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Meinung

„Umdenken“ lieber für Hopp als bei Rassismus: Entgleiste Elite

Hopp wird Opfer von Beleidigungen. Die alten weißen Männer der Liga schreien deshalb nun nach radikalen Maßnahmen, die ihnen bei Rassismus, Sexismus und Homophobie nie eingefallen sind. Ein Kommentar.

Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Hurensohn ist kein feines Wort. Es ist sexistisch und abwertend, ein Musterbeispiel einer heftigen Beleidigung. Die meisten Menschen kennen den Begriff trotzdem gleich in mehreren Sprachen. Hurensohn ist ein globales Schimpfwort. So wie Arschloch oder Wichser. Mehr aber auch nicht.

Am Samstag wurde dieses „Son of a bitch“ und „Hijo di Puta“, also das „Hurensohn“, was wir aus zig Filmen und noch mehr Songs kennen, von ein paar mächtigen Herrschaften auf die selbe Stufe mit Rassismus und Antisemitismus gestellt. Gladbachs Geschäftsführer Max Eberl hatte die Vorarbeit geleistet und Proteste gegen Hopp in den Kontext des Terrors von Hanau gesetzt. Eine Woche später ist der deutsche Fußball nun vollends moralisch entgleist.

Ob Vereine, Spieler, Präsidenten oder weite Teile der Medien – man bot den Zuschauer*innen eine theatralische Show, die ihres Gleichen sucht. Kurzum: Ob Özil, Torunarigha, Yeboah oder Sané – kein Opfer von Rassismus und keine Minderheit hat jemals eine solche Unterstützung erfahren wie nun Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp.

„Umdenken“ wegen Beleidigungen gegen Hopp?

Wenn es nach Karl-Heinz Rummenigge und Co geht, ist ausgerechnet dieser eine Samstag mit ein paar beleidigenden Plakaten in den Kurven der Anlass für ein „Umdenken“ in der Republik. Ein Zeichen wollen die mächtigen Herrschaften des Fußballs nun setzen, ein Exempel statuieren. Das tun sie.

Bayern-Fans beleidigen Hopp | Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Jeder der unzählig dahergelaberten Sätze vom Samstag, die mit „Hopp…“ anfingen und mit „… Rassismus und Antisemitismus auch bekämpfen“ weitergingen, ist ein Zeichen. Jeder rassistische Vorfall in der Vergangenheit, der von denjenigen mit dröhnender Missachtung bedacht wurde, die nun radikale Maßnahmen fordern, weil diesmal einer von ihnen im Fadenkreuz steht, ebenfalls. Jede Redaktion, die diesen hypokritischen Spin weitererzählt, setzt ebenfalls ein Zeichen.

Dafür, dass Rassismus und Antisemitismus im deutschen Fußball nicht für das „Umdenken“ sorgen, das nun gefordert wird. Dafür, dass es Rummenigge, Eberl und Co ziemlich egal ist, wenn jemand (noch viel heftiger als Hopp) beleidigt wird, solang es keiner von ihnen ist. Dass es dem DFB und seinem neuen Präsidenten Fritz Keller ebenso egal ist, wenn ein verdienter Nationalspieler rassistische Beleidigungen beklagt. Genau wie einem Thomas Müller, der anlässlich der Anti-Hopp-Plakate gleich auch noch Rassismus und Antisemitismus bekämpfen will und plötzlich mit großen Worten zum politischen Twitter-Aktivisten mutiert.

Plötzliche Entrüstung

Dass also schnöde Beleidigungen, die sich gegen einen sehr wohlhabenden Geldgeber eines deutschen Fußballclubs richten – einem Mann mit allen Mitteln, um sich selbst zu helfen – eine massive Welle der Entrüstung bei der gleichzeitigen intellektuellen Kapitulation der Branche bewirken und nun den Wendepunkt in der Stadionkultur darstellen sollen, ist wahrlich ein eindeutiges Zeichen.

Banner der Kölner Fans – der Name „Hopp“ fällt nicht | Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images)

Ob Sky-Moderatoren, die einen auf Report von der Front machen, Boris Büchlers völlig respektlos-entgleister Kommentar im Sportstudio, Fritz Kellers geistiger Offenbarungseid im Interview oder Rummenigges lächerliche Hardliner-Kampfansagen – für jedes Mitglied einer tatsächlich von Diskriminierung und Hassrede betroffenen Minderheit bedeutet die Empörungseskalation im Kampf für Dietmar Hopp nicht mehr als blanken Hohn.

So unschön, verwerflich und grundsätzlich bekämpfenswert die Beleidigungen für Hopp und seine Familie auch sein mögen – es gibt einen zentralen Unterschied. Dietmar Hopp wurde nicht als das geboren, für was er Feindbild der Fans geworden ist. Es interessiert sich auch tatsächlich niemand für den Beruf seiner Mutter. Alle Proteste und Beleidigungen passieren wegen Hopps Wirken im Fußball. Nicht wegen seiner Hautfarbe. Nicht wegen seiner Religion. Nicht wegen seines Geschlechts. Und auch nicht wegen seiner Herkunft.

Wenn dieser Qualitätsunterschied zu rassistischer Hassrede weggewischt und jede Beleidigung auf die gleiche Stufe gestellt wird, ist das kein „Umdenken“, das eine Branche, aber auch keine Gesellschaft, wollen sollte. Vielmehr ist es, um tatsächlich mal eine sinnvolle Brücke zum Terror von Hanau zu schlagen, eine grobe Verharmlosung des für die Gesellschaft viel bedrohlicheren Rassismus, der in den letzten Monaten immer offener und blutiger sichtbar wird.

Hopp hat mit Rassismus-Opfern nichts zu tun

Dietmar Hopp ist kein Opfer wie die Toten von Hanau oder ihre Angehörigen. Hopp wurde nie Gewalt angetan. Hopp lebt ein privilegiertes Leben in Wohlstand. Hopp ist nicht einmal Teil einer bedrohten Minderheit. Hopp ist auch nicht Opfer des selben Hasses wie Jordan Torunarigha oder Moussa Marega. Dietmar Hopp hat mit den Opfern von Rassismus wirklich überhaupt gar nichts zu tun.

Dass man sowohl die schreckliche Tat eines Rechtsextremen als auch Rassismus an sich in den Kontext der Proteste gegen Hopp gesetzt hat, war bereits in der Vorwoche verwerflich – und unverschämt den Opfern gegenüber. Dass man eine Woche später und nach erneuten Protesten gegen Hopp die große Axt rausholt und bei der „Alle für Didi“-Show den Kampf gegen Rassismus nur noch als das Theater legitimierende Nebensache mit aufführt,  ist nur noch beschämend. Aber wenigstens ist es ehrlich von den Herrschaften.

Peinlicher Auftritt im Sportstudio: DFB-Präsident Keller | Foto: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images

Als ein Nachwuchsteam von Hertha BSC vor ein paar Monaten vorzeitig den Platz verließ, weil Mitspieler rassistisch beleidigt wurden, urteilte der Nordostdeutsche Fußballverband wenig später, das Verlassen des Platzes sei nicht gerechtfertigt gewesen. Die Hauptstädter wurden verwarnt, das Spiel mit 2:0 gegen die Hertha gewertet. Als rassistische Beleidigungen gegen Jordan Torunarigha beim Schiedsrichter gemeldet wurden, entschied der sich weiterzuspielen. Es gab keine Durchsage im Stadion, keinen angedrohten Spielabbruch, keine streikenden Profis. Und als mit Clemens Tönnies einer der mächtigen des Business eine rassistische Rede gehalten hat, gab es als Strafe ein paar tadelnde Worte – sonst nichts.

Bei Rassismus und Sexismus gibt es von den weißen, alten Männern des deutschen Fußballs für die Opfer nur daher gesagte Floskeln. Bei Beleidigungen gegen einen Milliardär aus den eigenen Reihen folgt die Kriegserklärung. Das ist tatsächlich ein deutliches Zeichen. Aber ein ziemlich beschissenes.

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