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Meinung

Ultra-Berichterstattung: Hysterie nach Drehbuch

Nach der „Begnadigung“ einiger Fans kommt es zu einer kleineren Schlägerei unter Fans. Presse und Polizei sind empört – zu recht? Der effzeh.com-Kommentar.

Kein schöner Anblick: Die gesperrte Südkurve im Rhein-Energie-Stadion | Foto: Dirk Unschuld

Nach der „Begnadigung“ einiger Fans, die zuvor mit Stadionverboten belegt waren, kommt es vor dem Spiel gegen Wolfsburg zu einer kleineren Schlägerei. Presse und Polizei sind empört, doch der Werner Spinner will sich von seinem Kurs nicht abbringen lassen. Und der effzeh-Präsident liegt damit richtig. Ein Kommentar von David Schmitz. 

„Hoffentlich geht das Ding nicht nach hinten los“, hatte die BILD-Zeitung geschrieben, nachdem der 1. FC Köln im Laufe der Woche einige Stadionverbote gegenüber Fans, denen offenbar – außer der Mitgliedschaft in einer Ultra-Gruppe – nichts Wesentliches nachgewiesen werden konnte, aufgehoben hatte. Und spätestens am Samstag war dann klar: Es ging nach hinten los! Findet zumindest die Zeitung mit den großen Lettern.

Doch wer das Blatt kennt, der weiß eben auch, dass dieser Satz nur weitere Artikel vorbereiten sollte. „BILD“ ist die größte Boulevard-Zeitung des Landes, und Boulevard lebt von Kampagnen. Storylines zu erkennen, bei seinen Lesern vorzubereiten und dann auch zu bedienen, ist das Handwerkszeug dieser Form des Journalismus.

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die „BILD“ bereits kurz nach dem Spiel gegen den VfL Wolfsburg prominent über die Auseinandersetzungen zwischen Fans im Vorfeld des Spiels berichtet hat. Arnold Plickert, NRW-Chef der Polizeigewerkschaft, wusste da schon ganz genau, was er dazu sagen wollte: „Ich hätte mir gewünscht, ich hätte nicht recht behalten, dass es nur ein halbherziges Lippenbekenntnis der Boyz war, sie sich in Wirklichkeit nicht von Gewalt distanzieren.“ Bei diesem Statement wird deutlich: Das mit den Kampagnen hat der Gewerkschafter ebenfalls drauf.

Unklare Tatsachenlage, klare Ansagen 

Die Tatsachenbeschreibungen waren am Samstagabend nämlich genauso schwammig wie heute: Es „sollen“ Fans mit „Boyz-Pullovern“ dabei gewesen sein. Die Kölner Fans „sollen“ provoziert haben. Und es „sollen“ auch „Stadionverbotler“ darunter gewesen sein – „schlimmer Verdacht“, kommentiert die „BILD“. Obwohl also maximal ein Anfangsverdacht besteht und ein Polizei-Vertreter eigentlich darauf verweisen müsste, dass erst einmal geklärt werden sollte, was überhaupt vorgefallen ist, senkt Herr Plickert den Daumen – eine gute Prise „Habe ich doch gesagt“-Attitüde darf dabei natürlich nicht fehlen.

Klar ist aber auch: Ob mit oder ohne „Boyz“-Beteiligung, diese Schlägerei ist an Dämlichkeit kaum zu überbieten. Denn der 1. FC Köln hat in der letzten Woche mal wieder etwas Ungewöhnliches getan. Er hat eine Entscheidung pro Fans getroffen und damit Stirnrunzeln von Presse und Polizei geerntet. Das hat Gründe: Neben den üblichen Mechanismen von Boulevard-Berichterstattung, spielt auch die Vorstellung von Ultra-Gruppen eine Rolle, die in den Köpfen steckt; die über die Jahre dort auch medial aufgebaut wurde. „Ich bin allerdings entsetzt, mit welcher Dreistigkeit sie nur vier Tage nach diesem vermeintlichen Friedensschluss wieder losschlagen“, sagt Plickert und malt damit ein Bild von durch-organisierten Gruppen, die eine Befehlsstruktur haben und ihre Attacken sauber planen. Es sind Sätze, die auch zu echten, bedeutsamen militärischen Konflikten passen würden.

Doch diese Vorstellung von Ultra-Gruppen entspricht eben nur sehr bedingt der Realität. Ja, die Gruppen haben meistens eine „Chefetage“, oder zumindest Leute, die nach außen als „Sprecher“ auftreten und sie gefallen sich auch ganz gut im Selbstbild der durchorganisierten Gruppe. Doch das heißt eben noch lange nicht, das alle die sich im Dunstkreis dieser Gruppen bewegen auch automatisch dem Folge leisten, was die Mehrheit der Gruppe will. Ein Umstand, der nicht zuletzt auch von ebendiesen führenden Personen innerhalb der Fan-Szene bedauert wird.

Dialog zwischen Fans und Verein soll weitergehen 

„Ich habe mit großer Verwunderung zur Kenntnis genommen, dass sich ein paar Unbelehrbare daneben benommen haben“, erklärte effzeh-Präsident Werner Spinner am Sonntag mit Blick auf die Vorfälle gegenüber dem „kicker“: „Es wird Konsequenzen geben.“ Gemeint ist damit wohl, dass es für die von der Polizei in Gewahrsam genommenen Personen erneut Stadionverbote geben wird. Dass sich der Vorfall nur einige Tage nach der Rücknahme und Quasi-Begnadigung der „Boyz“ ereignet hat, ist für den Verein dennoch mehr als ärgerlich. Doch vom Dialog abbringen lassen wollen sich die Verantwortlichen nicht. „Klar ist aber auch, dass wir nicht alle von heute auf morgen zu Klosterschülern machen“, sagt Spinner. „Es ist eine Entwicklung.“

Dem Boulevard und offenbar auch Teilen der Lokalpresse scheint diese Haltung aber nicht zu schmecken. Während die „BILD“ vor sich hin orakelt, dass der effzeh in „Erklärungsnot“ gerate, echauffiert sich der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hauptsächlich über die Choreografie, die der Verein trotz Zwischenfall vor dem Spiel erlaubte. „Ohne uns es Kölle nur de Hälfte wäät“ und „Guess who just got back today, them wild eyed boyz that had been away“ stand dort geschrieben. Beides sind übrigens – zugegebenermaßen provokante – Liedtext-Zitate. „Nicht erst die Prügel, schon die Spruchbänder müssten dem Klub reichen“, heißt es dazu. Warum das dem Verein „reichen“ müsste, wird jedoch nicht zufriedenstellend beantwortet.

Dass sich eine Fan-Gruppe zusammen mit denen, die aus Solidarität in der Rückrunde der vergangenen Saison der Südkurve den Rücken gekehrt haben, selbst für ihre Rückkehr feiert, war zu erwarten. Schließlich – das wird gerne vergessen in der aktuellen Berichterstattung – hieß die Aufhebung der Stadionverbote vor allem, dass Fans, denen offenbar keine Straftaten nachgewiesen werden konnten, wieder ihre Bürgerrechte wahrnehmen und ins Stadion gehen dürfen. Es ist also weniger eine Gnade, als eine juristische Richtigstellung. Und somit auch ein legitimer Grund für Freude seitens der ehemals Verbannten. „Trotz der Vorkommnisse eine Schau unter dem Motto zu erlauben, wir sind wieder da, ist das absolut falscheste Signal an die Gewalttäter“, kritisiert aber Plickert den Verein. Offenbar hätte man die Choreo nach Meinung des Polizei-Mannes unterbinden müssen. Warum? Weil sich ein paar Unverbesserliche ein Scharmützel mit ein paar Wolfsburger Fans geliefert hatten? Das wäre direkt die nächste Maßnahme gewesen, die nach Sippenhaft stinkt. Doch genau diese – im deutschen Rechtswesen immer noch nicht vergesehene – Methode scheinen sich Polizei und Presse herbeizusehnen. Was dadurch besser würde, darauf liefern sie – erneut – keine Antwort.

Repression dient nicht zur Konfliktlösung

„Es wird auch in Zukunft wahrscheinlich immer wieder kleinere Vorfälle geben“, sagt Werner Spinner dazu. „Trotzdem bin ich weiter davon überzeugt, dass durch den Dialog des Vereins mit den Ultras eine Verbesserung der Situation eintreten wird.“ Und auch wenn man das in mancher Redaktion oder Polizeidirektion kaum glauben mag: Allein ist der Präsident mit dieser Einschätzung nicht. Ob Pädagogen, Soziologen oder neuerdings auch sogenannte Fanforscher – wenn man dort nach guten Konfliktlösungen fragt, wird man die Worte „Rauswerfen“, „Verbote“, und „Sippenhaft“ maximal als Negativbeispiele hören. „Mit Repression löst man keine Konflikte“, brachte es der umstrittene Fanforscher Martin Thein in der „Münsterland Zeitung“ einst auf den Punkt.

„Wir reden über eine kleine Gruppe, die für den Ärger verantwortlich war“, erklärt Spinner im „kicker“ noch. Und stellt somit klar, was in der Berichterstattung bisher unterzugehen droht: Es waren nicht die „Boyz“ als Gruppe, die sich eine Auseinandersetzung geliefert haben. Es waren eben – mal wieder – ein paar einzelne Personen, die zum Teil auch aus dem Umfeld der Gruppe kommen*. Das ändert keinesfalls die absolute Dämlichkeit dieser Aktion, ist aber eben ein wichtiger und dennoch kaum beachteter Faktor. Die „BILD“ stört das freilich wenig, zu Fotos, die im inneren des Stadion aufgenommen wurden, wird da mit Bezug auf die Maleranzüge vom Derby „Schon wieder die weissen Idioten“ geschrieben und mit „Nur vier Tage nach ihrer Begnadigung prügeln sie wieder los“ geht der Populismus im Boulevard-Blatt munter weiter. Mit freundlicher Unterstützung der Polizei-Gewerkschaft, die mittlerweile offenbar hauptberuflich über Fußballfans jammert. „Wir verharmlosen nichts“ sagt Spinner gelassen und fügt an: „Man sollte aber auch nichts öffentlich aufbauschen“.

Stimmt, sollte man nicht.

 

*Update: In einer früheren Version dieses Artikels war davon die Rede, dass die beteiligten Personen „vielleicht“ aus dem Umfeld der Gruppe kommen. Der Verein hat mittlerweile in einer Stellungnahme bestätigt, dass es sich bei zwei der am Samstag Beteiligten um Personen handelt, deren Stadionverbote erst kürzlich aufgehoben wurden. Diese und die weiteren Beteiligten erhalten zunächst ein örtliches Stadionverbot. Der Verein will dennoch am Dialog festhalten. 

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