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Meinung

Kommentar zum Schumacher-Interview: Vorstand in der Vorwärtsverteidigung

Neues Jahr, altes Glück: Das scheint für den Vorstand des 1. FC Köln zu gelten. Der Kritik an ihrer Arbeit versuchen sie weiterhin mit der bekannten Strategie zu entgegnen. Ein Kommentar.

SANDHAUSEN, GERMANY - SEPTEMBER 21: A banner against the Management of Cologne is seen during the Second Bundesliga match between SV Sandhausen and 1. FC Koeln at BWT-Stadion am Hardtwald on September 21, 2018 in Sandhausen, Germany. (Photo by Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images)
Foto: Christian Kaspar-Bartke/Bongarts/Getty Images

Das alte Jahr beendete der Vorstand des 1. FC Köln mit einem Brief an die Mitglieder – 2019 startet die Charmoffensive nach drei Wochen mit einem großen Interview, das Toni Schumacher sowohl dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ als auch dem „Express“ gab. Neben ihrer kämpferischen Rhetorik setzen die Verantwortlichen am Geißbockheim auch weiterhin auf die altbekannte Strategie, die Kritik an ihrer Amtsführung und die „Vorstand raus“-Forderungen in die Ecke der umstrittenen Ultras zu schieben und zunehmend kleinzureden. Statt ihrem einst omnipräsenten „Verein vereinen“-Mantra zu folgen scheint nun die Deutungshoheit über die öffentliche Wahrnehmung der eigenen Amtszeit im Vordergrund zu stehen. Das erinnert frappierend an alte Zeiten am Geißbockheim.

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„Hinter der Botschaft dieser Plakate stehen vielleicht 400 Leute.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Vereinsverantwortliche diese Strategie anwenden. Stets darf unwidersprochen davon fabuliert werden, dass die Ultras aus ganz bestimmten Gründen den Vorstand ins Visier genommen hätten – und nahezu einzig diese Gruppen für den Protest verantwortlich zeichnen. Ganz so, als hätte es beispielsweise die Mitgliederversammlung nicht gegeben. An einem historischen Abend hatte das Triumvirat an der Vereinsspitze gleich mehrfach in Abstimmung den Zorn der effzeh-Fans zu spüren bekommen.

Ein vermeintlich deutliches Zeichen in der Kölnarena

Ein Großteil der fast 7.000 Anwesenden stimmte in der Kölnarena gegen die vom Vorstand eingebrachten Satzungsänderung und setzte so ein vermeintlich deutliches Zeichen, das an die Nicht-Entlastung von Wolfgang Overath 2010 erinnerte. Das bedeutet sicherlich beiweitem nicht, dass die überwältigende Mehrheit an diesem Abend einen neuen Vorstand herbeisehnt – von lediglich 400 Hardcore-Oppositionellen aus den Ultra-Reihen zu sprechen, die „Vorstand raus“ krakeelend die Südkurve in Geiselhaft nehmen, scheint allerdings ähnlich weltfremd zu sein.

Das gilt auch für die ständige Erwähnung der Protestgründe: Die Ultras seien lediglich gegen den Vorstand, weil dieser gegen Mitglieder der Gruppierungen Stadionverbote durchgesetzt und Regressforderungen ausgesprochen hätte. Ganz so, als gäbe es unter den effzeh-Fans keinerlei anderen Gründe, diesem Vorstand extrem kritisch gegenüber zu stehen. Als hätte es das Kontrollversagen, das letztlich zum überflüssigsten Abstieg der bisherigen Vereinsgeschichte geführt hat, inklusive Wegducken in den entscheidenden Phasen nicht gegeben.

Mannigfaltige Kritik am Vorstand des 1. FC Köln

Als wäre der Vorwurf der mangelnden Selbstkritik der Verantwortlichen, den viele Kölner Anhänger äußern, aus der Luft gegriffen und der Wunsch nach einem reflektierteren Verhalten völlig unverständlich. Als hätte es den unsäglichen Umgang mit Mitgliederinitiativen und kritischen Gremienvertretern, Schlammschlachten in der Öffentlichkeit und komplett widersprüchliche Äußerungen zu Sachverhalten niemals gegeben. Als wäre die missglückte Rückkehr von Anthony Modeste nur eine Verkettung völlig unabsehbarer Umstände.

„Dass sich die juristische Situation noch so verkompliziert, war in dieser Form nicht abzusehen.“

Denn auch bei der Rechtfertigung für die Transferposse rund um den einst in Köln so treffsicheren Franzosen heißt es für die effzeh-Verantwortlichen: Bloß nach vorne verteidigen, keine Schwäche zeigen! Dafür reicht im Zweifel auch ein beliebtes Strohmann-Argument: Wer von den Kritikern hätte denn in dieser Situation Anthony Modeste nicht verpflichtet? Wer hätte denn in Kauf genommen, dass der Publikumsliebling statt zur Rückkehr zur Torejagd für andere Clubs ansetzt?

Anthony Modeste Armin Veh Alex Wehrle

Foto: 1. FC Köln

Blöd nur, dass das nicht der Punkt der Kritik ist. Dass sich der 1. FC Köln darum bemüht, einen solch starken Stürmer wieder an den Verein zu binden, stößt nahezu niemandem sauer auf. Dass der 1. FC Köln allerdings Modeste mit großem Bombast bei der Gala zum 70-jährigen Jubiläum präsentiert, obwohl der Deal entgegen den ersten Aussagen nicht einmal im Ansatz in trockenen Tüchern ist, dagegen sehr wohl. Auch die spärlich ausfallende Informationspolitik, die auf viele
Kritiker sehr sprunghaft und von außen getrieben wirkte, sorgte für Missfallen.

Transferposse um Modeste: „Wo läge denn die Blamage?“

Aus dem Heimspiel-Debüt des Angreifers gegen Fürth wurde nichts, seitdem verschiebt sich der Termin der Rückkehr immer wieder nach hinten. Nun bringt Schumacher, der en passant eingesteht, die Kritik an der Vorstellung auf der Gala im Nachhinein verstehen zu können, sogar erstmals ein komplettes Scheitern des Coups ins Spiel. Wo da die Blamage läge, wenn es letztlich doch nichts wird mit „Immer Spaß mit die Franzos“ beim effzeh, und wo denn das Risiko sei, fragt sich der ehemalige Weltklasse-Torhüter.

Foto: Mika Volkmann/Bongarts/Getty Images

Viel fällt einem dazu als Antwort nicht mehr ein – die juristischen Fallstricke in dieser Geschichte waren halt einfach in dieser Form nicht abzusehen. Für die Konkurrenz, die vermeintlich hartnäckig an einer Verpflichtung arbeitete, zwar schon, für den 1. FC Köln trotz entsprechender Korrespondenz mit Tianjin Quanjian offensichtlich nicht. Es ist wie so oft bei der Eigenwahrnehmung: Selbst natürlich komplett in bestem Wissen und Gewissen gehandelt, doch leider machten einem diese unkalkulierbaren äußeren Umstände einen Strich durch die selbstverständlich perfekt durchkalkulierte Rechnung. Und so wartet der Club als „Nicht-Verfahrensbeteiligter“ auf die Urteilsbegründung der FIFA – oder es kommt doch zu einer außergerichtlichen Einigung aller Parteien.

„Es muss alles dem sportlichen Erfolg untergeordnet werden“

So passt dieses Interview nahezu perfekt in die Reihe der öffentlichen Auftritte der Vereinsverantwortlichen in den letzten 18 Monaten. Nur Spurenelemente von Selbstkritik zeigen, dafür allerdings stets für Seitenhiebe gegenüber den Kritikern zu haben. Dass Schumacher dabei sogar auf die halbgare Geschichte vom Duisburg-Heimspiel, als ein „Horde raus“-Banner aus dem Oberrang angeblich unter Druck der Ultras abgehangen wurde, zurückgreift, spricht Bände. „Mer sin eins“, das auch im Vorstandsbrief zum Jahresende angesprochene Saisonmotto gilt eben immer nur, wenn es einem in den Kram passt.

Bewältigungsstrategie aus der dunklen Vereinsvergangenheit

Anstatt das neue Jahr zu nutzen, um aus verschiedensten Gründen verloren gegangenes Vertrauen zurückzugewinnen, wird bereits nach knapp drei Wochen mehr oder minder der Wahlkampf eingeläutet, auch wenn natürlich brav das Gegenteil beteuert wird. Und wieder einmal heißt das Motto anscheinend: Wer gegen uns ist, gehört zu diesen Krawallmachern. Diese Bewältigungsstrategie der eigenen Verfehlungen kennt der effzeh-Fan noch aus nicht allzu ferner Vergangenheit. Die war vor acht Jahren dann urplötzlich Geschichte. „History doesn’t repeat itself, but it rhymes“ – dieses Zitat wird oft Mark Twain zugeschrieben. Ob sich 2019 darauf beim 1. FC Köln jemand einen Reim machen kann?

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