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Schlusslicht bei Starensemble: Kann das gut gehen? Vor dem Auswärtsspiel des 1. FC Köln beim FC Bayern München sprechen wir mit miasanrot-Blogger Justin Kraft über die Partie.

Ein Auswärtsspiel beim FC Bayern München ist nie eine einfache Aufgabe, doch in der Situation des 1. FC Köln gleicht es einem Himmelfahrtskommando. Als abgeschlagenes Schlusslicht geht es für die „Geißböcke“ zum Rekordmeister, der sich anschickt, den sechsten Titel in Folge zu holen. Vor dem aussichtslosen Unterfangen im Süden der Republik sprechen wir mit Miasanrot-Blogger Justin Kraft, der zuletzt zusammen mit einem Co-Autor das Buch „Rot und weiß ein Leben lang – 111 Gründe, den FC Bayern zu lieben“ herausbrachte, über Langeweile an der Tabellenspitze, den Trainerwechsel bei den Bayern und den historischen Absturz des 1. FC Köln.

Am Samstag hat sich der FC Bayern zum siebten Mal in Folge zum Herbstmeister gekrönt. Hattest du das nach dem holprigen Saisonstart erwartet?

Nicht unbedingt. Nachdem der FC Bayern nach wenigen Spieltagen 5 Punkte Rückstand auf Borussia Dortmund hatte, war meine Erwartung lediglich, dass man bis zum Winter nochmal rankommt beziehungsweise einen knappen Vorsprung herausarbeitet. Mir war klar, dass Borussia Dortmund mit ihrer Art Fußball einbrechen würde und auch Leipzig wirkte nicht immer sattelfest. In dieser Deutlichkeit hätte ich das aber nicht vorhergesagt.

Ancelotti zu entlassen, war unabdingbar Bei allem Respekt vor seiner Karriere, aber er war nicht der richtige Mann für diese Phase, in der sich der FC Bayern befindet. Der richtige Zeitpunkt war es trotzdem nicht. Schon im Sommer hätte man handeln können, weil man vorher bereits erste Anzeichen für die Entwicklung gesehen hat.

Ausschlaggebend für die starke Phase der Münchener ist sicherlich der Trainerwechsel von Carlo Ancelotti zu Jupp Heynckes. Eine Entscheidung, die für dich zum richtigen Zeitpunkt kam?

Ancelotti zu entlassen, war unabdingbar. Bei allem Respekt vor seiner Karriere, aber er war nicht der richtige Mann für diese Phase, in der sich der FC Bayern befindet. Viele Spieler über dem Zenit und einige junge Akteure, die vor allem taktisch gefordert werden müssen – das passt nicht zum Italiener, der dafür bekannt ist, Mannschaften, die intakt sind, auf ihr bestes Niveau zu bringen. Der richtige Zeitpunkt war es trotzdem nicht. Schon im Sommer hätte man handeln können, weil man vorher bereits erste Anzeichen für die Entwicklung gesehen hat. Heynckes – und vor allem auch Peter Hermann – waren dann wiederum die absolut beste Notlösung.

MUNICH, GERMANY - OCTOBER 14: Coach Jupp Heynckes (l) with assistant coach Peter Hermann after their team scored a goal during the Bundesliga match between FC Bayern Muenchen and Sport-Club Freiburg at Allianz Arena on October 14, 2017 in Munich, Germany. (Photo by Jan Hetfleisch/Bongarts/Getty Images)

Foto: Jan Hetfleisch/Bongarts/Getty Images

Warum hat es unter Ancelotti am Ende nicht mehr geklappt? Wo waren die Problemzonen?

Zunächst gab es taktische Probleme, die sich quasi von Beginn an äußerten. Am Anfang reichte die individuelle Klasse des FC Bayern aus, um Spiele zu gewinnen. Allerdings fehlte dem Team eine Grundstruktur. Unter Guardiola gab es das Positionsspiel, das dem Rekordmeister ermöglichte, stets Anspielstationen zu kreieren. Es war an guten Tagen quasi unmöglich für den Gegner, den Ball zu erobern. Mit Ancelotti war das System anfällig. Er wollte das System verwalten und um eigene Ideen erweitern. Sein eigener Ansatz war es, das Spiel direkter zu gestalten. Es sollte noch schneller nach vorn gehen – weniger Ballbesitz, mehr Vertikalität. Allerdings hätte es dafür eine bessere Struktur gebraucht. Vertikaleres Spiel kann zwar attraktiv sein, erfordert aber ein sehr gutes Positionsspiel. Das war schlicht nicht mehr vorhanden und so waren die Münchner konteranfälliger denn je. Das Passspiel war ungenau und – was unter Guardiola so wichtig war – die Mannschaft stand bei Ballverlusten nicht mehr gut genug, um direkt ins Gegenpressing zu gehen. Aus den taktischen Problemen wurden dann anscheinend auch zwischenmenschliche Probleme. Ancelottis Trainingsansatz, der vor allem auf eine geringe Intensität ausgelegt war, schien bei den Spielern nicht mehr gut anzukommen. Auch, weil langsam die Ergebnisse ausblieben. Am Ende gingen die Gerüchte rum, dass Ancelotti die Kabine verloren haben soll und dann war die Entlassung nicht mehr zu umgehen.

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Was macht Heynckes anders beziehungsweise besser als sein Vorgänger?

Anders soll speziell das Training sein. Mehr Intensität, die Markierungen auf dem Spielfeld für das Positionsspiel sind zurück und es geht anscheinend wieder mehr darum, der Mannschaft eine Grundstruktur zu verpassen. Das Pressing ist unter Heynckes der bisher größte Faktor. Die Mannschaft variiert gegen den Ball die Staffelung, aber auch die Höhe. Dabei bleibt sie immer kompakt. In tieferen Zonen ist ein enges 4-5-1 genau so möglich, wie ein extrem hohes 4-1-4-1 im Angriffspressing. Das bringt einen unberechenbaren Faktor ins Bayernspiel. Mit dem Ball sind die Münchner zudem wieder sicherer. Man muss sich nur ansehen, wie viele Anspielstationen die Spieler teilweise wieder haben, um zu erkennen, dass das Positionsspiel wieder eine größere Rolle spielt. Heynckes hat aber auch einen großen Vorteil gegenüber Ancelotti. Neben ihm ist mit Peter Hermann jemand, der ein hervorragender Trainer ist. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, dass Hermann einen größeren Anteil am taktischen Fortschritt hat als Heynckes selbst. Ancelottis Co-Trainer ging bereits nach einem halben Jahr und wurde dann nicht adäquat ersetzt. Da hat der FC Bayern es verpennt, einen guten Mann an seine Seite zu stellen. Hermanns riesiges Know-How kann man auch mit Fakten belegen. Dafür muss nur ein Blick auf Düsseldorf geworfen werden, die seit seinem Abgang kaum noch vorwärts kommen.

Bayern Munich's Spanish midfielder Javier Martinez reacts after the final whistle in the UEFA Champions League Group B football match between Celtic and Bayern Munich at Celtic Park in Glasgow, on October 31, 2017. / AFP PHOTO / Paul ELLIS (Photo credit should read PAUL ELLIS/AFP/Getty Images)

Foto: PAUL ELLIS/AFP/Getty Images

Auffällige Akteure seit dem Trainerwechsel sind sicherlich Javi Martinez und Arturo Vidal. Spiegelt deren Leistungsaufschwung die menschliche Qualität von Jupp Heynckes wieder? Oder ist es schlichtweg eine andere Aufstellung, die dafür verantwortlich ist?

Ich würde sagen, dass beides eine Rolle spielt. Heynckes kann mit jedem Spielertypen umgehen und er weiß genau, wie jeder am besten funktioniert. Jeder Spieler hat eine klare Rolle und jeder ist wichtig. Dieses Gefühl hat er seiner Mannschaft auch 2013 im Triple-Jahr vermitteln können. Seine Führungsqualität ist herausragend. Hinzu kommt der taktische Aspekt durch Hermann. Vidal spielt jetzt endlich wieder in höheren Zonen. Dort ist er nicht nur torgefährlich, sondern auch wichtig fürs Gegenpressing. Im Spielaufbau ist er verschwendet und eher ein Antikörper für das Team. Martínez ist für mich sowieso ein Phänomen. Ob er hinten oder auf der Sechs spielt, ist fast egal. Er ist überall der herausragende Nebenmann eines kreativen Partners, der diesem den Rücken freihält. Ein sensationeller Spieler, dem ich sehr gerne zusehe.

Martínez ist für mich sowieso ein Phänomen. Ob er hinten oder auf der Sechs spielt, ist fast egal. Er ist überall der herausragende Nebenmann eines kreativen Partners, der diesem den Rücken freihält. Ein sensationeller Spieler, dem ich sehr gerne zusehe.

Im Tor wird am Mittwoch abermals Tom Starke stehen, der aufgrund von Verletzungsproblemen eurer Schlussleute in Frankfurt vom Rentendasein zum Rückhalt des Teams avancierte. Ihn zwischen den Pfosten zu wissen ist vermutlich kein Grund für Nervosität, oder?

Jedenfalls nicht in der Bundesliga. Es ist ja schon gut zu wissen, dass einer wie Ulreich, der ohne Frage bei vielen Teams in Deutschland Stammtorhüter wäre, Neuer ersetzen kann. Dass man dann noch Starke für den absoluten Notfall hat, ist natürlich umso besser. Mir tut es lediglich für Früchtl etwas leid, der jetzt seine große Chance bekommen hätte und leider selbst verletzt ist.

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Mit einem Sieg über den 1. FC Köln wärt ihr an der Spitze um zehn Punkte enteilt, danach sah es lange nicht aus. Fasziniert einen Bayern-Fan die Bundesliga überhaupt noch?

Mich fasziniert eher, dass die Mannschaft immer noch diesen Hunger und diese Motivation aufbringen kann. In einem Interview mit dem Blog „texterstexte.com“ sagte Rummenigge neulich: „Für Pep hätte das Triple ein Problem werden können, Erfolg macht bekanntlich auch satt.“ Das heißt indirekt, dass er schon zeitnah nach dem Triple einen kleinen Einbruch erwartet hatte. Allein, weil dieser unendliche Erfolg irgendwann ganz natürlich lähmt. Doch dazu kam es noch nicht. Jedenfalls nicht im großen Stil, sondern maximal in sehr geringem Ausmaß. Das fasziniert mich schon sehr. Mir ist aber auch bewusst, dass die Bundesliga nicht mit dem Niveau der Bayern mithalten kann. Das macht mich wiederum auch etwas wehmütig. Natürlich waren Meisterschaften sehr besonders, wenn der Kampf um den Titel lange spannend war. Insofern fasziniert mich die Liga weniger, aber mein eigenes Team sehr. Trotzdem sehe ich noch kein Drama. Ich glaube schon, dass die Bundesliga sehr viel ungenutztes Potential hat und Bayern auch mal wieder wackeln kann.

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Ein Grund für den abermaligen Durchmarsch des FCB ist auch die Schwäche der Konkurrenz. Dortmund rutschte nach Traumstart in eine heftige Krise, Leipzig ist weit entfernt von der Brillanz des Vorjahrs. Hattest du mehr Gegenwehr auf dem Weg zum sechsten Titel in Serie erwartet?

Es ist aus neutraler Sicht ein Stück weit ärgerlich, dass die kleine Schwächephase des FC Bayern in eine Phase fällt, in der auch die Konkurrenz nicht an ihr Maximum kommt. Schalke ist erst am Anfang einer Entwicklung, Borussia Dortmund hatte mit Transfers und dem ungeplanten Trainerwechsel zu tun, Hoffenheim verlor zwei wichtige Schlüsselspieler an uns und Leipzig ist jetzt im schwierigen zweiten Jahr. Daher war es schon denkbar, dass keiner die Probleme des Rekordmeisters nutzen konnte. Einen etwas engeren Titelkampf habe ich mir trotzdem gewünscht. Das ist ja auch für die Bayern wichtig, wenn es in der Champions League wieder auf die letzten Prozentpunkte ankommt.

Das größte Problem dieser Liga ist die fehlende Konstanz der Spitzenmannschaften. In anderen Ligen sind die besten Teams regelmäßig dabei, während Dortmund, Schalke und Leverkusen – die besten deutschen Mannschaften der letzten Jahre – stark in ihrem Niveau schwanken.

Auch in der Champions League seid ihr die einzig verbliebene deutsche Mannschaft. Der FCB als Retter des deutschen Fußballs: Eine Rolle, die ihr in München gerne annehmt?

Ich würde nicht sagen, dass wir uns gerne als Retter des deutschen Fußballs inszenieren. Vielleicht fühlt sich der Eine oder Andere in dieser Rolle wohl, aber den Eindruck habe ich bei den Verantwortlichen nicht und ich selbst will das auch nich so formulieren. Eine starke Bundesliga wäre ja im Interesse der Münchner und auch in meinem Interesse. Ich glaube, das größte Problem dieser Liga ist die fehlende Konstanz der Spitzenmannschaften. In anderen Ligen sind die besten Teams regelmäßig dabei, während Dortmund, Schalke und Leverkusen – die besten deutschen Mannschaften der letzten Jahre – stark in ihrem Niveau schwanken. Ich hoffe, dass diese drei, aber auch Leipzig und Hoffenheim sich jetzt konstant für Europa qualifizieren. Dann wird die Spitze der Liga eventuell wieder stärker und auch die Konkurrenzfähigkeit ist wieder gegeben. Deutschland stellte seit 2009/10 18 verschiedene Teilnehmer in den europäischen Wettbewerben. Mehr als Italien, Spanien (beide jeweils 13) und England (15). Das freut mich jedes Mal für Überraschungen wie Köln, Freiburg, Mainz oder Augsburg, aber dass die dann in Europa nicht die besten Chancen haben, ist ja auch klar.

Foto: Dean Mouhtaropoulos/Bongarts/Getty Images

Uns kann derweil keiner mehr retten, mit drei Punkten aus 15 Spielen ist der Abstieg in die 2. Bundesliga schon weit vor Ende der Saison nicht mehr vermeiden. Wie sieht deine Außenansicht auf unseren spektakulären Absturz aus?

Ich finde, dass das ein sportliches Drama ist. Vom Sturm nach Europa zum Abstieg in kürzester Zeit. Es ist gar nicht richtig zu fassen, was da bei euch passiert. Und amüsant finde ich das auch schon länger nicht mehr. Die Hinrunde droht die schlechteste der Bundesliga-Geschichte zu werden, wenn ich mich nicht täusche. Besonders ärgerlich ist die Personalsituation. So viele Verletzte kann niemand kompensieren. Allerdings frage ich mich auch, ob man die Kaderplanung nicht schon etwas präventiver hätte ausrichten können. Alles, was hinter diesen Spielern steht, scheint nicht Bundesligatauglich zu sein und da muss man sicher einen Teil der Analyse ansetzen. Zudem schien mir der Effzeh – von außen betrachtet – schon mal sympathischer gewesen zu sein. Das Nachtreten gegen Stöger und Schmadtke empfand ich als schlechten Stil und auch das ständige Lamentieren gegen äußere Faktoren ist bisweilen sehr anstrengend. Trotz allem wünsche ich den Kölnern eine schnelle Genesung und einen schnellen Wiederaufstieg. Diesen durchgeknallten Klub braucht die Bundesliga.

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Zum Schluss: Unangefochtener Spitzenreiter gegen abgeschlagenes Schlusslicht. Pflichtsieg oder Sensation?

Klarer Pflichtsieg. Eine Sensation würde ich aus Prinzip nicht ausschließen, aber da braucht es schon viel Mitleid der Bayern, damit der Effzeh etwas mitnimmt.

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