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Meinung

China-Engagement des 1. FC Köln endlich beendet: Keine Deals mit Diktaturen

Der 1. FC Köln beendet sein Engagement in China – das ist gut so. Die Begründung der Entscheidung liest sich bei Mitgliederrat und Präsident jedoch unterschiedlich. Ein Kommentar.

Ob Basketball oder Fußball: Der Sport engagiert sich in China | Foto: GREG BAKER/AFP via Getty Images

Man musste kein Nachrichten-Junkie sein, um in den letzten Wochen mitbekommen zu haben, dass China immer noch keine Demokratie ist. Seit Monaten drängen die Menschen in Hongkong auf die Wahrung ihrer Rechte – mindestens. Auch die komplette Unabhängigkeit des Stadtstaates, der einst britisches Protektorat war und nun zum „Reich der Mitte“ gehört, obwohl zumindest große Teile der Bevölkerung das nicht unbedingt wollen, steht mittlerweile zur Debatte. Doch Peking zeigt sich ebenso unnachgiebig wie schon im Konflikt um Tibet – eine weitere Region, die nach Unabhängigkeit strebt.

Das ist nur eine derzeit prominente Geschichte aus China: Die andere ist die von Konzentrationslagern in der Provinz Xinjiang. Dort lebt mit den Uiguren eine muslimische Minderheit – und die verschwindet investigativen Presseberichten zufolge in den letzten Monaten zu Zehntausenden in den von Peking verharmlosend „Umerziehungslager“ genannten Camps und ist dort offenbar auch Folter ausgesetzt. Jüngst lenkte die Kritik von Ex-Nationalspieler Mesut Özil noch mehr Aufmerksamkeit auf das Thema. Dass China diese Zustände vehement und lautstark zu leugnen versucht, Özil als von Fakenews beeinflusstes Dummerchen darstellen will und das staatliche TV als Reaktion auf die Kritik ein Spiel vom Arsenal FC, Özils Club, aus dem Programm genommen hat, unterstreicht dabei lediglich, wie wenig man im Reich der Mitte von Meinungsfreiheit und liberalen Grundwerten hält. Dass das chinesische und überaus beliebte Social-Network „Tiktok“ zuletzt mit Zensur und der Diskriminierung von behinderten und nicht konformen Menschen von sich Reden machte, verwundert bei dieser Gemengelage schon gar nicht mehr.

Diktatur mit Winnie-Pooh-Gesicht

Proteste in Indien gegen Chinas Politik | Foto: PUNIT PARANJPE/AFP via Getty Images)

Denn China ist auch mit nettem Winnie-Pooh-Gesicht (die Kinderserie mit dem Bären ist in China verboten, da die Hauptfigur eine gewisse Ähnlichkeit zu Staatspräsident Xi Jinping aufweist) eine eiskalte Diktatur, in der nur derjenige gut leben kann, der sich verhält, wie Peking es wünscht. Um das sicher zu stellen, überwacht der Staat seine Bürger*innen, wie und wo er es nur kann. Die Volksrepublik schafft dabei sogar ganz „besondere Anreize“ und vergibt sogenannte „Social Credits“ an die Bevölkerung. Wer hier viele Punkte sammelt und brav nach Partei-Gusto sein Leben lebt, merkt davon gar nicht so viel. Aber wehe, man entspricht nicht Pekings Wünschen. Wer ein zu niedriges Punkte-Level erreicht, muss mit Einschränkungen im alltäglichen Leben, etwa beim Zugang zu sozialen Diensten oder der Arbeitsplatz- und Ausbildungssuche, rechnen.

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Es ließen sich problemlos noch mehr Beispiele für die inakzeptable Situation in China aufführen. Angesichts dessen ist es eigentlich bereits ein Wunder, dass sich irgendjemand freiwillig im Reich der Mitte engagiert hat. Doch wenn es darum geht, Geld zu verdienen, zählen Anstand und Moral im scheinheiligen Westen oft genauso wenig wie in Fernost. Dass China eine Diktatur ist, in der die Menschenrechte mit Füßen getreten werden, spielt weder für Apple noch für Siemens oder die Bundesregierung eine große Rolle – solang die Yuan weiter fließen.

Auch der 1. FC Köln gehörte zu den “Wegguckern”

Auch der vergleichsweise kleine 1. FC Köln hatte sich in der Vergangenheit in die Riege der westlichen Weggucker eingereiht, die in China ihr Glück versuchten. Zunächst setzte man bei den „Geißböcken“ auf eine Kooperation auf Klub-Ebene – ohne großen Erfolg. Dann empfing man eine hochrangige chinesische Delegation am „Geißbockheim“ – und einigte sich darauf, in China eine Fußballschule aufzubauen und die Entwicklung des Sports so in Fernost zu fördern – natürlich für die entsprechende Bezahlung.

COLOGNE, GERMANY - MAY 23: (L-R) Chairman Alexander Wehrle and vice-president Werner Spinner of Koeln smile prior to the Bundesliga match between 1. FC Koelan and VfL Wolfsburg at RheinEnergieStadion on May 23, 2015 in Cologne, Germany.

Geschäftsführer Wehrle zusammen mit Ex-Präsident Spinner | Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Kritik am Streben nach Fernost wurde vom alten Vorstand und Geschäftsführer Alexander Wehrle gerne vom Tisch gewischt – nur durch Zusammenarbeit mit freien Ländern könne China sich weiterentwickeln. Ein Satz, der nicht weniger bedeutet als: Geld ist wichtiger als Rückgrat.

Dass Stefan Müller-Römer in seiner Amtszeit im Vorstand des 1. FC Köln (der Mitgliederratsvorsitzende war nach Werner Spinners Rückzug in den Vorstand aufgerückt) alle China-Bestrebungen des Clubs zunächst blockierte, war angesichts der politischen Situation im Partnerland die richtige Entscheidung. Nun hat sich auch der neue Kölner Vereinsvorstand vom China-Geschäft des Clubs distanziert – auch dafür wurden Werner Wolf, Eckhard Sauren und der mittlerweile zurückgetretene Jürgen Sieger ins Amt gewählt.

Klarer Standpunkt im Mitgliederrrat

„Ich verstehe, dass die Bundesrepublik Deutschland nicht vollständig an der Wirtschaftskraft Chinas vorbeikommt und insoweit ein Austausch stattfindet“, erklärt Müller-Römer nun im Kölner Stadtanzeiger die Entscheidung des Clubs. „Im Sport brauchen wir China nicht, dabei bleibe ich.“ Ein Engagement in einem Land, dass den „totalen Überwachungsstaat“ aufbaue und die Menschenrechte in massiver Form missachte, sei für einen Club wie den 1. FC Köln keine Option. „Als gemeinnütziger Verein, der sich sozial engagiert, können wir eine so totalitäre und brutale Diktatur nicht unterstützen“, heißt es bei Müller-Römer.

Präsident Werner Wolf wählt derweil andere Worte – vielleicht auch, weil mit dem Rückzug aus China ein Prestigeprojekt von Alexander Wehrle vor dem Aus steht. Noch im Oktober hatte der Geschäftsführer laut Kölner Stadt-Anzeiger das Engagement in Fernost beim neuen Vorstand beworben – offenbar ohne Erfolg. „Vorstand und Geschäftsführung haben beschlossen, dieses Projekt in der derzeitigen sportlichen Situation nicht zu machen“, erklärte Präsident Wolf nun diplomatisch gegenüber dem Express. „Wir konzentrieren uns auf die Kern-Themen.“

Wolf lässt Hintertür offen

Während Müller-Römer also vor allem politische und soziale Gründe für das Ende des Engagements in China anführt, begründet Wolf den Schritt mit der Konzentration aufs Wesentliche und der „derzeitigen sportlichen Situation“. Ein Unterschied mit Hintertür, die hoffentlich solange verschlossen bleibt, bis China sich weiterentwickelt hat. Nur das darf maßgeblich für ein weiteres Engagement im „Reich der Mitte“ sein – und nicht die „derzeitige sportliche Situation“ des 1. FC Köln.

Denn die Mythen, dass China sich durch mehr westliches Engagement schneller für Demokratie und Menschenrechte öffnen werde, sind – siehe die aktuellen Entwicklungen – die eigentlichen Fake-News, brav weitererzählt von westlichen Kapitalisten mit vollen Bankkonten und eigenem Tiktok-Account. Gut, dass der 1. FC Köln nicht mehr dazu gehört. Noch besser, wenn es auch so bleibt.

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