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Auswärtsspiel

„Bei Hertha wurde ein Schalter umgelegt“

In der Englischen Woche geht es für den effzeh in die Hauptstadt. Diesmal im Auswärtsspiel: Hertha-Fan Henry, der über die Transfers, Pal Dardai und das „Graue Maus“-Image spricht.

© effzeh.com
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Mitten in der Englischen Woche geht es für unseren effzeh in die Hauptstadt. Diesmal im Auswärtsspiel: Hertha-Fan Henry, der mit uns über die Transferpolitik der Berliner, Pal Dardai und das Image als „Graue Maus“ spricht.

Zu den Spielen unseres geliebten und glorifizierten ersten Fußballclubs Köln werden wir auch in dieser Saison einem Fan der gegnerischen Mannschaft ein paar Fragen stellen. Und weil Gegner ja immer irgendwie “auswärts” sind, egal ob der effzeh zu Hause oder auf fremdem Platz antritt, und weil die Sichtweise von “auswärts” kommt, heißt die Kategorie folgerichtig “Auswärtsspiel”. Wir sind nicht nur gespannt, wieviel effzeh in den Anhängern der anderen Bundesligisten steckt, sondern erwarten auch eine Einschätzung zur Situation der eigenen Mannschaft.

Inmitten der „Englischen Woche“ reist der effzeh in die Hauptstadt zur „Alten Dame“ Hertha BSC. Vor dem Duell bei den Berlinern sprachen wir mit Hertha-Fan Henry, der seit der Zweitligasaison 1997 ins Olympiastadion pilgert. Im effzeh.com-Auswärtsspiel klärt er uns über die neue Transferpolitik der Herthaner auf, berichtet uns über das Standing des Klubs in der Hauptstadt, das Image der „Grauen Maus“ und beurteilt, ob das Olympiastadion Fluch oder Segen für Hertha ist.

effzeh.com: Die „Alte Dame“ ist recht lebendig in die neue Spielzeit gekommen, sieben Punkte aus fünf Spielen. Bist du zufrieden mit dem Saisonstart?

Henry: Ja, ich bin zufrieden mit dem Start. Nicht sehr zufrieden, weil in jedem der bisherigen drei nicht gewonnenen Spiele auch ein besseres Ergebnis möglich gewesen wäre. Ich bin aber auch nicht unzufrieden, weil nach der spielerischen Magerkost des letzten Jahres eine große Veränderung stattgefunden hat. Hertha stellt sich nicht mehr nur hinten rein, sondern spielt mitunter durchaus ansehnlich mit.

effzeh.com: Im Sommer habt ihr mehr Wert auf Klasse statt Masse gelegt – Vladimir Darida, Mitchell Weiser und Niklas Stark sind an die Spree gewechselt. Ist das Team besser als in der letzten Saison?

Foto: twitter.com/sirhenry33

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Henry: Ja, unbedingt. Alle drei haben in den bisherigen Spielen bereits gezeigt, dass sie die erhoffte Verstärkung sind. Darida soll in erster Linie als Verbindungsspieler zwischen dem defensiven und offensiven Mittelfeld eingesetzt werden. Das klappt bisher noch nicht immer wunschgemäß, wird sich aber mit zunehmender Spielpraxis noch weiter verbessern. Weiser ist mit großer Spielfreude gesegnet. Schnell ist er sowieso, technisch versiert auch. Jetzt gilt es, diese positiven Eigenschaften auch konstruktiv ins Team einzubringen. Von Stark bin ich bisher in seinen beiden Einsätzen positiv überrascht. Vielleicht haben wir da echt ein Juwel an Land gezogen.

Zu den Neuzugängen muss man ja eigentlich auch Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann hinzurechnen, die beide nach langer Verletzung wieder ins Team zurückgekehrt sind. Gerade Cigerci ist als Schlüsselspieler im Zentrum Gold wert. Er verfügt über eine tolle Übersicht und gute Technik. Außerdem hält er mit seiner Ruhe anderen Spielern den Rücken frei. Und von Baumjohann erhoffen sich viele hier den Impuls Genialität. Er hat das in Ansätzen in seinen wenigen Einsätzen vor zwei Jahren schon gezeigt. Derzeit agiert er noch immer etwas gehemmt, was nach zwei Kreuzbandrissen aber nur zu verständlich ist. Da muss der Kopf noch frei werden.

effzeh.com: Kurz vor Toresschluss habt ihr mit Vedad Ibisevic einen Torjäger geholt, der zuletzt in Stuttgart kaum Spielzeit bekam. Wird er eine Schnitte gegen unsere starke Defensive haben?

Henry: Was ich bisher von ihm gesehen habe, stimmt mich positiv. Im Gegensatz zum wandelnden Phlegma Salomon Kalou spielte Ibisevic in den zwei Partien mit ordentlich Zug zum Tor und er suchte schnell den Abschluss. Da ist Spannung im Körper. Schnell ist er auch. Das erste Tor für Hertha ist nur eine Frage der Zeit.

effzeh.com: Von den Zielen her scheint die Hertha dem effzeh sehr zu ähneln, es geht um die Etablierung in der Bundesliga. Wie weit seid ihr dabei aus deiner Sicht fortgeschritten?

Henry: Ich sehe da auch viele Parallelen. Erstmal drinbleiben, das ist die Grundvoraussetzung. Dann kann man weiter aufbauen. Allem Anschein nach wurde bei Hertha im Sommer im Kopf ein Schalter umgelegt. Die Hasenfüßigkeit der letzten Saison ist einem gesunden Selbstbewusstsein gewichen. Die fünf Spiele bisher stellen einen guten Schnitt durch die Liga dar: Augsburg, Bremen, Dortmund, Stuttgart und Wolfsburg waren die Gegner. Wenn ich nun die Spielweise und die Ergebnisse dieser Spiele als Maßstab nehme, wird mir um Hertha nicht bange. Das sollte dieses Jahr für einen Platz zwischen zehn und 13 reichen.

effzeh.com: Bei Euch hat seit Mitte der vergangenen Saison Pal Dardai das Traineramt inne. Was macht Euer Ex-Spieler anders und besser als noch unter Jos Luhukay?

Foto: twitter.com/sirhenry33

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Henry: Dardais Aufgabe der letzten Saison unterscheidet sich von der der jetzigen grundlegend: hieß es bis Mai einfach noch „drinbleiben, egal wie!“ geht es dieses Jahr darum, eine Mannschaft zu formen, bei der die Balance zwischen Defensive und Offensive stimmt und die ein guter Wettbewerber in der Bundesliga ist. Im letzten Jahr gelang es der Mannschaft unter seiner Leitung, die Defensive zu stabilisieren. Das war letztlich der Schlüssel zum Klassenerhalt. Allerdings ging das auf Kosten der Offensive. Das taktische Konzept war ja recht einfach: tief stehen, keine Abschlüsse des Gegners zulassen und bei Ballbesitz schnell den Raum überbrücken und abschließen. Mit einem Stürmer wie Kalou, dessen hervorstechendste Eigenschaft nicht unbedingt die Grundschnelligkeit ist, war es natürlich schwierig, das umzusetzen (PS: unser zweiter Stürmer, Julian Schieber, hat sich im Februar schwer verletzt und fällt seitdem aus). Seit diesem Jahr hat Hertha wieder viel mehr Ballbesitz. Nun gilt es, diesen Ballbesitz auch kreativ zu nutzen und gefährlich zu sein. Die offensiven Positionen um Haraguchi, Weiser, Stocker und den jeweiligen Stürmer (Kalou oder Ibisevic) sind sehr variabel. Nicht nur tauschen die beiden Außenstürmer regelmäßig die Seiten, sondern sie tauchen auch oft im Sturmzentrum auf. Das macht es der gegnerischen Abwehr schwerer, sich auf die Spielweise einzustellen.

effzeh.com: Berlin ist eine Stadt mit vielen „Imis“, wie wir in Köln sagen würden, die ihren eigenen Verein natürlich im Exil nicht ablegen. Wie ist denn das Standing der Hertha in der Hauptstadt?

Henry: Hertha hat dauerhaft einen Schnitt von 40.000 Zuschauern zu Zweitligazeiten und +50.000 in der ersten Liga. Das sind Zahlen, die sich langjährig bestätigen und die sehr gut sind. Damit befindet sich Hertha im oberen Spitzenfeld der Liga. Die Zahl aus der zweiten Liga ist sehr aussagekräftig, weil dort die Zahl der mitreisenden Auswärtsfans im Ganzen gesehen viel geringer ist (beim Spiel gegen den FSV Frankfurt 2010 waren handgezählte 16 Gästefans im großen Gästenblock). Man kann also sagen, dass Hertha aus sich heraus etwa 45.000 Zuschauer ins Stadion zieht.

Die Stadt ist fußballerisch zweigeteilt: im Osten dominiert Union und im Westen Hertha. Man kann anhand der Mitgliederstruktur den ehemaligen Grenzverlauf noch gut nachvollziehen (siehe hier). Das Standing Herthas innerhalb Berlins ist jedenfalls besser, als das von außen immer so wahrgenommen wird. Dass Fußball in Berlin nicht die Dominanz ausstrahlt, wie in anderen Städten ist unbestritten und hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass es erstens in Berlin eine Vielzahl von breiten Angeboten, auch Erstligasport anderen Sportarten, gibt.
Man darf auch nicht unterschlagen, dass die Bevölkerung Berlins seit der Wende zu einem Drittel ausgetauscht wurde. Das sind massive Umwälzungen, die da stattfinden.

© effzeh.com

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Und ja, die Neuberliner bringen ihren alten Verein mit, was sich bei jedem Spieltag im Olympiastadion zeigt. Außerhalb der eigentlichen Fankurve, die bei uns die Ostkurve ist, gibt es bei uns keine Fantrennung. Alle anderen Tickets sind im freien Verkauf. Das führt zu bunten Geraden. Meist ist das auch völlig unproblematisch und klappt ganz gut. Und gegen herzhaftes Gefrotzel in der Bahn oder im Stadion ist ja auch nichts zu sagen. Im Gegenteil, sie verleihen dem Spieltag eine gewisse Würze. Enttäuschend bleibt für mich, dass es offensichtlich nur unzureichend gelingt, Hertha zum Zweitverein der Zugezogenen zu machen oder dafür zu sorgen, dass die Kinder der „Imis“ Hertha zum Lieblingsverein küren. Da ist noch eine Menge Arbeit zu tun. Die beiden Abstiege der vergangenen Jahre haben da natürlich ihren negativen Beitrag geleistet. Wer will schon an einem kalten Sonntag in das riesige, zugige Stadion mit 32.000 Zuschauern eine grottenlangweilige, weil einseitige, Partie gegen mauernde Sandhausener sehen?

effzeh.com: Außerhalb Berlins scheint man von der Hertha wenig Notiz zu nehmen. Woran liegt dieses „Graue Maus“-Image des Klubs?

Henry: Ehrlich, ich habe keine Ahnung. Klar, sportlich agiert Hertha seit 2009, sagen wir mal, schwankend. Und, siehe oben, Zweitligajahre sind verlorene Jahre. Ihr Fans des 1. FC Köln werdet es auch wissen, wie mies das Unterhaus ist. Miese Anstoßzeiten, miese Gegner, miese TV-Präsenz, miese Spiele. Die zweite Liga findet vor allem regional statt. Die Vereine werden überregional außerhalb des interessierten Kreises kaum wahrgenommen. Die mediale Durchdringung der ersten Liga ist ungleich höher, selbst der wenig interessierte kann dem kaum ausweichen. Die Vereine können also nur in der ersten Liga so etwas wie ein Image aufbauen. Warum aber der enorme Imagezuwachs, den die Stadt Berlin seit 20 Jahren erlebt an Hertha weitgehend vorbeizieht, weiß ich auch nicht. Anstrengungen werden unternommen, Werbung wird gemacht, Imagekampagnen gestartet, aber mein Eindruck ist, dass Hertha da auf der Stelle steht.  

Um nicht falsch verstanden zu werden: Hertha soll nicht zum Modehipsterverein werden, den alle cool finden. Mir ist diese „alle mögen Freiburg“-Nummer suspekt. Und wenn ich sehe, dass irgendwelche Provinzlöffel mit einem St. Pauli Pulli rumlaufen, man dem Träger aber ansieht, dass sie nicht drei Spieler des aktuellen Kaders nennen könnten, dann ist da auch was schief gelaufen.  Die Hipster gehen wieder, sie suchen sich ein anderes Spielzeug. Und dann stehste als Verein da mit Deinem obercoolen Image und bist so was von „alt“. Da ist mir eine grundehrliche Bodenständigkeit lieber, die aber dafür konstant ist. Das ist dann eben nicht der letzte geile Scheiß, aber es ist mein Verein.  Meiner Überzeugung nach: die Aufmerksamkeit kommt mit den Erfolgen (wieder). Hertha hatte in meiner Zeit seit 1997 tolle Spielzeiten und das gipfelte in der grandiosen Saison 2008/2009 mit dem vierten Platz. Der Absturz danach hatte viele Ursachen, wäre aber ein anderes Thema.

Diese Zeiten werden wiederkommen, alle Herthaner sehnen sich danach. Wann sie wiederkommen, wissen wir hier nicht. In meinem Herthaumfeld sind seit den beiden Abstiegen alle ziemlich geerdet und erwarten keine Wunder. Auch nicht, wenn Hertha wider Erwarten eine kleine Serie in der Liga hinlegen würde. Hier zählen alle nur die Punkte bis 40 rückwärts. Das sind, Stand heute, noch 33.

effzeh.com: Das Olympiastadion ist aufgrund seiner Größe selten ausverkauft, macht aber auch dank seiner Historie einiges her. Ist das Stadion Fluch oder Segen für den Verein?

Henry: Das Stadion ist einfach nur eine derzeit unabwendbare Tatsache, daher lohnen sich Diskussionen darüber kaum. Ja, es ist meistens zu groß. Ja, die Laufbahn ist doof. Aber: ab etwa 55-60.000 Zuschauern fängt das Stadion aus sich heraus zu atmen und zu leben. Das können dann unglaubliche Spiele sein. Und wenn Du vor 74.000 Zuschauern gewinnst, ist es das geilste Stadion der Welt. Mein Traum: ein innenstädtisches Stadion für 55.-60.000 Zuschauer. Aber dieser Traum ist nicht realisierbar, zumindest nicht in den nächsten zwanzig Jahren.

Foto: twitter.com/sirhenry33

Foto: twitter.com/sirhenry33

effzeh.com: Wenn du an den effzeh denkst, was kommt dir da in den Sinn? Was verbindest du mit unserem Klub?

Henry: Nach reichlich wechselvollen Jahren zwischen den beiden Ligen scheint der 1. FC Köln nun endlich in der Realität angekommen zu sein. Das tut dem Verein sehr gut. Das Duo Schmadtke/Stöger hat Druck vom Kessel genommen, macht gute Arbeit und hält euch den Ärger vom Hals. Ich halte Schmadtke ohnehin für einen ziemlich guten Manager. Der hat bereits in Aachen und Hannover gezeigt, was er kann und er setzt diese Arbeit Köln nahtlos fort. Das beeindruckt mich.

Spielerisch ist mir vor allem aufgefallen, wie vergleichsweise souverän die Mannschaft im letzten Jahr die Klasse gehalten hat. Im Windschatten der großen Aufgeregtheiten um den HSV, Stuttgart und Dortmund hat man ruhig seine Arbeit gemacht. Gut so. Ich dachte auch erst, dass euch der Abgang von Brecko und Ujah mehr schmerzen würde. Allem Anschein hat der Verein aber gute Lösungen gefunden, damit klar zu kommen. Ich sehe euch im gesicherten Mittelfeld einlaufen.

effzeh.com: Last, but not least: Dein Tipp, bitte!

Henry: Hertha hat in den letzten Jahren gegen den 1. FC Köln meist ganz gut ausgesehen. Es wird ne knappe, umkämpfte Kiste. Am Ende steht ein 2:1 auf der Tafel.

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