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Meinung

Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt: 1. FC Köln, du machst mich wahnsinnig!

Was für eine wilde Woche, was für ein wahnsinniger Abschluss für den 1. FC Köln: Mit dem Derbysieg haben die „Geißböcke“ viele Herzen ihrer Fans zurückgewonnen. Selbst unserem emotional distanzierten Autoren kamen nach dem Erfolg beim rheinischen Rivalen kurz die Freudentränen.

Sport Bilder des Tages Mönchengladbach, Veltins-Arena, 06.02.21: Elvis Rexhbecaj 1.FC Koeln schiesst das 1:0 Tor und jubelt im Spiel 1. Bundesliga Borussia Mönchengladbach vs. 1.FC Köln. *** Mönchengladbach, Veltins Arena, 06 02 21 Elvis Rexhbecaj 1 FC Koeln scores the 1 0 goal and cheers in the match 1 Bundesliga Borussia Mönchengladbach vs 1 FC Köln
Foto: imago images / Mika Volkmann

Im Grunde hatte ich es bereits aufgegeben. Im Grunde war mir bewusst, dass es derzeit einfach nicht mehr so ist, wie es einst einmal war. Im Grunde hatte ich für mich klar beschlossen, dass meine Beziehung zum 1. FC Köln wohl unwiderruflich gestört ist. Die Geisterspiele hatten eine unüberbrückbare Distanz zwischen mir und dem Verein meines Herzens geschaffen. Vor allem das Desinteresse an den sportlichen Präsentationen der „Geißböcke“ war im Laufe dieser Pandemie gewachsen. Angefeuert durch das Verhalten der FC-Verantwortlichen (oder besser: Nicht-Verantwortlichen). Angefeuert durch das breitbeinige Auftreten einer Branche, die sich zunehmend mehr als Unterhaltung denn als Sport zu verstehen scheint. Angefeuert von einer Entwicklung, die seit Jahren läuft und mir inmitten einer großen Krise zeigt, wie unwichtig das alles eigentlich ist.

Unwichtig. Eigentlich. Und das liefert der 1. FC Köln in einem Derby eine solche Leistung ab. Gräbt sich hinein in die Partie gegen den rheinischen Rivalen, der nicht nur nach dem peinlichen Pokalaus der „Geißböcke“ als klarer Favorit an den Start ging. Kämpft um jeden Zentimeter grenznahen Acker, schmeißt sich in die wichtigen Zweikämpfe und entscheidet sie in der Mehrzahl für sich. Spielt ein Derby, um den Trainer der Galopper zu zitieren, wie man ein Derby spielen muss. Und gewinnt damit nicht nur das Duell der rheinischen Rivalen, sondern auch zahlreiche Herzen in der Domstadt zurück. Sogar meins für den Augenblick – es schlug insbesondere in den Schlusssekunden schneller, als ich es erwartet hatte. Es hüpfte schon zuvor vor Freude, als Elvis Rexhbecaj kurz nach der Pause das letztlich siegbringende 2:1 erzielte.

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Alles wiederholt sich beim FC, nur die Protagonisten ändern sich

Was für ein Derby. Was für ein Spiel. Was für eine Truppe. Was für ein Gefühl. Was für eine Woche. Puh, was für eine Woche. Hatte jemand geglaubt, nach dem wichtigen Erfolg gegen Bielefeld würde etwas Ruhe am Geißbockheim einkehren, der sah sich schnell getäuscht. Mit dem Feingefühl einer Flex verpflichtete der FC einen ehemaligen Bild-Journalisten als neuen Medienchef und sorgte für einen Shitstorm, der – abgesehen von Normalsterblichen wie uns – von Lukas Podolski über Kasalla bis hin zu SPD-Chef Norbert Walter-Borjans die Mitglieder dieses einst so feinen Vereins bewegte. Und der zur Abkehr von der einstmals als Volltreffer gefeierten Entscheidung führte. Wie amateurhaft der Club in diesem Fall agierte, wie ignorant allein der erste Gedanke an die Einstellung Essers gewesen war: Das hat Schäden im Verhältnis zu meinem Verein hinterlassen. Bleibende, die fast zum endgültigen Ende geführt hätten.

Ähnlich peinlich, wenngleich irgendwie erwartbarer war dagegen das Pokalaus. Auswärtsspiel bei einem Zweitligisten. Klar verteilte Rollen. Das Teilnehmerfeld nach dem Ausscheiden des FC Bayern und anderer Topklubs gelichtet. Wären wir überhaupt noch der 1. FC Köln, wenn wir eine solch riesige Chance beim Schopfe packen würden? Dennoch: Wie desillusionierend dieser Auftritt doch war. Nicht nur aufgrund des Ausscheidens, nicht nur aufgrund der verspielten 2:0-Führung und nicht nur aufgrund des grotesken Eingreifens des Videoassistenten bei einem regulären Kölner Treffer. Sondern vielmehr, wie sehr diese – mit Verlaub – scheiß Leistung auf nahezu allen Ebenen in das Bild des Vereins passte, der in meinem Gefühlsleben „Und täglich grüßt das Murmeltier“ mit der „Truman Show“ vermischt. Alles wiederholt sich eben, nur die Protagonisten sehen etwas anders aus.

Drexler-Eklat vor dem Derby sorgt für Zündstoff

Und während ich so mit der Gesamtsituation unzufrieden war, drohte da ja noch das Derby. Wer die Bilanz im Duell mit dem rheinischen Rivalen aus Mönchengladbach zu lesen vermag, der wusste, worauf sich die FC-Fans einzustellen hatten. Normalerweise hat die Gegenseite verstanden, was auf dem Platz gefordert ist – die rot-weißen Halbgötter mit dem Geißbock auf der Brust leider weniger. Um der Mannschaft auch trotz der gefühlt minütlich wachsenden Distanz zwischen Fans und Fußballbubble die Wichtigkeit des Derbys zu verdeutlichen, schritten einige Unbeirrbare zur Tat und feuerten das Team bei der Abfahrt ins Hotel im wahrsten Sinne des Wortes an. Aber wären wir der 1. FC Köln, wenn wir nicht selbst eine solch positive Aktion zur Unterstützung zum Skandal werden lassen könnten? Während sich gefühlt Profis bei anderen Clubs am liebsten bei sowas anschließen würden, reagierte FC-Star Dominick Drexler lieber auf eher respektlose Art und Weise.

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Gänzlich egal, wie man zu all dem und all den Nebengeräuschen stehen mag: Optimale Vorbereitung auf das Derby geht definitiv anders. Das gilt für Mannschaft und Fans gleichermaßen, denn diese unschöne Reaktion drohte zum endgültigen Spaltpilz im Binnenverhältnis beim 1. FC Köln zu werden. Und es passt eigentlich zum FC, dass, wenn man Schlimmes erwartet, im Grunde nur noch Schlimmeres passieren dürfte. Als dann in der eiligst veröffentlichten Stellungnahme des Teams auch noch stand, man wolle im Derby „ein richtig gutes Spiel machen und leidenschaftlich kämpfen“, war mir grundsätzlich klar, worauf diese Partie am Samstagabend hinauslaufen würde: Die klassische Derby-Klatsche konnte kommen – emotional hätte mich wohl selbst ein 0:5 beim Erzrivalen nicht mehr schocken können.

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Happy End als Schlusspunkt einer wilden Woche

Und dann kam es doch ganz anders. Es kam Elvis Rexhbecaj. Es kamen Kampf, Einsatzwillen, Leidenschaft. Es kam Derby, wie Derby sein soll. Auf dem Platz wohlgemerkt. Es kam Torjubel, es kam Herzinfarktgefahr, es kamen Freudentränen. Kurzum: Da war wieder etwas, das mich mit dem 1. FC Köln und dessen sportlichem Schicksal verband. Es war wie so oft im Leben: Immer, wenn man glaubt, das war’s jetzt aber wirklich, kommt etwas, das das Feuer in einem wieder entzündet. Am Ende hatte diese Woche, die einen als FC-Fan mindestens 15 Lebensjahre gekostet hatte, ein Happy End. Vielleicht hatte diese Woche, die einem das Gefühl gab, der FC sei ein Verein von Bekloppten für Bekloppte, also doch etwas Gutes über den Derbysieg hinaus. Irgendwie macht dich dieser Wahnsinn doch so liebenswert, du jecker 1. FC Köln.

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