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Zwangspause für den 1. FC Köln: Ungewissheit überall

Der Spielbetrieb ruht, die Frage nach der Wiederaufnahme wird jedoch lauter – wie ist derzeit die Situation beim 1. FC Köln, sportlich und finanziell?

BENIDORM, SPAIN - JANUARY 08: (BILD ZEITUNG OUT) head coach Markus Gisdol of 1. FC Koeln and CEO Sport Horst Heldt of 1. FC Koeln laughs during the 1. FC Koeln winter training camp on January 8, 2020 in Benidorm, Spain. (Photo by TF-Images/Getty Images)
Foto: TF-Images/Getty Images

Mittlerweile ist es schon mehr als einen Monat her, dass der 1. FC Köln das letzte Mal in einem Bundesligaspiel antrat. Nach einigen Wochen Training im Home Office sind die Profis immerhin wieder auf den Rasen zurückgekehrt, wo sie wieder gegen den Ball treten dürfen. An richtiges Mannschaftstraining, das auf einen Wettkampf vorbereitet, ist aktuell nicht zu denken – die Rückkehr in die Normalität, die Wiederaufnahme der Bundesliga-Saison, ist noch nicht terminiert.

Deswegen befindet sich das Team von Markus Gisdol derzeit in einer Phase der Ungewissheit, doch das trifft eigentlich auf den gesamten Verein zu. Das Bundesliga-Team der Frauen befindet sich ebenso in einer Zwangspause wie die Jugendmannschaften, niemand weiß, wann und wie genau es weitergeht. Immerhin nutzte der 1. FC Köln die letzten Wochen und Tage, um einen Modus zu finden, mit den Herausforderungen der Krise umzugehen. Was gleich zu Beginn des Lockdowns diskutiert wurde, ist Stand heute Realität geworden, auch beim FC.

Für drei Monate: Gehaltsverzicht beim 1. FC Köln

Spieler und Abteilungsleiter verzichten auf Gehalt, um Geld verfügbar zu machen, das anderweitig gebraucht wird. In den letzten drei Monaten der regulären Saison, also in April, Mai und Juni, spart der 1. FC Köln dadurch offenbar zwei Millionen Euro. Ein Teil der Mitarbeiter:innen wurde bereits Anfang April in Kurzarbeit geschickt. Durch die Reduzierung an Gehaltskosten kann der Verein also auf die Einnahmeausfälle reagieren, um seine Payroll zu entlasten – der wichtigste, weil auch öffentlichkeitswirksame Hebel wurde betätigt.

Wie schwer sich manche Vereine in anderen Ländern dabei tun, kann man insbesondere in der Premier League beobachten. Dass Millionäre nun auf Gehalt verzichten, ist trotz aller Diskussion kein humanitärer Akt, sondern eine zwangsläufige Notwendigkeit – es ist okay, dass die Profis das tun, aber sie dürfen nun auch keine Bundesverdienstorden dafür erwarten.

Keine Existenznot, aber große Herausforderung

Auch anderweitig tut sich etwas: Am Geißbockheim werden Lösungen gesucht, um Dauer- und Tageskarteninhaber:innen ihr Geld zurückzuerstatten oder spenden zu lassen. Und: Bei einer virtuellen Mitgliederversammlung unter der Woche berichteten Vorstand und Geschäftsführung von den Unternehmungen des Vereins, die Krise zu bewältigen. Dabei versuchten sie, die Botschaft zu vermitteln, dass der FC nicht von der Insolvenz bedroht sei – zumindest nicht in diesem Jahr. Bis Ende Juni ist der 1. FC Köln laut Finanz-Geschäftsführer Alexander Wehrle zahlungsfähig und „weit weg von einer bilanziellen Überschuldung“. Kritisch könnte es im Sommer 2021 werden, würde die aktuelle Bundesliga-Saison abgebrochen.

Das Wichtigste für den Verein sei in dieser Phase „Cash“, wie Vizepräsident Eckhard Sauren betonte. „Der 1. FC Köln ist aktuell nicht in Existenznöten. Dennoch ist die Krise eine große Herausforderung“, ergänzte der Fondsmanager. Das hätte man allerdings auch vorher schon ahnen können. Fest steht also: Am Geißbockheim geht es vorerst irgendwie weiter. Wie groß die finanziellen Auswirkungen der Coronakrise sein werden, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt ohnehin noch nicht abschätzen.

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Abschätzen konnte man aber zumindest zwischenzeitlich, wann die Bundesliga wieder ihren Betrieb aufnehmen würde. Geplant war, dass die DFL einen Termin Anfang oder Mitte Mai anvisiert. Nach den politischen Beschlüssen in dieser Woche, bei denen die Fußballindustrie vorerst keine Rolle spielte, ist mehr denn je ungewiss, ob dieser Termin zu halten ist.

„Die Wiederaufnahme des Fußballs ist aktuell nicht vertretbar“

Wenig Anklang fanden die Gedankenspiele um eine Fortsetzung der Bundesliga in den kommenden Wochen ohne Zuschauer beim Interessenbündnis „Fanszenen Deutschland“, zu denen auch die des 1. FC Köln zählt. Unter dem Titel „Quarantäne für den Fußball – Geisterspiele sind keine Lösung!“ veröffentlichten die Gruppen eine ausführliche Stellungnahme, die eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs unter den derzeitigen Bedingungen ablehnt und hart mit den Verantwortlichen ins Gericht geht.

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Die Frage, wann und in welcher Form wieder Profifußball gespielt werden darf, wurde in den vergangenen Tagen und Wochen viel diskutiert. In der nach wie vor teils unübersichtlichen gesellschaftlichen Situation wurden von verschiedenen Akteuren eine Vielzahl ethischer, epidemiologischer und anderer Argumente ins Feld geführt. Im Folgenden möchten wir uns, als bundesweiter Zusammenschluss der Fanszenen und mit Blick auf die DFL-Vollversammlung, zu dem Thema äußern: Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung. Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft und insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne. Die komplette Stellungnahme findet Ihr jetzt auf unserer Homepage.

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„Die Wiederaufnahme des Fußballs, auch in Form von Geisterspielen, ist in der aktuellen Situation nicht vertretbar – schon gar nicht unter dem Deckmantel der gesellschaftlichen Verantwortung“, heißt es in dem am Donnerstag veröffentlichten Text: „Eine baldige Fortsetzung der Saison wäre blanker Hohn gegenüber dem Rest der Gesellschaft und insbesondere all denjenigen, die sich in der Corona-Krise wirklich gesellschaftsdienlich engagieren. Der Profifußball ist längst krank genug und gehört weiterhin in Quarantäne“, machen die „Fanszenen Deutschlands“ deutlich.

Kein Mannschaftstraining, keine Transferaktivitäten

So trainiert der FC derzeit ohne Zustimmung der Fanszenen für eine Wiederaufnahme des Spielbetriebs und ohne grünes Licht seitens der Politik für die Fortsetzung der Bundesliga auf ein unbestimmtes Datum hin, den Tag X des nächsten Pflichtspiels. Die Spieler sind wie bereits erwähnt auf den Platz zurückgekehrt, richtiges Mannschaftstraining ist allerdings noch nicht möglich. „Wir müssen sehen, was machbar ist in Zeiten, in denen nicht trainiert werden darf, was eigentlich trainiert werden muss“, brachte Trainer Markus Gisdol das Dilemma unter der Woche auf den Punkt.

Zweikämpfe sind tabu, weswegen Gisdol und seine Trainerkollegen derzeit sehr kreativ werden müssen, was die Trainingsgestaltung angeht. Wenn dann von Politik und DFL ein klarer Zeitplan vorgelegt werden sollte, würde es weitere „10 bis 14 Tage“ dauern, so Gisdol, bis seine Mannschaft wieder wettkampfbereit wäre. Das isolierte Technik- und Bewegungstraining mit Ball liefert aus trainingswissenschaftlicher Sicht nämlich nur die Grundlage für Trainingsinhalte, bei denen mit Körperkontakt gespielt werden darf.

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Genug Arbeit dürfte es aber gerade für Horst Heldt dennoch geben: Stand heute kehren zum 1. Juli neun Spieler von ihren Leihstationen nach Köln zurück – es handelt sich um Frederik Sörensen, Lasse Sobiech, Yann-Aurel Bisseck, Jannes Horn, Jan-Christoph Bartels, Salih Özcan, Vincent Koziello, Louis Schaub und Tomas Ostrak.

Wer bleibt? Wer geht? Wer kommt? Der 1. FC Köln im Limbo

Aber auch hier ist der Plan noch nicht klar: Kann die Saison bis zum 30. Juni beendet werden? Laufen Verträge eventuell länger? Welcher Spieler würde überhaupt noch Köln zurückkehren, für wen ist kein Kaderplatz mehr vorgesehen? Ähnliche Fragen stellen sich auch in die andere Richtung, weil der FC im Winter mit drei Leihgeschäften sein Team verstärkte: Elvis Rexhbecaj bleibt ohnehin bis 2021, der Verbleib Mark Uth und Toni Leistner ist jedoch an finanzielle Bedingungen geknüpft, die die abgebenden Vereine bestimmen. Und auch dort weiß niemand, wie es weitergeht.

Eine angespannte, aber nicht dramatische finanzielle Situation, eine Mannschaft im Wartestand und unterbrochene Transferaktivitäten: Aktuell befindet sich der 1. FC Köln im Limbo. Natürlich ist Fußball derzeit (und auch sonst?) nicht das Wichtigste auf der Welt, aber bis vor ein paar Wochen hat der FC eine sehr prominente Rolle in unserem Leben eingenommen. Auch wenn derzeit vieles ungewiss ist, darf man sich auch hier die Frage stellen, wie es weitergeht.

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