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In Belgrad sorgt wildes Pyro-Rumgeballere für die Spaltung der Fans des 1. FC Köln. Ein Trip, der unvergesslich werden sollte, wurde dadurch für viele effzeh-Anhänger einfach nur ein Abend zum Vergessen.

Eigentlich sollte hier ein Reisebericht beginnen. Ein Text über die Reise der Fans des 1. FC Köln nach Belgrad, die Erlebnisse dort und was die letzte Tour im Europapokal mit uns machte. Ein Text über die Schönheit der Stadt, die Schönheit der Frauen, die Freundlichkeit der Menschen, die nicht immer bestehende Freundlichkeit der Ordnungskräfte, teilweise erniedrigende Einlasskontrollen bei Frauen und vieles mehr. Ein Text, der zeigt, dass sich das Warten gelohnt hat, dass die Vorfreude berechtigt war und dass wir alle noch in Jahren mit einem seligen Lächeln auf den Lippen an diesen Abend in der serbischen Hauptstadt denken werden.

Stattdessen wurde aus einem unvergesslichen Trip ein Abend, den viele lieber komplett aus dem Gedächtnis streichen wollen würden. Denn: So unterirdisch sich der 1. FC Köln auf dem Platz wieder einmal präsentiert hatte, einige Anhänger schafften es dieses Niveau noch deutlich zu unterkellern. Als hätten sie die Herausforderung angenommen, die schwierige Situation des Vereins auf anderen Ebenen auch endgültig in den Fanblock zu tragen, flog bereits vor Anpfiff der Partie eine Leuchtspur auf das Feld und verfehlte die Einlaufkinder sowie die eigenen Spieler nur haarscharf. Wer dachte, tiefer könnten Teile der effzeh-Fans nicht sinken, sah sich eines Besseren belehrt: Nur wenige Augenblicke später wurde eine solche Leuchtkugel in die anliegenden, prall gefüllten Blöcke voller Belgrader Fans gefeuert. Ein Szenario, das sich mehrfach wiederholen sollte.

Leuchtspuren treffen auf „Wir sind Kölner und ihr nicht“-Rufe

Ein Szenario, das den zuvor stimmungsvoll agierenden Kölner Gästeblock in Wut und Resignation versetzte. Hatten sich die effzeh-Fans zuvor schon ordentlich warmgesungen und hatten bei einer Hüpfeinlage vor dem Anpfiff in den chronisch überfüllten Rängen nahezu alle Anhänger mitgemacht, konnte danach von einer fläckendeckenden Unterstützung der Mannschaft kaum mehr die Rede sein. Viele Kölner verweigerten sich dem organisierten Support der Ultras, die im unteren Teil des Gästebereichs ohne Ablass Pyrotechnik abfackelten und völlig unberührt auch akustisch weiter ihre Show abzogen. Dass sich ungefähr die Hälfte des Blocks gegen sie stellte, sie auspfiff und mit „Scheiß Wilde Horde“ sowie „Wir sind Kölner und ihr nicht!“-Gesängen bedachte, dass die zuvor verkauften Ponchos ihnen reihenweise entgegen flogen, all das schien offensichtlich nicht von Belang zu sein. Unterbelichtung sorgt für Überbelichtung quasi.

Foto: Srdjan Stevanovic/Getty Images

Der Streit über Pyrotechnik unter deutschen Fußball-Fans reicht bereits lange zurück, alle Argumente sind letztlich schon tausende Male ausgetauscht. Die ablehnende Seite argumentiert mit durchaus vorhandene Gefahren und Verbandsstrafen, die befürwortende Seite mit Gewohnheitsrecht, Stimmungsfragen und Rebellion gegen das System. Eines schien allerdings in Köln als auch in anderen Szenen beim Einsatz von Bengalos, Leuchtfeuern und vielem mehr die streitenden Parteien zu einen: Solche Teile unkontrolliert auf den Platz und in andere Blöcke zu schießen oder Menschen damit zu bewerfen ist ein absolutes No-Go. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich und kann ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Kein Mensch, der auch nur einen Funken Verstand im Raum zwischen seinen Ohren hat, kann ein solches Verhalten gut heißen, abfeiern und fortgesetzt durchführen.

Zusammenhalt unter effzeh-Fans? Lieber auf dicke Hose machen!

Dass die Kölner Ultras das offensichtlich mittlerweile nicht mehr so sehen, haben sie am Donnerstagabend im Rajko-Mitic-Stadion zu Belgrad bewiesen. Im deutlichen Bestreben, den europaweit gefürchteten harten Hunden aus der serbischen Kapitale zu zeigen, wer die dicksten Glocken am Christbaum hängen hat, überschritten sie sämtliche Grenzen im Umgang mit Pyrotechnik. Grenzen, die sie sich selbst im Kampf um eine Legalisierung einmal gesteckt hatten. Doch das schien diesmal einfach nicht zu interessieren: Weder kam es nach dem ersten Vorfall oder in der Halbzeitpause zu irgendwelchen Interventionen, stattdessen ging im Gegenteil das muntere Scheibenschießen Richtung gegnerischer Fans einfach weiter. Dass die verbale Distanzierung der restlichen effzeh-Anhänger einem der Vorsänger ein sarkastisches Lächeln inklusive des beliebten Scheibenwischers hervorzauberte, veranschaulichte die bräsige Ignoranz gegenüber den 4.000 anderen Anhängern, die ihren 1. FC Köln an diesem Abend unterstützen und siegen sehen wollten, besser als jede kluge Analyse dies zu tun vermag.

>>> Kölner Europapokal-Aus gegen Belgrad: Der unmögliche Impuls

Denn: In Belgrad bestätigten die Ultras sämtliche (Vor-)Urteile, die ihre Kritiker ihnen gegenüber äußern. Es ging ihnen am Donnerstagabend nicht um den Verein oder gar um das Spiel auf dem Rasen – es ging ganz allein um das pubertäre „Wir haben den längsten Schwanz der Welt“-Gepose, um das Sich-Selbst-Feiern, das Ultras landauf, landab vorgeworfen wird. Die hehren Worte von Solidarität, von Zusammenhalt und von Ehrenkodizes – sie sind offensichtlich nur dann von Belang, wenn es sich mit den eigenen Bedürfnissen deckt. Wenn es aber darum geht, auf dicke Hose zu machen, scheint es auch völlig egal zu sein, dass man damit den vielen anderen effzeh-Fans, die sich wochenlang auf dieses Spiel gefreut haben, den Abend und eventuell sogar einiges darüber hinaus versaut. Die realistische Aussicht, in Belgrad in die nächste Runde einzuziehen, lag für sie angesichts ihres Verhaltens wohl vernebelt zwischen zugekoksten Hirnen und pyromanischen Phantasien.

Die Situation des 1. FC Köln fühlt sich an wie 2012

Die Reaktionen selbst ultra-naher effzeh-Fans, die ihrer Wut während des Spiels als auch nach der Partie im zweistündigen Frostmodus Ausdruck verliehen, sprach Bände: An diesem Abend wurde viel zerstört. Nicht, weil der 1. FC Köln aus dem Europapokal ausgeschieden ist und wir nach einer abermals enttäuschenden Leistung keinen Festabend mehr in einer fremden Stadt haben werden. Auch nicht, weil die „Geißböcke“ vermutlich sang- und klanglos aus der Bundesliga absteigen werden und die Destination in der kommenden Saison Bielefeld statt Belgrad heißen wird. Vielmehr war dieser Abend für viele frustrierend, weil es alte Gräben in der Kölner Fanszene wieder aufgerissen hat. Gräben, die schwerlich zuzuschütten sind – selbst bei Anhängern, die den Ultragruppierungen nahe stehen. Von komplettem Rausschmiss ist die Rede, zumindest ernsthafte Konsequenzen, so der grundlegend kopfschüttelnde Tenor, solle der effzeh nun endlich ziehen.

Foto: Srdjan Stevanovic/Getty Images

Es ist ein Problem zur Unzeit: Sportlich stürzen die „Geißböcke“ nach der ersten Europapokal-Qualifikation seit 25 Jahren von einer Krise in die nächste, auch neben dem Platz präsentiert sich der Klub in einem desolaten Zustand. Vom Umgang mit der Mitgliederintiative „100 Prozent FC – Dein Verein“, über die Suche nach einem Nachfolger für den überraschend abgehauen und mit einer üppigen Abfindung gesegneten Sportchef Jörg Schmadtke bis hin zum unsäglichen Eiertanz, der letztlich in der Entlassung des beliebten effzeh-Trainers Peter Stöger gipfelte. Eines schien in dieser Phase der Selbstauflösung allerdings unumstößlich: Die Rote Wand steht wie ein 12. Mann hinter ihrem Team. Davon dürfte nach dem Belgrad-Bankrott nicht mehr die Rede sein.

Wer seinem Verein, den er angeblich so liebt, in einer solchen Situation einen derartigen Bärendienst erweist, darf nicht mit dem Verständnis seiner Mitfans rechnen. Ein „Business as usual“ am Sonntag im extrem wichtigen Heimspiel gegen Freiburg ist unter diesen Umständen nahezu ausgeschlossen. Aber vielleicht will man, wenn es schon vereinsseitig nach 2012 schmeckt, auch bei den Fans nicht hintanstehen.

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5 Kommentare

  1. FC statt Effzeh am

    Die Kritik ist sicherlich angebracht, die gewählte Wortwahl jedoch nicht!

    Dass das Geschmeiße von Pyrotechnik und Sitzschalen zu Teilen auch eine Reaktion auf den Versuchten Fahnenklau der Belgrader im Stadion war wird hier völlig außer acht gelassen. (Hier muss man verstehen, dass die Zaunfahne das Heiligtum einer Ultras-Gruppe darstellt.) Der Dieb hat sich nach dem versuchten Fahnenklau wieder unters Volk im Nebenblock gemischt und wurde dort gefeiert. Sicherlich nicht die feine englische Art und vielleicht auch nicht das geeignete Mittel, aber auf Aktion folgt halt immer auch Reaktion und da behilft man sich halt mit dem was gerade zur Hand ist.

    Sicherlich hat das Ganze dann Ausmaße angenommen die über das Ziel hinausschossen, dennoch sollte man den Faktor versuchter Zaunfahnenklau nicht außen vor lassen.

    Dies rechtfertigt nicht die Leuchtspur auf den Platz und auch nicht den vielleicht überzogenen Einsatz von Pyro als Wurfgeschoss, es lässt aber hoffentlich ein wenig dahinterblicken warum es überhaupt so eskaliert ist.

    Ich denke, dass die Gruppen ganz genau wissen, dass an dem Abend etwas falsch gelaufen ist und sind sicherlich nicht stolz auf ihre Aktion bzw den Abend.

    Noch ein paar Worte zum Autor des Textes:
    Auch für dich gilt, auf Aktion folgt immer auch Reaktion! Wer Leute hier als Proleten und Dummköpfe darstellt muss sich nicht wundern wenn er hinter oder in der Süd nicht mehr willkommen ist.

  2. Deine Bewerbung an den Express?
    Erstmal durch atmen bevor du schreibst.
    Du solltest genug Kenntnis darüber haben Wie der Hase läuft.
    Guter Journalismus ist was anderes

  3. Werner Wingenfeld am

    Ich meine mich zu erinnern, dass auch hier die Ultras verhätschelt wurden, so nach dem Motto „Das sind die wahren Fans“ . Muss man sich nicht wundern.

  4. Ebenfalls Danke… einerseits freue ich mich nicht mit meiner Meinung alleine da zu stehen und hege eine leise Hoffnung, dass die Verantwortlichen auf das Geschehen reagieren,bezweifle das allerdings auf der anderen Seite aufgrund der Vergangenheit. Es wird wieder Ausreden geben, warum gar nicht so eindeutig ist, wer die Hauptverantwortlichen sind,dass man ja provoziert wurde und und und.man hat es wie in London geschafft, den intellektuell weniger unterbelichteten Fans den Abend komplett zu versauen.
    Das das Stadion und die Umstände (Blocksperre, abgesperrte Abgäng, Zu wenige Toiletten, vereiste Sitzschalen) absolut indiskutabel waren , muss an einer anderen Stelle diskutiert werden. Das einzig Positive ist vielleicht, dass 4000 Mann unbeschadet durch ein einzelnes Gatter geführt worden. Man mag dich an dieser Stelle nicht ausdenken, wenn sich nach dem Abfpifd die Masse genau so asozial verhalten hätte, wie der Mob in den ersten zehn Reihen …

  5. Danke für diesen Artikel und die klaren Worte.
    Wie mag denn so ein grausames Schauspiel auf die Mannschaft wirken, die auf dem Platz steht und versucht, ein wichtiges Spiel zu gewinnen? Erleben die Jungs das als Unterstützung oder im Gegenteil als Schlag in den Nacken? Vielleicht muss sich nicht nur der Verein, sondern auch die Mannschaft dazu einmal klar äußern.
    Belgrad hat wieder einmal gezeigt, dass das Bild von den ach so tollen und einmalig großartigen Fans des FC so nicht stimmt. Auch die Aggressionen, die gegenüber einzelnen Spieler des FC an den Tag gelegt werden, passen nicht zu dem Bild von den wunderbaren Kölner Fußballfreunden. Nicht nur Konstantin Rausch, sondern auch andere Spieler des FC werden (und wurden in der Vergangenheit) von „Fans“ ausgepfiffen, beleidigt und gedemütigt – sogar unmittelbar vor und während des Spiels. Das letztgenannte Problem scheint ja auch über die Ultra-Szene hinauszugehen und betrifft auch so genannte ganz normale Stadionbesucher. Vor dem letzten Abstieg wurde groß der Spruch „Wenn ihr absteigt, dann schlagen wir euch tot!“ ans GB-Heim geschmiert. Auch das gehört mit zur Kölner Fan-Kultur. Von daher ist es richtig, wenn das Desaster von Belgrad in einen Zusammenhang mit dem Abstieg 2012 gestellt wird.