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Meinung

Krisenstimmung beim 1. FC Köln nach dem Fehlstart: Wer ist diesmal nicht verantwortlich?

Nach drei Niederlagen in drei Spielen und saisonübergreifend 13 Spielen ohne Bundesliga-Sieg beginnen in Köln erste Personaldiskussionen. Trainer Gisdol wird in Frage gestellt. Doch die Probleme des Clubs liegen tiefer.

Alexander Wehrle, Horst Geldt und Markus Gisdol (Archivbild) | Foto: BEAUTIFUL SPORTS/Wunderlx/imago images

„Ich kann nicht jeden Ball halten“, sagt Timo Horn. „Man hat gesehen, wieso Gladbach gegen Real Madrid in der Champions League spielt – und wir gegen den Abstieg“, sagt Markus Gisdol. „Es wird nicht unruhig“, sagt Horst Heldt. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich unter freiem Himmel ansteckt, ist sehr gering“, sagt Alexander Wehrle. Der Vorstand des 1. FC Köln rund um Präsident Werner Wolf sagt derweil (mal wieder): nichts.

Nach drei Spieltagen in der neuen Bundesliga-Saison offenbart sich bei den „Geißböcken“ nicht nur ein sportliches Defizit. Mit null Punkten belegt der Traditionsclub derzeit Platz 16 in der Tabelle, hat sich bereits eine Derby-Niederlage eingefangen und klagt gleichzeitig finanziell über klamme Kassen – Pandemie, hohen Gehältern und langen Vertragslaufzeiten sei Dank. Dass die Rheinländer nach 270 Bundesliga-Minuten ohne Zähler auf dem Konto dastehen, kann derweil nach Jahrzehnten im Fahrstuhl in Fußball-Deutschland niemand mehr ernsthaft überraschen. Die Kölner*innen jedenfalls nicht.

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Seit 13 Spielen ohne Sieg

Schließlich ist die rasanteste Talfahrt der Vereinsgeschichte noch gar nicht so lange her: Am Ende der Saison 2017/18 konnte der Traditionsclub ironischerweise nicht nur auf die ersten Europapokalspiele seit 25 Jahren, sondern auch auf eine katastrophale Saison in der Bundesliga zurückblicken, die am 31. Spieltag mit dem sechsten Abstieg der Clubhistorie ein bitteres Ende nehmen sollte.

Markus Anfang | Foto: Thomas Eisenhuth/Bongarts/Getty Images

Seitdem ist auf den ersten Blick viel passiert im Kölner Grüngürtel. Nach der Entlassung Peter Stögers, der zuvor viereinhalb Spielzeiten lang FC-Trainer war, folgte zunächst Stefan Ruthenbeck, dann durften Markus Anfang und Andre Pawlak ran, Achim Beierlorzer war der nächste. Im November 2019 folgte dann Markus Gisdol, der bis heute im Amt ist. Noch zumindest.

Seit 13 Spielen ist der FC mit dem ehemaligen HSV- und Hoffenheim-Trainer an der Seitenlinie nun ohne Sieg. Wer Horst Heldt fragt, wird jedoch erfahren, dass die Niederlagen-Serie allerdings nur drei Pleiten lang ist. Von der saisonübergreifenden Betrachtung hält der Kölner Sportchef nichts. Der 51-Jährige war es allerdings auch, der zusammen mit Finanzgeschäftsführer Alexander Wehrle noch im Sommer den Vertrag von Trainer Gisdol vorzeitig verlängerte. Dass Heldt nach drei Spieltagen bereits „unruhig“ werden würde, konnte also niemand erwarten.

Beim 1. FC Köln droht die Trainerdiskussion

Dennoch droht dem 1. FC Köln nun die branchenübliche Trainerdiskussion. Aber auch Heldts Transfergeschick könnte in der Länderspielpause erstmals in den Fokus rücken. Schließlich können mittlerweile aktuelle Fehlplanungen nicht mehr ausschließlich Vorgänger Armin Veh angelastet werden.

Die sportliche Leitung auf Geschäftsführungsebene lag bei den Kölnern in den letzten Jahren nämlich in einigen Händen: Auf Jörg Schmadtke, der noch vor Stögers Entlassung freiwillig von Bord ging, folgte Armin Veh, der wiederum zunächst von Frank Aehlig ersetzt wurde und nun eben in Horst Heldt seinen Nachfolger gefunden hat.

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Eine hohe personelle Fluktuation mit hektischen Entlassungen und ebenso hektischen Neuverpflichtungen auf den sportlich entscheidenden Positionen zeichnet Fahrstuhlclubs aus. Lakonisch gesagt: Der 1. FC Köln liefert wieder das, was man von ihm erwartet. Nicht selten werden diese hektischen – für das Business so typischen – Entscheidungen unter erheblichem öffentlichem Druck getroffen. Manchmal funktionieren sie sogar ganz gut. Es hat auch schon sinnvolle Trainerwechsel gegeben. In Köln scheint der spontane Trainerwechsel oder die Entlassung des Sportchefs jedoch meistens bloß kurzfristige Symptombehandlung statt nachhaltige Ursachenbekämpfung zu sein.

Natürlich ist es möglich, dass es ein potentieller Nachfolger von Markus Gisdol einen prima Einstand feiert und ganz viele Punkte sammelt. Dass das geht, hat ja gerade Gisdol als Nachfolger Beierlorzer mit seiner Siegesserie zu Anfang eindrucksvoll belegt. Das ändert jedoch nicht, dass beim 1. FC Köln hinter all dem nach wie vor kein ernsthaftes Konzept erkennbar ist. Auch das haben Gisdol, Heldt und Co nun spätestens mit dem aktuellen Fehlstart eindrucksvoll belegt.

Kein nachhaltiges Konzept erkennbar

Der Grund dafür scheint simpel. Horst Heldt verfolgt, ähnlich wie Vorgänger Armin Veh, keinen langfristigen Plan beim 1. FC Köln, sondern drückt dem Patienten eher mal hier ein buntes Pflaster drauf und verordnet dort ein bisschen leckeren Hustensaft – je nach dem, was gerade im Angebot ist. Die Kölner Probleme sind aber nur einerseits der Arbeitsweise des Sportchefs geschuldet. Dass Heldt von der Vereinsführung kein nachhaltiges Konzept vorgegeben wird, das über das bloße sportliche Überleben hinaus geht, ist ebenfalls ein entscheidender Faktor.

FLYERALARM Frauen Fussball Bundesliga 1. FC Koeln - FF USV Jena 10.06.2020 Eckhard Sauren Vizepraesident 1. FC Koeln, Dr. Werner Wolf Praesident 1. FC Koeln FLYERALARM Frauen Fussball Bundesliga, 1. FC Koeln - FF USV Jena, Koeln, Franz-Kremer-Stadion DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND/OR QUASI-VIDEO. *** FLYERALARM Women Soccer Bundesliga 1 FC Cologne FF USV Jena 10 06 2020 Eckhard Sauren Vice President 1 FC Cologne , Dr Werner Wolf President 1 FC Cologne FLYERALARM Women Soccer Bundesliga, 1 FC Cologne FF USV Jena, Cologne, Franz Kremer Stadion DFL REGULATIONS PROHIBIT ANY USE OF PHOTOGRAPHS AS IMAGE SEQUENCES AND OR QUASI VIDEO Copyright: xBEAUTIFULxSPORTS/Wunderlx

Eckhard Sauren und Werner Wolf | Foto: imago images/Beautiful Sports

Die wichtigen Entscheidungen trifft beim 1. FC Köln, so macht es mittlerweile den Eindruck, ohnehin Alexander Wehrle. Der Finanzchef ist im Gegensatz zu seinem Kollegen Horst Heldt bei der ausgelagerten GmbH & Co. KGaA, die für die Profi-Mannschaften zuständig ist, schon fast Teil des Inventars. Zusammen mit Schmadtke und Stöger bildete der Schwabe einst das erfolgreichste Management-Trio der jüngeren Vereinsgeschichte. Nach dem Abgang der beiden sportlichen Verantwortlichen wurde Wehrles Rolle innerhalb des Clubs schließlich immer gewichtiger. Mittlerweile ist Wehrle das Gesicht des 1. FC Köln. Von der Öffentlichkeit dürfte der ehemalige Stuttgarter, der den Club in TV und Presse federführend vertritt, mittlerweile als Chef und Hauptverantwortlicher des 1. FC Köln wahrgenommen werden – nicht Präsident Wolf. Und das keinesfalls zu Unrecht.

Der 45-Jährige ist bei den Geißböcken an jeder wichtigen Entscheidung beteiligt – ob Neuverpflichtung oder Vertragsverlängerung. Noch im Sommer verlängerte Wehrle zusammen mit Heldt den Vertrag von Trainer Gisdol – der Sieglosserie zum Trotz. Doch auch die Auswahl seiner Geschäftsführer-Kollegen passiert beim 1. FC Köln nicht mehr ohne den Segen des Diplom-Verwaltungswissenschaftlers. Armin Veh war ebenso ein Wunschkandidat von Wehrle wie der amtierende Horst Heldt. Doch der Finanzchef der „Geißböcke“ entscheidet mittlerweile nicht nur, wer kommen soll, sondern kann auch darauf einwirken, wer gehen soll. Dass der Vereinsvorstand zuletzt wegen vergleichsweise wenig skandalösen Mails des Mitgliederratsvorsitzenden auf den Rücktritt von Stefan Müller-Römer drängte, war nicht nur dem Druck einer Gruppe von ehemaligen FC-Spielern um Wolfgang Overath und Toni Schumacher geschuldet, sondern auch Wehrle und Heldt hatten bei Präsident Wolf Medienberichten zufolge auf die Demission Müller-Römers gedrängt.

Wehrles Macht entspricht nicht Wehrles Job

Mit ebenso viel Verve hatte sich Wehrle zuvor auch gegen die vom Vorstand angestrebte und schließlich auch durchgesetzte Entlassung von Medienchef Tobias Kaufmann gewehrt. Der ehemalige Journalist des Kölner Stadt-Anzeigers war beim FC ein langjähriger Weggefährte Wehrles, hatte sich aber vor der letzten Vorstandswahl für die ehemaligen Vize-Präsidenten Toni Schumacher und Markus Ritterbach eingesetzt. Nach ein paar Monaten im Amt entschied der neue Vorstand um Werner Wolf schließlich, dass eine vertrauensvolle Arbeit mit dem Medienchef für sie nicht weiterhin möglich sei.

Wehrle passte das gar nicht. Kaufmann ebenfalls nicht – der ehemalige Medienchef hat gegen die Kündigung geklagt und das einem Bericht des KStA zufolge tatsächlich mit dem Ziel, wieder beim 1. FC Köln arbeiten zu dürfen. Ein Nachfolger wurde auch Wochen später noch nicht verpflichtet. Präsident Wolf geriet ganz im Gegenteil unter Druck: Eine Vielzahl von Abteilungsleitern schickte einen Insidern zufolge ziemlich deutlichen Protestbrief an den Vorstand, weil ihr geschätzter Kollege entlassen wurde. Dabei war das ein im Fußballbusiness völlig handelsüblicher Vorgang. Konsequenzen seitens des Präsidiums hatte das ungewöhnliche Aufbegehren aber nicht.

Man kann sich des Eindrucks nicht mehr erwehren: Beim 1. FC Köln wedelt der Schwanz mit der Ziege. Also die GmbH & Co. KGaA mit dem Verein, der sie besitzt.

COLOGNE, GERMANY - MAY 17: 1. FC Koeln CEO, Alexander Wehrle wearing a face mask seen prior to the Bundesliga match between 1. FC Koeln and 1. FSV Mainz 05 at RheinEnergieStadion on May 17, 2020 in Cologne, Germany. The Bundesliga and Second Bundesliga is the first professional league to resume the season after the nationwide lockdown due to the ongoing Coronavirus (COVID-19) pandemic. All matches until the end of the season will be played behind closed doors. (Photo by Lars Baron/Getty Images)

Alexander Wehrle mit Mundnasenschutz | Foto: Lars Baron/Getty Images

Jedes Machtvakuum, das Ex-Präsident Werner Spinner, der seinem Amt und seinen Vize-Präsidenten in der Spätphase seiner Amtszeit gegenüber zunehmend überdrüssig wurde, hat entstehen lassen, wurde prompt von Vertretern der KGaA gefüllt – vor allem von Alexander Wehrle. Bis heute scheint es dem neuen Vorstand nicht zu gelingen, diese Schieflage zu beseitigen. Oder Werner Wolf, Eckhard Sauren und Interimsvizepräsident Carsten Wettich haben sie noch gar nicht als Problem erkannt. Bei Jürgen Sieger, dem Vizepräsidenten der bereits kurz nach der Wahl wieder von Bord ging, dürfte das anders ausgesehen haben.

Erste Parallelen zu Horstmann-Zeiten werden sichtbar

Dabei gibt es mittlerweile alarmierende Parallelen zu einer sportlich und finanziell düsteren Episode der FC-Vergangenheit, die Kölner Vereinschefs hellhörig werden lassen sollte. Mit Claus Horstmann stand vor nicht allzu langer Zeit schließlich schon einmal ein Finanzchef beim 1. FC Köln in der Folge eines im Präsidium entstandenen Machtvakuums im Rampenlicht, trat schließlich als Gesicht des Vereins auf und fällte die wichtigen Entscheidungen am Geißbockheim. Gut ausgegangen ist das damals nicht.

Claus Horstmann | Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Dass die wiederkehrenden Probleme des 1. FC Köln, wie im Boulevard von Ex-Mitarbeitern und sogenannten „Altinternationalen“ gerne insistiert wird, ihren Ursprung vor allem in den „vielen Gremien“ des Vereins haben, erscheint übrigens eher unwahrscheinlich. Zu Horstmanns Zeiten gab es den Mitgliederrat, der stets das Ziel jeglicher Kritik zu sein scheint, schließlich noch gar nicht. Besonders viele Gremien finden sich beim FC im Vergleich mit anderen Clubs übrigens ebenfalls nicht. Zudem erlebten die „Geißböcke“ ein ungeahntes Ausmaß an Konstanz und sportlichem Erfolg, ausgerechnet nachdem bei einer Satzungsreform nach dem unrühmlichen Rücktritt von Wolfgang Overath als Präsident das oft attackierte Kontrollgremium neu geschaffen wurde. Auch Alexander Wehrle war damals übrigens schon dabei und machte in der ihm angedachten Rolle als Finanzchef einen guten Job – „trotz“ Mitgliederrat.

In der öffentlichen Wahrnehmung waren die Chefs und Entscheider des 1. FC Köln damals jedoch ganz eindeutig Präsident Werner Spinner und Sport-Geschäftsführer Jörg Schmadtke. Der Präsident gab bis zu seiner Endphase die Richtung vor und scheute die Öffentlichkeit ebenso wie Schmadtke nicht. Wehrle war damals unterdessen das, was er am besten kann: Geschäftsführer im Bereich Finanzen. Mehr nicht. Erst als der alte Vorstand und die Geschäftsführung zunehmend unkooperativer in der Zusammenarbeit mit dem Mitgliederrat wurden, offenbarten sich bei den „Geißböcken“ die neuen alten Probleme.

Bei weiteren Pleiten drohen wichtige Entscheidungen

Der 1. FC Köln könnte bald also mal wieder vor einer wichtigen Entscheidung stehen. Allzu viele Niederlagen werden sich die Verantwortlichen nach der Länderspielpause wohl nicht mehr leisten können. Spätestens dann werden Präsident Wolf und seine Vizepräsidenten entscheiden müssen, ob sie weiter in der Rolle der stillen Beobachter verharren, probieren auf allen Hochzeiten ein bisschen zu tanzen und Wehrle weiter machen lassen. Dass die Geschäftsführungskollegen, die der Finanzchef sich zuvor aussuchen durfte, in Opposition zu Wehrle gehen, darf sich der Vorstand dann allerdings nicht erhoffen. Sowohl der gut bezahlte Veh als auch der ebenfalls gut bezahlte Heldt zeigten und zeigen sich überaus loyal ihrem Kollegen gegenüber.

Markus Gisdol dürfte dementsprechend noch ein paar Chancen bekommen, bevor bei ausbleibenden Erfolgen eine Trennung vom Cheftrainer unausweichlich wird, woraufhin Heldt und Wehrle dann seinen Nachfolger suchen werden. Bis dann, sollte eine sportliche Verbesserung auch mit dem neuen Trainer ausbleiben, auch Sportchef Heldt nicht mehr zu halten ist. Dann würde federführend wieder Wehrle den Nachfolger für den von ihm ausgesuchten Sportchef suchen, der gerade entlassen wurde. Und der will dann vermutlich wieder einen neuen Trainer. Für neutrale Leser*innen mag dieses Szenario etwas absurd klingen, die Kölner Fans dürften darin allerdings eine treffliche Beschreibung der letzten Jahre erkennen.

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Die Vereinsführung könnte allerdings auch einen anderen Weg einschlagen und probieren, die Führungsrolle im Club wieder an sich zu reißen. Präsident Wolf müsste dafür die Chefrolle deutlich offensiver ausfüllen und dabei ein langfristiges, nachvollziehbares Konzept verfolgen und nach innen und außen vertreten. Die andere Option für das Präsidium wäre, die Struktur innerhalb der KGaA zu verändern. So könnten Heldt und Wehrle in Zukunft als Abteilungsleiter fungieren, die einer neuen Geschäftsführung unterstellt sind. Diese Position müssten Wolf, Sauren und Wettich dafür allerdings erst schaffen und dann klug besetzen. Zudem müssten Wehrle und Heldt sich dieser Veränderung fügen. Wahrscheinlich ist das nicht.

Auch in den nächsten Wochen werden also vermutlich viele kuschelige Worte von den Verantwortlichen des 1. FC Köln zu hören sein. Im Gegensatz zur sportlichen Leistung liefert man am Geißbockheim in Sachen Kritikresistenz bei gleichzeitigen gegenseitigen Schmeicheleien ziemlich gut ab – ob mit Timo Horns lakonischen Allgemeinplätzen, Markus Gisdols Lob für seine Chefs oder merkwürdigen Vorstößen des Präsidenten.

Kuschelige Worte statt Selbstkritik

„Im Rahmen unserer Möglichkeiten haben Horst Heldt und Alexander Wehrle vieles in die richtige Richtung gelenkt“, sagt der Trainer trotz später Neuverpflichtungen und sportlichem Fehlstart über die Arbeit derjenigen Vorgesetzten, die seinen Vertrag kürzlich noch verlängert hatten, kritisiert gleichzeitig aber die von Heldt hektisch zusammengewürfelte Mannschaft. „Du kannst mit Sechser- oder Achterkette spielen – wenn du so ein Zweikampfverhalten hast, spielt das keine Rolle.“ Selbst der sonst eher unauffällige Werner Wolf ließ die Öffentlichkeit kürzlich wissen: „Ein möglicher Vorwurf, die Geschäftsführung habe eine wie auch immer geartete Mitverantwortung für die finanzielle Lage, entbehrt jeder Grundlage.“

Tatsächlich: Ein Torhüter kann nicht alle Bälle halten, da hat Timo Horn vollkommen recht. Diesen einen beim 2:0 von Borussia Mönchengladbach aber eben schon. Ja, ein System kann tatsächlich nicht funktionieren, wenn die Basics nicht erfüllt werden. Dass sie erfüllt werden, ist aber eben Aufgabe des Trainers. Und bei einer weltweiten Pandemie damit zu rechnen, dass man eventuell weiterhin nur Geisterspielen haben könnte, egal wie unfair man das auch finden mag, ist nun einmal der Job eines verantwortungsvollen Finanzchefs.

Alexander Wehrle und Armin Veh (Archivbild) | Foto: EIBNER/Benjamin Horn/imago images Eibner

Nach dem Bundesliga-Fehlstart bleibt in der Franz-Kremer-Allee aber anscheinend alles beim Alten: Verantwortung übernehmen die Geschäftsführer und Mitarbeiter der KGaA ohnehin am liebsten nur bei den mittlerweile überaus spärlichen gewordenen Erfolgen. Im Misserfolg bleibt es hingegen gerne bei Plattitüden. Eine ordentliche Prise selbstmitleidiges Bedauern über die ständige „Unruhe“ oder die „Erwartungshaltung“ im Umfeld des Clubs gibt es meist noch oben drauf.

Veh attackiert Vorstand und unterstützt Wehrle

Diese Haltung ist selbst bei Ex-Mitarbeitern noch deutlich spürbar. „Die Leute sollen ihr Ego zurücknehmen und die machen lassen, die dafür bezahlt werden. Alex Wehrle ist ein super Geschäftsführer“, erklärte Ex-Sportchef Armin Veh noch am Sonntag beim Doppelpass, in Köln solle man doch froh sein, ihn zu haben. „Es geht nicht, dass man als Vorstand, der fast nie da ist, die Anweisung für die Geschäftsführung gibt, den langjährigen und beliebten Pressechef zu entlassen“, attackierte der in Köln als Sportchef mehr oder weniger krachend gescheiterte Veh die aktuelle Vereinsführung. Angesprochen auf seine eigene Verantwortung an der Kölner Misere kam dann mal wieder nicht viel. Na ja, außer eben das übliche: Gremien, Unruhe und so.

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Auch der prominente Spielerberater Volker Struth nahm die KGaA-Vertreter Wehrle und Heldt explizit in Schutz, als er kürzlich medial auf den 1. FC Köln, seine Strukturen und somit vor allem auch auf den Mitgliederrat eindrosch. Aber es war eben auch ebendieser Mitgliederrat – nicht Alexander Wehrle –, der irgendwann intern mal hinterfragte, ob es denn gut sei, wenn die halbe Kölner Mannschaft von Struths Agentur „SportsTotal“ vertreten wird. Es gibt ganz offensichtlich viele unterschiedliche Interessen rund um und innerhalb des 1. FC Köln.

Präsident Werner Wolf dürfte angesichts dieser Gemengelage auf eine positive sportliche Entwicklung zu Saisonbeginn spekuliert haben, um sich die Entscheidungen, die bei weiteren Niederlagen bald anstehen zu ersparen. So wie Alexander Wehrle auf einen anderen Pandemie-Verlauf spekuliert hatte und so endlich wieder für Cashflow in den sehr klammen Kassen des 1. FC Köln sorgen wollte, wie er der Kölnischen Rundschau unlängst erklärte. „Wir haben damit gerechnet, dass wir in den ersten Spielen bis März mindestens 10.000 Zuschauer haben werden und dann in Volllast übergehen. Für die ersten beiden Spiele ist diese Rechnung nicht aufgegangen und Besserung ist kaum in Sicht.“

Na, da bleibt doch eigentlich nur noch zu klären, wer diesmal nicht für die Misere verantwortlich ist.

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