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Nach Protest von Fans: 1. FC Köln und Fritz Esser verzichten auf Zusammenarbeit

Nach heftiger Kritik von den eigenen Fans revidiert der 1. FC Köln eine Personalentscheidung. Ex-„Bild“-Journalist Fritz Esser wird seine Stelle als Leiter der Kommunikationsabteilung des Clubs nicht wie geplant im Mai antreten.

Kehrtwende: Geschäftsführer Wehrle, Vorstände Wettich und Wolf | Foto: IMAGO / Eduard Bopp

Der 1. FC Köln hat die Notbremse gezogen: Nachdem der Verein am Montag verkündet hatte, dass Fritz Esser ab Mai Kommunikationschef und damit Nachfolger von Tobias Kaufmann werden sollte, erfuhren die Verantwortlichen am Geißbockheim erhebliche Widerstände von den eigenen Fans. Esser, ein früherer „Bild“-Journalist, passe nicht zu den Werten des Clubs, kritisierten unzählige Unterstützer:innen der „Geißböcke“ in den sozialen Netzwerken oder in Beschwerdebriefen an den Clubvorstand. Der 39-Jährige hatte auf Twitter in der Vergangenheit unter anderem FC-Fans, vor allem die aktive Fanszene und Ultras, mit unschönen Worten betitelt, die Rede eines AfD-Politikers im Bundestag wohlwollend kommentiert und auch die von ihm in „Bild“ veröffentlichten Artikel machten auf viele Kölner Anhänger:innen, die innerhalb kürzester Zeit ihre Kritik äußerten, einen rechtspopulistischen Eindruck.

Schließlich schlossen sich mit SPD-Chef Norbert Walter-Borjans, der Kölner Band „Kasalla“ und „heute-show“-Journalist Fabian Köster auch prominente FC-Fans der Kritik an der Personalentscheidung an. Auch Vereinslegende Lukas Podolski äußerte auf Twitter sein Missfallen. Schließlich erhielt eine Petition gegen die Anstellung Essers im Laufe des Mittwochs tausende Unterschriften, am Mittwochabend waren es schließlich über 6.600 – der Druck auf den Club stieg enorm. Nachdem zunächst lediglich effzeh.com über die heftigen Proteste berichtete hatte, zog im Laufe des Mittwochs schließlich auch die Kölner Lokalpresse nach.

Rolle rückwärts am Geißbockheim

Am Nachmittag folgte dann schließlich die Rolle rückwärts am Geißbockheim: „Toleranz, Fairness, Offenheit und Respekt sind als zentrale Werte in der Charta des FC festgeschrieben. Sie sind das Leitbild für den gesamten Verein und damit auch für uns Verantwortliche und unsere Mitarbeiter“, erklärten Werner Wolf und Alexander Wehrle in ihrer Stellungnahme unisono. „Beim Auswahlprozess sind Fehler gemacht worden“, räumten Präsident und Geschäftsführer außerdem ein. „Seit der Veröffentlichung haben uns Vorwürfe erreicht, die wir vorher hätten prüfen müssen. Daraus werden wir Konsequenzen ziehen. Wir bitten alle Mitglieder und Fans um Entschuldigung.“ Fritz Esser habe man als „integren Menschen mit demokratischem Wertegerüst kennengelernt“. Dennoch habe man sich nun entschieden auf eine Zusammenarbeit zu verzichten.

„Wir bitten alle Mitglieder und Fans um Entschuldigung.“

Der ehemalige „Bild“-Journalist, derzeit als „Head of Communications“ bei DB Schenker tätig, äußerte sich ebenfalls in dem Statement des Vereins. „In den vergangenen Tagen wurde ich in sozialen Netzwerken fälschlich als Nazi und AfD-Sympathisant beschimpft und in einigen Foren aufs Übelste beleidigt“, erklärte Esser. Daraus habe sich eine Debatte um seine Person abgeleitet, heißt es weiter. „Ein guter Kommunikator sollte aber nie selbst im Mittelpunkt stehen. Die Diskussionen um meine Einstellung lenkt (sic!) davon ab, worum es gehen sollte: den 1. FC Köln nach vorne zu bringen. Deshalb halte ich es für richtig, die Position als Leiter Medien & Kommunikation nicht anzutreten.“ Zudem erklärte der 39-Jährige: „Ich stehe hinter jedem Buchstaben der FC-Charta wie auch hinter der liberalen Grundordnung unserer Demokratie und lehne extreme und extremistische Parteien jeder Art ab. Wer mich kennt, kann daran keinen Zweifel haben.“

Esser: „Ich stehe hinter jedem Buchstaben der FC-Charta“

Esser, Fritz

Foto: 1. FC Köln / Screenshots: twitter.com

Wenig später äußerte sich Esser auf Twitter konkret zu einem Tweet, den er anlässlich der Rede eines AfD-Politikers abgesetzt hatte. „Diese Schelle von AfD-Mann Baumann hat sich der Bundestag redlich verdient“, kommentierte Esser im Oktober 2017. „Mein Fehler war: Dieser Tweet sollte Kritik am Bundestag ausdrücken, klingt aber wie Zustimmung für die AfD. Meine Einstellung zur AfD hatte ich bereits vorher u.a. in einem Beitrag in BILD klar gemacht. Daran hat sich bis heute nichts geändert.“ Der Verweis gilt einem Beitrag, in dem es von Esser hieß: „Die Alternative für Deutschland (AfD) steht für Schießbefehl, Ausländerhetze und sozialen Kahlschlag. Deshalb wollen demokratische Organisationen mit ihr auf keinen Fall in einen Topf geworden (sic!) werden.“ Zu seinen abfälligen Tweets in Richtung mancher Mitglieder des 1. FC Köln, die neben seinen politischen Äußerungen im Zentrum der Kritik standen, äußerte sich Esser nicht. Auch zu seiner damaligen Haltung in Sachen Asyl und Abschiebung, die ebenfalls von vielen Fans als unpassend zu den Werten des Clubs empfunden wurde, bezog Esser keine weitere Stellung.

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Die Reaktionen auf die Rolle rückwärts fielen unterdessen überwiegend positiv aus. Die zuvor als Kritiker aktiv gewordenen Prominenten lobten die Entscheidung öffentlich. Der Verzicht auf die Zusammenarbeit sei „ein wichtiger Sieg im Abstiegskampf“ kommentierte Lukas Podolski, „heute-show“-Journalist Köster fand mehr Worte: „An der Stadt Köln und auch am 1. FC Köln liebe ich nicht nur gewisse Werte wie Weltoffenheit, Toleranz, Vielfalt und Respekt – sondern auch die Fähigkeit, Fehler einzusehen und zu korrigieren. Vielen Dank, 1. FC Köln, dass ihr uns Fans auch in einer Zeit, in der wir nicht ins Stadion gehen können, seht und hört.“

Kritik vor allem aus dem „Bild“-Kosmos

Kritik an der Entscheidung gab es unterdessen nur vereinzelt und nahezu ausschließlich bei ehemaligen „Bild“-Kollegen Essers, die dabei jedoch meist auf eine schlüssige Argumentation verzichteten. „Bild“-Chefkolumnist Alfred Draxler behauptete gar „schon wieder“ sei ein Club „vor Ultras und der sogenannten aktiven Fanszene eingeknickt“ und fügte ein „Gute Nacht effzeh!“ an. Zum Thema Esser hatte sich bis zum Mittwochnachmittag jedoch keine der Kölner Ultra-Gruppen öffentlich zu Wort gemeldet, viel mehr stieß die Personalie nachweislich bei FC-Fans aller Ausprägungen auf Ablehnung – vom SPD-Chef bis zu Dauerkarteninhaber:innen aus der Südkurve.

Auch innerhalb des Clubs sorgte das Zurückrudern der Führungsetage für ein Aufatmen: Der Mitgliederrat, das einzige Kontrollgremium des Vereins, hatte sich zunächst wenig begeistert von der Entscheidung gezeigt, in die das Gremium von Vorstand und Geschäftsführung nicht eingebunden wurde. Bei einer turnusgemäßen Sitzung am Montagabend soll Entsetzen bei den Gremienmitglieder  ob der Einstellung Essers geherrscht haben. Für den Mittwoch hatte das Gremium dann eine Stellungnahme geplant – die wurde nach der Kehrtwende der FC-Verantwortlichen schließlich jedoch obsolet.

Breite Kritik findet sich derweil nach wie vor am Auswahlprozess, der der Posse vorangegangen sein muss. Eine Überprüfung der Social-Media-Auftritte der Kandidaten hat effzeh.com-Informationen zufolge nicht stattgefunden, andere Medien berichten gleichlautend. Trotz der Dienste eines Headhunters und mehreren Gesprächen mit Esser wurden die Verantwortlichen von den Tweets aus der Vergangenheit ihres Wunschkandidaten zu Wochenbeginn überrascht. Was die Fans des Clubs in Windeseile ans Tageslicht brachten, war der Führungsetage des Clubs trotz eines überaus großzügigen Auswahlzeitraums völlig verborgen geblieben. Nun beginnt die Personalsuche am Geißbockheim erneut – die FC-Fans dürften von ihrer Clubführung erwarten, dass nächstes Mal kein Protest nötig sein wird.

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