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Meinung

Spürbar enttäuschend

Im Derby gegen Gladbach wird der effzeh mit einem Logo der „Bild“-Aktion „Wir helfen“ auflaufen. Es ist das richtige Zeichen der falschen Leute. Ein Offener Brief an den Verein.

Foto: Rote Böcke
Foto: Rote Böcke

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Im Derby gegen Borussia Mönchengladbach wird der effzeh mit einem Logo der „Bild“-Aktion „Wir helfen“ auflaufen. Es ist das richtige Zeichen der falschen Leute. Ein offener Brief an den 1. FC Köln.

Lieber 1. FC Köln,
wir müssen reden! Den mit Abstand größten Teil meines Fandaseins war ich stolz, Anhänger dieses „feinen Klubs“ zu sein. Egal, ob der Verein nach außen wieder den Eindruck eines Karnevalsvereins vermittelte. Egal, ob das Team im Derby gegen Borussia Mönchengladbach wieder an den Hörnern durch die Manege gezogen wurde. Und auch egal, ob einigen Fans in deinem Namen die Sicherungen durchbrannten und die FC-Fans in ganz Deutschland wieder als Randalebrüder dargestellt wurden. Ich trug das Wappen mit Dom und Geißbock mit der Noblesse und dem Rückgrat, das es verlangt. Wie heißt es so schön: Durch dick un durch dünn – janz ejal wohin!

Heute ist allerdings einer dieser Tage, lieber 1. FC Köln, an denen ich mit kopfschüttelnder Verwunderung, nein, mit fazialpalmierender Ungläubigkeit auf dich schaue. Ich sehe einen Verein, der sich „Spürbar anders“ als Marketingmotto gegeben hat und dies nach eigenem Anspruch auch leben möchte. Ich sehe einen Verein, der verstanden zu haben schien, dass Fußball mehr als nur das schnöde 1:0 ist. Der sich in seiner Stadt stolz auf dem „Christopher Street Day“ mit einem eigenen Wagen präsentiert. Der mit der gesamten Belegschaft (inklusive Mannschaft) für die Oberbürgermeister-Wahl trommelt, um der schleichenden Wahlmüdigkeit entgegenzuwirken. Der seiner sozialen Verantwortung gerecht wird und sich beispielsweise für sozial benachteiligte Jugendliche oder auch Flüchtlinge einsetzt. Der Kölns Credo „Arsch huh, Zäng ussenander“ zu beherzigen scheint.

Foto: bildblog.de

Foto: bildblog.de

Und ich sehe einen Verein, der all diese positiven Schritte torpediert, weil er sich mit der „Bild“ ins Bett legt – und daran auch nichts Schlimmes finden will. Natürlich: Die „Wir helfen!“-Aktion der „Bild“-Zeitung kommt Flüchtlingen, die nach lebensbedrohlicher Flucht aus Krisenregionen jede Hilfe und jeden Cent benötigen können, zu gute. Sie schafft Aufmerksamkeit und Verständnis für die Dringlichkeit des Themas, auch in den letzten Winkeln dieser Republik. Sie erreicht vielleicht auch Köpfe, die für den „normalen“ Diskurs längst verloren sind. Sie kann ein Klima der Angstlosigkeit schaffen, sie kann „Willkommenskultur“ ermöglichen. Und natürlich: Sich gegen die „Bild“ zu stellen, kann die Außendarstellung des Klubs schwieriger machen. In Köln vielleicht nicht sonderlich, denn dort ist eine andere Boulevardzeitung der Meinungsführer. Dennoch hat die „Bild“ – insbesondere im gesamten Bundesgebiet – immer noch enormen Einfluß, auch wenn ihre Auflage stetig sinkt. Sie setzt Themen, sie macht Meinung, sie schafft Stimmungen. Vielleicht ist es professionell, das Verhältnis mit einem Bundesliga-Lizenznehmer, wie ihn Eure Fanabteilung nennt, nicht aufs Spiel zu setzen. Vor allem nicht in einer Sache, in der „Bild“ seine Kampagnenfähigkeit tatsächlich einmal nicht für die dunkle Seite der Macht einsetzt. Vielleicht ist meine Kritik kleinkariert, vielleicht muss man bei solch einem Thema die Animositäten beiseite lassen.

https://twitter.com/fabifly41/status/644443363333263360

https://twitter.com/fabifly41/status/644444449108553728

Das kann ich aber nicht. Ernsthaft, lieber 1. FC Köln, ich frage mich schon den ganzen Tag: Heiligt der Zweck jedes Mittel? Warum nutzt der Verein seine Öffentlichkeitswirkung nicht zusammen mit einem seriösen Partner? Einem Partner, der nicht noch vor wenigen Monaten gegen die „Pleite-Griechen“ hetzte und das Ende von „Multikulti“ herbeischrieb. Einem Partner, dessen Schlagzeilen nicht den Nährboden für Fremdenhass, für Neiddebatten a la „Wer tut denn etwas für die deutschen Obdachlosen?“ und für all die Pegidioten da draußen bieten. Einem Partner, der Demagogen wie Thilo Sarrazin keine Plattform für ihr krudes Weltbild bereitstellt – und dieses darüber hinaus noch aggresiv bewirbt. Einem Partner, der dazu in der täglichen Arbeit kein ethisches Verhalten an den Tag legt, dass es einen nur so schaudert. Kurzum: Jemanden, dessen Logo und dessen Kampagne ich gerne auf dem Ärmel des Trikots mit dem Geißbock auf der Brust sehen würde. Ein Blick auf bildblog.de hätte dafür gereicht, Beispiele für das verheerende Wirken dieses „Organs der Niedertracht“ (Max Goldt) gibt es dort noch und nöcher. Kai Diekmanns Reaktion auf die vorbildliche Verweigerung des FC St. Pauli hat offenbart, worum es der „Bild“ bei „Wir helfen“ wirklich geht. Es geht nicht um das Wohl der Flüchtlinge. Die Beweggründe der Boulevardzeitung sind ungefähr so authentisch wie das „Keine Macht den Drogen“-Seminar des freundlichen Kokaindealers von der Ecke. Es geht schlichtweg um das ewige Spiel der Meinungsmache – Imageaufbesserung auf dem Rücken Notleidender inklusive. „Bild“ springt auf den fahrenden Zug des vorbildlichen Engagements vieler ehrenamtlich Tätigen auf – und will nun Lokomotivführer spielen. Wer das nicht akzeptiert, der wird direkt zur Zielscheibe der „Zwischendurchflüchtlingsversteher“.

Um es offen zu sagen: Es stimmt mich traurig, dass Du, lieber 1. FC Köln, dich nicht dazu hast durchringen können, all dem den „Stinkefinger“ zu zeigen. Zu zeigen, dass du wirklich „Spürbar anders“ bist. Und es nicht nötig hast, dich mit dem Logo geistiger Brandstifter, die nun den hehren Löschzug anführen wollen, weil es gerade opportun ist, zu bekleiden. Ihr hättet die Chance gehabt, ein Zeichen zu setzen. Für eine Willkommenskultur – und gegen pauschale Hetzkampagne. Für ein menschliches und faires Miteinander – und gegen kalkulierte Brandstiftung. Für ein authentisches Engagement für Schwache – und gegen opportunistisches „Fahne in den Wind“-Halten je nach Stimmungslage. Du hast es verpasst, lieber 1. FC Köln – und das schmerzt. Ich habe viele bittere Niederlagen auf dem Rasen erlebt, ich habe viele bittere Stunden auf den Rängen durchlitten – aber diese Entscheidung schmerzt richtig. Sogar mehr als eine Niederlage im Derby. Weil sie etwas mit Prinzipien zu tun hat. Prinzipien, die ich von meinem Verein gerne vertreten sähe. Nun schaue ich neidisch nach Hamburg, nach Berlin und nach Bochum. Und sogar neidisch nach Freiburg…Vielen Dank dafür, lieber 1. FC Köln. Heute ist kein schöner Tag, FC-Fan zu sein!

Dein Thomas

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