Folge uns
.

Meinung

Fußball in Geiselhaft

Die Causa Pezzoni ist Thema im deutschen Fußball – leider nur da. effzeh.com sucht nach dem Schuldigen. Doch so einfach ist das nicht.

Der Fußball in Geiselhaft (© effzeh.com)

Manchmal sind Medien wie kleine Tornados. Aus heiterem Himmel fängt es an zu regnen und dann zu stürmen. Wie die echten Windwirbel, wächst nun auch der Medientornado unaufhaltsam weiter an und nimmt auf, was er zu fassen bekommt. Und am Anfang stand nur eine simple Information: Kevin Pezzoni und der 1. FC Köln lösen den gemeinsamen Arbeitsvertrag einvernehmlich mit sofortiger Wirkung auf. Klingt zunächst nicht so spektakulär, doch diese kleine Pressemitteilung avancierte in der Folge zu einem mittelgroßen Aufruhr in der Fußballszene.

Der Fußball in Geiselhaft (© effzeh.com)

Pezzoni, seines Zeichens bisheriger Stammspieler der laufenden Saison in der Kölner Innenverteidigung, konnte offenbar nicht mehr, oder wollte nicht mehr. Zuvor hatte sich nach einer erneut schwachen Leistung im Auswärtsspiel in Aue bei Facebook eine Gruppe formiert, die sich im wesentlichen damit begnügte Pezzoni aufs übelste zu beleidigen und dazu aufzurufen ihm doch mal „mitzuteilen“, dass er den Verein doch bitte verlassen möge. Im Laufe der Woche lauerten dann fünf Personen dem langjährigen Kölner Spieler vor seiner Wohnung auf, um ihm Gewalt anzudrohen. Für Pezzoni war damit das Maß verständlicherweise voll, er bat beim Verein um die sofortige Vertragsauflösung. Das Management des 1. FC Köln entsprach dieser Bitte. Diese Entscheidung wurde vereinsseitig am letzten Tag der Transferfrist kommentarlos kommuniziert. In der Vorberichterstattung zum abendlichen Heimspiel gegen Energie Cottbus sickerten dann die ersten Hintergrundinformationen durch: Pezzoni sei weggemobbt worden.

Die einzige Lösung

Trainer Holger Stanislawski bestätigte nach der Niederlage, dass Verein und Spieler angesichts der Vorfälle in der letzten Woche keine andere Lösung mehr gesehen hätten, als die sofortige Trennung. Die ersten Boulevard-Artikel wurden fleißig getippt. Die Geschichte wurde gedruckt. Die ersten Akteure der Fußballbranche meldeten sich zu Wort, unter anderem der Dortmunder Cheftrainer Jürgen Klopp, der dem 1. FC Köln attestierte, diese Lösung gewollt zu haben. Auch das wurde geschrieben. Stunden später, nachdem nahezu alle relevanten Massenmedien in ihren Internetauftritten die Geschichte in bester Flüsterpostmanier weiter verbreitet hatten, gab es dann die ersten ausführlichen Statements seitens der Verantwortlichen beim FC. Zuvor wurde bereits ein offener Brief der Profimannschaft veröffentlicht, die sich solidarisch mit Kevin Pezzoni zeigte und Respekt für jeden Kölner Spieler einforderte. Etwas, das eigentlich selbstverständlich sein sollte. FC-Präsident Werner Spinner erläuterte in der Folge, dass man sich auf den Wunsch Pezzonis hin getrennt habe. Trainer Stanislawski bekräftige unterdessen, dass er Pezzoni rein sportlich gerne gehalten hätte, erklärte aber ebenfalls, dass er es rein menschlich für die beste Lösung gehalten habe, sich zu trennen.

Kevin Pezzoni, der einst aus England als U-Nationalspieler in die Domstadt kam und in rund 80 Spielen mit dem Geißbock auf der Brust in der Bundesliga auflief, hatte schon seit geraumer Zeit einen schweren Stand bei den Anhängern des Vereins. Nach zunächst soliden bis guten Auftritten, die häufig nicht wahrgenommen wurden, da sie mannschaftsdienlich und unauffällig waren, verschlechterte sich die sportliche Position des Defensivspielers kontinuierlich. Pezzoni ist einer der Spieler, die nie auffallen, wenn sie gut spielen, aber immer auffallen, wenn sie schlecht spielen. Und mit jedem gravierenden Fehler des gebürtigen Frankfurters wurde die Stimmung um seine Person negativer.Soweit ist das ein völlig normaler Vorgang, der überall auf der Welt zwischen Profispielern und Fans ihres Vereins so stattfindet. Die meisten Anhänger des Vereins gingen dem zu folge auch davon aus, dass Pezzoni den Verein im Sommer schon verlassen würde.

Doch Pezzoni der einen vorbildlichen Trainingseifer besitzt, konnte das neue Trainerteam von sich überzeugen, blieb in Köln und wurde Stammspieler. Diesmal in der zweiten Liga. Der komplett umgekrempelte und finanziell extrem klamme Traditionsverein startete unglücklich in die neue Spielzeit. Pezzoni, dem eh schon der „Absteiger“-Stempel anhaftete machte bei seinen Auftritten oft keine gute Figur, blieb damit aber absolut nicht der einzige Kölner Spieler. Dennoch eskalierte die Situation und es fühlten sich mal wieder einige dazu berufen den Wolf im Geißbockfell zu mimen. Am Ende steht ein Trümmerfeld, für das sich schwerlich ein einzelner Schuldiger finden lässt.

Die Suche nach Schuldigen

Eines sei jedoch an dieser Stelle mal klargestellt: Kevin Pezzoni gehört nicht zu den Schuldigen. Dieser Mann ist ein Profifußballspieler, der mit – soweit man das von außen beurteilen kann – bestem Gewissen seinen Job gemacht hat. Der sich in Köln viel anhören musste, der sich immer wieder massivster Kritik sowohl in den Medien, als auch an den Stammtischen ausgesetzt sah und dennoch immer wieder auf den Rasen des Kölner Stadions gegangen ist und gespielt hat, so gut er kann. Und es ist schwerlich vorstellbar, dass diejenigen, die am lautesten über seine Leistungen urteilen, es besser könnten. Es ist schwerlich vorstellbar, das überhaupt jemand nachvollziehen kann, wie es in einem 23-Jährigen Spieler aussehen muss, der einem solchen Druck ausgesetzt ist, sobald er den Platz betritt und dann auch noch das Schicksal hat, auf einer Position zu spielen bei der jeder kleine Fehler ganz schnell fatal endet. Doch wenn Pezzoni nichts dafür kann, wer dann?

Es gibt genug – unter anderem Klopp – die eine Mitschuld beim Verein selbst sehen. Es gibt auch genug, die sagen, dass der Verein niemals den Vertrag hätte auflösen dürfen, da sich somit diejenigen, die Pezzoni auflauerten bestätigt fühlten. Das ist zunächst einmal wahr, denn diejenigen, die das getan haben, dürften ohnehin Schwierigkeiten haben weitergehende Zusammenhänge zu erfassen. Doch die eigentliche Frage, die sich stellt ist, was der 1. FC Köln hätte anders machen können?

Der Verein hätte darauf bestehen können, dass Pezzoni bleibt, weil man diesem Druck nicht nachgeben will – doch Pezzoni wollte das offenbar nicht. Man hätte Pezzoni auch zunächst „krankschreiben“ können, um sich dann später zu trennen. Allerdings wäre die Lösung wohl in einer Farce geendet, sobald die gut informierte Kölner Presse das Spielchen durchschaut hätte. Und das hätte sie. Außerdem erscheint es schwierig darzustellen, dass man einen Spieler gegen seinen Wunsch nötigt beim Verein zu bleiben, damit ebendiesem kein Imageschaden widerfährt.

Schlussendlich scheint es keine andere Möglichkeit gegeben zu haben, als die sofortige Trennung mit der im Endeffekt keiner der Beteiligten glücklich sein dürfte: Der Verein nicht, weil er dargestellt wird, als hätte er sich der Gewalt seiner selbsternannten „Fans“ gebeugt. Und Pezzoni auch nicht, der nun arbeitslos ist und offenbar so sehr den Spaß am Fußball verloren hatte, dass er sich zu diesem Schritt entschlossen hat. Einzig die paar wenigen, die sich für die auslösenden Aktionen verantwortlich zeichnen, dürften sich aus ihrer beengten subjektiven Perspektive als „Gewinner“ gefühlt haben.

Die „bösen Medien“?

Es gibt allerdings ein Zahnrad in diesem ganzen Geschehen, das profitiert. Jaja, die „bösen Medien“, werden nun einige denken, doch es geht gar nicht darum, ob sie „böse“ sind. Es geht darum, dass ein Journalist zunächst einmal in der Lage sein sollte zu reflektieren. Direkt danach kommt die Fähigkeit zu recherchieren. Doch hier entsteht eine Problematik, die im Geschäft „Medien“ an sich begründet ist. Die meisten Medien, gerade die Boulevardzeitungen, aber auch explizit Internetmedien handeln nach dem Leitsatz „Geschwindigkeit gewinnt“. Die Grundlage dieses Systems bilden Agenturmeldungen und das Abschreiben bei den jeweiligen lokalen Publikationen. Ein schmaler Grat. Denn Zeit zur Gegenprüfung gibt es nicht. Online verdient man mit der fehlerhaften Story, die sofort verfügbar ist mehr, als mit der korrekten Geschichte, die Zeit zur Recherche und Reflektion benötigt. Das Problem ist also „systemimmanent“.

So wehrlos wie der Verein gegenüber dem Umstand ist, dass in seinem Namen solche und andere inakzeptable Aktionen gestartet werden, so wehrlos scheinen „die Medien“ gegenüber sich selbst zu sein. Problematisch ist ihre Rolle dennoch, denn es scheint nicht allzu weit hergeholt, dass sie mit ihrer Berichterstattung über Kevin Pezzoni ihren Teil zur Entstehung dieser Stimmungslage beigetragen haben. Um es klar zu sagen: Die Medien sind nicht Schuld daran, dass Kevin Pezzoni von Idioten bedroht wurde. Aber sie haben eine Verantwortung dafür, dass ein Klima um diese Personalie entstanden ist, das offenbar eine fatale Wirkung auf so manchen gehabt hat.

Es soll hier nicht darum gehen, den „schwarzen Peter“ zu verteilen, schließlich kann man auch argumentieren, dass der Verein ein besseres Gespür für die Stimmung um Pezzoni hätte haben müssen, und ihm schon im Sommer unter rein sportlichen Aspekten die Trennung hätte nahelegen sollen. Dennoch sollte dieser Fall nicht bloß oberflächlich als Beispiel für die Verrohung der Fußballkultur gesehen werden, sondern auch die Medienschaffenden selbst, sollten sich hinterfragen, ob sie nicht überlegter an ihre Aufgabe herangehen sollten. Auch wenn das unter Umständen einen finanziellen Nachteil bedeutet. Medien haben, auch wenn es keine ausreichenden Beweise dafür gibt, eine Wirkung. Dies sollte man, wenn man etwas veröffentlicht nicht außer Acht lassen. Dennoch lässt sich immer noch kein „Schuldiger“ finden. Und das wird dieser Artikel auch nicht, denn manchmal gibt es den – auch wenn wir ihn so gerne hätten – einfach nicht.

Fußball ist mehr als nur Sport (© effzeh.com)

Doch wenn man sich vor Augen führt, dass offenbar ein Spiel, bei dem 22 Menschen probieren einen Ball in einen rechteckigen Kasten zu befördern, derartige Emotionen, derartige Impulse setzen kann, dass Spieler in Leib und Wohl bedroht werden, dann muss man feststellen, dass der Fußball an sich in eine Geiselhaft gerät. Für Dinge, die er oft nicht beeinflussen kann, die nicht in der Macht derjenigen liegen, die lediglich ihren Job machen. Sei es als Präsident, Manager, Sportdirektor, Trainer oder Spieler. Sei es in Köln, Hamburg, Frankfurt, Dresden oder München.

Fußball als gesellschaftlicher Faktor

Fußball ist schon lang kein bloßer Sport mehr. Fußball ist Weltsprache, Leidenschaft, Hingabe, Fairness, Spaß. Fußball kann so viel Gutes sein. Doch er hat auch seine Schattenseiten. Wenn Fußball zur „Religion“ wird, wenn die Leistungen von Spielern oder Vereinen einen derartigen Einfluss auf einzelne Menschen ausüben, dass sie sich zu kriminellen Handlung genötigt fühlen, dann ist Fußball kein isoliertes System mehr, sondern eine gesellschaftliche Instanz. Und somit auch ein gesellschaftliche Aufgabe, deren Bewältigung man nicht entgegentritt, wenn man den Vereinen den schwarzen Peter zuschiebt.

„Eure Fans, euer Problem, euer Fehler“. Das kann nicht funktionieren, denn dann werden Vereinen, die in erster Linie probieren einen Sport möglichst erfolgreich zu bestreiten, Aufgaben aufgebürdet, die sie schlichtweg nicht erfüllen können. Wenn es in Köln offenbar immer häufiger Leute gibt, deren Seelenheil vom Erfolg des Vereins abhängt, dann ist das ein Umstand, der jeden Sozialpolitiker der Stadt auf den Plan rufen müsste. Doch hier vernimmt man Schweigen. Die Vereine sollen doch bitte eine Prävention finanzieren, die Vereine sollen ihre Fanprojekte unterstützen, die Vereine sollen im Endeffekt die Rechnung für etwas begleichen, das sie nie bestellt haben.

Es ist offenbar an der Zeit, dass sich alle Verantwortlichen in diesem sozialpolitischen Faktor namens Fußball ihrer Rolle bewusst werden. Die „bösen Medien“ genauso wie die Politik, genauso wie die Vereine sich damit auseinandersetzen müssen. Genauso wie diejenigen, die Kevin Pezzoni bedroht haben – so will man es für sie hoffen – irgendwann verstehen werden, was sie dort getan haben. Sie haben nicht nur gegen das Gesetz verstoßen, sie haben vielmehr die Grundwerte des Fußballs, aber auch des Fanseins mit Füßen getreten.

Kritik ist vollkommen in Ordnung, Kritik ist sogar vollkommen nötig. Aber jeder der dieses Trikot für uns trägt, verdient mindestens unseren Respekt. So steht es in der Hymne des Vereins geschrieben. Nur zesamme simmer stark. Wer das missachtet, darf sich nicht Fan des 1. FC Köln nennen.

Mehr aus Meinung

.