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Meinung

Antisemitismus in der Gesellschaft: „Sorgt dafür, dass Köln tolerant bleibt!“

Antisemitische Aktionen und Äußerungen treten in Deutschland immer häufiger zutage – unser Gastautor ist Jude und bemängelt diese Entwicklung. Er fordert uns alle auf, tolerant zu bleiben.

Foto: Michael Gottschalk/Getty Images

In Köln, da fühle ich mich zuhause. Ich wurde hier nicht geboren und ich wusste eigentlich gar nichts über diese Stadt, bevor mich das Leben auf einem unmöglichen Weg hierher geführt hat. Aber diese Stadt hat mich in sich aufgenommen und ich habe dasselbe mit ihr getan. Ein paar Jahre später kann ich mir nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Ich han einfach dat Jefühl, ich bin Zuhuss, wie das Lied es beschreibt.

Am meisten fühle ich mich in Köln im Müngersdorfer Stadion zuhause, genauer gesagt in der Südkurve. Das ist so, seitdem ich dort das erste Mal gestanden habe. Das ging sogar so weit, dass ich zu Auswärtsspielen gefahren bin, um dieses Gefühl zu spüren – das hat sogar auch funktioniert. Ich fahre nun zu den meisten Spielen, egal ob auswärts oder zuhause. Menschen in Deutschland sprechen von Fußballfans als Quell allen Übels, aber die Südkurve – genauer gesagt S4 – ist für mich zu einem safe space geworden, überwiegend dank des organisierten Supports. Das ist der eine Ort, an dem ich mich sicher fühle, als würde die äußere Welt gar nicht existieren, als würde die politische Landschaft nicht langsam nach rechts abdriften, als würde Antisemitismus in der Öffentlichkeit nicht immer mehr zutage treten in Deutschland.

Immer mehr Antisemitismus in Deutschland

Antisemitismus tritt aber immer offener zutage in Deutschland. Für mich jedoch, als einen stolzen Kölner Immi, der zufällig auch Jude ist, war es nie etwas, durch das ich mich bedroht gefühlt hatte. Antisemitismus in der Stadt, in die ich mich verliebt habe, indem ich Karnevalslieder über sie gesungen habe, die sagen, dass sie die toleranteste Stadt in Deutschland sei? Was soll diese Stadt mit Antisemitismus zu tun haben?

Diese Stadt hat eine Geschichte mit Antisemitismus. Ich liebe den Karneval. Ich liebe diese Stadt. Ich liebe den 1. FC Köln. Ich habe Antisemitismus bei Spielen des 1. FC Köln erlebt. Ich habe Menschen gehört, die ihre Freunde „Juden“ genannt haben – als Beleidigung. Menschen, die das Trikot des Vereins tragen, von dem ich stolzes Mitglied bin. In den vergangenen Wochen hat das Kölner Fanprojekt zahlreiche Diskussionsrunden und Treffen durchgeführt, bei denen über Antisemitismus im Fußball gesprochen wurde. Dabei ging es auch darum, wie sich der Antisemitismus heutzutage äußert und wie dagegen vorgegangen werden kann.

Ich war bei diesen Meetings vor Ort. Eines der Teammitglieder des Fanprojekts, das mich durch meine Arbeit als Journalist kennt, stellte sicher, dass ich da sein würde. Nachdem ich bei diesen Treffen war und meine Meinung sagen konnte, kam das Gefühl der Sicherheit wieder zurück. Und das, obwohl die Dinge nicht perfekt laufen, obwohl die Dinge in Deutschland aktuell in die falsche Richtung laufen – ich werde Köln immer haben, das Köln, in das ich mich verliebt habe, mein Köln.

Ein Appell eines jüdischen FC-Fans

Die Kurve ist immer noch der Ort, an dem ich mich am sichersten fühle. Es wird weitaus mehr brauchen als ein paar Idioten, um mich von dem Klub fernzuhalten, von dem ich ein stolzes Mitglied bin – zumindest für den Moment. Die Treffen, die das Fanprojekt durchgeführt hat, helfen mir und anderen Jüdinnen und Juden dabei, dass es so bleibt.

Bitte sorgt auch ihr dafür, dass es so bleibt. Bitte sorgt dafür, dass Köln – die Stadt und die Fanszene gleichermaßen – super tolerant bleibt, dass die Stadt jeden an die Hand nimmt, auch Jüdinnen und Juden.

Ein Gastbeitrag von Felix Tamsut

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