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Meinung

Hosiner-Transfer: E Jeföhl, dat verbingk

Nachdem im Winter ein Nierentumor bei ihm festgestellt wurde, hat Philipp Hosiner nun den Medizincheck beim Effzeh bestanden. Gut, dass es noch kleine Fußballmärchen gibt.

Spürbar glücklich: Philipp Hosiner im Geißbockheim.
Spürbar glücklich: Philipp Hosiner im Geißbockheim.

Spürbar glücklich: Philipp Hosiner im Geißbockheim | Foto: 1. FC Köln

Nachdem im Winter ein Nierentumor bei ihm festgestellt wurde, hat Philipp Hosiner nun den Medizincheck beim Effzeh bestanden. Gut, dass es noch kleine Fußballmärchen gibt. 

„Mir ist schlecht und schwindelig geworden“, so beschreibt Philipp Hosiner den Moment als er von den Ärzten der Kölner Mediapark-Klinik erfuhr, was die Mediziner kurz zuvor in seinem Bauch gefunden hatten. „Ich hatte einen Kreislaufkollaps“, fügt Hosiner Wochen später im Gespräch mit „sportnet.at“ an. Dabei wollte der 26-Jährige eigentlich nur eine reine Formalität, die in jeder Transferphase hundertfach abgewickelt wird, erledigen. Bevor ein Spieler den Vertrag bei seinem neuen Verein unterschreiben darf, muss er seine gesundheitliche Eignung nachweisen. Hosiner, der sich laut eigener Aussage topfit fühlte, hatte wohl wenig Gedanken daran verschwendet, dass noch etwas schief gehen könnte. Warum auch? Natürlich, der Stürmer kam bei Stade Rennes nicht so zum Zug, wie er sich das vorgestellt hatte. Doch gesundheitliche Gründe gab es dafür eigentlich keine.

Dies sollte sich an diesem Tag im Januar radikal ändern: Die Kölner Ärzte entdeckten einen bösartigen Tumor an Hosiners linker Niere – gut zwei Kilo schwer. „Es war alles wie ein schlimmer Alptraum“, sagt der 26-Jährige, dem man den Schock beim Verlassen der Klinik im Gesicht ansehen konnte. „Ich hatte davor nie Beschwerden, meine Blutwerte waren gut.“ Der Tumor und die linke Niere wurden kurz nach der Diagnose gänzlich entfernt. „Da meine rechte Niere gesund ist, hat das keinerlei Auswirkungen auf meinen Alltag und auch nicht auf meine weitere sportliche Karriere“, erklärte Hosiner nur kurz nach dem Eingriff.

Doch der Österreicher hatte dabei gleich mehrfach Glück im Unglück: Zum einen barg der große Tumor im Bauchraum wohl schon länger die Gefahr einer Verletzung, die wohl eine Not-Operation zur Folge gehabt hätte. Zum anderen war das bösartige Gewebe so platziert, dass es gänzlich entfernt werden konnte. Gestreut hatten die bösartigen Zellen da noch nicht – eine Chemotherapie war nicht nötig.

So dramatisch die Diagnose für Hosiner auch gewesen sein mag, so kämpferisch ging er mit diesem Schicksal um. Auf Facebook grüßte er seine Fans bereits eine Woche nach der geglückten Operation: #comebackstronger. Im März verriet er dann beim österreichischen Ableger von „Sky“ bereits seine Rückkehr-Pläne: „Ich möchte Ende Juni wieder in die Vorbereitung einsteigen.“ Dieser Plan wird – so wie es jetzt aussieht – funktionieren. Doch während Hosiner damals noch davon ausging, im Sommer wieder beim französischen Erstligisten Stade Rennes anzugreifen, kommt es nun doch anders. Was im Januar durch die Horror-Diagnose verhindert wurde, ist nun doch Realität, der Wechsel nach Köln doch noch perfekt geworden.

„Er hat nicht einmal die Fußballschuhe für uns angezogen und ist doch so allgegenwärtig hier“, sagt mit Peter Stöger einer, der Hosiner bestens aus früheren Zeiten kennt. Als der jetzige Effzeh-Trainer noch bei Austria Wien an der Seitenlinie stand, erlebten der Mittelstürmer und sein damaliger Trainer zusammen die bisher wohl erfolgreichste Episode ihrer Karriere. Die Bilanz: 30 Spiele, 27 Tore, sieben Vorlagen, Meister mit fünf Punkten Vorsprung. Natürlich, es bleibt die österreichische Bundesliga, die sportlich nach wie vor weit vom deutschen Äquivalent entfernt ist. Dennoch wird deutlich: Hosiner versteht Stöger, Stöger versteht Hosiner.

Als die beiden das letzte Mal zusammenarbeiteten, stand der 26-Jährige aber voll im Saft. „Es ist alles gut. Ich habe bewiesen, dass ich wieder fit bin. Vielleicht bin ich körperlich sogar stärker als mit dem Tumor im Bauch“, sagte Hosiner kürzlich der „BILD“-Zeitung. Beim 1. FC Köln scheint man die Ansicht des Neuzugangs in soweit zu teilen, dass man den Österreicher für eine Saison auslieh und sich eine Kaufoption sicherte. „Es ist schön, dass er wieder fit ist und dass es jetzt mit dem Wechsel zu uns klappt“, erklärt Jörg Schmadtke, der sich im Winter genauso von der Diagnose geschockt gezeigt hatte wie alle anderen Beteiligten.

Grundsätzlich sorgte die Nachricht vom geplatzen Medizincheck auch unter den Kölner Fans damals für viel Mitgefühl ­– schließlich war Hosiner schon fast ein Spieler des Vereins gewesen. Im weiteren Saisonverlauf berichteten Kölner Medien immer wieder über die Genesung des gebürtigen Eisenstädters. Es war, sozusagen, ein gemeinsames Gefühl für die Tragik, das verbindet: E Jeföhl, dat verbingk.

Philipp Hosiners Gefühl, als er heute abermals die Mediapark-Klinik betrat, um erneut den Medizincheck zu absolvieren, der einst der Anfang eines Alptraums war, kennt wohl nur er selbst. Doch das Grinsen beim „Herzlichen Glückwunsch, Herr Hosiner“, das Dr. Udo Martin und Co im Gesicht hatten, wird heute wohl größer ausgefallen sein, als das bei anderen Transfers der Fall sein dürfte.

Märchen sind dem Fußball in den letzten Jahren ziemlich abhanden gekommen. Vielleicht sollte man den Transfer einfach deshalb schon gut finden, weil er genau das ist. Doch auch nüchtern betrachtet gibt es genug Gründe, die für die Verpflichtung sprechen: Das finanzielle Risiko ist überschaubar und sportlich konnte Hosiner sein Talent zumindest in Österreich eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Wichtiger als diese kühlen Kalkulationen ist aber vermutlich das, was man in der Psychologie „Commitment“ nennt. Gemeint ist damit etwas, das man als „emotionale Bindung“ übersetzen kann. Wenn diese Bindung dem Arbeitgeber gegenüber hoch ist, erhöht das – um in der Fachsprache zu bleiben – die intrinsische Motivation der Arbeit gegenüber. Kurz gesagt: Dass nach dieser niederschmetternden Diagnose vom Winter nun ein Happy-End steht, dass es vom OP-Tisch dann doch noch ins Müngersdorfer Stadion geht, das kann durchaus starke Kräfte freisetzen. Weil es dann eben irgendwie doch mehr ist, als nur der erste Tag im neuen Job.

Als am Montagabend die Tinte auf dem Vertrag getrocknet war und die ersten Fotos mit Effzeh-Trikot geschossen wurden, sagte Philipp Hosiner gegenüber „Sky Sports News HD“ erst einmal einen Satz, dessen Wahrheitsgehalt man in einer Zeit, in der Fußballer-Gerede oft nur noch Marketing und das Wappenküssen fast obligatorisch ist, allzu oft bezweifeln muss: „Heute ist ein sehr emotionaler Tag für mich.“

Heute kann man das ganz sicher mal wieder glauben.

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