Folge uns
.

Fankultur

Initiative „Zukunft Fußball“ im Interview: „Der ideelle Wert von Fans muss anerkannt werden“

Die Arbeitsgruppen der Initiative „Zukunft Profifußball“ haben ihre Konzepte veröffentlicht. Mit Robin Loew-Albrecht und Monika Sänger nahmen zwei bekannte Gesichter aus der Fanszene rund um den FC an der Arbeitsgruppe „Fußball als Publikumssport“ teil. Den Initiatoren geht es darum, dass der Fan sowie Zuschauer*innen nicht nur als Konsumenten, sondern zeitgleich auch als Bestandteil des Profifußball gesehen werden – in der Öffentlichkeit wie bei den Funktionären. effzeh.com sprach mit den beiden.

Photo by Stuart Franklin/Getty Images

effzeh.com: Hallo Moni, hallo Robin. Ihr ward beide sehr aktiv in der von der Corona-Pandemie gezeichneten Sommerpause. Gefühlt stand alles still, aber im Hintergrund wurde fleißig gewerkelt. Bevor wir auf das Konzept eurer Arbeitsgruppe zu sprechen kommen, erzählt mal kurz, was verbindet euch mit dem effzeh und wie seid ihr in der Arbeitsgruppe gelandet?

Monika Sänger: Ich bin gebürtige Kölnerin, mein erstes Spiel besuchte ich am 10.03.90, meine Heimdauerkarte habe ich seit der Saison 93/94 auswärts nun auch seit ca. 6 Jahren. Ich habe mich von 2012 bis 2020 in unterschiedlichen Aufgaben für fans1991 ehrenamtlich gearbeitet und bin im Zuge des Versuchs dort auch eine fanpolitische Arbeit zu etablieren im Frühjahr 2014 bei „Unsere Kurve“ gelandet und dort weiterhin aktiv, nun in der bundesweiten Fanpolitik. Schon alleine die eigenen Erfahrungen als Fan und dazu natürlich die Erfahrungen in meiner Arbeit als Busbetreuerin oder Gästefanbetreuerin haben mir gezeigt, dass es viel Verbesserungspotential gibt, aber keine echte Kommunikation stattfindet. Eine Teilnahme in einer der Arbeitsgruppen „Zukunft Fußball“ war somit für mich klar.

Robin Loew-Albrecht: In fast 30 Jahren als Vorsitzender im Fanclub Wilder-Süden und vier Jahre bei einem Siebtligisten konnte ich einige Erfahrungen sammeln und könnte von den Sorgen vieler Fans ein Lied hiervon singen. Mit dem Willen etwas zu bewegen und dadurch vielleicht etwas zu verändern, bringe ich mich sehr gerne in die Fanarbeit bei „Unserer Kurve“ ein.  Im Prozess „Zukunft Profifußball“, der von „Unsere Kurve“ initiiert wurde, wirke ich in der Arbeitsgruppe „Fußball als Publikumssport“ mit. Eine von vier Arbeitsgruppen, gespickt mit durchweg sehr leidenschaftlichen Fans, die seit einigen Monaten intensiv an dem heutigen Werk mitwirken. So darf ich unter anderem mit Helen Breit (1.Vorsitzende), Moni und vielen weiteren Fanvertretern, die ihr Fandasein unterschiedlich ausleben zusammenarbeiten, mich einbringen und dabei viel lernen. Es steckt viel Herzblut in dieser Ausarbeitung und darf als Ergebnis durchaus als breites Stimmungs- und Meinungsbild verstanden werden.

„Der Fußball hat sich immer weiter von seiner Basis entfernt“

effzeh.com: Ich glaube, die zunehmende Kommerzialisierung und dass die Fanszene nicht genügend Gehör fand und findet bei den Offiziellen, hat zu einer steigenden Frustration und Resignation geführt. Kurz vor der Unterbrechung der vergangenen Saison wurde im Stadion nochmal sehr deutlich, welche vielfältigen Kritikpunkte aktive Fans am System Fußball haben. Wie habt ihr das wahrgenommen und hat euch das zur Teilnahme am Projekt bewogen?

Moni im Stadion | Foto: privat

Moni: Die Kritik aus aktiven Fanszenen ist ja nicht neu. Genau das haben ja auch die Reaktionen auf den 3-Stufen Plan des DFB gezeigt. Der Fußball hat sich immer weiter von seiner Basis entfernt. Das wurde auch nochmal bei der Wiederaufnahme des Spielbetriebs deutlich. Der Initiative „Unser Fußball“ ist es gelungen, eine Zielvorstellung zu entwickeln, die über eine halbe Millionen Fans teilen! Ein Teil der Erklärung heißt, dass Fans als elementarer Bestandteil des Profifußballs anerkannt werden sollen. In unserer Arbeitsgruppe bei Zukunft Profifußball haben wir uns dann gefragt, wie das gelingen kann.

Robin: Fans und Zuschauer konsumieren, finanzieren und geben dem Profifußball seine besondere gesellschaftliche Rolle. Es wäre fatal, den Profifußball nur als Produkt zu sehen und diesen autark als Solches zu vermarkten. Für nachhaltiger erachte ich,  eine Strategie des offenen Dialoges, in dem Fans den Stellenwert erhalten der ihnen gebührt – nämlich als fester und anerkannter Bestandteil des Profifußball! Wie schnell Euphorie verfliegen kann und was passiert, wenn man das Handeln fern von Faninteressen vorantreibt, zeigt ernüchternd das Interesse an unserer „Mannschaft“. Nur sechs Jahre nach Gewinn der Weltmeisterschaft finden dessen Spiele vor halbleeren Rängen statt. Dieser schleichende Prozess der steigenden Gleichgültigkeit und der Entfremdung ist allgegenwärtig. Es wird zu einem Totalschaden, wenn nicht bald die Verantwortlichen gegen rudern, der Profifußball wieder bodenständig wird und man sich seiner ursprünglichen DNA besinnt.

Auch interessant
Neuzugang Marius Wolf im Portrait: #UnleashTheWolf bei den "Geißböcken"

effzeh.com: Ihr beiden kommt also aus ganz unterschiedlichen Richtungen. Und ich kann mir vorstellen, dass noch viele andere sehr individuelle Charaktere in der Arbeitsgruppe vertreten waren. Da stelle ich mir die Diskussionen durchaus konträr vor…

Robin: Meine Erfahrungen resultieren überwiegend aus unserem Fanclub Wilder-Süden und unteranderem aus meiner Beiratsarbeit bei fans1991. Folglich aus einer breiten Gesellschaftsschicht. Vom Allesfahrer, über den hin- und wieder Stadionbesucher sowie dem FC Sympathisant sind alle Fangruppen dabei. Meine Sichtweisen und Blickwinkel treffen über die verschiedenen Akteure in der Arbeitsgruppe auf ganz unterschiedliche Erfahrungen und Einschätzungen. Dies ist sehr spannend, höchst interessant und macht eine besondere Mischung aus, die der Ausarbeitung der Konzepte besonders dienlich ist.

Moni: Robin kann vieles aus der Ferne betrachten, leitet einen der größten Fan-Clubs mit Fans, die Größtenteils keine DKs haben und nicht annähernd jedes Spiel im Stadion sehen können. Er selbst dazu noch im Business-Bereich. Ich im Gegensatz dazu bin umgeben von Heim- und Auswärtsdauerkarteninhabern und zusätzlich bundesweit vernetzt zu vielen Fans anderer Vereine, die ebenso regelmäßige Stadiongänger sind. Aber genau so kann eine solche Arbeitsgruppe effektiv arbeiten und möglichst viele Sichtweisen berücksichtigen. Was mir persönlich sehr wichtig ist.

„Es soll ein Ansporn sein, für Faninteressen einzustehen“

effzeh.com: Leider nimmt die breite Öffentlichkeit das Thema viel zu wenig wahr. Es ist ja auch nicht einfach zu verstehen, ich denke viele Fans sehen sich eben nur als Konsumenten. Die Sichtweise, dass sie als Zuschauer*in zum Erlebnis dazu gehören, die Stimmung aus dem Stadion an den Fernsehzuschauer vermittelt und nicht nur damit das Produkt Profifußball besser verkäuflich macht, ist kaum einem bewusst. Erlebt ihr das auch so in eurem Umfeld?

Robin: Auch wenn viele Fans bereits in der Frage eines fairen Wettbewerbes und der auswuchernden Kommerzialisierung resigniert haben und damit dem Treiben der DFL schicksalhaft freien Lauf geben, so soll es erst recht Ansporn sein, für Fan-Interessen einzustehen. Persönlich schätze ich den Zeitpunkt für eine positive Veränderung des Profifußballs aufgrund aktueller Pandemie-Umstände und dessen Folgen als gut ein. Ganz nach der Devise: Steter Tropfen höhlt den Stein und vor allem die Hoffnung stirbt zuletzt…

Moni: Aus meinem Umfeld gehen eigentlich alle ins Stadion und verstehen sich selbst als Teil des Profifußballs (lacht). Deshalb gibt es da ein großes Bewusstsein dafür. In der Arbeitsgruppe haben wir aber natürlich versucht alle Perspektiven in den Blick zu nehmen: Von aktiven Fans bis hin zu TV-Zuschauer*innen. Wir haben uns aber auch gefragt, welchen ideellen Wert Fans für die verschiedenen Akteure im Profifußball haben.

„Wir empfehlen Fans so wahrzunehmen, wie sie sind: Selbstbestimmt und unterschiedlich.“

effzeh.com: Fans, Fankulturen, Ultras – Themen, die in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich wahrgenommen werden. Die Öffentlichkeit lässt sich hier sehr oft von von der Kategorisierung anderer beeinflussen: Sicherheitsbehörden unterteilen nach A-, B- und C-Fans, Marketingstrategien sehen Fans am liebsten als Konsumenten. Dabei leisten viele Fangruppierungen, vor allem Ultras, soziale Arbeit. Ihr gebt in eurem Konzept eine „eigene Beschreibung von Zuschauer*innen, Fans und Fankulturen. Was empfehlt ihr?

Moni: Wir empfehlen Fans so wahrzunehmen, wie sie sind: Selbstbestimmt und unterschiedlich. Mit dem Abstempeln zum Sicherheitsrisiko oder als Querulanten muss endlich Schluss sein. Der ideelle Wert von Fans muss anerkannt werden. Dabei sollen Fans nicht gegeneinander ausgespielt werden und Faninteressen nach den jeweiligen Bedürfnissen und Wünschen berücksichtigt werden.

Robin: „Unsere Kurve“ tritt mit dem Anspruch an, durchaus den Finger in die Wunde zu legen und somit auf die Probleme im Profifußball hinzuweisen, hieraus Forderungen abzuleiten und im gleichen Atemzug Konzepte bzw. Lösungsansätze zu einer Verbesserung vorzulegen. In dem Prozess Zukunft Profifußball wird der Austausch auf Augenhöhe gesucht und mit viel Fleiß sich verantwortungsvoll auf Reformen im Profifußball und die anstehenden Task-Force-Termine mit der DFL vorbereitet.

„Der Club-Fan-Dialog ist an einigen Standorten zur Alibiveranstaltung verkommen“

effzeh.com: Einen Dialog zwischen Fans und Funktionären gibt es ja schon länger. Aber irgendwie beschleicht den interessierten Beobachter immer das Gefühl, die Oberen hören zu, tun aber nichts. Forcieren dafür in der Öffentlichkeit das Bild vom gewaltbereiten, Pyromanen Ultra und scheren damit alle Fans über einen Kamm. Ihr habt an einer Neufassung des Club-Fan-Dialogs gearbeitet. Wie sieht der aus?

Robin auf dem Weg ins Stadion | Foto: privat

Robin: Grundsätzlich ist jeder Dialog gut – Dialog auf Augenhöhe ist besser – Dialog mit dem gemeinsamen Willen der Zusammenarbeit und ein Streben an beidseitigen Verbesserungen zu arbeiten ist am besten! Für meinen Geschmack sind nun die Vereine und Verbände an der Reihe, Faninteressen stärker in ihren Fokus zu nehmen. Ohne Fans wird es langfristig den Profifußball, wie wir ihn lieben, nicht mehr geben. Die aktuellen Abwanderungstendenzen von Fans sind alarmierend. Es schleicht sich eine gefährliche Gleichgültigkeit ein, die dem Profifußball noch teuer zu stehen kommen könnte. Alle Beteiligten wären gut beraten sich an einen Tisch zu setzen und nicht zu glauben, es könnte so weitergehen wie bislang.

Moni: Der Club-Fan-Dialog wurde ja 2012 im Zuge des Sicherheitspapieres eingeführt. Damals dachte ich: Immerhin etwas, denn die Erfahrung zeigt, dass es ohne Kommunikation langfristig auch nicht besser wird. Heute müssen wir sagen, dass der Club-Fan-Dialog, bei uns in Köln die AG Fankultur, an einigen Standorten zur Alibiveranstaltung verkommen ist. Wir sind der festen Überzeugung, dass das auch daran liegt, weil keine Kriterien für die Durchführung des Club-Fan-Dialogs festgelegt sind, die Vereine bis heute nur ihre Bemühungen erklären müssen, einen Dialog zu führen und diese Lizenzierungsauflage nicht überprüft wird. Deshalb schlagen wir eine höhere Verbindlichkeit in Verbindung mit klaren Kriterien, die erfüllt werden müssen, vor. Natürlich müssen hierbei Fans gleichwertig beteiligt werden.

effzeh.com: Und für die Kommision „Fans und Fankulturen“ habt ihr auch Vorschläge erarbeitet, die wären?

Moni: Bisher ist die AG Fankulturen, also der institutionalisierte Dialog mit den Verbänden, unterhalb einer Kommission angesiedelt. Wir empfehlen, die AG Fankulturen in den Status einer Kommission zu überführen, um die Berücksichtigung von Faninteressen auf höchster beratender Ebene zu verankern. Kommissionen haben bei den Verbänden die Funktion eines unabhängigen Beratungs- und Kompetenzgremiums für die Verbände, besonders für die Präsidien. Unterhalb der Kommission sollen dann mindestens Formate für einen Verband-Fan-Dialog und eine niederschwellige Form der Kommunikation zwischen Fans und Verbänden geschaffen werden.

Robin: Der Deutsche Fußball-Bund verfügt insgesamt über 26 Fach-Ausschüsse und Kommissionen. Es ist schon sehr verwunderlich, dass nur ein einziger Ausschuss sich mit Fans und dies vorwiegend zum Thema Prävention und Sicherheit beschäftigt. Dies
lässt viel Interpretationsspielraum welche Bedeutung und Wertschätzung uns Fans beim DFB gegeben wird. Daher ist es ein folgerichtiger Vorschlag Fan-Kommissionen in den Verbänden zu installieren. Dies darf dann gerne durch Fanorganisationen gestützt werden, um den Verbänden die Möglichkeit einzuräumen, die Sprache der Basis zu verstehen.

Wer sich genauer über die Ergebnisse und auch die anderen Gruppen informieren möchte, kann dies hier tun.

Mehr aus Fankultur

.