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Interviews

Stephan Schell über 1. FC Köln und Ultras: „Der direkte Dialog ist uns wichtig“

Stephan Schell, Vorsänger der „Wilden Horde“ und wichtige Figur der Kölner Kurve, spricht mit uns über die Anfänge des neuen FC-Vorstands, nötige Verbesserungen und Zuschauerausschlüsse wegen Covid-19.

Stefan Schell
Foto: Sebastian Bahr

Das Thema Stadion schwelt auch immer noch in den Diskussionen rund um den 1. FC Köln.

Beim Thema Stadion hinterfrage ich schon, wieso man da der Öffentlichkeit nicht klipp und klar erzählt, dass ein Neu- beziehungsweise Ausbau unrealistisch ist. Will man die 15.000 Menschen auf der Warteliste für Dauerkarten nicht verprellen? Ich glaube, dass der Vorstand bei einigen Themen vorsichtig agiert, um auch die Sehnsucht nach Harmonie zu bedienen. Nach den Grabenkämpfen im Verein ist das nachvollziehbar. Kritisch bin und bleibe ich natürlich dennoch und hinterfrage Zusammenhänge. Wichtig ist, dass man eine Grundlage für einen Dialog hat und die gibt es.

Wie sieht es momentan mit Rechtsextremismus in der FC-Kurve aus?

Ich würde sagen, dass es keine Tendenzen gibt, gegen die man arbeiten muss. Es gibt bestimmt den ein oder anderen, der das ein bisschen empfindlicher sieht. Allerdings kann man den FC auch nicht mit Vereinen wie Babelsberg oder St. Pauli vergleichen. Die Südkurve ist eine sehr große Kurve und die Gesellschaft rückt leider immer weiter nach rechts. Daher denke ich schon, das von den 14.000 Leuten in der Kurve bestimmt einige dabei sind, die rassistische Positionen vertreten, auch wenn sie das nicht nach außen hin tun. Man sollte bei diesem Thema auf jeden Fall wachsam bleiben.

Wie hast du es wahrgenommen, dass Ralf Höcker auf der Karnevalsveranstaltung des FC einen Orden verliehen bekam?

Cool fand ich das auf jeden Fall nicht. Irgendwie war es auch komisch, dass ihr die einzigen in der Kölner Medienlandschaft wart, die dazu etwas veröffentlicht haben. Bezeichnend ist es auch, wie ihr dafür teilweise in der Kritik standet. Insbesondere, wenn es vielleicht sogar die gleichen Leute waren, die keine Gelegenheit auslassen, um mit den vielzitierten Werten des Vereins um die Ecke zu kommen, wenn es mal wieder irgendwo Diskussionen gibt.

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Man kann natürlich das Argument anbringen, dass der 1. FC Köln zu diesem Thema, im Rahmen eines Statements in eure Richtung, etwas gesagt hat. Den Tenor: „Was kann ich jetzt dafür, dass jemand, den ich eingeladen habe, den Höcker als Gast mitbringt?“ lasse ich mal so stehen – peinlich bleibt die Angelegenheit trotzdem. Den Wunsch einiger Mitglieder, dass man im gleichen Kontext als Verein klarstellen sollte, keinen Bock auf die AfD zu haben, teile ich darüber hinaus auch. Höcker kommt halt aus dieser Ecke und damit habe ich auf jeden Fall meine Schwierigkeiten.

Welche Themen sind darüber hinaus noch wichtig aktuell?

Für die Gruppen der Südkurve gibt es immer ausreichend Themen, die es zu behandeln gilt. Gerade die letzten Wochen haben die Frage aufgeworfen, wo der Fußball steht, wobei ja auch die aktiven Fanszenen in die Kritik genommen wurden. Daher versucht der Südkurvenverbund aktuell vermehrt, mit den FC-Fans und Fanclubs in den Kontakt zu treten, diese mitzunehmen und Öffentlichkeitsarbeit zu betreiben.

Den Vorwurf, dass die aktiven Fanszenen ihre Anliegen über den Verein stellen würden – dass wir uns anmaßen, für alle Fans zu sprechen, ist ein Märchen, das seit Jahren verbreitet wird. Leider teilweise mit Erfolg, weshalb wir uns selbstverständlich damit auseinandersetzen müssen. Dabei ist für uns der direkte Dialog einfach super wichtig, weshalb wir da auch einiges an Energie und Zeit investieren. Ich kann hier viel darüber erzählen, dass wir uns mit einem Spruchband nicht über die Belange des Vereins hinwegsetzen, aber Verständnis für die jeweils andere Position erreiche ich meines Erachtens am besten im direkten Gespräch.

„Mehr zuhören, akzeptieren und aushalten“

Die FC-Gemeinschaft ist sehr heterogen und ich weiß, für wen ich spreche. Das sind vielleicht nicht wenige, aber ganz bestimmt nicht alle. Dabei ist es uns schon wichtig, dass wir als Gruppen der „Südkurve 1. FC Köln e.V.“ für unsere Positionen einstehen, aber uns auch andere Meinungen anhören und miteinbeziehen. Wenn sich unseren Positionen ein FC-Fan anschließt und sagt „Jo, sehe ich auch so!“ freuen wir uns – wenn nicht, leben wir auch gut damit. Die Hauptsache ist, dass man sich respektvoll und auf Augenhöhe ausgetauscht und ein gewisses Verständnis füreinander entwickelt hat.

Geisterderby in Gladbach | Foto: Jörg Schüler/Bongarts/Getty Images

Generell denke ich, dass sich die FC-Fans untereinander wieder mehr zuhören, akzeptieren und aushalten sollten. Das ist in einer großen Kurve wie der Süd überhaupt nicht anders möglich. Wir alle sollten aufhören, die eine Seite in Klatschpappen und die andere in Gewalttäter zu unterteilen. Keiner ist der bessere oder schlechtere Fan. So ein Schwachsinn kommt meistens von Leuten, die versuchen, die Kurven zu spalten. Ich finde, dass die Kurven dieses Spiel nicht mitmachen sollten, auch wenn die Meinungen mal auseinandergehen. Das ist aber vielleicht auch ein gesamtgesellschaftliches Thema.

Wie beurteilst du die Entscheidung der DFL, das Derby in Mönchengladbach als Geisterspiel auszutragen? Wie stehst du allgemein zu Zuschauerausschlüssen wegen des Corona-Virus?

Als uns die Nachricht erreichte, war das natürlich erstmal nicht so geil. Niemand hat Lust auf Fußball ohne Fans, gerade bei einem Derby. Viel Zeit war leider auch nicht mehr. So konnten wir die Mannschaft vor dem Spiel nicht mehr erreichen. Die Debatte um diesen Virus ist sehr dynamisch. Jeden Tag ändert sich die Sachlage. Von daher spare ich mir ein Urteil und warte die Dinge ab, die da noch kommen. Zumindest können die Hardliner jetzt mal sehen, wie es ist, wenn die Ränge leer sind. Der Fußball lebt von den Fans. Auch dafür stehen wir schon seit Jahren ein.

Der zweite Teil des Interviews mit Stephan Schell beschäftigt sich mit überregionalen Fanthemen und erscheint in den kommenden Tagen.

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