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Meinung

Der 1. FC Köln ein Jahr nach London: So hoch geflogen, so tief gefallen

Klingt komisch, ist aber so: Vor einem Jahr spielte der glorreiche 1. FC Köln beim FC Arsenal. Wir blicken emotional auf das Spiel und die Geschehnisse in London zurück.

LONDON, ENGLAND - SEPTEMBER 14: FC Koeln supporters display scarves during the UEFA Europa League group H match between Arsenal FC and 1. FC Koeln at Emirates Stadium on September 14, 2017 in London, United Kingdom. (Photo by Dan Mullan/Getty Images)
Foto: Dan Mullan/Getty Images

Seiner Tränen braucht man sich nicht zu schämen, das hat mir meine Mutter schon früh beigebracht. Doch allzu nah am Wasser bin ich dennoch nicht gebaut – trotz wohnlicher Nähe zum Rhein. In dieser Woche allerdings, da überkam es mich. „Am kommenden Freitag vor einem Jahr, da war doch London. Schreib du da doch einmal was Emotionales zu“ hallte es durch die opulent ausgestatteten effzeh.com-Redaktionsräume. Und so schaute ich mir zur Vorbereitung die Texte an, die wir im Vor- und Nachklang dieses epochalen Ereignisses verfasst hatten, und all die Videos nochmals an – und begann zu heulen wie ein Schlosshund. Der 1. FC Köln und ich – wir waren dort, wo wir immer hinwollten. Und fielen dann tiefer, als wir es uns vorstellen konnten.

Der 1. FC Köln? Beim FC Arsenal? Im Emirates? Wow!

Die vorfreudige Anreise nach London, die Stunden in China-Town und auf Highbury Fields, der lautstarke Weg durch die englische Hauptstadt, die vielen bekannten und unendlich glücklichen Gesichter, das Kartengeschiebe, das Kartenorganisiere, das Kartenverteilen, das schier endlose Warten nur wenige Meter vor dem Eingang hinter einer Polizeikette, der Einlass ins Stadion, der brachial laute Wechselgesang vor dem Spiel, der unfassbare Führungstreffer von Jhon Cordoba und der ekstatische Torjubel, En Unserem Veedel in den Schlussminuten, Dauergesang nach dem Abpfiff, die Abreise mit ungläubigem Kopfschütteln, die Schlagzeilen der „Schande von London“, die endlosen Diskussionen danach: All das kam in mir wieder hoch und ließ mich mit Gänsehaut vor dem Rechner sitzen.

Allein beim Verfassen dieser Zeilen stellen sich meine Haare wieder auf, bin ich beseelt von den wundervollen Erinnerungen an einen einmaligen Trip. Könige für einen Tag – das waren wir in London. Es fühlt sich auch heute noch unwirklich an. Der 1. FC Köln. Ein Pflichtspiel beim FC Arsenal. Mein verdammter 1. FC Köln. Der mich so viel Geld, Nerven und den Verstand gekostet hat. Der mir so viele Wochenenden versaut hat. Den ich oft verfluche und selten einfach nur feiere. Mit dem ich mehrfach abgestiegen und mehrfach wieder aufgestiegen bin. Der mir die Hoffnung nahm und mich zum Zyniker machte. Dieser 1. FC Köln – er spielte im Emirates, er führte sogar zeitweise und nahezu 20.000 Bekloppte waren mit mir dabei.

Davon erzähle ich meinen Enkeln noch!

Als ich den „11Freunden“ in diesem Sommer für ihr Saisonvorschauheft davon erzählte, hätte ich beinahe vor lauter Freude geweint. Ich hatte Gänsehaut am ganzen Körper und so richtig begriffen hatte ich all das immer noch nicht. Und dazwischen wieder diese Frage: Würdest du die Europapokal-Teilnahme gegen den Klassenerhalt eintauschen? Nach dem Abstieg hatte ich das im Brustton der Überzeugung verneint. Und auch Monate danach stehe ich noch dazu. Allein auf die oben geschilderten Erlebnisse habe ich mein ganzes Fan-Leben gewartet. Die 2. Bundesliga – die kenne ich nur zu gut, die macht mir trotz der fußballerischen Zumutung Woche für Woche keine Angst mehr. Die jecken Stunden in London – die nimmt mir in diesem Leben keiner mehr, davon wird vermutlich jeder von uns seinen Enkeln erzählen.

Nur einmal nach Europa Bildband Interview Sebastian Bahr 1. FC Köln Europapokal

Foto: Sebastian Bahr

Von der Partie am Sonntag wahrscheinlich dagegen niemand. Ein Jahr und zwei Tage nach den emotionalen Erlebnissen aus dem Emirates ist der SC Paderborn zu Gast im Müngersdorfer Stadion. Wie praktisch, um uns den historischen Absturz des glorreichen 1. FC Köln nochmals vor Augen zu führen. Wer hoch fliegt, der fällt auch tief – und der effzeh ist tief gefallen. Schon damals in London war die Welt weit entfernt von rosa-rot, doch zumindest für einen Tag war für uns Kölsche alles rut un wieß. Der folgende Absturz mit der historisch schlechtesten Bundesliga-Saison in der Vereinsgeschichte war für viele daher umso bitterer. Sie hatten den wohltuenden Geschmack des Erfolgs gekostet, doch dann gab es plötzlich nur noch bittere Magerkost. Und nun ist – ein Jahr später – trister Alltag angesagt in der 2. Bundesliga, die der Klub möglichst schnell wieder verlassen möchte.

Der schönste Tag meines Lebens!

Von den Verantwortlichen für dieses Desaster ist derweil wenig Erbauliches zu hören: Tünnes schippert nun über den Allerkanal zur Kreuzfahrt und geht an Bord seinen Lieblingshobbys (Kaderplanstellen nach Absage des Wunschkandidats unbesetzt und Wehklagen über den überhitzten Markt verlauten lassen) nach. Schäl genießt nach einem auswärtigen Engagement seine verdiente Auszeit und überbetont in Interviews gern sein Vermächtnis beim 1. FC Köln. Das Dreigestirn an der Spitze des Vereins versuchte sich unterdessen an einer Neuinterpretation der drei Affen und hat mittlerweile aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt. Nachdem die Erfahrungen mit Tünnes gezeigt haben, eine One-Man-Show besser zu vermeiden, freut sich das Triumvirat nun über den neuen Vorzeigemann im sportlichen Machtzentrum des Vereins.

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Und wir? Wir sind auch am Sonntag wieder da. Treuer Husar und so. Ein ganzes Jahr und noch viel mehr. Auf und ab und wir sind trotzdem hier. Vielleicht werden uns in den ruhigeren Momenten der Partie kurz daran erinnern, wo wir vor einem Jahr waren und wie glücklich wir uns fühlten. Und uns immer noch fragen, ob das alles wirklich passiert ist oder wir nur geträumt haben, in London spielen zu dürfen. Bis dahin schaue ich mir immer und immer wieder diese Videos an – in regelmäßigen Abständen, um niemals zu vergessen, wie wundervoll dieser Tag war. Der schönste Tag meines Lebens. Und auch deshalb schäme ich mich meiner Tränen nicht. Ich bin wohl doch nah am Wasser gebaut.

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