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Sportpolitik

„Darf nicht Ende, sondern muss Anfang sein“: 1. FC Köln übernimmt die Arbeitsdefinition der IHRA zur Bekämpfung von Antisemitismus

Gemeinsam mit weiteren Bundesliga-Clubs nimmt der 1. FC Köln die IHRA-Arbeitsdefinition zur Bekämpfung von Antisemitismus an. Was das bedeutet, warum diese Entscheidung wichtig ist und was daraus für die „Geißböcke“ folgt, erklärt uns Gastautor Ruben Gerczikow.

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Foto: imago images / Jan Huebner

Gastbeitrag von Ruben Gerczikow

Der 1. FC Köln setzt gemeinsam mit weiteren Bundesligisten ein Zeichen im Kampf gegen Antisemitismus:  Zusammen mit Borussia Mönchengladbach, Fortuna Düsseldorf und dem VfL Bochum übernehmen die „Geißböcke“ die Arbeitsdefinition der IHRA zur Bekämpfung von Antisemitismus. Das verkündeten die Clubs im Rahmen einer digitalen Veranstaltung mit Vertretern des Landes Nordrhein-Westfalen und des Bundes. „Die Übernahme der IHRA-Definition durch diese Traditionsvereine soll auch als Vorbild betrachtet werden, um weitere Fußballvereine insbesondere aus dem Amateurbereich beim Kampf gegen Antisemitismus zu mobilisieren. Ziel ist es, über die verschiedenen Akteure im Fußballsport und dessen gesamtgesellschaftliche Wirkung die Antisemitismusprävention gemäß IHRA zu stärken“, heißt es in der Pressemitteilung zur Verkündung.

„Ich begrüße dieses Engagement der vier Fußballclubs sehr, denn ihr Bekenntnis gegen Antisemitismus und für die Menschenwürde wirkt tief in alle gesellschaftlichen Bereiche. Dies zeigt, dass Antisemitismus uns alle angeht und nirgendwo einen Platz in Deutschland hat – auch in keinem Fußballstadion und in keinem Fußballverein. Sport und jüdisches Leben gehören zu Nordrhein-Westfalen – ohne Wenn und Aber“, sagte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), NRW-Antisemitismusbeauftragte. Michelle Müntefering, Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, ergänzte: „Fußball hat nicht nur viele Fans in der ganzen Welt, sondern er hat auch Vorbildfunktion. Gerade in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt, ist dieses Engagement ein wichtiges und leider auch notwendiges Signal.”

Das sagt der 1. FC Köln dazu

FC-Vizepräsident Carsten Wettich: „Für uns ist es selbstverständlich, dass wir uns der IHRA-Definition anschließen und dass wir auf diesem Weg nach außen ein entsprechendes Bekenntnis ablegen. Wir wollen es aber nicht nur bei dem Bekenntnis lassen, viel mehr gehört für uns dazu, dass wir die gesellschaftliche Verantwortung leben, also das ganze Bekenntnis mit Projekten füllen.“

Das ist die „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA)

Die „International Holocaust Remembrance Alliance“ (IHRA) wurde im Jahr 1998 als „Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research“ gegründet. Seit dem Jahr 2013 trägt die internationale Instutution den Namen IHRA. Aktuell sind in ihr 34 Mitgliedsstaaten vertreten, darunter die Bundesrepublik Deutschland. Durch ihre IHRA-Mitgliedschaft erkennen die Staaten an, dass eine internationale politische Koordinierung unabdingbar ist, um dem wachsenden Antisemitismus und Holocaustleugnung entgegenzutreten. Das selbsterklärte Ziel ist, Regierungen und politische Experten und Expertinnen zu vereinen, um Holocaust-Erziehung zu stärken, zu fördern und voranzutreiben.

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Das ist die IHRA-Definition von Antisemitismus

Aus diesem Grund beschloss am 26.Mai 2016 das Plenum der „International Holocaust Remembrance Alliance in Bukarest“ eine Arbeitsdefinition von Antisemitismus „Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen”, heißt es in der IHRA-Definition. Jedoch handelt es sich bei der Arbeitsdefinition nicht um eine rechtlich bindende Richtlinie, sondern um eine Hilfestellung.

„Antisemitismus ist eine bestimmte Wahrnehmung von Juden, die sich als Hass gegenüber Juden ausdrücken kann. Der Antisemitismus richtet sich in Wort und Tat gegen jüdische oder nicht-jüdische Einzelpersonen und/oder deren Eigentum, sowie gegen jüdische Gemeindeinstitutionen und religiöse Einrichtungen.“

Bereits 2017 haben die deutsche Bundesregierung und der Bundestag die Arbeitsdefinition adaptiert. Die Annahme der IHRA-Arbeitsdefinition von Antisemitismus beschränkt sich, wie zu Beginn schon festgestellt, keinesfalls nur auf Staaten oder Regierungen. In Deutschland haben diverse politische und zivilgesellschaftliche Institutionen die Definition angenommen, wie beispielsweise die Hochschulrektorenkonferenz im Jahr 2019. Im Oktober 2020 nahmen sie, mit Borussia Dortmund und Tennis Borussia Berlin, erstmalig Vereine des deutschen Profi-Fußballs an. Im Rahmen des diesjährigen Holocaust-Gedenktages adaptierten weitere Vereine der Bundesliga und 2. Bundesliga die Antisemitismus-Definition, die Deutsche Fußball Liga (DFL) folgte am 8. Februar.

Warum ist diese Entscheidung wichtig für den Fußball?

Der Fußball ist ein Abbild der deutschen Gesellschaft. Im Stadion treffen Fans aller Geschlechter, Altersklassen, politischer Weltanschauungen und unabhängig von sozioökonomischen Status zusammen. Laut einer, im Herbst 2019, veröffentlichten Studie des World Jewish Congress (WJC) denkt jede vierte Person in Deutschland antisemitisch. Hier sind Fußballfans nicht ausgeschlossen, schließlich ist es nicht allzu lange her, dass deutsche Kurven das „U-Bahn“-Lied sangen oder rechtsextreme Hooligans die Stadien dominierten.

Es hat sich in den letzten Jahren viel zum Besseren gewandelt, aber auch heute haben diverse Fanszenen und Vereine ein Problem mit rechtsextremen und antisemitischen Fans. Auch der Jugend- und Amateurfußball kämpft gegen den grassierenden Antisemitismus an. Vor allem Makkabi-Vereine sind antisemitischen Anfeindungen und Gewalthandlungen ausgesetzt, da Spiele gegen sie oftmals als Projektionsfläche des israelisch-arabischen Konflikt angesehen werden. Laut dem Politik-, Geschichts- und Sportwissenschaftler Florian Schubert ist „Jude die größte Beleidigung im Fußball“.

Deshalb stehe ich hinter der Annahme der IHRA-Arbeitsdefinition

Ich bin FC-Mitglied und Dauerkartenbesitzer, seit ich denken kann, fahre regelmäßig zu Heim- und Auswärtsspielen und habe auch beim FC schon antisemitische Kommentare im Auswärtsblock mitbekommen. Als Vizepräsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland und der European Union of Jewish Students (EUJS) arbeite ich tagtäglich auf institutioneller und politischer Ebene mit der IHRA-Arbeitsdefinition und setze mich gegen jede Form des Antisemitismus ein. Die Annahme der IHRA-Definition ist ein wichtiger Schritt des 1. FC Köln und ich bin sehr froh, dass mein Verein diesen Schritt gegangen ist. Fußballvereine haben große gesellschaftliche Verantwortung und müssen sich auf und neben dem Platz gegen Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, LGBTIQ+-Feindlichkeit und Sexismus einsetzen.

„Die Annahme der Definition darf nicht das Ende, sie muss der Anfang sein. Der FC ist in der Verantwortung, die IHRA-Definition mit Leben zu füllen.“

Doch die Annahme der Definition darf nicht das Ende, sie muss der Anfang sein. Der FC ist in der Verantwortung, die IHRA-Definition mit Leben zu füllen und kontinuierlich gegen jeden Antisemitismus aktiv weiter zu arbeiten.  Dabei sollte der Fokus vor allem auf der GeißbockAkademie, dem Sportinternat und der Fanarbeit liegen. Das könnte beispielsweise umgesetzt werden, durch die Integration der Definition in die Bildungsarbeit, den Austausch mit Shoa-Überlebenden, Dialogprojekte mit jungen Juden und Jüdinnen, Ausstellungen mit dem FC-Museum und Gedenkfahrten in ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager.

Gerade während der aktuellen Corona-Pandemie erlebten antisemitische Verschwörungserzählungen einen regelrechten Boom. Wie gefährlich Antisemitismus und Verschwörungserzählungen werden können, wurde uns beim rechtsterroristischen Anschlag auf die Synagoge in Halle am 9. Oktober 2019 schmerzhaft vor Augen geführt. Die IHRA-Definition hilft uns, Antisemitismus zu erkennen, ihn zu definieren und ihn letztendlich zu bekämpfen!

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