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Meinung

„Stadionallianz gegen Gewalt“: Symbolpolitik ohne tieferen Sinn und größeren Nutzen

Breitbeinig verkünden NRW-Innenminister Herbert Reul und die neun Bundesliga-Clubs um den 1. FC Köln eine „Stadionallianz gegen Gewalt“. Viel verändern wird die Kooperation nicht, es ist vielmehr der erneute Versuch, die Bühne des Fußballs zu nutzen, um sich mit sinnloser Symbolpolitik als starker Mann zu inszenieren. Unser Kommentar.

Gemeinsam gegen Gewalt - Vereine und NRW Polizei vereinbaren Stadionallianzen Unterzeichnung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund
Foto: IM NRW/Jochen Tack

Wer nur mit halber Aufmerksamkeit verfolgte, was das Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen am Montag stolz verkündete, der konnte das Gefühl haben, dass sich eigentlich in den vergangenen sechs Monaten nichts Großartiges ereignet oder geändert hat. An die Coronavirus-Pandemie, die nun schon geraume Zeit weltweit grassiert und spätestens seit Mitte März in Deutschland die Fans aus den Fußballstadien fernhält, erinnerte beim Unterschriftstermin nur der Abstand auf dem obligatorischen Foto – auf eine Maske wurde für das Bild selbstverständlich verzichtet. Gesicht zeigen gegen Gewalt im Fußball quasi.

Unter der Überschrift „Gemeinsam gegen Gewalt – Vereine und Polizei vereinbaren Stadionallianzen“ machen Herbert Reul und Co. öffentlich, was bereits seit Tagen klar war: Die neun Bundesligisten aus dem Bundesland kooperieren nun auch sichtbar verstärkt mit den Sicherheitsbehörden in diesem Land – bei einem Termin im Dortmunder Fußballmuseum wurde diese Vereinbarung unterzeichnet. Ein seit Jahrzehnte bestehendes Problem werde damit angegangen, verkündete Innenminister Reul und machte gleichzeitig völlig faktenfrei auf eine angeblich stetig wachsende Gewaltbereitschaft im Fußball aufmerksam. Die Hoffnung des CDU-Politikers: Die Unterschrift unter die Kooperationsvereinbarung solle „den Anfang vom Ende dieser Auswüchse rund um Fußballspiele in Nordrhein-Westfalen“ darstellen.

Reul bleibt sich treu: Profilieren geht über Studieren

Es ging inmitten einer weltweit grassierenden Viruspandemie, die weit über den Fußball hinaus das öffentliche Leben auf eine harte Probe stellt, offenbar keine Nummer kleiner. Und tatsächlich knüpft die Vereinbarung und deren breitbeinige Verkündung aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium heraus nahtlos an Reuls gleichsam schwierigen wie schmierigen Kurs in Sachen Fußballfans vor der Corona-Krise an. Im Herbst 2018 forderte er gemeinsam mit seinem hessischen Amtskollegen Beuth Haftstrafen für die Verwendung von Pyrotechnik, ein halbes Jahr später machte erneut mit abgestandenen, aber offenbar unter Law-and-Order-Fanatikern wie ihm beliebten Vorschlägen wie personalisierte Tickets Schlagzeilen.

„Die „Stadionallianz gegen Gewalt“ wird, das kommt wenig überraschend, nichts zum Positiven verändern, auch wenn Reul erneut versucht, sämtliche derzeit populären Schlagwörter wie Rassismus mit Klassikern wie Pyrotechnik zu einer einzigen „Gewaltsuppe“ zusammen zu rühren.“

Merklich verbessert hat all das das angespannte Verhältnis zwischen Polizei und Fans nicht – das dürfte allerdings auch nicht Reuls populistisches Ziel gewesen sein. Einmal mehr machen es sich Sicherheitspolitiker zu ihrem Lieblingssport, die Bühne des Fußballs für ihre Zwecke zu nutzen. Ein Vorwurf, der oft in die Gegenrichtung erhoben wird, aber dann letztlich doch mehr über einen selbst aussagt. Ein Problem, das seit langem vorhanden ist, sich aber weniger wegen solch populistischer Ausfälle denn anderer Entwicklungen abschwächt, wird wieder aufgrund der enormen Öffentlichkeitswirkung des Deutschen liebsten Kinds genutzt, um auf absurde Art und Weise Stärke zu zeigen. Profilieren geht über Studieren – Reul bleibt sich treu. Oder um ähnlich populistisch wie der CDU-Innenminister zu agieren: Wer braucht schon beispielsweise die volle rechtsstaatliche Härte gegenüber Straftätern in den eigenen Reihen, wenn er das Feindbild Fußballfan bedienen kann?

Viel gelebte Praxis, viel wachsweiches Wischiwaschi

Die „Stadionallianz gegen Gewalt“ wird, das kommt nach Ansicht des gesamten Dokuments wenig überraschend, nichts zum Positiven verändern, auch wenn Herbert Reul erneut versucht, sämtliche derzeit populären Schlagwörter wie Rassismus mit Klassikern wie Pyrotechnik zu einer einzigen „Gewaltsuppe“ zusammen zu rühren. Vieles an der Vereinbarung bleibt letztlich im Diffus-Unklaren: Können und sollen sind die angesagten Formulierungen – neuralgische Punkte der Kooperation sind daher mit „wachsweichem Wischiwaschi“ noch nett umschrieben. Andere Themen wie beispielsweise die Zusammenarbeit bei Informationsaustausch und Lagebeurteilung sind seit längerem bereits gelebte Praxis im Profifußball, die „Stadionallianz gegen Gewalt“ schreibt diese Sicherheitspartnerschaft zwischen Polizei und Clubs nun lediglich fort. Symbolpolitik also: Ohne tieferen Sinn und ohne größeren Nutzen.

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Dennoch sorgte die Verkündung der Vereinbarung bereits im Vorfeld für massiven Aufruhr in den Anhängerschaften der jeweiligen Vereinen. Warum, wenn doch letztlich alles harmlos und bereits bekannt ist oder aber keine konkreten Regelungen vorsieht? Nun, die Fans sind bei solchen Partnerschaften und der „gelebten Praxis“ von ungenau formulierten Vorsätzen schlichtweg gebrannte Kinder. Die Sicherheitsspirale wurde in den letzten 15 Jahren stetig in Gang gehalten, immer wieder wurden Vorfälle gleich welcher Art genutzt, um politisches Kapital daraus zu schlagen und weitere Repressionsfantasien in die Tat umzusetzen. Immer im Blick dabei: Der Fußballfan, der trotz rückläufiger Zahlen fast ausschließlich als Feindbild und Störer in den Planungen vorkommt. Auch deshalb wird die Zusammenarbeit zwischen Politik und Profifußball aus den Kurven argwöhnisch betrachtet.

Das Damoklesschwert heißt: Übernahme der Einsatzkosten

Die Clubs sitzen derweil aus ihrer Sicht in der Zwickmühle: Einerseits setzen die meisten Bundesligisten auf ein gutes Verhältnis zur eigenen Fanszene, andererseits sehen sie sich seit geraumer Zeit dem Druck der Politik und der Sicherheitsbehörden ausgesetzt. Dass die Verantwortung der Vereine nicht erst am Stadiontor beginnt, das hat der Profifußball mittlerweile verinnerlicht. Dennoch wollen die Innenminister einen großen Schluck aus der Pulle des Milliardengeschäfts nehmen – die Übernahme der Kosten für den Einsatz der Polizei bei Hochrisikospielen schwebt auch außerhalb Bremens als Damoklesschwert über dem Fußballbetrieb. Millionenschwere Gründe, das Wohlwollen des obersten Sicherheitspolitikers des Bundeslandes nicht aufs Spiel zu setzen.

Gemeinsam gegen Gewalt - Vereine und NRW Polizei vereinbaren Stadionallianzen Unterzeichnung im Deutschen Fußballmuseum in Dortmund

Foto: IM NRW/Jochen Tack

Für die Fans bleibt letztlich nur: Im vertrauensvollen Dialog mit den eigenen Vereinen die konkreten Konzepte vor Ort so vernünftig wie möglich auszugestalten. Um übergriffige Maßnahmen bei Bannern oder Stadionverboten zu verhindern beispielsweise. Denn einen validen Punkt hat Herbert Reul bei der Verkündung der Kooperationsvereinbarung dann doch noch überraschend getroffen: „Lösen können wir das Gewalt-Problem im Fußball nur gemeinsam, mit abgestimmten Maßnahmen der Polizei, der Vereine und allen weiteren Netzwerkpartnern, im regelmäßigen Austausch auch mit den Fans, die ich ausdrücklich mit einbeziehe“, so der CDU-Innenminister. Schade, dass von diesen Dialogbemühungen am Montag im Dortmunder Fußballmuseum aber so rein gar nichts zu spüren war. Es hat sich offensichtlich wirklich durch sechs Monate Pandemie nicht viel verändert.

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