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Meinung

Krise beim 1. FC Köln: Kein Mitglied ist auch keine Lösung

Viele Fans kündigen nach dem Rauswurf von Peter Stöger an, ihre Mitgliedschaft beim 1. FC Köln zu kündigen. Warum das der falsche Weg ist: Ein Kommentar.

Foto: Lukas Schulze/Bongarts/Getty Images

Liebe Anhänger des 1. FC Köln, wir müssen reden.

Ich verstehe, dass das allzu vertraut anmutende Chaos und die wenig aufbauenden Nachrichten aus der Kommandozentrale des Geißbockheims der letzten Wochen und Tagen nicht einfach zu ertragen sind. Auch mich schmerzt es,  unseren geliebten Fußballclub in diesem desolaten Zustand zu sehen – als dankbares Gespött der Liga. Auch ich habe momentan so etwas wie einen FC-Kater.

Dennoch ärgere ich mich in diesen sowieso schon anstrengenden Zeiten über viele von euch. Vor Wut schäumend oder lethargisch vor Enttäuschung verkünden viele feierlich die Kündigung der Mitgliedschaft – meist in den sozialen Netzwerken in einer Art offenem Brief an den Vorstand. Wie viele dieser Schreiben tatsächlich beim Verein eingehen, kann ich natürlich nicht sagen. Gründe für die Austritte gibt es viele, doch meist wird die Entlassung von Trainer Peter Stöger genannt. Der überall beliebte Trainer und sein Team werden sportlich und menschlich eine riesige Lücke hinterlassen, so viel ist klar. Doch bedenkt bitte, dass keine Personalie der Welt jemals größer sein kann und sein wird als dieser Verein, als dieser glorreiche 1. FC Köln. Über eure Energie, die ihr auf einmal aufbringt, um gegen „die da oben“ zu pöbeln, weil sie einsame und unpopuläre Entscheidungen treffen, wundere ich mich dann doch.

Wir brauchen mehr kritische Geister, aber doch keine wild pöbelnden Nutzer, die direkt alles hinschmeißen

Versteht mich nicht falsch. Ich begrüße euren aufgeflammten kritischen Geist. Ich finde es toll und eigentlich lange überfällig, dass sich der Großteil der FC-Anhänger kritisch mit dem Verein und auch dem zunehmend dünnhäutigen Vorstand auseinander setzt. Denn das freiwillige Schweigen, das Desinteresse vieler Vorstands-höriger Mitglieder hat mich zuletzt auf der Mitgliederversammlung traurig und sprachlos gemacht. In diesem Moment hätten wir, die Mitglieder des 1. FC Köln, es in der Hand gehabt, (Vereins)-Geschichte zu schreiben. Aber ein Großteil von euch war erst gar nicht anwesend, und die, die da waren, wollten sich zu gewissen Teilen lieber einen kostenlosen roten Kapuzen-Pullover sichern, als demokratische Elemente in der Vereinssatzung zu verankern. Do lachste dich kaputt – wenn es nicht so traurig wäre. Nun gut, ich bin mir sicher, dass die Mitgliederinitiative 100proFC ein anderes Ergebnis erreicht hätte, wäre die Mitgliederversammlung in diesen turbulenten Tagen abgehalten worden und nicht im Windschatten der Europa-Euphorie. Das werden wir aber nie erfahren und das steht auf einem anderen Blatt.

Foto: Alex Grimm/Bongarts/Getty Images

Es liegt mir wirklich fern, diese schmierige Werbekampagne „Werde FC“ zu unterstützen, wenn ihr aber keine Vereinsmitglieder mehr seid, habt ihr keine Chance auf Mitbestimmung. Ihr seid Konsumenten, die sich für das Produkt entscheiden und Sympathien dafür hegen. Aber Teil des Vereins 1. FC Köln seid ihr streng genommen nicht mehr. Und das wäre schade. Denn ich würde mir wünschen, dass ihr euren Frust in Energie umwandelt. Lasst das, was euch bewegt, nicht verpuffen, sondern nutzt die Chance und bringt euch ein. Ich wünsche mir weniger Leute, die theatralisch die Brocken hinwerfen und die ihre Energie im Internet vergeuden und gleichzeitig mehr mündige Mitglieder, die Visionen haben, die anpacken und den Mut haben, etwas zu verändern.

Fünf Spiele in drei Wochen vor der Brust

Zurück ins desaströse Jetzt. Ja, das tut weh, ich weiß. Wir stehen vor zweieinhalb Englischen Wochen, davon ein Endspiel in der Europa League, Endspiele in der Liga sowie eine K.O.-Begegnung im Pokal. Wir sind gefühlt kopflos, treten mit einer absoluten Rumpftruppe an und haben selbst mit einem mit Jugendspielern aufgefüllten Kader, Probleme, 10 spielberechtigte Feldspieler zusammen zu bekommen. Optimal ist diese Ausgangslage also nicht. Trotzdem werden wir alle hinter der Mannschaft stehen und sie anfeuern in diesen schweren Zeiten.

>>> Peter Stöger nach der Trennung: „Ich habe mich in Köln immer wohlgefühlt“

Wir werden in den kommenden Tagen zu tausenden nach Belgrad pilgern – knapp 200 von uns mit der ersten Fan-Chartermaschine in der Geschichte des Vereins! Wie geil ist das denn bitte? Wir werden der Mannschaft in Müngersdorf wenige Tage später gegen Freiburg unsere Ehre erweisen. Wir fahren nach München, ans andere Ende der Republik. Mitten in der Woche und mit dem Nachtzug zurück nach Köln. Wir feuern die Mannschaft beim Heimspiel gegen den Plastikclub aus Wolfsburg an und fahren dienstags zum Pokalspiel ins verhasste Gelsenkirchen. Klar motzen wir und manchmal schäumen wir vor Wut, aber in letzter Konsequenz sind wir da. Und wir sind laut, weil wir das so machen, denn der Verein ist größer als das Chaos, das handelnde Personen anrichten können. Wir sind da, weil wir immer da sind.

„Wir sind die Fans, wir sind der Verein“ wird das Credo der kommenden Wochen lauten. Dann lasst uns das zusammen durchziehen. Denn wir alle singen vor den Heimspielen denselben  Treuschwur „Mer Schwöre Dir he op Treu un op Iehr: Mer stonn zo Dir, FC Kölle“  – und nur wir – die Fans des 1. FC Köln – können ihn mit Leben füllen.

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