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Meinung

Solidarität in der Fußballwelt: Wir brauchen mehr als nur PR!

Immer mehr Fußballer und Vereine unterstützen ihre Community oder die Gesellschaft mit Spenden. Das ist gut, aber: Der Fußball muss sich mehr auf seine Rolle als soziale Institution konzentrieren.

Foto: Michael Regan/Getty Image

Wegen des grassierenden Corona-Virus befindet sich die Welt momentan in einer Ausnahmesituation, die an vielen Orten das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben fast vollständig zum Erliegen kommen lässt. Die Atemwegserkrankung, für die bis dato weder ein Impfstoff noch Immunität in der Bevölkerung vorliegen, sorgt für dramatisch schnell ansteigende Todeszahlen. Der Virus selbst verbreitet sich ebenso rasant und aktuell geht es nur darum, die Ansteckungszahlen so gering wie möglich zu halten, um eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu verhindern. Die dramatischen Bilder aus Spanien und Italien haben in Europa nun auch den letzten erkennen lassen, dass es nun drastische Einschränkungen braucht, um die Todesfälle durch die Pandemie so gering wie möglich zu halten. Diese Entwicklung machte natürlich auch vor dem Profisport und Milliardengeschäft Fußball nicht Halt – der Spielbetrieb in Deutschland ruht seit genau zwei Wochen. Seriöse Prognosen, wann und wie es weitergehen könnte, liegen aktuell noch nicht vor.

Und so sind die Fußball-Unternehmen, die jedes Jahr Millionenumsätze generieren, aktuell in den Ruhestand versetzt. Die Profis trainieren zuhause, um ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten. Viele von ihnen versuchen zudem, über Social-Media-Posts weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Sie rufen die Menschen in ihrer Umgebung auf, zuhause zu bleiben und nicht auf die Straße zu gehen, um die weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern – sinnvoll in jedem Fall.

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Zu Beginn des fußballerischen Lockdowns war die Frage diskutiert worden, ob und wie Profifußballer sich auch mit der Gesellschaft solidarisch zeigen und Geldbeträge zu Verfügung stellen, um die wirklich systemrelevanten Tätigkeiten zu unterstützen. Nachdem an einigen Standorten darüber diskutiert werden musste (man fragt sich, was es da überhaupt zu diskutieren gibt), mehren sich nun die Meldungen über solidarische Sportler. Spieler der deutschen Nationalmannschaft spenden 2,5 Millionen Euro, Leon Goretzka und Joshua Kimmich rufen zudem eine Spendenaktion ins Leben.

Fußballer und Vereine tun was – doch reicht es aus?

Internationale Stars wie Cristiano Ronaldo und Lionel Messi spenden Geld an Krankenhäuser in ihrer Heimat, die Spieler von Real Madrid chartern ein Flugzeug mit Sanitätsmaterial. In Brasilien werden im gesamten Land Fußballstadien zu Feldlazaretten umgebaut, so zum Beispiel im Maracana in Rio oder auch im Stadion von Corinthians in Sao Paolo. Profis von deutschen Vereinen, namentlich Borussia Mönchengladbach und der FC Bayern, verzichten auf Teile ihrer Gehälter, um die Zukunft der angestellten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu sichern. In Köln unterstützt der heimische FC zusammen mit dem Sponsor REWE die Kölner Tafel, die aufgrund der Corona-Krise zwischenzeitlich ihre Aktivitäten einstellen musste. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Fußballvereins springen nun ein, um die Lebensmittelversorgung der Schwächsten in unserer Gesellschaft zu sichern.

Das Streiflicht zeigt also, dass der Fußball mit all seinen handelnden Personen den Ernst der Lage erkannt hat und bereit ist, vom eigenen Reichtum etwas abzugeben. Diese Initiativen sind natürlich für sich betrachtet erst einmal zu loben, doch wie so oft lohnt sich ein kritischer Blick hinter die Kulissen. Das zeigt sich vor allem am Beispiel Manchester. Dort unterstützten die beiden großen Rivalen United und City die Tafeln der Stadt mit einer gemeinsamen Spende von 100.000 Pfund. Für eine gemeinsame Sache arbeiten und dabei die Differenzen überwinden, das ist das Positive an der Unterstützung in Manchester.

Gleichzeitig muss aber auch die Frage erlaubt sein, wieso gerade einmal 100.000 Pfund und damit das Monatsgehalt eines besseren Durchschnittsspielers als Geldbetrag zusammen kommt. Denn während sich die Vereine in Pressemitteilungen zurecht dafür loben, die Community zu unterstützen, bleibt die Frage hängen, ob Konstrukte wie Manchester City, das von Abu Dhabi unterstützt wird oder der in eigener Wahrnehmung „wertvollste Fußballklub der Welt“ Manchester United, nicht vielleicht doch ein wenig mehr geben könnten.

Fußball ist auch eine soziale Instanz

Beide sind Bestandteil und Nutznießer eines Business, das wie kein anderes den globalen Kapitalismus verkörpert. Dieses Business ist aber gerade zum Erliegen gekommen und deswegen ist die Frage berechtigt, wo das ganze Geld nun hingeht. Wenn wie in Deutschland die Champions-League-Teilnehmer 20 Millionen für kleinere Vereine zur Verfügung stellen, ist das natürlich auch lobenswert, aber eben „nur“ Solidarität untereinander, Solidarität im Business. Die Gesellschaft profitiert davon nicht.

Diese Schlussfolgerung ist zulässig, wenn man die Vereine nicht nur als profitorientierte Unternehmen, sondern auch als Vereine im tatsächlichen Wortsinne sieht, die in der eigenen lokalen Community eine wichtige Aufgabe übernehmen. Der Fußball ist als letztes Lagerfeuer der Gesellschaft ein wichtiges Mittel, um Menschen aus unterschiedlichsten Schichten zusammenzubringen. Dazu gehört, dass die Vereine ihrer Verantwortung für die Menschen in ihrer Stadt nachkommen. Fußballvereine sind immer noch (!) in erster Linie soziale Institutionen und keine global wirkenden Franchises. In Notlagen wie dieser ist es daher mit PR-wirksamen Spenden daher nicht getan. Dessen sollten sich auch Fußballer bewusst sein: ein paar Hashtags auf Instagram sind nicht genug, um aus der eigenen privilegierten Position heraus den Menschen etwas zurückzugeben, die das ganze Business zu großen Teilen finanzieren.

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Nochmal: Es ist gut, dass sich die Meldungen häufen, dass immer mehr Fußballvereine, Profis, Trainer und sonstige am Business beteiligte Personen erkennen, dass die Gesellschaft ihre Unterstützung braucht. Doch damit wir alle zusammen diese Herausforderung bewältigen können, ist mehr gefragt als nur das „Greenwashing“ durch eine einzige isolierte Aktion. Fußballer können mit ihrer Reichweite und Vorbildfunktion ganz bestimmt dafür sorgen, dass wir während und nach dieser Krise ein anderes, ein intensiveres Verständnis von Solidarität haben.

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