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Rücktrittsforderungen gegen Müller-Römer: Altinternationales Schmierentheater beim FC

Beim 1. FC Köln müht sich eine Gruppe aus internen Kritikern und externen „Altinternationalen“ Mitgliederratschef Müller-Römer loszuwerden. Dabei scheinen auch fragwürdige Methoden recht.

Werner Wolf mit Wolfgang Overath | Foto: imago images/Eduard Bopp

Während Horst Heldt kurz vor knapp für notwendige Verstärkungen der Profi-Mannschaft sorgt, brodelt es intern beim 1. FC Köln mal wieder gewaltig. Anlass ist vordergründig ein überaus fragwürdiger Pressebericht des Kölner Stadt-Anzeigers. Die Lokalzeitung hatte sich am Montag dazu entschieden, innerhalb eines Artikels Auszüge aus Mails von Stefan Müller-Römer zu veröffentlichen.

Der Schriftwechsel kam zwischen einem 67-jährigen FC-Mitglied und dem Mitgliederratsvorsitzenden zu Stande. Ob eine Mitgliederversammlung als Präsenzveranstaltung angesichts der Corona-Pandemie angemessen sei, war die Ausgangsfrage. Dass Müller-Römer nicht viel von einer digitalen Mitgliederversammlung hält, ist kein Geheimnis. Diese Position vertrat er auch im Schriftwechsel, äußerte aber ebenso Verständnis für die Sorgen des Fragestellers und erklärte, dass man Ausnahmefälle diskutieren sollte. Der Gremienchef fand im Verlauf des Schriftwechsels ebenfalls kritische Worte zum alten Vorstand und zur Geschäftsführung der „Geißböcke“. Diese seien für die aktuelle katastrophale finanzielle Situation verantwortlich. Außerdem teilte Müller-Römer mit harten Worten gegen einen kleinen Teil der Kölner Mitgliedschaft aus, die sich „AfD-artig“ verhalten würden. Das seien „Verlierer“, die am besten aus dem Verein austreten sollten, hieß es in den Mails des Juristen.

Für die KStA-Journalisten Christian Löer und Lars Werner war dies offenbar Anlass genug, um aus den Mails, die ihnen wie die Kölnische Rundschau berichtet aus dem Kreis des Fanclubs „Andersrum Rut-Wieß“ zugespielt wurden, eine Story zu machen. effzeh.com-Recherchen bestätigen die These der Rundschau. Das ist nicht ohne Brisanz, findet sich mit Stephan Köker in den Reihen des Fanclubs, dem zudem eine Nähe zu Geschäftsführer Alexander Wehrle nachgesagt wird, doch ein ehemaliger Mitgliederrat wieder.

E-Mails sind grundsätzlich vertraulich

Grundsätzlich gelten E-Mails als vertrauliche Schriftstücke, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Auch die Mails von Müller-Römer waren effzeh.com-Informationen zufolge eindeutig als vertraulich gekennzeichnet. Damit eine Veröffentlichung dennoch rechtmäßig ist, muss aus dem Inhalt der Schriftstücke ein öffentliches Interesse ableitbar sein, nur dann würden die Rechte des Verfassers nachrangig werden. Doch was an den Aussagen Müller-Römers könnte dieses öffentliche Interesse darstellen? Wo ist der Skandal?

Inhaltlich sind die Standpunkte des Mitgliederratschefs jedenfalls keine Überraschung. Müller-Römer gilt seit jeher als Gegner einer digitalen Mitgliederversammlung und hat das nie verheimlicht. Auch dass er die Arbeit des ehemaligen Vorstands um Werner Spinner, Toni Schumacher und Markus Ritterbach überaus kritisch sieht, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Dass Alexander Wehrle, seit Jahren Finanzchef der Geißböcke, immer eine Verantwortung für die finanzielle Situation des 1. FC Köln trägt, ist unterdessen dessen Jobbeschreibung immanent. Dass es Mitglieder gibt, die Müller-Römer für entbehrlich hält, mag zwar ein hart ausgedrückter Standpunkt sein, ist aber ebenfalls kein Skandal. Der Mitgliederratschef bezieht sich dabei schließlich explizit auf so manche Kommentare in Sozialen Netzwerken oder unter Artikeln, die weit über sachliche Kritik hinaus gehen. Dass diese Kommentare existieren, dürfte kein Beobachter ernsthaft in Zweifel ziehen können. Die effzeh.com-Redaktion liest sie oft genug, ob bei unseren Artikeln oder – in schlimmerem Ausmaß – bei der Konkurrenz.

Stefan Müller-Römer | Foto: imago images/Eduard Bopp

Nüchtern betrachtet bleibt inhaltlich also wenig übrig, was die KStA-Geschichte und -Methode rechtfertigen könnte. effzeh.com-Informationen zufolge konfrontierten die Journalisten den Mitgliederratschef zwar durchaus mit ihrem Vorhaben, entschieden sich aber trotz Müller-Römers Hinweis auf die mutmaßliche Unrechtmäßigkeit des Vorgangs zur Veröffentlichung. Mehr Substanz hat die Nummer auch dadurch allerdings nicht bekommen.

Außer Frage steht, dass man man den Tonfall des Mitgliederratschef in dem Schriftwechsel für übertrieben oder unangemessen halten kann. Dort auf eine Anpassung Müller-Römers zu drängen, wäre völlig legitim. Und natürlich darf auch inhaltlich jeder eine andere Meinung vertreten – ist doch klar. Aber rechtfertigt das allein bereits eine mutmaßlich nicht einmal rechtmäßige Berichterstattung, die nun zu ernst zunehmenden Rücktrittsforderungen gegenüber Müller-Römer führt? Und reicht es aus, diesen Vorgang als singuläres Ereignis zu betrachten?

KStA und Bild: Offensichtliche Kampagne

Kommen wir zum „Hintergründigen“: Der Bericht im KStA kann nämlich durchaus in Kontext gebracht werden. Es war schließlich das Dumont-Blatt, das kürzlich noch Stephan Engels eine große Bühne bot, um seine Version der Geschichte zu erzählen, warum er nicht als Vizepräsident des 1. FC Köln kandidieren könne. Für Engels war klar: Müller-Römer wollte ihn nicht. Doch schon damals stellte sich angesichts des Furors die Frage: Warum war Engels überhaupt überrascht davon?

Wie die meisten sogenannten „Alt-Internationalen“ hatte sich der ehemalige Spieler im Vorfeld der letzten Vorstandswahlen für Toni Schumacher stark gemacht – und gegen den Vorschlag des Mitgliederrats um den jetzigen Präsidenten Werner Wolf ausgesprochen. Nun wollte er von eben diesem Gremium nominiert werden und zeigte sich verwundert, dass diese krude Idee auf wenig Gegenliebe traf. Auch das war für den Kölner Stadt-Anzeiger übrigens eine große Geschichte. Auch da weiß man nicht so genau, warum.

Die sogenannten „Alt-Internationalen“ bestehen neben Engels aus Wolfgang Overath, Karlheinz Thielen, Toni Schumacher, Wolfgang Weber und Bernd Cullmann. Die verdienten Ex-Spieler sind es nun auch, die den jüngsten Bericht des Stadtanzeigers bei einer „Aussprache“ mit dem aktuellen Vorstand, bei der aus nicht nachvollziehbaren Gründen auch die Geschäftsführer Alexander Wehrle und Horst Heldt anwesend waren, genutzt haben sollen, um den Rücktritt Müller-Römers zu fordern. Zufälle gibt’s!

Alt-Internationale „wollen Antworten“

Dazu muss man wissen: Wolfgang Overaths Amtszeit als Präsident des 1. FC Köln endete nicht nur im finanziellen Fiasko für den Club, sondern vor allem auch wegen des Engagements von Müller-Römer, der damals mit der Initiative „FC:Reloaded“ maßgeblich am Machtwechsel am Geißbockheim beteiligt war. Auch Toni Schumacher und Müller-Römer kennen sich gut. Der ehemalige Torhüter wurde nach Overath Teil des neuen Vorstands, arbeitete zunächst durchaus vernünftig mit dem Mitgliederrat zusammen, verließ den Club aber schließlich ebenfalls im Zwist mit Gremium und dessen Vorsitzenden. Die jüngste Geschichte von Engels und Müller-Römer ist bekannt.

Man muss also nicht Sherlock Holmes heißen, um hier gewisse Motive zu erkennen. Mehrfach äußerten sich „Alt-Internationale“ kritisch über „zu viel Demokratie“ (gemeint ist zu viel Mitgliederrat) beim 1. FC Köln, stärkten sich zuverlässig gegenseitig den Rücken oder sorgten immer wieder mit unnötigen oder absurden Interviews für Wirbel.

Markus Ritterbach, Alexander Wehrle, Toni Schumacher | Foto: imago images / Eduard Bopp

Das Vorgehen der Vereinslegenden trifft allerdings in diesen Tagen – im Gegensatz zu den zaghaften aktuellen Vorständen Werner Wolf, Carsten Wettich und Eckhard Sauren – nicht bei jedem im Umkreis der „Geißböcke“ auf Wohlwollen. „Völlig normale Vorgänge, wie beispielsweise die Entlassung des Medienchefs, sorgen tagelang für Diskussionen“, bemängelte die Kölner Vereinsikone der Neuzeit, Lukas Podolski, in einem bemerkenswerten Gespräch mit dem Express und macht auch vor den „Alt-Internationalen“ nicht halt.

„Das sind Spieler, mit denen der FC einst die großen Erfolge errungen hat. Das kann und will ihnen keiner absprechen. Auf Funktionärsebene hatten sie ihre Chance. Sie waren an der Macht, haben Fehler begangen und sind am Ende mit Wolfgang Overath abgestiegen. Der Vorstand um Toni Schumacher zerbrach, wurde nicht mehr nominiert“, stellt „Poldi“ fest. „Ständig wird Unruhe reingebracht, wie jetzt durch diesen Vorstoß von Stephan Engels, der plötzlich Vizepräsident werden will mit diesen ständigen Interviews. Man kann ja einmal Ansprüche anmelden und dann mit den Beteiligten sprechen. Aber er hat sich vor der Wahl gegen diesen Vorstand öffentlich positioniert, jetzt will er plötzlich da hinein. Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen.“

„Das passt doch hinten und vorne nicht zusammen“

Tatsächlich passt vieles in diesen Tagen beim 1. FC Köln nicht zusammen. Wir sprechen hier immerhin von dem Verein, bei dem Armin Veh ungestraft ein komplettes Gremium als „Vollamateure“ bezeichnen durfte – öffentlich, nicht in vertraulichen und auf überaus fragwürdige Weise geleakten Mails. Es ist auch der Verein, bei dem Toni Schumacher einst Vereinsmitglieder bei einer Mitgliederversammlung von der Bühne aus mit unschönen Worten bedachte – ohne Konsequenzen. Und es ist auch der Verein, bei dem dauernd Verträge mit Luxusgehältern abgeschlossen werden, die später dazu führen, dass der 1. FC Köln noch Geld draufzahlen muss, um den Spieler von der Payroll zu kriegen – auch dieses Missmanagement hat noch nie zu Rücktrittsforderungen geführt. Warum man nun also Müller-Römer so dringend den Abschied nahelegend muss, erscheint kaum nachvollziehbar. Mehr als um den Rücktritt bitten können übrigens glücklicherweise weder die „Alt-Internationalen“, noch der Vereinsvorstand oder andere Mitgliederräte. Müller-Römer ist gewählt, für seinen Abgang müsste er selbst zurückzutreten – es erschließt sich nur eben nicht, warum der Jurist, der sich seit Jahren im Verein engagiert, diesen Schritt gehen sollte.

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Schließlich geht es am Ende eben nicht nur um unterm Strich wenig relevante, wenn auch hart formulierte, E-Mails, sondern um eine bereits länger laufende Kampagne gegen den Mitgliederratschef, die in der Vergangenheit vor allem über die in Köln glücklicherweise traditionell irrelevante Bild-Zeitung geführt wurde, nun aber beim Kölner Stadt-Anzeiger offensichtlich Unterstützung findet.

Das Ziel dürfte dabei übrigens nur vordergründig die Person Müller-Römer sein. Der Jurist ist nicht unumstritten, seine direkte Art gefällt nicht jedem. Vor allem aber steht der Name Müller-Römer für vehemente Kontrolle von Vorstand und Geschäftsführung. Das entspricht der Aufgabe, die seiner Rolle satzungsgemäß zukommt. Gerade aber Ex-Vorstand Toni Schumacher und seine Unterstützer konnten mit der Kontrolle durch den Mitgliederrat schon in der Vergangenheit nur herzlich wenig anfangen. Die Attacken auf Müller-Römer gelten somit immer auch dem Gremium selbst und seiner Funktion innerhalb des Clubs an sich.

Der Wolf im Schafspelz

Präsident Werner Wolf ließ sich jedoch auch bei der jüngsten Attacke auf Müller-Römer lediglich zu einer kurzen Stellungnahme verleiten, die wenig erhellend war, dafür aber ein vollkommen absurdes Zitat lieferte. „Ein möglicher Vorwurf, die Geschäftsführung habe eine wie auch immer geartete Mitverantwortung für die finanzielle Lage, entbehrt jeder Grundlage“, ließ Wolf wissen und brachte damit nicht nur Betriebswirtschaftler zum Rätseln, wer denn dann bitteschön die Verantwortung tragen solle? Eine Antwort darauf gibt es aber zur Zeit nicht. Bisher bleibt jede effzeh.com-Anfrage bei der Medienabteilung des FC ohne Erfolg. Wolf wolle erst das Gespräch mit Müller-Römer suchen, heißt es dort nur, man bittet um Geduld.

FC-Vorstand: Wettich, Wolf, Sauren | Foto: imago images / Herbert Bucco

Dem Kölner Stadt-Anzeiger konnte man derweil ebenso wie dem in dieser Angelegenheit offensichtlich strategischen Partnerblatt Bild bereits am Mittwochabend brühwarm entnehmen, dass der FC-Präsident dem Wunsch der „Alt-Internationalen“ angeblich nachkommen und Müller-Römer um seinen Rücktritt bitten wolle. Auch das zeichnet die Gruppe von Ex-Spielern nachhaltig aus: Das Boulevardblatt sitzt stets mit am Tisch.

Das Gremium Müller-Römers selbst gibt sich unterdessen auffällig schmallippig und ließ am Mittwoch lediglich verlauten: „Der Mitgliederrat des 1. FC Köln befasst sich intensiv mit den Ereignissen, welche zu einem Beitrag des Kölner Stadt-Anzeigers geführt haben. Hierzu wird der Mitgliederrat im Laufe der nächsten Woche zu einer Sondersitzung zusammenkommen und anschließend eine Erklärung abgeben. Bis dahin bitten wir von weiteren Anfragen abzusehen.“ Unterstützung sieht anders aus.

Was macht der Mitgliederrat?

Der geringe Zuspruch für Müller-Römer sowohl im Vorstand, aber Presseberichten zufolge auch in seinem eigenen Gremium, dürfte Engels, Schumacher und Co aber auch dem mit den „Alt-Internationalen“ durchaus verbundenen Geschäftsführer Wehrle, der zuvor mit der Trennung von Medienchef Tobias Kaufmann einen loyalen Gefährten verloren hatte, überaus fröhlich stimmen. Die Demission des Mitgliederratsvorsitzenden zum jetzigen Zeitpunkt wäre schließlich ein politisches Zeichen genau nach ihrem Gusto. Weniger demokratische Kontrolle, mehr Hinterzimmer – und das gerne auch mit fragwürdigen Methoden. Man muss kein politisches Genie sein, um das zu erkennen.

Zum jetzigen Zeitpunkt, in dieser Gemengelage und angesichts der nüchtern betrachteten Harmlosigkeit des Anlasses den Rücktritt Müller-Römers zu forcieren – ob im Vorstand oder bei Teilen des Mitgliederrats selbst – ist am Ende nicht weniger als ein offener Schulterschluss mit denjenigen, die in der Vergangenheit vor allem mit unsachlicher Kritik am neuen Vorstand und dem Mitgliederrat an sich aufgefallen sind. Denjenigen, die Unruhe stets bemängeln, selbst aber mit ihren illegitimen Ansprüchen für die meiste sorgen.

Anders gesprochen: Es wäre nicht weniger als die Kapitulation vor dem Druck lautstarker, aber nachweislich im Sport-Management überwiegend unerfolgreicher oder antiquierter Ex-Spieler und den Wünschen völlig austauschbarer Geschäftsführer. Für Werner Wolf, der ohnehin bei vielen einstigen Unterstützern heftig in der Kritik steht, dürfte eine Rücktrittsforderung an Müller-Römer den endgültigen Bruch mit großen Teilen seiner bisherigen Wählerschaft darstellen. Der Mitgliederrat droht derweil dank seiner Uneinigkeit zum Spielball externer Interessen zu werden – und sägt damit langfristig am eigenen Ast.

Denn Lukas Podolski hat vollkommen recht. „Diese Nadelstiche schaden dem Verein nur“ – diese billigen Spielchen dann aber auch noch mitzuspielen oder sie im schlimmsten Fall nicht einmal zu durchschauen, schadet dem 1. FC Köln allerdings noch viel mehr.

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