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Meinung

Tönnies’ Worte bleiben ohne Konsequenzen: Keine Karte für Rassismus?

Der FC Schalke 04 will Clemens Tönnies nach seinen rassistischen Aussagen nicht rauswerfen. Der Fall zeigt, wie schwer Deutschland sich im Umgang mit Rassismus tut. Ein Kommentar.

Schalke-Fans mit klarer Botschaft im DFB-Pokal | Martin Rose/Bongarts/Getty Images)

Deutschland und Rassismus, das ist ein bisschen wie Deutschland und alte Männer, die Tennissocken zu Sandalen tragen. Eigentlich eine absolute Scheußlichkeit, für die gemeine Kartoffel dann aber doch irgendwie in Ordnung. „Schön ist das nicht“, wird der zufällige Repräsentant deutscher Stammtische zwar vermutlich eingestehend murmeln, wenn er mit dem modischen Massaker am unteren Ende seines Körpers konfrontiert wird. Im nächsten Mallorca-Urlaub darauf verzichten, das wird er jedoch ganz sicher nicht.

Bei Rassismus ist die deutsche Bewältigungsstrategie ganz ähnlich: Klar, schön ist das nicht, was Schalke-Boss Clemens Tönnies da beim „Tag des Handwerks der Kreishandwerkerschaft Paderborn-Lippe“ von sich gegeben hat. Aber ist das ein Grund für echte Konsequenzen? Nein, nein. Denn wo kommen wir denn dahin, wenn man in diesem Land nicht mehr ungestraft menschenfeindlichen Scheissdreck von sich geben kann?

Bei dem Event in Paderborn empfahl Tönnies im Kontext der derzeit allgegenwärtigen Klimakrise die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika. “Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren“, erklärte der 63-jährige Fleischexperte und Trophäen-Jäger, der nebenbei seit Jahren bereits den starken Mann beim FC Schalke 04 mimt.

Tönnies’ Worte: Eindeutig rassistisch

Zur Klarstellung: Tönnies reproduziert mit seinen Worten ein Bild von Afrika und seinen Bewohnern, das in guter Tradition mit den Weltbildern einstiger Kolonialherren steht. „Der Afrikaner“ ist hierbei ein Taugenichts, der außer seiner sexuellen Übermacht (SO klein, Clemens?) nichts ohne die Anleitung großer, weißer und weiser Männer auf die Kette bekommt. Dieses Bild knüpft an der historischen, weißen Beschreibung der Bewohner dieses übrigens sehr großen und nicht überall gleichen Kontinents an. Schon für die europäischen Seeleute war klar: Diese leicht bekleideten, dunkelhäutigen Menschen, das müssen Wilde – und damit minderwertig sein.

Clemens Tönnies | Foto: Christof Koepsel/Bongarts/Getty Images

Gloria von Thurn und Taxis, Mitglied eines ohnehin unbrauchbaren europäischen Adelsgeschlechts, ließ diese Weltsicht noch Jahrzehnte später durchblicken. „Der Schwarze schnackselt gern“, erklärte die Fürstin einst munter in einer Talkshow und fand das ziemlich lustig. Und auch SPD-Quotentrottel Thilo Sarrazin greift mit seinen Ansichten immer wieder genau in diese Schmuddelkiste: „die Afrikaner“ seien eben von Natur aus dümmer als weiße Menschen und bedrohten mit ihrem zahlreichen Nachwuchs die erfolgreiche Zukunft Deutschlands, so seine schwachsinnige und mehr als ausreichend widerlegte These.

All das ist purer Rassismus! Es ist keine Lightversion, es ist auch nicht bloß niveauloses Stammtischgerede. Es ist zu einhundert Prozent Rassismus. Denn ob Tönnies, Thurn und Taxis oder Sarrazin: Sie alle glauben, eine Hautfarbe oder Herkunft würde über die Fähigkeiten, Talente oder Eigenschaften von Menschen irgendeinen Schluss erlauben. Und dieser Schluss lautet unterm Strich: Ohne uns Weiße würden „die Afrikaner“ außer Ficken nichts auf die Kette bekommen.

Wenn Weiße entscheiden, was Rassismus ist

Clemens Tönnies hat also zweifellos etwas Rassistisches gesagt. Der eigentliche Skandal aber ist, dass man das in diesem Land mit seiner Geschichte überhaupt noch klarstellen muss. Denn nicht nur in den traditionell schäbigen Facebook-Kommentarspalten werden Tönnies’ Worte gerne als „dummes Gerede“ verharmlost. Nein, auch so mancher Pressevertreter tut sich in diesen Tagen schwer.

Tagesschau-Chef Kai Gniffke lieferte beispielsweise einen erschreckenden Kommentar ab. Tenor: Wenn das, was Tönnies gesagt hat, Rassismus ist, dann gibt es in Deutschland aber ganz schön viele Rassisten – und deshalb kann das kein Rassismus gewesen sein. Das muss man sich mal vorstellen.

Nicht nur, dass Gniffke als weißer, vermutlich ganz gutbetuchter, deutscher Mann ohnehin eher ungeeignet zur Bewertung von Rassismus erscheint – die afrikanisch-stämmigen Schalker Ex-Spieler Hans Sarpei und Gerald Asamoah ordneten die Worte klar als rassistisch ein, CDU-Politiker Charles M. Huber, der Wurzeln im Senegal hat, verließ wegen mangelnder Kritik an Tönnies sogar prompt seine Partei. Sondern vor allem die völlig absurde Begründung zeigt das deutsche Grundproblem im Umgang mit Rassismus auf.

Die Nachkriegsrepublik hat sich in den letzten Jahrzehnten große Mühe gegeben, sich selbst einzureden, die Wurzeln des Erfolgs der Nazis seien bekämpft, das Land erfolgreich entnazifiziert worden. Die Erkenntnis, dass viele Deutsche auch 2019 noch Rassismus tief in ihrem Weltbild und ihrer Denkweise verankert haben, würde diese Erfolgsgeschichte doch nur unnötig stören. Vermutlich deshalb labeln wir gerne gefährlichen Rassismus zu harmlosem, dummen Gerede um, sobald er nur von genügend Leuten geteilt wird.

Während Fans klare Kante zeigen, bleibt das Business still | Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Denn damit, dass ein paar verirrte Idioten trotz der einschlägigen Geschichte des Landes noch immer Rassisten und Menschenfeinde sind, kommen wir schon klar. Dass rassistische Perspektiven aber immer noch weit verbreitet und in der deutschen Bevölkerung großflächig akzeptiert sind, das darf nicht sein. Wenn man diesen Rassismus aber einfach zu „Stammtischgerede“ erklärt, ist das Problem doch bequem und schnell gelöst. Hach, deutsche Effizienz.

Doch ist Clemens Tönnies nun ein Rassist? Das fragen manche. Reicht eine „unbedachte Äußerung“ dafür aus? Die Antwort ist einfach: Rassist ist, wer Rassistisches sagt. Das heißt jedoch nicht, dass man auf ewig einer bleiben muss. Der Weg zur Rehabilitation steht auch für Clemens Tönnies offen.

Doch bereits die „Entschuldigung“ des Schalker Aufsichtsratschefs ließ vermuten, dass Tönnies seine Worte weder aufrichtig bedauert noch hinterfragt hat, sondern sie hinterlässt den Eindruck, dass der 63-Jährige sich vor allem darüber ärgert, dass er öffentlich gesagt hat, was er immer noch denkt. Anders lässt sich jedenfalls kaum erklären, dass Tönnies ungefähr bei jedem um Verzeihung bat, außer bei denen, die er beleidigt hatte. „Die Afrikaner“ spielen in der Welt von Clemens Tönnies offenbar selbst nach einer solchen Entgleisung nur die zweite Geige.

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Das Schweigen im Walde

Die Bundesliga- und Sport-Welt tat sich allerdings ebenfalls schwer. DFL-Präsident Reinhard Rauball äußerte zwar deutliche Kritik an Tönnies’ Worten, ansonsten blieb es jedoch verdächtig Still im Zirkus der deutschen Fußballschwergewichte. Ob beim FC Bayern, 1. FC Köln oder beim SC Paderborn – das Schweigen im Walde. Auch beim dem FC Schalke 04 freundschaftlich verbundenen 1. FC Nürnberg hörte man keine Kritik an den königsblauen Freunden.

Handlungsschneller waren die Franken dann aber wenig später in einem anderen Fall: Als ein einzelner Medienbericht die Identität von HSV-Profi Bakery Jatta in Zweifel zog, legte der 1. FC Nürnberg prompt Einspruch gegen die Spielwertung seiner 0:4-Pleite gegen die Rothosen ein. Jatta, als gambischer Flüchtling 2016 nach Deutschland gekommen, war bei diesem Spiel im Einsatz – der Club witterte die Chance auf drei Punkte am grünen Tisch, sollten sich die ohne jegliche Beweise vorgetragenen Anschuldigungen gegen Jatta bewahrheiten. Das kann man pflichtschuldige Geschäftsführerarbeit nennen.

HSV-Profi Bakery Jatta | Foto: Martin Rose/Bongarts/Getty Images

Man kann das aber auch symbolisch betrachten: Kaum könnte einer „dieser Afrikaner“ sich mit irgendeiner Marginalie schuldig gemacht haben, handelt der deutsche Michel, pocht auf die Einhaltung von Regeln, legt Einspruch gegen irgendwas ein und überlegt sich schon einmal, wie man den bösen Jatta denn möglichst einfach abschieben könnte, sollten sich die Vorwürfe bewahrheiten.

Jatta abschieben, Tönnies in den Urlaub?

So viel ist nach dieser Woche klar: In Deutschland muss es unbedingt Konsequenzen haben, wenn ein Afrikaner irgendetwas falsch macht. Wenn ein Aufsichtsratschef sich jedoch als Rassist entpuppt, reichen derweil eine Entschuldigung, die keine war und drei Monate Urlaub als „Strafe“ völlig aus. Da bleiben die Rassismus-Sandalen eben mal ein paar Wochen im Schrank, dann passt das schon. Ist ja nur ein bisschen dummes Gerede. Muss ja auch irgendwann mal wieder gut sein. Schwamm drüber, na klar.

Und Tagesschau-Chef Gniffke zweifelt da ernsthaft noch daran, dass rassistisches Gedankengut in Deutschland nach wie vor weiter verbreitet ist, als uns lieb ist? Na dann: Glückauf, Deutschland.

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