bei Horstmann schon einmal schief. Und ein erneuter Abstieg würde den effzeh vor deutlich größere finanzielle Probleme stellen als der letzte.

Es lohnt sich daher auch, genau hinzuhören, wenn der Geschäftsführer über die Finanzen spricht – gerade vor der am Sonntag stattfindenden Mitgliederversammlung. Ein positives Eigenkapital bringt wenig, wenn gleichzeitig die Liquidität demoliert wird. Müsste Wehrle über die Ergebnislücke sprechen, also den Betrag, der zur angestrebten Profitabilität des 1. FC Köln fehlt, wäre seine Antwort vermutlich deutlich weniger optimistisch ausgefallen. Auf Anfrage von effzeh.com teilte der Klub mit, dass sich Alexander Wehrle vor der Mitgliederversammlung nicht zum Sachverhalt äußern wolle.

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