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Meinung

Tradition vs. Investoren: Nagelsmann verkennt die Realität

Julian Nagelsmann ließ sich kürzlich in einem Interview über Tradition im Fußball aus – sich nur auf Investoren zu verlassen, kann auch nicht der richtige Weg sein.

Foto: THOMAS KIENZLE/AFP/Getty Images

Julian Nagelsmann begleitet seinen Wechsel vom Hopp-Verein zum Brauseclub mit despektierlichen Äußerungen zum Thema Tradition im Fußball. Doch selbst wenn man von allen emotionalen Aspekten absieht und die rein sportliche Bilanz der Investorenvereine und Firmen-Klubs in Deutschland betrachtet, ist diese bisher alles andere als eindrucksvoll.

Der scheidende Hoffenheim-Coach hat in der Diskussion zur Öffnung der Bundesliga für Investoren und die 50+1-Regelung im Interview mit dem „kicker“ eine bemerkenswerte Aussage getätigt: „Da müssen die Traditionalisten umdenken. Es gibt den schönen Spruch: Tradition ist wie eine Laterne, den Intelligenten leuchtet sie den Weg, die Dummen klammern sich an sie. Genauso ist es. Die vielen Traditionsvereine müssen ihren Status versuchen zu nutzen, um Investoren zu motivieren.“

Unabhängig davon, dass es nicht für guten Stil spricht, Menschen mit einer anderen Position als dumm zu bezeichnen, ist seine abschätzige Haltung gegenüber Fußball-Traditionalisten auch inhaltlich betrachtet äußerst fragwürdig. Denn wenn man seine These überprüft, dass Vereine mit einer höheren Wahrscheinlichkeit sportlich erfolgreich sind, wenn sie sich wie von ihm empfohlen für Investoren öffnen, dann ist das nur schwer zu belegen. Rein sportlich betrachtet ist die bisherige Bilanz seines neuen Arbeitgebers aus Leipzig nach einer Durststrecke in der Regionalliga bisher positiv, die der anderen Vereine jedoch keinesfalls.

Misserfolg im Alleingang: KFC Uerdingen

Der KFC Uerdingen sorgt unter dem russischen Mäzen Mikhail Ponomarev allenfalls für fragwürdige Schlagzeilen. Die sportlichen Entscheidungen, die er nach eigenen Angaben im Alleingang trifft, führten zu vier Trainern innerhalb eines Jahres und Investitionen in Altstars wie Weltmeister Kevin Großkreutz, den erhofften Erfolg brachten sie jedoch bisher nicht. Uerdingen steht im Mittelfeld der dritten Liga und machte hauptsächlich durch einen Kurzauftritt bei Twitter inklusive persönlichen Diffamierungen von Ex-Coach Norbert Meier sowie durch eine fragwürdige Zahlungsmoral von sich reden. Zuletzt drohte Ponomarev damit, sich beim niederländischen Zweitligisten Roda Kerkrade zu engagieren, wenn seine Forderungen beispielsweise in Sachen Stadion nicht erfüllt würden.

Der Chaos-Scheich in Giesing: 1860 München

Der Jordanier Hasan Ismaik versprach bei seinem Einstieg als Investor bei 1860 München große Investitionen und die Rückkehr in die Bundesliga. Acht Jahre später hat er zwar angeblich rund 70 Millionen Euro investiert, der Traditionsklub konnte zuletzt dennoch erst am letzten Spieltag den Abstieg aus der dritten Liga verhindern. Ismaiks Regentschaft sorgte jedoch nicht nur auf dem Platz, sondern in erster Linie abseits des Spielfelds für Chaos, inklusive schlimmer Possen wie dem skurrilen Plan, ein neues Stadion samt Zoo mit nach den Spielern benannten Löwen zu bauen. Zuletzt wurden zum Unmut des Vereins sogar eigene Fans verklagt, was durch die an Ismaik veräußerten Rechte möglich wurde.

1860-Boss Ismaik in der Mitte | Foto: Johannes Simon/Bongarts/Getty Images

Der Milliardär beim Dino: Hamburger SV

Unternehmer Klaus-Michael Kühne hat nach eigenen Angaben sogar bereits mehr als 100 Millionen Euro in den Hamburger SV investiert. Dennoch stieg der Verein in dieser Phase nicht nur erstmals aus der 1. Bundesliga ab, sondern hat zudem gerade den Wiederaufstieg verpasst. Der ausbleibende Erfolg ist jedoch nicht das einzige Problem. Für Wirbel sorgt Kühne in erster Linie neben dem Platz mit seinen über die Medien transportierten Forderungen, welche Entscheidungen der Klub zu treffen habe, und den damit verbundenen Drohungen, bei Nichteinhaltung den Geldhahn zuzudrehen.

Der Milliardär beim Dorfklub: TSG Hoffenheim

Auch der Heimatverein von SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp, in den der Milliardär seit 1990 angeblich insgesamt 350 Millionen Euro investierte, war nach dem Aufstieg von der Regionalliga in die Bundesliga unter Ralf Rangnick und vor den beiden Europapokalteilnahmen in der Ära Nagelsmann ebenfalls ein eher durchschnittlich erfolgreicher Bundesligist, der sich 2013 als Tabellen-16. erst in der Relegation gegen Kaiserslautern vor dem Abstieg retten konnte. Zum Vergleich: im gleichen Zeitraum erreichte auch der SC Freiburg zwei Mal den Europapokal.

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Fragwürdig ist in diesem Kontext die umgedrehte Logik, nach der Ralf Rangnick kürzlich argumentierte, dass diese Vereine „…trotz 50+1 in den Händen von Leuten gelandet sind, die keine Ahnung haben.“ Denn natürlich zeigen diese wenigen Fälle, in denen sich Investoren bisher prominent eingebracht haben, dass eine weitere Lockerung der Regeln keineswegs die Garantie wäre, dass deutsche Vereine zukünftig erfolgreicher werden. Stattdessen sind sie eher ein Argument, die bestehenden Hürden gegen die Einflussnahme von Investoren weiter zu erhöhen.

Auch Firmen-“Projekte“ nicht zwingend erfolgreich

Neben diesen Beispielen der von Einzelpersonen „geförderten“ Vereine lohnt auch ein Blick auf die an ein bestimmtes investierendes Unternehmen gebundenen Bundesliga-Vereine wie Bayer Leverkusen und den VfL Wolfsburg. Denn auch sie sind sportlich keineswegs automatisch so erfolgreich, wie es die Höhe der getätigten Investitionen vermuten lassen würde. Zwar wehrt sich der VfL Wolfsburg gerne gegen das das Image eines Firmenklubs. Genau genommen ist die Fußball GmbH jedoch nicht mehr und nicht weniger als eine Tochtergesellschaft von Volkswagen, das geschätzte 90 Millionen Euro pro Jahr in den Verein investiert.

Punktuellen Erfolgen wie dem Meistertitel unter Felix Magath und dem Pokalsieg mit Kevin De Bruyne standen gleichzeitig auch lange Phasen des Misserfolgs gegenüber, in denen sich der Verein 2017 und 2018 erst denkbar knapp in der Relegation vor dem Abstieg retten konnte. Im Vergleich dazu hat es Leverkusen geschafft, sportlich in der Zeit seit dem Aufstieg 1980 sehr konstant im oberen Tabellendrittel zu landen und damit die finanziellen Zusatzressourcen erfolgreich zu nutzen.

Erfolg eher eine Frage der Strategie und der handelnden Personen als der Investitionen

Die beschriebenen Beispiele zeigen, dass die Erfolge bei Vereinen wie Leipzig und Leverkusen zwar ohne die Investitionen der dahinterstehenden Unternehmen nicht möglich gewesen wären, jedoch maßgeblich von der Strategie und der sportlichen Kompetenz der Entscheidungsträger abhängen. Alleine die Einbindung von Investoren (egal ob Privatpersonen oder Unternehmen) garantiert keinen Erfolg – man wäre eher geneigt, das Gegenteil zu behaupten. Den vielfach proklamierten Erfolg der englischen Liga alleine mit dem Engagement von Investoren zu begründen greift zudem auch zu kurz, denn auch die weit höheren TV-Erlöse und die globale Vermarktung spielen eine wesentliche Rolle in Bezug auf die enorme Finanzkraft der Inselklubs. Wie Julian Nagelsmann so zu tun, als wäre Tradition ein Erfolgshindernis, ist auf jeden Fall nicht nur unsympathisch, sondern auch schwer zu belegen.

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